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Lexikon

Henoch / Henochliteratur

Beate Ego

(erstellt: April 2007)

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1. Die biblische Henochüberlieferung

Henoch ist nach der nichtpriesterlichen Überlieferung ein Sohn Kains und zugleich eine Stadt, die Kain erbaut und nach seinem Sohn benannt hat (Gen 4,17). Die priesterliche Überlieferung stellt Henoch dagegen in eine genealogische Linie, die von Adam über Set zu Noah führt; dabei nimmt er in diesem Stammbaum die siebte Stelle ein; in Gen 5,21-24 heißt: „Henoch war 65 Jahre alt und zeugte Metuschelach. Und Henoch wandelte mit Gott. Und nachdem er Metuschelach gezeugt hatte, lebte er 300 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, dass sein ganzes Alter ward 365 Jahre. Und weil er mit Gott wandelte, nahm ihn Gott hinweg und er ward nicht mehr gesehen.“ Diese knappe Notiz – hier zitiert nach der Übersetzung der Lutherbibel – enthält in dieser Kürze das Wichtigste, was die Hebräische Bibel zu Henoch zu berichten hat. Der unmittelbare Kontext zeigt, dass es sich hier um eine ganz besondere Gestalt handelt: Während von den anderen Patriarchen, die in dieser Reihe genannt werden, immer nur die Lebensdaten aufgezählt werden, verweist der Erzähler bei Henoch explizit auf seinen Lebenswandel und sein besonderes Ende: Wie es später von Elia berichtet werden soll, starb Henoch keines natürlichen Todes, sondern wurde an seinem Lebensende direkt in die himmlische Welt entrückt (hebr. לקח lqḥ; vgl. 2Kön 2,3.5.9.10; vgl. Sir 44,16 und Sir 49,14 [Lutherbibel: Sir 49,16]; Hebr 11,5).

Bereits in der biblischen Überlieferung galt Henoch als einer der Urweisen. So ist er nach Sir 44,16 (hebr.) ein Vorbild der Erkenntnis (Sir 44,16 LXX: der Bekehrung). Jub 4,17 nennt Henoch als Begründer des solaren Kalenders und als Erfinder der Schrift. Im sog. „Buch der Riesen“ („Book of the Giants“), das unter den Qumrantexten gefunden wurde (1Q23; 1Q24; 4Q203; 4Q530; 4Q531; 4Q532; 4Q556; 4Q206; 6Q8), wird in einer narrativen Ausgestaltung der Geschichte der Engelsehen (Gen 6,1-4) erzählt, dass Henoch die beunruhigenden Träume zwei der Riesen deutet (zum Ganzen Reeves, 2000, 310; vgl. Stuckenbruck, 1997).

Als Ankündiger künftigen Gerichts erscheint Henoch in Jud 14f, wo sich zudem ein fast wörtliches Zitat von Hen 1,9 findet. In den verschiedenen außer- und nachkanonischen Henochschriften wurde diese Gestalt als Himmelsreisender und Empfänger der Offenbarung kosmischer und geschichtlicher Geheimnisse charakterisiert. Dieser besonderen Bedeutung stehen rabbinische Texte gegenüber, die die Dignität dieser Gestalt zu marginalisieren versuchen und den esoterischen und apokalyptischen Spekulationen entgegenwirken wollen: Bereschit Rabba 25,1 weiß, dass Henoch manchmal gerecht, manchmal aber auch ein Frevler war; Targum Onkelos zu Gen 5,24 betont, dass er gestorben sei. Anspielungen auf die Überlieferungen um Henoch, insbesondere zum Gericht über die Engel, finden sich auch in Jud 6 und 2Petr 2,4.

2. Die Henoch-Schriften

Text Pseudepigraphen

So knapp einerseits die biblischen Angaben zu Henoch sind, so breit ist andererseits die außerbiblische Henoch-Überlieferung. Henoch ist eine der bedeutendsten literarischen Gestalten der jüdischen Apokalyptik und der frühen jüdischen Mystik; insgesamt existieren drei verschiedene Sammelwerke mit Henochüberlieferungen. Zur Unterscheidung werden diese Werke jeweils nach der Sprache benannt, in der sie heute vollständig überliefert sind. Nur im Falle des Hebräischen Henochbuches ist Hebräisch freilich die Originalsprache; das äthiopische und das slawische Henochbuch stellen Übersetzungen von Texten dar, die heute nicht mehr oder nur noch unvollständig vorliegen.

