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Lexikon

Heer

Andreas Kunz-Lübcke

(erstellt: Dez. 2011)

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Krieg; → Waffen

1. Terminologie

Für „Heer“ wird im Alten Testament meist חַיִל ḥajil (71-mal) verwendet, selten מַחֲנֶה maḥǎnæh (Gen 50,9; Ex 14,19; Ri 4,16; Ri 7,22; 1Sam 28,19; 2Sam 1,2; 2Kön 3,9; 2Kön 7,14) und צָבָא ṣāvā’ / צִבְאוֹת ṣiv’ôt (Ex 12,41; Dtn 24,5; 2Sam 3,23; 2Sam 10,7; 2Sam 20,23). Außerdem sind הָמוֹן hāmôn „Heeresmenge“ (Ri 4,7), מַעַרָכָה ma’arākhāh / מַעַרְכוֹת ma‘arəkhôt „Schlachtordnung“ (1Sam 17,8.22) und עַם ‘am „Heervolk“ (2Sam 11,7; 2Sam 18,6.7) zu nennen. Die Ausdrücke für „Heer“ beziehen sich, ohne dass zwischen ihnen differenziert werden könnte, auf einen größeren Verband von eigenen oder feindlichen Kämpfern. Dass der Begriff חַיִל ḥajil ausgerechnet im Zusammenhang mit den Feldzügen der Assyrer nicht genannt wird, lässt sich wohl nur als Zufall erklären.

Keiner der genannten Heeres-Begriffe wird ausschließlich militärisch verwendet. So zieht die Königin von Saba mit בְּחַיִל כָּבֵד bəḥajil kāved „mit großem Tross“ nach Jerusalem (1Kön 10,2).

2. Fehlende Angaben

Berichte von militärischen Konflikten beschränken sich in der Hebräischen Bibel auf die Nennung von Sieg oder Niederlage. Auch wenn gelegentlich etwas über die Taktik des Kampfes gesagt wird – z.B. die akustische und visuelle Täuschung des Gegners über die eigene Truppenstärke (Ri 7,15-22) –, so bleiben die Bewaffnung, die Organisation und die Kampfstrategie weitgehend im Dunkeln. Es gibt auch keine Informationen über die Behandlung von Verwundeten, die Mittel zur Disziplinierung und Bestrafung bei Fehlverhalten sowie Befehlsverweigerung, die Auszeichnung verdienstvoller Kämpfer, die Karrierechancen für Soldaten und Offiziere sowie über Verwaltung und Besoldung.

3. Truppenstärke

Die Schlagkraft einer Armee richtete sich außer nach ihrer zahlenmäßigen Stärke und Faktoren wie Disziplin, Ausrüstung, Kampferfahrung und Entschlossenheit auch nach dem Verhältnis der verschiedenen Waffengattungen. Einen nicht unerheblichen Faktor bilden Streitwaagen und für den Kampf ausgebildete Reitpferde. In der → Schlacht bei Qarqar im Jahr 853 v. Chr. gehörten nach einer Inschrift → Salmanassars III. der antiassyrischen Koalition 3940 Streitwagen an. Davon soll Ahab von Israel neben 10.000 Kämpfern 2.000 aufgestellt haben (TUAT I/4, 361). Wirkt schon diese Angabe schematisch und übertrieben, so erscheint das Ergebnis des → Zensus unter → David, nach dem Israel und Juda zusammen 1,3 Millionen Krieger aufbieten konnten, maßlos übersteigert (2Sam 24,9). Zum Vergleich: Unter Augustus konnte Rom (ohne Auxiliartruppen) ca. 125.000 Soldaten stellen. In der bedeutenden Schlacht von Raphia (217 v. Chr.) kämpften nach den Zahlenangaben des Polybios (V, 79-86) auf ptolemäischer 70.000 Infanteristen und 5.000 Reiter, auf seleukidischer Seite 62.000 Fußsoldaten und 6.000 Kavalleristen.

Realistische Zahlenangaben zur Truppenstärke Israels bzw. Judas lassen sich nur zwischen den Zeilen herauslesen. Keiner der Erzähltexte, die die assyrische bzw. neubabylonische Westexpansion thematisieren, erwähnt auch nur andeutungsweise einen offenen Feldkampf. → Hoschea, der letzte König Israels, hat gegen die assyrische Militärkampagne kein anderes Mittel, als drei Jahre lang in der belagerten Stadt Samaria auszuharren (2Kön 17,5f.). Zuvor hatte bereits → Tiglatpileser III. Städte im Nordosten belagert und eingenommen (2Kön 15,29). Ebenso richten sich die assyrischen Vorstöße gegen Juda direkt gegen die Städte, in die sich auch die Bewohner des Umlands nur zurückziehen konnten (2Kön 18,13.17). Schließlich endet auch die Herrschaft des letzten judäischen Königs damit, dass die Neubabylonier nach einer wahrscheinlich eineinhalbjährigen Belagerung in Jerusalem eindringen konnten (2Kön 25,1-4; → Eroberung Jerusalems). Bezeichnenderweise sind nur die zur Unterstützung Judas anrückenden Ägypter in der Lage, sich mit den Babyloniern, wenn auch erfolglos, in einer offenen Feldschlacht zu messen (Jer 37,5.11).

„Als das Heer des Pharao ausgezogen war aus Ägypten, und die Babylonier, die Jerusalem belagerten, die Nachricht von ihnen gehört hatten, zogen sie von Jerusalem ab.“ (Jer 37,5)

Offensichtlich verfügten die Babylonier über genügend Truppen, um neben der gleichzeitigen Belagerung von mehreren Städten auch dem ägyptischen Heer die Stirn bieten zu können. Bezeichnenderweise spricht das Jeremiabuch immer nur vom babylonischen bzw. vom ägyptischen Heer (חַיִל ḥajil; Jer 32,2; Jer 34,1.7.21; Jer 35,11; Jer 37,5.7.10.11; Jer 38,3; Jer 39,1; Jer 39,5), während mit Blick auf die judäischen Streitmächte immer nur von Befehlshabern des Heeres die Rede ist (Jer 40,7.13; Jer 41,11 u.a.).

