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Lexikon

Herihor

Karl Jansen-Winkeln

(erstellt: Febr. 2009)

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1. Name und Herkunft

Herihor (Ḥrj-Ḥr), der Name eines Herrschers der 21. Dynastie, ist sonst nicht bezeugt. Über seine Eltern und seine Herkunft ist nichts bekannt. Im Chonstempel von Karnak (s.u.) gibt es aber eine Darstellung seiner Frau Nedjemet (Nḏmt) und seiner zahlreichen Söhne und Töchter (The Epigraphic Survey 1979, pl. 26). Da sechs seiner Söhne libysche Namen führen, liegt es nahe, dass auch Herihor libyscher Abstammung war. Unfundiert ist zweifellos die Annahme einer familiären Beziehung zu Amenhotep, einem seiner Vorgänger als Hoherpriester des → Amun, die z.T. in der älteren Literatur erwogen wurde. Herihor erscheint erst gegen Ende der Regierung Ramses XI. in den Quellen, über seine frühere Karriere wissen wir nichts.

2. Denkmäler

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2005)

Abb. 1 Hypostylenhalle des Chonstempels von Karnak.

Am prominentesten ist Herihor durch die Dekoration des Chonstempels von Karnak. In der Hypostylenhalle ist er (u.a.) Hoherpriester des Amun, Generalissimus von Ober- und Unterägypten und Vizekönig von → Nubien in der Funktion eines Bauleiters, während Ramses XI. als König dargestellt ist. Im etwas später dekorierten Vorhof erscheint dagegen Herihor selbst als Pharao. In der Königstitulatur (Kartusche) nennt er sich zusätzlich „Sohn des Amun“ (S3-jmn Ḥrj-Ḥr), als Thronnamen führt er den Hohenpriestertitel (ḥm-nṯr tpj n Jmn). Als König ist Herihor auch noch zweimal im Hypostylensaal des großen Tempels von Karnak bezeugt (Kitchen 1983, 730,4-5; 8-9), außerdem auf einem Fayencegefäß (Kitchen 1989, 386,14).

Häufiger wird er mit seinen (nichtköniglichen) Amtstiteln aufgeführt: außer in der Hypostylenhalle des Chonstempels auch noch auf Sphingen und Architekturelementen des Amuntempels von Karnak (Kitchen 1983, 846,5; 847,8; Jansen-Winkeln 2007, 4 [1-2]), auf einer Statue aus Karnak (Kitchen 1983, 843-844), einer Stele in Leiden (ibid., 846-847), einem Armband (Jansen-Winkeln 2007, 4 [3]) und einem Ostrakon (Kitchen 1983, 847-848). Auf den Särgen Sethos I. und → Ramses II. steht ein hieratischer Vermerk, dass Herihor in einem Jahr 6 ihre Wiederbestattung angeordnet hat (ibid., 838). Im → Totenbuch seiner Frau Nedjemet erscheint er als König ebenso wie als Hoherpriester (Jansen-Winkeln 2007, 32-33 [f]). Die literarische Erzählung des Wenamun, in der er – wie der unterägyptische Herrscher Smendes – ohne alle Titel erwähnt wird, lässt ihn in einem Jahr 5 einen Boten nach → Byblos senden, um Holz für die Kultbarke des Amun einzuhandeln. Die Herstellung einer neuen Kultbarke aus Holz des Libanon wird übrigens auch in der Dekoration des Chonstempels erwähnt (Kitchen 1983, 729,8-9).

Auf einer im Vorhof des Chonstempels in die Wand eingebauten (weitgehend zerstörten) Stele wird ein Orakel des → Chons (später von Amun bestätigt) beschrieben, das noch in der Zeit Ramses XI. stattfand (Kitchen 1983, 709-710). Dies ist vielfach so gedeutet worden, als sei mit diesem Orakel die wḥm-mswt-Ära (nach der in den letzten Regierungsjahren Ramses XI. datiert wurde) eingeführt oder gar Herihor zum König ernannt worden. Das ist mehr als unwahrscheinlich, es handelt sich vermutlich um ein Orakel im Zusammenhang mit der Errichtung bzw. Erweiterung des Tempels.

3. Chronologie

Früher hat man allgemein angenommen, dass Herihor die Schlüsselfigur beim Übergang von der Ramessidenzeit zur 21. Dynastie war, ebenso der Stammvater der oberägyptischen Herrscher der 21. Dynastie, die alle wie er zugleich Hohepriester des Amun und Generäle waren. Denn in der Reihe dieser Herrscher (Pianch – Painedjem I. – Mencheperre – Pajnedjem II. – Psusennes III.) folgt jeweils der Sohn dem Vater, und man hat lange geglaubt, dass Herihor selbst wiederum der Vater des Pianch war, also der Stammvater dieser Dynastie. Schon vor längerer Zeit hat sich aber herausgestellt, dass die angebliche Vater-Sohn-Beziehung zwischen Herihor und Pianch nur auf einem Kopierfehler beruhte (Wente 1975). Es stellt sich dann erneut die Frage, welche Position Herihor in dieser Herrscherfolge einnimmt.

Für die alte Reihenfolge Herihor – Pianch scheinen die Daten zu sprechen: Herihor ist in den Jahren 5 und 6 belegt (ohne Bezug auf einen Herrscher), Pianch in den Jahren 7 (der wḥm-mswt-Ära = Jahr 25 Ramses’ XI., vgl. Kitchen 1996, 17, n.74) und 10. Auch die Daten des Herihor müssten sich dann auf die wḥm-mswt-Ära beziehen (ibid., § 14). Das würde allerdings bedeuten, dass Herihor noch während der (offiziellen) Regierung Ramses’ XI. gestorben wäre. Er hätte also in der Dekoration des Chonstempels zunächst noch Ramses XI. respektiert, ihn dann aber – wenig später und noch zu seinen Lebzeiten – vollständig übergangen und sich selbst als König dargestellt.