2.1. Das äthiopische Henochbuch („Erster Henoch“)

Das äthiopische Henochbuch ist heute nur noch vollständig in äthiopischer Sprache erhalten. Diese äthiopische Übersetzung entstand ca. 500 n. Chr. auf der Grundlage einer griechischen Übersetzung des hebräischen oder aramäischen Originals. Außerdem liegen aramäische Fragmente aus Qumran sowie weitere griechische, syrische und koptische Fragmente vor (zu einer Auflistung der Handschriften und zur Textgeschichte generell s. Uhlig, 1984, 470-491).

Die Ursprache des Buches war aramäisch oder – weniger wahrscheinlich – hebräisch (hierzu Uhlig, 1984, 482). Fragmente dieser ältesten außerbiblischen Henochüberlieferung wurden in Qumran gefunden (s. hierzu die Textausgabe Milik; eine Auflistung der Fragmente auch bei Uhlig, 1984, 479-482). Von dort stammen auch Reste der Noahüberlieferung des Henochbuches, die stark von der äthiopischen Fassung abweichen (äthHen 106-107; Enochc, 4Q204; Reevers, 2000, 611).

Wegen seiner negativen Einstellung zur apokalyptischen Vorstellungswelt hat das rabbinische Judentum, das nach der Tempelzerstörung des Jahres 70 zum entscheidenden Überlieferungsträger im Judentum wurde, diese Überlieferung nicht weitertradiert. Dass der Text erhalten wurde, verdankt das Buch vielmehr der äthiopischen orthodoxen Kirche, in der es sogar zum Bibelkanon gehört. Nach zunächst vereinzelten Nachrichten ist es erst am Ende des 18. Jh. im Westen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Das äthiopische Henochbuch lässt sich aufgrund von sprachlichen und inhaltlichen Kriterien in fünf einzelne Traditionskomplexe aufteilen, die ihrerseits wiederum aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt sein können und die unterschiedlich zu datieren sind. Bei diesen Datierungen spielen die Qumranfunde eine entscheidende Rolle.

Tabelle 1: Der Aufbau des äthiopischen Henochbuchs.

Tabelle 1: Der Aufbau des äthiopischen Henochbuchs.

Zu den einzelnen Teilen des Buches:

a) Das Buch der Wächter (äthHen 1-36). Im Zentrum des Wächterbuches steht die Überlieferung von den sog. Wächtern, die eine Ätiologie für das Böse in der Welt bildet. Dabei sind verschiedene Traditionen zusammengeflossen: Die Wächterengel steigen herab, um sich mit den Töchtern der Menschen zu verbinden (vgl. Gen 6,1-4); die Kinder, die aus dieser Verbindung hervorgehen, sind dämonische Wesen, die das Böse über die Menschheit bringen, da sie alles, was es auf der Erde gibt, zu verzehren beginnen. Aber auch die verschiedenen Kulturtechniken, die die Engel die Menschen lehren (z.B. Waffenherstellung, Kosmetik und Astrologie), führen letztendlich zu einem Anwachsen der Gewalt. Daraufhin ist es die Aufgabe Henochs, der nicht bereit ist, für die Wächter Fürbitte einzulegen, den Wächtern das göttliche Gericht zu verkünden. In diesem Kontext unternimmt Henoch eine Himmelsreise vor den Thron Gottes, wo ihm das Gericht über die Wächter offenbart wird (6-16). Diese Überlieferung gilt als der früheste jüdische Beleg für die Tradition der Himmelsreise, die in der Apokalyptik eine bedeutende Rolle spielt. Das Verhältnis dieser Überlieferung zur biblischen Erzählung von den Engelsehen (Gen 6,1-4) wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Während ein Teil der Ausleger davon ausgeht, dass der biblische Text als Vorlage für die ursprünglichen Henochtraditionen diente (so z.B. Koch), wollen andere eine gemeinsame Quelle beider Überlieferungen annehmen (z.B. Witte, 1998, 293-297).