Möglicherweise liefern die Angaben über die Zahl der von den Neubabyloniern Deportierten halbwegs verlässliche Angaben: Wenn unter den „oberen Zehntausend“ die גִּבּוֹרֵי הַחַיִל gibbôrê haḥajil aufgeführt sind (2Kön 24,14.16) bzw. wenn unter diesen 7.000 alle (!) regulären Kämpfer (כָּל אַנְשֵׁי חַיִל kål ’anšê ḥajil) subsumiert sind, dürfte diese Angabe einen gewissen Bezug zur Wirklichkeit besitzen. Die neueren Schätzungen über die judäische Bevölkerungszahl seit dem Ende des 8. Jh.s (Finkelstein / Silbermann, 2007, 264, rechnen mit 120.000 Menschen; Zwickel, 2010, 75, rechnet aufgrund der nachgewiesenen Siedlungsfläche im gesamten Gebiet westlich des Jordan mit 350.000 Einwohnern) erlauben die Vermutung, dass sich die reguläre Truppenstärke Judas und Israels bei einigen Tausend bewegt haben dürfte.

Eine wohl realistische Angabe über die Stärke der Truppe dürfte die Mescha-Stele enthalten. Diese notiert, dass → Mescha mit 200 Mann die Stadt Jahaz eingenommen habe (Zeile 20). Diese 200 Mann habe er aus → Moab geholt. Allerdings ist dabei nicht sicher, ob hier von Anführern bzw. von Elitesoldaten die Rede ist, wodurch sich die Zahl der Kämpfer insgesamt erhöhen würde.

4. Ausbildung von Offizieren

Aus der Hebräischen Bibel geht nichts über die Ausbildung von Offizieren hervor. Aufschlussreicher ist dagegen ein ägyptischer Brief, in dem sich ein Lehrer vor einem Kollegen mit dem Inhalt und der Qualität seines Unterrichts brüstet: Der Schüler müsse wissen, welche Rationsmenge eine bestimmte Anzahl von Soldaten benötigt, welche Besonderheiten die Städte → Byblos, Beirut und → Sidon auszeichne und welche Besonderheiten die Geographie Palästinas aufweist. Das abverlangte Wissen bezieht sich auf die geographische Lage von Städten, den Verlauf von Marschwegen und Straßen sowie auf lokale Besonderheiten wie das Erscheinungsbild bestimmter Gebirge. Andere Aufgaben beziehen sich etwa auf den Personalaufwand bei bestimmten Transportarbeiten. Dieser erstaunliche Einblick in ein ägyptisches Klassenzimmer zeigt, dass künftige Befehlshaber darin ausgebildet worden sind, ihre Unternehmungen vorausschauend zu planen und dass sie zudem in die Lage versetzt werden sollten, sich im unbekannten Gelände an bestimmten Gegebenheiten zu orientieren.

Dass ein Heerführer in der Lage sein musste, Berechnungen über den Bedarf seiner Truppe anstellen zu können, geht für Ägypten aus dem satirischen Brief des Hori hervor. Dieser verspottet seinen Adressaten damit, dass er zwar die Position eines Befehlshabers über eine 5.000 Mann starke Truppe, die nach Palästina entsandt wurde, innehabe, diese Truppenstärke ihn entweder insgesamt überfordere oder aber für ihn bei den Rationsberechnungen zu zahlreich sei (pAnastasi I; 120,1-6).

Möglicherweise deutet auch 1Chr 5,18 auf einen Offiziersstand hin, den eine eigene Ausbildung auszeichnet. Hier wird ein Heereskontingent (בְּנֵי חַיִל bənê ḥajil) benannt, das aus Infanterie (Träger von Schild und Schwert), Bogenschützen und „Belehrten des Krieges“ (לְמוּדֵי מִלְחָמָה ləmûdê milḥāmāh) besteht. Ob dabei eine entsprechende Ausbildung oder ein Ansammeln von Kriegserfahrung gemeint ist, lässt sich nicht entscheiden.

In den Erzählungen, die sich sonst mit dem Aufstieg einer Person zum militärischen Anführer beschäftigen, ist gelegentlich von einem Karrieresprung des außergewöhnlich begabten Helden die Rede: Ein Schwerthieb macht aus dem jugendlichen → David einen allseits gefeierten Heerführer (1Sam 18,5); → Jeftah muss vom Volk geradezu überredet werden, die Rolle des Militärführers einzunehmen (Ri 11,6), in der chronistischen Variante über die Eroberung Jerusalems erwirbt → Joab sich mit einer Heldentat den Titel des obersten Heerführers (1Chr 11,6).

Eine bemerkenswert negative Darstellung der militärischen Ausbildung bietet eine ägyptische Schrift aus der 19.-20. Dynastie, in der die Nachteile der militärischen Ausbildung gegenüber der eines Schreibers aufgelistet werden: Schon als kleines Kind von weniger als einem Meter Größe wird der Junge in die Kaserne gebracht, die er nicht verlassen darf. Ständig wird er geschlagen und misshandelt, mit offenen Wunden muss er den ganzen Tag mit seinen Waffen auf dem Platz stehen, seine Rationen sind spärlich, er wird zu schweren Arbeiten herangezogen (pChesterBeatty IV, 5,6-6,2).

5. Marschgeschwindigkeit und Reichweite

Größere Truppenverbände weisen durch die Notwendigkeit, Ausrüstung und Verpflegung mit sich zu führen bzw. diese zu requirieren, eine geringe Marschgeschwindigkeit auf. Allerdings zeigen die alttestamentlichen Erzähler kein Interesse an der Schilderung entsprechender Details. In 2Kön 25,1f (par. Jer 39,1f; Jer 52,4) wird der Anmarsch des babylonischen Heeres gegen Jerusalem lapidar erwähnt und die ganze Belagerung nur mit einer Notiz über deren ein- bis zweijährige Dauer bedacht, während zur Logistik und der Dauer des Anmarsches nichts gesagt wird. Demgegenüber betont → Habakkuk, dass die Gefährlichkeit der babylonischen Reiter besonders in ihrer Geschwindigkeit begründet ist. Der Anmarsch erfolgt mit der Geschwindigkeit, die Pferde aufbringen können (Hab 1,8), ihre Hauptmacht (מְגַמַּת פְּנֵיהֶם məgammat pənêhæm) rücke unablässig vor (קָדִימָה qādîmāh). Demnach scheint hier unterschieden zu werden zwischen schnellen berittenen Verbänden, die schon empfindliche Angriffe ausführen, und der langsameren Hauptmacht, die die Bewohner des Landes in großer Zahl in Gefangenschaft nimmt.