Das ist unwahrscheinlich, und es gibt zudem eine Reihe von Indizien, die dafür sprechen, dass Herihor der Nachfolger des Pianch war, nicht sein Vorgänger (Jansen-Winkeln 1992, 23-25; id., 1997, 49-64):

Die Titel des Pianch sind oft noch in ramessidischer Tradition auf den König bezogen, die des Herihor und aller Nachfolger nicht (mehr).

Die Herkunft dieser Herrscher aus den Reihen der Militärführer ist bei Pianch noch wesentlich deutlicher als bei Herihor.

Die Titel der oberägyptischen Machthaber der späten 20. Dynastie zeigen eine klare Entwicklung von Panehsi (in den Jahren 12 und 17 Ramses’ XI. bezeugt) über Pianch zu Herihor. Überdies ist Panehsi als Gegenspieler des Pianch bezeugt, nicht aber unter Herihor.

Pianch legt sich (noch) keinerlei königliche Titel der Attribute bei, Herihor und seine Nachfolger aber sehr wohl.

In den Daten aus thebanischen (Wieder-)Bestattungen werden Herihor und alle späteren Hohenpriester (als Auftraggeber) genannt, nicht aber Pianch; sie setzen offenbar erst nach dessen Amtszeit ein.

Im Chonstempel von Karnak sind unter Herihor Hypostylenhalle und Vorhof dekoriert worden, unter Painedjem I. der Pylon. Pianch ist als Bauherr hier (und anderswo) nicht bezeugt.

Die Frau des Herihor heißt Nedjemet und deren Mutter Hereret, die ihrerseits sehr wahrscheinlich die Ehefrau des Pianch war. Somit wäre Herihor der Schwiegersohn des Pianch gewesen und daher sicher nicht sein Amtsvorgänger.

Dies alles lässt recht deutlich auf eine Herrscherfolge Pianch – Herihor – Painedjem I. schließen. Dies wird mittlerweile von nicht wenigen akzeptiert, aber keineswegs von allen (z.B. Kitchen 1996, XIV-XVIII, s. zuletzt Thijs 2005). Die Gründe dafür liegen wohl weniger in der Umkehrung der Reihenfolge von Herihor und Pianch selbst, als vielmehr in den Konsequenzen für die Datierungsweise, die daraus erwachsen (Jansen-Winkeln 1992, 25-26; Von Beckerath 1995, 51): Die (anonymen) Daten der 21. Dynastie könnten nicht mehr durchgehend auf die unterägyptischen König verweisen, sondern die oberägyptischen Herrscher müssten in der ersten Hälfte der 21. Dynastie nach sich selbst datiert haben, während in der zweiten Hälfte eine Reihe von Daten aus Oberägypten explizit auf die unterägyptischen Könige Amenemope und → Siamun bezogen sind. Dafür lässt sich immerhin anführen, dass gerade in der ersten Hälfte dieser Epoche auch die oberägyptischen Herrscher königliche Titel und Attribute annehmen.

Ob nun Pianch der Vorgänger des Herihor war oder umgekehrt, jedenfalls sind in dieser Übergangsphase von der 20. zur 21. Dynastie die entscheidenden Weichenstellungen für die ganze folgende Epoche getroffen worden: Die Familie des Pianch (und des Herihor) beherrscht Oberägypten während der ganzen 21. Dynastie, die Verbindung der Ämter des Hohenpriesters des Amun und obersten Militärführers behalten die Regenten Oberägyptens bis zu Beginn der 25. Dynastie bei, und der oberägyptische „Gottesstaat“ des Amun bewahrt sogar bis zur Invasion der Perser 525 eine gewissen Eigenständigkeit. Über die konkreten Vorgänge und Ereignisse, die dazu führten, ist allerdings nichts bekannt, es gibt weiter keine historischen Inschriften und Dokumente aus der Zeit des Herihor (und des Pianch).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Lexikon der Pharaonen, München 1996

2. Weitere Literatur

  • Von Beckerath, J., 1995, Zur Chronologie der 21. Dynastie, in: D. Kessler / R. Schulz (Hgg.), Gedenkschrift für Winfried Barta (Münchner Ägyptologische Untersuchungen 4), 49-55
  • The Epigraphic Survey, 1979, The Temple of Khonsu, Vol. 1: Scenes of King Herihor in the Court (The University of Chicago, Oriental Institute Publications 100), Chicago
  • Jansen-Winkeln, K., 1992, Das Ende des Neuen Reiches, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 119, 22-37
  • Jansen-Winkeln, K., 1997, Die thebanischen Gründer der 21. Dynastie, Göttinger Miszellen 157, 49-74
  • Jansen-Winkeln, K., 2007, Inschriften der Spätzeit, Teil I: Die 21. Dynastie, Wiesbaden
  • Kitchen, K.A., 1983, Ramesside Inscriptions, Historical and biographical, VI, Warminster
  • Kitchen, K.A., 1989, Ramesside Inscriptions, Historical and biographical, VII, Warminster
  • Kitchen, K.A., 1996, The Third Intermediate Period in Egypt (1100-650), 3. Auflage, Warminster
  • Thijs, A., 2005, In Search of King Herihor and the Penultimate Ruler of the 20th Dynasty, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 132, 73-91
  • Wente, E.F., 1975, Was Paiankh Herihor’s Son?, in: Drevnij Vostok, I (Hg.), Festschrift M. Korostovtsev, Moskau, 36-38

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Hypostylenhalle des Chonstempels von Karnak. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2005)
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