Auf zwei weiteren Himmelsreisen schaut Henoch die himmlische Geographie mit den Gerichtsorten für die abgefallenen Engel und die Seelen der Toten; auf diese Art und Weise wird die Gerichtsbotschaft der Wächterepisode nachdrücklich unterstrichen (17-36).

b) Bilderreden (äthHen 37-71). Drei Redeeinheiten, die wegen ihrer bildhaften Sprache als Bilderreden bezeichnet werden, blicken auf die Ereignisse der Zukunft, wenn das Gericht über die Sünder stattfinden und Gott seine Herrschaft definitiv durchsetzen wird. Von besonderer Bedeutung ist die 2. und 3. Bilderrede, da eine Erlösergestalt erscheint, die als „Menschensohn“ bezeichnet wird. Henoch selbst fungiert zunächst als Sprecher der Bilderreden (vgl. die Einleitung 37,1-5 und den Schluss 69,29). Das Buch schließt mit einer weiteren Himmelsreise bzw. Entrückung Henochs, bei der er die himmlische Welt schaut; vor dem Thron Gottes wird er mit dem Menschensohn identifiziert (70,14-17). Die Bilderreden gelten als der jüngste Teil des äthiopischen Henochbuches; zu diesem Überlieferungskomplex wurden keine Belege in Qumran gefunden.

c) Das Astronomische Buch (äthHen 72-82). Dieses Buch gehört mit dem Wächterbuch zum ältesten Bestand des äthiopischen Henochbuches. Hier zeigt der Engel Uriel Henoch bei einer Himmelsreise die himmlische Welt mit ihren Ordnungen, die wiederum die Grundlage für die Festzeiten bilden. Die Ausführungen im Einzeln sind hochkomplex, da sie eine Fülle astrologischen Wissens und kosmologischer Spekulation voraussetzen (s. zum Ganzen die hervorragende Monographie von M. Albani). Der Kalender, der hier vorgestellt wird, ist von den Mondphasen unabhängig, wenn hier zwölf Monate zu je dreißig Tagen mit jeweils den Sonnwenden und Tagundnachtgleichen entsprechend eingeschoben werden. Am Ende seiner Himmelsreise wird Henoch zur Erde zurückgebracht, wo er den Auftrag bekommt, seine Nachfahren zu unterweisen und ihnen die Geheimnisse mitzuteilen

d) Das Buch der Traumvisionen (äthHen 83-91). Das Buch widmet sich – wiederum in einzelnen Traditionsstücken – der Entwicklung der Weltgeschichte. Im Zentrum steht die sog. Tiervision, in der in verschlüsselten Bildern die Geschichte von Adam bis zur Verfolgung unter → Antiochus IV. (175-164 v. Chr.) und die Erlösung bzw. die Aufrichtung der Gottesherrschaft geschildert wird. Menschliche Akteure werden als Tiere dargestellt, Gott und die Engel als menschengestaltige Wesen. Die Visionen enden mit verschiedenen Ermahnungen.

e) Das paränetische Buch (äthHen 92-105). Hier erscheint im Kontext der Mahnreden Henochs schließlich eine weitere Geschichtsschau, in der nun die Geschichte von der Geburt Henochs bis zum Weltgericht und dem Gericht über die Engel geschildert wird. Die gesamte Geschichte wird in zehn Perioden eingeteilt, wobei sieben bereits vergangen und drei weitere den künftigen Geschehnissen vorbehalten sind.

2.2. Das slawische Henochbuch („Zweiter Henoch“)

Das slawische Henochbuch, das die im äthiopischen Henochbuch enthaltenen Traditionen bereits voraussetzt, wurde ursprünglich in griechischer Sprache verfasst. Heute liegt es nur noch in kirchenslawischer Sprache vor, und es wird angenommen, dass es um die Zeit 10./11. Jh. in Makedonien oder Bulgarien aus dem Griechischen ins Bulgarische übertragen wurde. Darauf deutet zumindest der bogomilische „Liber Ionnis“ hin, ein Werk, das um 1190 aus Bulgarien nach Oberitalien gelangte und verschiedene Anspielungen auf den slawischen Henoch enthält (Böttrich, 1995, 800). Die handschriftliche Bezeugung dieses Textes setzt erst im 14. Jh. ein; die westliche Welt erfuhr freilich erst am Ende des 19. Jahrhunderts von der Existenz dieses Werkes (zu den Handschriften, die z.T. große Unterschiede aufweisen, s. Böttrich, 1995, 788-799). Obwohl hier zahlreiche ältere Traditionen (so z.B. aus dem äthiopischen Henoch) aufgenommen wurden, weist das Werk einen kohärenten Aufbau auf. Der Text liegt im Wesentlichen in zwei Fassungen vor. Die Frage nach der ursprünglicheren Fassung wird kontrovers diskutiert; nach Chr. Böttrich ist den Hss. der längeren Fassung A der Vorzug zu geben ist (Böttrich, 1995, 790ff mit einem Überblick über die Diskussion; vgl. den Überblick bei Sacchi, in: Theologische Realenzyklopädie, 48, der zur Priorität der Kurzversion tendiert). Der Text enthält zudem jüdisch-mystische (s. 20,3 und 21,6-22,3), frühchristliche (16,5) sowie byzantinisch-chronographische (19,6; 22,11) Interpolationen.