Die Notiz in 2Sam 11,1, nach der zur Jahreswende (לִתְשׁוּבַת הַשָּׁנָה litšûvat haššānāh) Könige (Qere) in den Krieg ziehen, setzt eine bestimmte Zeit im Jahr als günstig für die Kriegsführung voraus. Damit kann entweder an das Frühjahr, in dem die Reit- und Transporttiere besser Nahrung fanden (David Kimchi, Kommentar zur Stelle), oder an die Zeit nach der Ernte, die bessere Möglichkeiten zur Versorgung der Truppen bot, gedacht sein.

Es ist bemerkenswert, dass die biblischen Autoren als selbstverständlich voraussetzen, dass Kampfhandlungen über große Entfernungen hinweg geführt werden konnten. So stellt der historisch verbürgte assyrische Vorstoß bis ins ägyptische Kernland (Jes 20,4) auch in moderner Perspektive eine logistische Meisterleistung dar.

Welche physischen Belastungen Soldaten auf dem Marsch ausgesetzt waren, machen die (für den Vergleich hilfreichen) Angaben römischer Autoren deutlich. Die Mitführung von Proviant für 17 Tage, wobei das zu transportierende Gepäck zwischen 30 bis 50 kg pro Soldat betragen konnte, zeigt deutlich, dass schon der Weg in den Kampf eine erhebliche Herausforderung dargestellt hat.

6. Einsatzgebiete des Heeres

Der Alte Orient kannte zwei wesentliche Einsatzgebiete militärischer Kräfte: die offene Schlacht unter dem Einsatz verschiedener Waffengattungen und die Belagerung von Städten, wobei eine Kombination beider Techniken natürlich vorkommen konnte.

Die oben unter 3. erwähnte Häufung der Angaben einer judäischen Strategie, die in erster Linie auf Verteidigung zielte, lässt vermuten, dass die strategischen Potenziale Judas bescheiden ausfielen. Als Haupteinsatzort des Heeres dürfte daher die Defensive anzusehen sein. Dass diese Strategie nicht immer erfolgreich war, belegen die Hinweise auf die Einnahme bzw. Kapitulation Jerusalems infolge der Kriegszüge Scheschonqs und Nebukadnezars. Auch dürfte der assyrische Bericht über die Tributleistung Hiskias an den assyrischen König Sanherib, der de facto eine Kapitulation beinhaltet, der Realität eher entsprechen als die in 2Kön 18f. erzählte wundersame Vernichtung des assyrischen Heeres durch göttliche Intervention.

Für Israel war die Situation möglicherweise komplexer. Wenn Ahab in der Mitte des 9. Jh.s über eine imposante Streitmacht, bestehend aus Infanteristen und Streitwagen, aufstellen konnte und er somit zu einer offensiven Handlung insbesondere gegen die Aramäer in der Lage gewesen ist, ist die Strategie gegenüber der späteren assyrischen Westexpansion rein defensiv.

7. Propaganda und psychologische Kriegsführung

7.1. Kampfmoral. Die Angst vor der gegnerischen Übermacht begegnet in der Hebräischen Bibel relativ häufig. Das „Schmelzen des Herzens“ (מסס לֵב mss lev) erscheint besonders dort, wo ein scheinbar aussichtsloser Kampf droht (Dtn 1,28, Jos 2,11; Jos 5,1; Jos 7,5). Einmalig und spektakulär ist die Forderung in Dtn 20,8, dass die bloße Erklärung, Angst vor dem Kampf bzw. ein „weiches Herz“ (רַך הַלֵּבָב rakh hallevav) zu haben, reicht, um ausgemustert zu werden, da die entsprechenden Angstgefühle für ansteckend gehalten werden. Auch der Abschalom-Aufstand wird unter dem Aspekt einer psychologischen Kriegsführung betrachtet: Der aus Jerusalem verjagte → David gilt zusammen mit dem Rest seiner Anhänger, obwohl de facto besiegt, als Held mit „verbitterter Seele“, gleich einer Bärin, die ihrer Jungen beraubt ist (2Sam 17,8). Sollten bei einem Angriff einige der Männer → Abschaloms fallen, könnte dies schon verheerende Folgen für die allgemeine Kampfmoral haben. Bemerkenswert ist, dass → Huschai, dessen psychologisches Gutachten hier eingeholt wird, in Wirklichkeit ein Anhänger Davids ist, der am Hof Abschaloms verdeckt für die Interessen Davids arbeiten soll (2Sam 15,32-37).

Nennenswert ist auch die Rede des assyrischen Oberbefehlshabers an die Verteidiger Jerusalems in 2Kön 18. Die vom König → Hiskia entsandte Delegation versucht den Assyrer zu überreden, Aramäisch statt Hebräisch zu sprechen, damit das Volk ihn nicht verstehen kann. Die Ablehnung dieses Vorschlags zeigt, dass die Rede darauf zielt, die kollektive Kampfmoral zu schwächen.

Wohl nicht zufällig beklagt sich der Verfasser des Ostrakon Lachisch 1,6 (→ Epigrafik; → Lachisch), dass während der Belagerung der judäischen Städte durch die Neubabylonier es die Worte einer bestimmten Gruppe sind, die die Hände des Befehlshabers und Adressaten des Schreibens schlaff machen (lrpt jdjk) und die die Hände (wohl der Kämpfer) sinken lassen ([wlhš]qṭ jdj h’[nšjm]; Ergänzungen nach Renz, 1995, 426f.). Die wahrscheinlichste Deutung ist, dass gegenüber der Partei, die sich für Verhandlungen mit den Gegnern ausspricht, der Vorwurf erhoben wird, die Kampfmoral zu schwächen.

Zeichnung Theresa Steckel; © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124906)

Abb. 1 Assyrische Soldaten foltern Judäer nach der Eroberung von Lachisch; zwei Kinder sehen den Tortouren zu (Palastrelief aus Ninive; 700-692 v. Chr.).