Tabelle 2: Der Aufbau des slawischen Henochbuchs in seiner Langfassung (nach Böttrich, 1995, 817f.).

Tabelle 2: Der Aufbau des slawischen Henochbuchs in seiner Langfassung (nach Böttrich, 1995, 817f.).

Im gesamten Werk stehen – wie Chr. Böttrich gezeigt hat – die Themen Weisheit, Ethik und Kult im Vordergrund; nationale oder geschichtliche Interessen fehlen dagegen.

Die Frage nach Entstehungsort und -zeit wird kontrovers diskutiert. Vor dem Hintergrund der Hinweise auf eine funktionierende Opferpraxis erscheint eine Datierung der Grundschrift in die Zeit vor 70 n. Chr. plausibel: „In dem ganzen Buch läßt sich auch nicht eine Spur von Trauer oder Sehnsucht nach dem verlorenen Heiligtum entdecken, sondern vielmehr eine selbstbewußte und gelassene Haltung, die den zentralen Kult gegenüber einer andersgläubigen Umwelt urzeitlich legitimieren und für denselben offenbar Sympathie gewinnen möchte“ (Böttrich, 1995, 813). Kontrovers diskutiert wird, in welchem Milieu das Buch entstanden ist. Während ein Teil der Forscher davon ausgeht, dass es sich hier um ein ursprünglich jüdisches Buch (Charles; Bonwetsch) handelt, wollen andere von einem judenchristlichen (Vaillant) bzw. mittelalterlich christlichen (z.B. Milik) Ursprung ausgehen. Als Entstehungsort wird aufgrund der universalistischen Perspektive des Autors häufig die Diaspora angenommen. Da sich zudem Verbindungen zur hellenistisch-jüdischen Philosophie und zu → Philo aufzeigen lassen, wird Alexandrien als Entstehungsort vorgeschlagen. Von dort gelangte das Buch dann sowohl zu Kreisen jüdischer Mystiker als auch christlicher Theologen (Böttrich, 1995, 810ff).

2.3. Das hebräische Henochbuch („Dritter Henoch“)

Wie der Name bereits sagt, ist diese Henochschrift in hebräischer Sprache überliefert. Der Erzähler der pseudepigraphischen Schrift ist R. Jischmael. Er wird, so sein Selbstbericht, in die himmlische Welt entrückt, um dort am himmlischen Gottesdienst teilzunehmen und den göttlichen Thron zu betrachten. Bei seinem Aufstieg wird er als „Weibgeborener“ von den Engeln angefeindet, woraufhin ihm Gott den Engel Metatron an die Seite stellt. Dieser aber ist kein anderer als der vorsintflutliche Henoch, der in die himmlische Welt entrückt wurde. Dieser Entrückungsvorgang, der in der biblischen Überlieferung ja merkwürdig offen bleibt, wird hier gleich in zwei Versionen geschildert: Nach §5-6 wird Henoch als Zeuge für die Generation der Sintflut entrückt; nach §7-9 ist es der Götzendienst der Generation des Enosch, der Gott dazu bringt, seine Schekhina von der Erde wegzunehmen; zusammen mit dieser wird Henoch in die himmlische Welt gebracht. In beiden Fällen opponieren die Engel gegen den Aufstieg eines Menschen in die himmlische Welt. Im höchsten Himmel angekommen wird Henoch vor dem Thron Gottes in den Engel Metatron verwandelt. Nach seiner Inthronisation, Investitur und Krönung werden ihm Weisheit verliehen und die kosmischen Geheimnisse offenbart (§11-19). Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Henoch den Titel „Kleiner YWY“ erhält (§15). § 20 erzählt dann die Geschichte Achers, der den thronenden Metatron für eine Gottheit hielt; daraufhin wird Metatron mit 60 Lichtschlägen bestraft und muss fortan stehen.

Im Anschluss daran kehrt der Text zur Erzählebene des Anfangs und zu R. Jischmaels Himmelreise zurück: Metatron fungiert nun als Deuteengel, der R. Jischmael – eingeleitet durch die Formel: „Komm ich will dir zeigen ….“ – in die Geheimisse der himmlischen Welt, des Kosmos und der Geschichte einführt. So folgt eine Darstellung der Engelhierarchien (§21-46), des himmlischen Gerichts (§47-50), der himmlische Topographie mit verschiedenen Engeln und ihren jeweiligen Aufgaben (§ 51-52) und der Qeduscha (d.h. dem Trishagion aus Jes 6,3) der Engel (§ 53-58). Daran schließt die Offenbarung der Buchstaben, mit denen Himmel und Erde geschaffen wurden (§ 59) sowie die Offenbarung verschiedener Naturwunder (§ 60), der Seelen der Gerechten (§ 61), der Frevler und der Mittelmäßigen (§ 62). Zudem darf Henoch den Vorhang vor dem Thron Gottes schauen, auf dem alle vergangenen und zukünftigen Taten der Menschen eingewebt sind (§ 64f.). Der Ausflug Jischmaels in die himmlische Welt wird gekrönt durch eine Gottesvision, bei der dieser Gott seine rechte Hand als Zeichen der Unerlöstheit Israels hinter seinem Rücken verborgen hält. Die Seelen der Gerechten stehen vor dem Thron und rufen die göttliche Hand an, endlich aufzuwachen (Jes 51,9). „In jener Stunde“ – so fährt der Text fort – „weinte die rechte Hand Gottes und fünf Tränenflüsse strömten hervor von ihren fünf Fingern, fielen in das große Meer und ließen die ganze Welt erbeben“ (§ 68 Ende). Nachdem Gott erkannt hat, dass es keinen mehr gibt, der als Fürsprecher um Erbarmen bitten könnte, entschließt er sich, seinen Arm selbst zu befreien, Israel zu erlösen und seine Königsherrschaft aufzurichten (§70). §71-80 enthalten weitere, ursprünglich wohl eigenständige Henoch-Metatron-Überlieferungen, in denen einerseits noch einmal von den Namen Gottes, der Erhöhung Metatrons und seinen siebzig Namen (§ 71-74) als auch von Metatron als himmlischem Tora-Lehrer (§75-80) erzählt wird.

Der Text des 3. Henoch ist aus zahlreichen mittelalterlichen Handschriften bekannt; seit dem 17. Jh. wurde er in zudem in z.T. recht unterschiedlichen Textfassungen gedruckt (s. die Zusammenstellung bei Schäfer, 1995, VII-XLIX). Im Hinblick auf die Frage nach der Datierung und der Herkunft des Materials des 3. Henoch gehen die Meinungen in der Forschung weit auseinander. Während die ältere Forschung den Text in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte datieren wollte (so Odeberg), wird heute in der Regel eine Entstehung in der nachtalmudischen Ära, d.h. im frühen Mittelalter, angenommen (Scholem, Schäfer u.a.). Der Text steht in engem inhaltlichen Bezug zur Hekhalotliteratur, wobei er bereits in die Spätphase dieser Traditionen gehört und Tendenzen der Re-Rabbinisierung aufweist. Die unterschiedlichen Handschriften zeigen zudem, dass das Material immer wieder redaktionellen Bearbeitungen unterzogen wurde. Da der Name Metatron mehrfach auf babylonischen Zauberschalen erwähnt wird (s. die Belege bei Schäfer, 1995, LIV, Anm. 345) denkt man als Entstehungsort an Babylonien; die Gesamtredaktion des Materials könnte aber auch in Byzanz vorgenommen worden sein.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Arbeitshilfen für das Studium der Pseudepigraphen

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, München / Zürich 1978-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998ff.
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Encyclopedia of the Dead Sea Scrolls, Oxford 2000.