7.2. Psychologische Kriegsführung. In den Zusammenhang der psychologischen Kriegsführung dürfte auch das Phänomen intensiver Darstellungen von Grausamkeiten gehören, die dem Kriegsgegner angedroht werden. So zeigt ein assyrisches Relief im Zusammenhang mit der Eroberung der Stadt Lachisch, Soldaten, die Gefangene foltern (wahrscheinlich häuten), während Kinder der Szene beiwohnen müssen.

Grausamkeiten gegenüber Frauen und Kindern wurden im Zusammenhang mit kriegerischen Handlungen des Öfteren praktiziert. Auf → Elisas Ankündigung, → Hasaël werde in die befestigten Städte Israels Feuerbrände schleudern, die jungen Männer erschlagen, die Säuglinge zerschmettern und die schwangeren Frauen aufschlitzen, reagiert dieser bescheiden und mit einer Untergebenheitsfloskel: Wie könne er, ein Hund, solch große Dinge tun? Elisas Antwort, dass JHWH ihn zum König über Aram und damit zum Strafinstrument gegen Israel bestimmt hat, lässt keine Kritik am zukünftigen Vorgehen des Aramäers erkennen (2Kön 8,11-13).

Zur psychologischen Kriegsführung gehört auch die geschickte Verhandlung bzw. Argumentation, mit der der Gegner zur Aufgabe gebracht werden soll. Die weise Frau in → Abel Bet Maacha zwingt → Joab zu einer Verhandlung, in dessen Ergebnis eine radikale Gewalt- und Opferminimierung steht (2Sam 20,16-22, zum Text s.u.). Dtn 20,10-12 fordert, dass vor dem Beginn von Kämpfen Verhandlungen mit dem Ziel, eine Kapitulation der Stadt zu erwirken, aufgenommen werden müssen.

„Wenn du dich einer Stadt näherst, um gegen sie zu kämpfen, dann sollst du ihr zunächst Frieden anbieten. Und es soll geschehen, wenn sie dir friedlich antwortet und dir öffnet, dann soll alles Volk, das sich darin befindet, dir zur Zwangsarbeit unterworfen werden und dir dienen. Und wenn sie mit dir nicht Frieden schließt, sondern Krieg mit dir führt, dann sollst du sie belagern.“ (Dtn 12,10-12)

E. Otto (1999, 100) sieht in dieser Forderung einen anti-assyrischen Akzent. Entgegen der assyrischen Praxis, die Verhandlungen zusammen mit dem Ausüben militärischer Gewalt zu führen, soll hier zunächst ohne Druck verhandelt werden.

Die Rede des Rabschake in 2Kön 18,19-35 ergeht ebenfalls, ohne dass zuvor Kampfhandlungen erwähnt werden. Der ganz im Sinne der deuteronomistischen (→ Deuteronomismus) Weltsicht verfasste Wortlaut der Rede enthält einen Kernsatz assyrischer Ideologie:

„Haben etwa die Götter der Nationen – einer wie der andere – sein Land gerettet aus der Hand des Königs von Assur? Wo ist der Gott von Hamat, von Arpad, wo ist der Gott von Seferwajim, von Hena und Iwa? Haben Sie Samaria aus meiner Hand gerettet.“ (2Kön 18,33f)

Historischer Hauptmotor für das assyrische Engagement in Juda dürften weniger ideologische Gründe, als vielmehr der einfache Umstand gewesen sein, dass sich Hiskia zu einer Tributverweigerung entschlossen hatte. Ebenso dürfte die Wiederaufnahme der Zahlungen den Abzug der Assyrer veranlasst und Jerusalem die Einnahme erspart haben. Es ist gut möglich, dass die Bewohner einer belagerten Stadt versuchsweise auch mit theologischen Argumenten – natürlich in assyrischer Perspektive – zur Aufgabe überredet werden sollten.

8. Waffengattungen

8.1. Belagerungstechniken

8.1.1. Literarische Quellen

In der Erzählung von der Belagerung der Stadt Rabbat Ammon durch den General → Joab in 2Sam 11,1; 2Sam 12,26-31 markiert die Eroberung der „Wasserstadt“ (2Sam 12,27) die entscheidende Wende. David soll sich selbst zu der belagerten Stadt begeben und diese nominell in Besitz nehmen. Dabei scheint vorausgesetzt zu sein, dass ein Teil der äußeren Stadtbefestigung, der den Zugang zu einer Wasserquelle sicherte, erobert oder zerstört worden ist.

Etwas anders wird die versuchte Eroberung der Stadt → Abel Bet Maacha in 2Sam 20,15 geschildert. Joab zieht gegen die Stadt, belagert sie (וַיָּצֻרוּ wajjāṣurû), schüttet einen Wall gegen sie auf (וַיִּשְׁפְּכוּ סֹלְלָה wajjišpəkhû soləlāh), der bis an die Vormauer reichte (וַתַּעֲמֹד בַּחֵל watta ‘ǎmod baḥel), und lässt anschließend seine Kämpfer damit beginnen, zu zerstören (מַשְׁחִיתִם mašḥîtim), um die Mauer einzureißen (לְהַפִּיל הַחוֹמָה ləhappîl haḥômāh). Auch wenn die Übersetzung von וַתַּעֲמֹד בַּחֵל wattǎ ‘mod baḥel „und er (sc. der Wall) reichte bis an die Vormauer“ alles andere als gesichert ist (nach der Deutung Raschis könnte auch eine bereits erfolgte Besetzung der Vormauer gemeint sein), so ist doch sicher auszumachen, dass die Stadt mit dem Schlagen einer Bresche in ihre Mauer unterworfen werden soll. Vom Aufschütten eines Walls (סֹלְלָה soləlāh) ist sonst nur im Zusammenhang von Belagerungen durch die Assyrer (2Kön 19,32; par. Jes 37,33), die Neubabylonier (Jer 6,6; Jer 32,24; Jer 33,4; Ez 4,2; Ez 17,17; Ez 21,27; Ez 26,8) und die Seleukiden (Dan 11,15) die Rede. Die Darstellungsweise in 2Sam 20,15 dürfte daher als eine anachronistische Rückprojektion von Erfahrungen aus jüngerer Zeit sein.

Detailliert berichtet der griechische Historiker Thukydes über die poliorketische Vorgehensweise bei der Eroberung der Stadt Plataia. Die Angreifer begannen, nachdem sie zur Verhinderung eventueller Fluchtversuche die Stadt vollständig mit einem Palisadenzaun umgeben hatten, eine Belagerungsrampe zu bauen, deren Höhe den Wehrgang auf der Verteidigungsmauer erreichte. Die Seitenwände der Rampe wurden mit einem Geflecht aus Holz abgesichert, um ein Abrutschen der Böschung zu verhindern. Als Gegenmaßnahme begannen die Verteidiger der Stadt, die Mauer gegenüber der Rampe zu erhöhen. Zudem öffneten sie ihre Mauer an der gefährdeten Stelle und trugen das Material der gegenerischen Aufschüttung wieder ab. Dagegen setzten die Angreifer mit Lehm ausgefüllte Schiffskörbe, die nicht einfach weggeschaufelt werden konnten. Dieser Technik wiederum begegneten die Verteidiger mit der Unterminierung der Rampe, die aufgrund des entstehenden unsichtbaren unterirdischen Hohlraumes immer wieder absackte. In Erwartung, dass die Mauer doch durchbrochen werden wird, bauten sie eine sichelförmige zweite Mauer um die gefährdete Stelle herum, um so die Angreifer wirkungsvoll beschießen zu können. Gegen den Einsatz von Rammen wehrten sich die Verteidiger, indem sie den Rammsporn entweder mit Schlingen „fingen“ und nach oben zogen oder diesen durch gezielte Abwürfe von schweren Balken „köpften“. Bezwingen konnten die Belagerer die Stadt auf diese Weise nicht. Nachdem sich die Gegenmaßnahmen zum Schutz der Mauer als erfolgreich erwiesen hatten, musste sich die Stadt schließlich doch dem Mittel des Aushungerns beugen (vgl. Thukydes, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, 2,75-77; 3,52; Text gr. und lat. Autoren).

Im Zusammenhang mit der Erwähnung von ballistischer Waffentechnik steht auch die Notiz in 2Kön 3,25. Der von den vereinigten Truppen Israels, Judas und Edoms belagerten moabitischen Stadt Kir Heres (→ Kir Moab) droht die Zerstörung. Wörtlich besagt die Stelle, dass die Stadt von Schleudern umgeben war, die im Begriff waren, sie zu zerschlagen (נכה nkh Hif.; vgl. auch die Übersetzung Martin Bubers: „… auch da schlug es ringsum von den Schleuderhebeln ein“). Mit Sicherheit gab es eine entsprechende Technik in der Mitte des 9. Jh.s v. Chr. noch nicht. Der früheste Beleg von Katapulten als Waffe gegen belagerte Städte stammt aus der Zeit um 400 v. Chr., allerdings war es auch mit diesen nicht möglich, Breschen in eine Stadtmauer zu schießen.

Auffallend wenig wird über die Art und Weise der Stadtbelagerung und Stadteroberung in den Darstellungen der Landnahme erzählt. Stereotyp wird festgehalten, dass die jeweilige Stadt eingenommen wurde (לָכַד עִיר lākhad ‘îr; Dtn 2,34.35; Dtn 3,4; Dtn 6,20; Dtn 8,19; Jos 10,37.39; Jos 11,12; Ri 1,8). Besonders ins Auge fällt die Notiz in Ri 1,8. Beiläufig wird notiert, dass der Stamm Juda die Stadt Jerusalem erobert und diese in Brand gesetzt hat. Demgegenüber ist in 2Sam 5,6-8 trotz der offensichtlich gestörten Textüberlieferung zu entnehmen, dass die Stadt als uneinnehmbar galt. Wie der coup der Einnahme gelang, lässt sich der Darstellung nicht entnehmen. Die Formulierung וַיִּגַּע בַּצִּנּוֹר wajjigga‘ baṣṣinnôr liest sich als Explikation des voranstehenden „Jeder, der einen Jebusiter schlägt…“ (כָּל מַכֵּה יְבֻסִי kål makkeh jəbusî). Ältere Interpretationen haben bei dem צִנּוֹר ṣinnôr an das Wasserversorgungssystem Jerusalems gedacht, der ein unbemerktes Eindringen in die Stadt erlaubt haben soll.

Einiges deutet darauf hin, dass im Fall der Belagerung einer Stadt nahezu die gesamte Bevölkerung zu deren Verteidigung mobilisiert wurde. Nach der Eroberung der Stadt → Tebez durch → Abimelech rettet sich die gesamte Bevölkerung in einen „starken Turm“, von dessen Dach aus sie sich weiter verteidigten. Unter den Verteidigern ist eine Frau, die mit einem Steinwurf Abimelech tödlich verletzt (Ri 9,50-53 – eine ironische Reflexion erfährt die Stelle in 2Sam 11,20). Wohl verzweifelt reagieren die Bewohner Jerusalems, die während der Belagerung durch die Neubabylonier im Jahr 587 v. Chr. die in Schuldknechtschaft befindlichen Personen freiließen, offensichtlich um diese zur Verteidigung der Stadt auf die Mauer zu stellen (vgl. Jer 34,9-11).

Ähnlich wie in 2Sam 20 dürfte es sich bei der Erwähnung der kunstvollen Maschinen (חִשְּׁבֺנוֹת מַחֲשֶׁבֶת חוֹשֵׁב ḥiššəvonôt maḥǎšævæt ḥôšev), die → Usija nach 2Chr 26,15 auf den Türmen und Ecken Jerusalems platziert haben soll, um mit ihnen schwere Pfeile und Steine (בַּחִצִים וּבָאֲבָנִים גְּדוֹלוֹת baḥiṣṣîm ûvā’ǎvānîm gədôlôt) zu schießen, um einen militärhistorischen Anachronismus handeln (Diodor XIV,48-52 bildet im 1. Jh. v. Chr. die älteste literarische und historisch zuverlässige Quelle über den Einsatz von ballistischen Belagerungswaffen).