2. Textausgaben bzw. Kommentare

a) Aramäische Fragmente

  • Milik, J.T., 1976, The Books of Henoch. Aramaic Fragments of Qumrân Cave 4, Oxford.
  • Stuckenbruck, L,, 1997, The Book of Giants from Qumran (TSAJ 63), Tübingen.

b) Griechische Fragmente

  • Black, M., 1970, Apocalypsis Henochi Graece (PsVTGr) Leiden.

c) Äthiopischer Henoch

  • Nickelsburg, G.W.E., 2001, 1 Enoch. A Commentary on the Books of Enoch, Chapters 1-36; 81-108 (Hermeneia) Minneapolis.
  • Knibb, M.A., 1982, The Ethiopic Book of Enoch, 2 Bde., A New Ediiton in the Light of the Aramaic Dead Sea fragments, Oxford.
  • Uhlig, S., 1984, Äthiopisches Henochbuch (JSHRZ V/6), Gütersloh.

d) Slawischer Henoch

  • Böttrich, Chr., 1995, Das slavische Henochbuch (JSHRZ V/7), Gütersloh.

e) Hebräischer Henoch

  • Schäfer, P., 1995, Übersetzung der Hekhalot-Literatur, Bd. I §§ 1-80 (TSAJ 46), Tübingen.
  • Odeberg, H., 1928, 3 Henoch or the Hebrew Book of Henoch, Oxford.

3. Weitere Literatur

  • Albani, M., 1994, Astronomie und Schöpfungsglaube. Untersuchungen zum astronomischen Henoch (WMANT 68), Neukirchen-Vluyn.
  • Bartelmus, R., 1979, Heroentum in Israel und seiner Umwelt. Eine traditionsgeschichtliche Untersuchung zu Gen 6,1-4 und verwandten Texten im Alten Testament und der altorientalischen Literatur (AThANT 65), Zürich.
  • Beyerle, S., 2004, „Der mit den Wolken des Himmels kommt“. Untersuchungen zum Traditionsgefüge „Menschensohn“, in: D. Sänger (Hg.), Gottessohn und Menschensohn. Exegetische Studien zu zwei Paradigmen biblischer Intertextualität (BBS 67), Neukirchen-Vluyn, 1-52.
  • Böttrich, Chr., 1992, Weltweisheit, Menschheitsethik, Urkult. Studien zum Slavischen Henochbuch (WUNT II 50), Tübingen.
  • Ego, B., 1997, Trauer und Erlösung. Zum Motiv der Hand Gottes in 3Hen §§ 68-70, in: R. Kieffer / J. Bergman (Hgg.), La Main de Dieu. Die Hand Gottes (WUNT 94), Tübingen, 171-188
  • Koch, K., 1996, „Adam, was hast Du getan?“ Erkenntnis und Fall in der zwischentestamentlichen Literatur, in: K. Koch, Vor der Wende der Zeiten. Beiträge zur apokalyptischen Literatur. Gesammelte Aufsätze Bd. 3, Neukirchen-Vluyn, 181-217
  • Koch, K., 1996, Die Anfänge der Apokalyptik und die Rolle des astronomischen Henochbuchs, in: K. Koch, Vor der Wende der Zeiten. Beiträge zur apokalyptischen Literatur. Gesammelte Aufsätze, Bd. 3, Neukirchen-Vluyn, 3-44.
  • Kvanvig, H., 1988, Roots of Apocalyptic. The Mesopotamian Background of the Enoch Figure and the Son of Man (WMANT 61), Neukirchen-Vluyn.
  • Newsom, C., 1980, The Development of 1 Hen 6-19: Cosmology and Judgement, CBQ 42, 310-329.
  • Reevers, J.C., 2000, Art. Noah, Encyclopedia of the Dead Sea Scrolls 2, 612f.
  • Schäfer, P., 1991, Der verborgene und offenbare Gott. Hauptthemen der frühen jüdischen Mystik, Tübingen.
  • Scholem, G., 1957, Die jüdischen Mystik in ihren Hauptströmungen, Zürich.
  • Vanderkam, J.C., 1995, Enoch. A Man for All Generations (Studies on the Personalities of the Old Testament), Columbia.
  • Witte, M., 1998, Die biblische Urgeschichte. Redaktions- und theologiegeschichtliche Beobachtungen zu Genesis 1,1-11,26 (BZAW 265), Berlin.
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