Über die dramatischen Ereignisse während der Belagerung der Stadt Razama durch Truppen berichtet ein Brief aus → Mari. Unmittelbar nach dem Eintreffen der Belagerungstruppen unternehmen die Bewohner einen Ausfall und töten 1.300 feindliche Soldaten. Nach zehn Tagen begeben sich die Ältesten der Stadt hinaus und offeriert den Belagerungstruppen eine Zahlung von Silber, sofern sie sich von der Stadt zurückziehen. Der Vorschlag wird abgelehnt. Daraufhin wird eine Rampe gegen die Stadt aufgeschüttet, die bis an die Befestigung der Unterstadt reicht. Obwohl es den Belagerern gelingt, eine Bresche in die Mauer zu schlagen, kann der Angriff abgewehrt werden. Die Hälfte eingedrungenen Gegner wird beim Gegenangriff getötet (TUAT.NF 3, 66f.).

Dass das regelrechte Aushungern auch als alleinige Methode zur Anwendung kam, um den Widerstand einer befestigten Stadt zu brechen, geht aus einer Inschrift → Thutmosis’ III. (1486-1525 v. Chr.) hervor. Er habe die Stadt → Megiddo belagert, indem er sie mit einer Belagerungsmauer umgeben hat. Somit konnten die Belagerten „den Lebensodem nicht mehr atmen, eingeschnürt in einem Gefängnis, das sie selbst erbaut hatten“ (Weippert, 2010, 106).

8.1.2. Bildliche Quellen

Zeichnung Theresa Steckel; © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124554)

Abb. 2 Der Belagerungskampf um eine Stadt I: Die Bevölkerung wird nach der Eroberung deportiert (Nimrud, Nordwest-Palast; 865-860 v. Chr.).

Aufschluss über die differenzierten Methoden der Städtbelagerung bietet ein assyrisches Palastrelief aus Nimrud (Nordwest-Palast, 865-860 v. Chr.): Die Bildkomposition beginnt auf der linken Seite mit der für assyrische Belagerungssdarstellungen typischen Deportationsszene. Aufgrund der synchronen Erzähltechnik, die die einzelnen Phasen der Belagerung zeitgleich erfasst, werden Belagerungskampf, Kapitulation, Tötung bzw. Folterung der besiegten Feinde und Deportation zeitgleich dargestellt. Als Deportierte werden grundsätzlich nur kleine Kinder, sowohl Jungen als auch Mädchen, und Frauen aufgeführt.

Zeichnung Theresa Steckel; © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124554)

Abb. 3 Der Belagerungskampf um eine Stadt II (Nimrud, Nordwest-Palast; 865-860 v. Chr.).

Die rechte Seite der Abbildung und deren Fortsetzung auf dem Relief zur Rechten zeigen den Belagerungskampf. Bogenschützen, gedeckt durch aus Holzleisten oder Weidengeflecht gefertigte Langschilde, feuern gegen die Stadtverteidiger. Mit kleineren Schilden und einer Lanze ausgestatte Krieger versuchen mit Hilfe einer Leiter, die den oberen Mauerrand, nicht aber die höher gelegenen Türme erreicht, die Stadt direkt zu erstürmen. Im unteren Bildteil erscheint ein Soldat, bewaffnet mit einem Messer bzw. Kurzschwert, der sich in einem gegrabenen Tunnel in Richtung Stadt bewegt. Zugleich versucht ein Soldat, mit Hilfe eines Brechinstruments Steine aus der Befestigungsmauer herauszulösen.

Zeichnung Theresa Steckel; © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124554)

Abb. 4 Der Belagerungskampf um eine Stadt III (Nimrud, Nordwest-Palast; 865-860 v. Chr.).

Die Fortsetzung der Komposition zur Rechten zeigt wiederum einen Soldaten beim Versuch, die Mauer aufzubrechen. Wiederum wird das Untertunneln der Stadtmauer dargestellt. Möglicherweise handelt es sich hierbei um das Pendant zur Tunneldarstellung auf dem vorherigen Bild. Hier scheint allerdings der Ausbau des Tunnels selbst das Thema zu sein. Das abgebildete Weiterreichen eines Gesteinsbrockens o.ä. soll möglicherweise den Abtransport des ausgehauenen Materials darstellen. Auf einem Turm, in der Gesamtkomposition auf dem höchsten Punkt, erscheint eine Frau mit Klagegestus.

Zeichnung Theresa Steckel; © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124554)

Abb. 5 Der Belagerungskampf um eine Stadt IV (Nimrud, Nordwest-Palast; 865-860 v. Chr.).

Die weitere Fortsetzung der Bildkomposition präsentiert einen Belagerungsturm, der von einer Gruppe von Bogenschützen gedeckt wird. Bemerkenswert ist, dass die oben erwähnte Notiz bei Thukydes, nach der die Belagerten versuchten, die Ramme nach oben zu reißend, während die Belagerer dem Gegenmaßnahmen entgegensetzen, hier seine bildliche Entsprechung findet. Zwei assyrische Soldaten hängen sich mit ihrem Körpergewicht an die Ramme, um deren Hochreißen mittels Ketten zu verhindern. Ebenfalls zu erkennen ist, dass die Verteidiger etwas auf die Ramme fallen lassen. Sollte es sich dabei um Brandsätze handelt, wären die aus dem Belagerungsturm heraus mündenden länglichen Gebilde als Vorrichtungen zu deuten, aus denen Wasser auf die Ramme gegossen wird. Der Belagerungsturm selbst scheint aus massiven Steinen gefertigt zu sein. Im Unterschied zur folgenden Darstellung fehlen Räder, die auf die Mobilität der Anlage hindeuten würden.

Zeichnung Hendrik Alexander Walz, © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124906)

Abb. 6 Die Belagerung von Lachisch (Palastrelief aus Ninive; 700-692 v. Chr.).

Ein Relief aus dem assyrischen Palast in → Ninive zeigt eine mobile Belagerungsmaschine. Deutlich zu erkennen ist, dass diese auf einer eigens mit Hilfe von Ziegeln auf einer geneigten Ebene gegen die Stadtmauer eingesetzt wird. Gesichert wird der Vorgang durch Bogenschützen, die auf bzw. hinter dem Gerät Stellung bezogen haben. Wie schon auf der vorherigen Darstellung gießt ein Soldat mit Hilfe einer überdimensioniert dargestellten Kelle Wasser auf die Ramme. Vor und neben der Belagerungsmaschine selbst liegen noch brennende Brandfackeln.

Bezeichnenderweise taucht in der Darstellung der Eroberung von Lachisch die Technik des Unterminierens nicht auf. Auch die einschlägigen biblischen Beschreibungen von Einnahmen judäischer Städte gehen von einem einfachen „Einbrechen“ in die Stadt aus (2Kön 25,4, Par. Jer 52,7; Jes 7,6; Ez 29,7; Ez 30,16). Möglicherweise ließen die Bodenverhältnisse Judas nur die Technik des „Mauerbrechens“ mittels Rammen zu.

Zusammenfassend lässt sich für die auf Belagerung spezialisierten Truppen ein sehr hohes ingenieurtechnisches und handwerkliches Niveau voraussetzen. Nicht zuletzt die Fähigkeit, belagerte Städte nicht nur durch einfaches Aushungern oder ein verlustreiches Erstürmen der Mauern, sondern durch einen gezielten Einsatz zur Zerstörung des Mauerwerks bezwingen zu können, dürfte wesentlich zum Erfolg der assyrischen Expansion beigetragen haben.

8.2. Streitwagen

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 7 Streitwagen gaben ägyptischen Truppen in der Zeit des Neuen Reichs eine neue Reichweite (Ramses II.; Ramesseum in Theben, 13. Jh.).

Der Streitwagen ist von der Eisenzeit bis zum Hellenismus ein einachsiger Karren, der von zwei oder vier Pferden gezogen wird. Seine Besatzung besteht aus zwei oder drei Mann, dem Lenker, einem Bogenschützen oder Speerwerfer und (bei dreifacher Besatzung) einem für den Nahkampf ausgerüsteten Kämpfer. Die wichtigsten Einsatzgebiete des Streitwagens waren die offene Feldschlacht und die Repräsentierung von Personen in hervorgehobener Stellung. Dass Streitwagen vor allem in der Ebene ihre größte Wirksamkeit entfalten konnten, unterstreichen Bemerkungen wie die in Ri 1,19, dass die Bewohner der Ebene aufgrund ihrer „eisernen Wagen“ nicht zu besiegen waren (vgl. Jos 17,16.18; Ri 4,3). Dass auffallend wenig von einem direkten Einsatz von Streitwagen die Rede ist, dürfte mit der allgemeinen Entwicklung der Waffengattung im 1. Jt. v. Chr. zusammenhängen. Ab dem 9. Jh. v. Chr. erscheinen auf assyrischen Darstellungen drei oder sogar vier Mann Besatzung auf den Streitwagen. Die entsprechend größeren Dimensionen des Wagens und seiner Panzerung (auf Darstellungen aus der Zeit → Tiglatpilesers III. erreichen die Wagenräder nahezu die Höhe eines Mannes) führte zwangsläufig zu einer Einschränkung von Beweglichkeit und Manövrierfähigkeit (Meyer, 448f.).

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 8 Dreispännige assyrische Streitwagen, auf denen jeweils ein Lenker und ein Bogenschütze stehen (Relief aus Nimrud, Nord-West-Palast Assurnasirpals II.; 883-859 v. Chr.).

1Kön 22,31ff berichtet über eine besondere Taktik der Streitwagen. Der König von Aram befiehlt 32 seiner Wagenkommandanten, sie sollen in den Kampf nur eingreifen, indem sie den König Israels direkt angreifen. Irrtümlich halten sie → Joschafat, den König Judas, für → Ahab, den König Israels. Sie wenden sich (וַיָּסֻרוּ wajjāsurû) direkt gegen ihn, worauf dieser mit Geschrei (um Unterstützung) antwortet. Ihren Irrtum erkennend, wenden sich die aramäischen Streitwagen von ihrem Ziel ab. Ein Schütze spannt seinen Bogen vollständig (לְתֻמּוֹ lətummô) und trifft Ahab, der an den Folgen der Verletzung stirbt. Wenn לְתֻמּוֹ lətummô hier im Sinne von „bis zum Anschlag“ zu übersetzen ist, würde die Stelle auf eine Taktik verweisen, die darauf zielt, mit Pfeilschüssen höhergestellte Gegner aus einer relativ sicheren Distanz auszuschalten.

Im Zusammenhang einer Art Duell zwischen einzelnen Wagen steht auch der Tod des Königs → Joram. Bei seinem Zusammentreffen mit → Jehu erkennt er dessen feindliche Absicht und versucht zu fliehen. Er kann zwar noch in Rufweite zu seinem Verbündeten → Ahasja kommen; der Pfeil Jehus trifft ihn (trotz der großen Distanz?) mit einer solchen Wucht, dass er dessen Herz komplett durchdringt und der Getroffene sofort stirbt (2Kön 9,21-24). Ahasja stirbt ebenfalls auf dem Streitwagen. „Sie schlugen ihn (הַכֻּהוּ hakkuhû), als er den Anstieg nach Gur herauffuhr“ (2Kön 9,27). Dargestellt ist demnach ein Szenario, nach dem die Verfolger Ahasja (durch Pfeilschüsse) verwunden können, dieser noch nach Megiddo fliehen kann und dort stirbt.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass trotz des relativ häufigen Vorkommens von Streitwagen in der Hebräischen Bibel über deren Einsatzgebiete wenig gesagt wird. Angesichts der hohen Anschaffungs- und Unterhaltungskosten sowie der intensiven Ausbildung der Besatzung ist zu vermuten, dass der Einsatz dieser Waffe auf Erkundungen, gezielte Angriffe gegen hohe Befehlshaber und auf Repräsentierung hochgestellter Personen beschränkt blieb. Jedenfalls weist ihm die klassische griechische Literatur eine ausschließlich repräsentative Bedeutung zu (vgl. Homer, Ilias, 19,392-424; Text gr. und lat. Autoren).

8.3. Reiterei

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 9 Ein Reiter mit Lanze auf einem Pferd jagt einen Kamelreiter (mesopotamisches Rollsiegel; 6.-5. Jh. v. Chr.).

Die Entwicklung der Reiterei als eigene Waffengattung geht einher mit dem Rückgang der Verwendung von Streitwagen. Die ältesten assyrischen Hinweise über den Einsatz einer Reiterei datieren aus dem frühen 9. Jh. (→ reiten; → Pferd; → Kamel). Ikonographisch lässt sich die Waffengattung in Gestalt eines Zweier-Teams, bestehend aus dem Lenker des Pferdes und dem aufgesessenen Bogenschützen nachweisen. Unter → Tiglatpileser III. (745-727 v. Chr.) sind erstmalig allein agierende Reiter, bewaffnet mit einem Speer, belegt. Ob diese Entwicklung mit der früher vertretenen These einer Anmietung von Reiternomaden mit entsprechenden Fertigkeiten oder mit der Einführung eines speziellen Zaumzeugs zu erklären ist (so Burckhardt, 868), kann nicht endgültig entschieden werden. Bezeichnend ist, dass in der Literatur Israels Reiter im militärischen Kontext nur eine marginale Rolle spielen. Einzelne Reiter werden eingesetzt als Boten (1Kön 9,17-19). Nicht zufällig verweist der Befehlshaber des assyrischen Heeres während der Belagerung Jerusalems im Jahr 701 v. Chr. darauf, dass Hiskia gar nicht in der Lage sei, Reiter für die theoretische Zahl von 2.000 Pferden zu stellen (2Kön 18,23; par. Jes 36,8).

Die spätvorexilische Prophetie hat in den Reitverbänden im Dienst der Neubabylonier eine offensichtlich neue und besonders gefährliche gegnerische Waffengattung gesehen:

„So spricht JHWH: Siehe, ein Volk kommt aus dem Land im Norden, ein großes Volk erhebt sich von den Enden der Erde, Bogen und Lanze haben sie ergriffen, grausam und ohne Erbarmen, ihr Geschrei ist wie tosendes Meer, auf Pferden reiten sie, gerüstet sind sie wie ein Kriegsmann gegen dich, Tochter Zion.“ (Jer 6,23; vgl. Jer 50,42)

Die syntaktische Struktur an dieser Stelle lässt vermuten, dass hier nicht an die oben genannte Praxis einer aus Bogenschützen und Lenker bestehenden „Pferdebesatzung“ zu denken ist. Vielmehr scheinen hier Kämpfer in den Blick genommen zu sein, die ihre Reittiere auch freihändig beherrschen und die mit einem Bogen als Fernwaffe ausgerüstet sind. Ob mit dem anschließend genannten כִּידוֹן kîdôn eine Wurfwaffe oder eine Stoßlanze gemeint ist, kann zwar nicht endgültig entschieden werden, allerdings lässt das Aufkommen des direkten Reiterangriffs als taktischem Mittel erst in hellenistischer Zeit eher an die erste Möglichkeit denken.

Einen gänzlich anderen Eindruck von der Kampftechnik der Reiterei vermittelt der in hellenistischer Zeit entstandene zweite Teil des Sacharjabuches. Im endzeitlichen Kampf stellt JHWH seine Getreuen auf:

„Sie werden sein wie Helden, die (die Feinde) in den Gassendreck niedertrampeln, einen Kampf werden sie kämpfen, denn JHWH ist mit ihnen; zuschanden werden die Pferdereiter.“ (Sach 10,3)

Wenn JHWH seine Getreuen dazu befähigt, ihre berittenen Feinde niederzutreten, dann scheint an den Einsatz von Reiterverbänden gedacht zu sein, die ausreichend gepanzert waren, um direkt gegen feindliche Verbände eingesetzt zu werden. Militärhistorisch ist hier eine Entwicklung vorausgesetzt, die erst mit dem Siegeszug → Alexanders d.Gr. einsetzt. Bereits dessen Vater Philippos II. hatte die Zahl der makedonischen Reiter erheblich gesteigert. Mit Hilfe der schweren Reiter, den sog. hetaírroi, die die Angriffsformation eines Keils bildeten, war es erstmals möglich, feindliche Formationen direkt anzugreifen und diese, wie im Fall der Schlacht bei Chaironeia, allein durch die neue Kampftaktik zu besiegen (vgl. Diodor 16,86,3f; Text gr. und lat. Autoren).

8.4. Infanterie

Zweifelsohne verfügten die Fußkämpfer des Alten Orients über Fertigkeiten zur Beherrschung mehrerer Waffen. Der Übersichtlichkeit halber sollen die einzelnen Waffen und Waffengattungen hier getrennt behandelt werden.

8.4.1. Bogen

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 10 Bogenschütze (Tell Halaf, Außenwand des Westpalastes; 1. Hälfte 9. Jh. v. Chr.).

Es überrascht, dass der Bogen in den zahlreichen Darstellungen von kriegerischen Handlungen im Kontext des Exodus, der Landnahme und der Richterzeit mit der Ausnahme von Jos 24,12 kein einziges Mal erwähnt wird. Erwähnung findet der Bogen als Fernwaffe im offenen Kampf und bei der Belagerung bzw. Verteidigung von Städten (vgl. 1Kön 22,34; 2Kön 9,24; Jer 50,29).

„Ruft herbei gegen Babel Bogenschützen, belagert sie ringsum, dass keiner von ihr entrinne.“ (Jer 50,29*)

Jer 50,29 lässt dabei den Eindruck entstehen, dass die Bogenschützen weniger im Belagerungskampf gegen die Stadt selbst eingesetzt wurden. Die Aufforderung an die Bogenschützen, niemanden entrinnen zu lassen, lässt an ihren Einsatz zur Verhinderung von Ausbrüchen und Fluchtversuchen denken.

Über die Durchschlagskraft der Bogenwaffe lassen sich der Hebräischen Bibel leicht divergierende Angaben entnehmen. Während es → Jehu gelingt, → Joram auf seinem Wagen mit einem Schuss direkt ins Herz, wobei der Pfeil den Körper vollständig durchschlägt, zu töten (2Kön 9,24), wird Ahab von einem Pfeil zwischen den Platten (דְּבָקִים dəvāqîm) seines Panzers (שִׁרְיוֹן širjôn) getroffen. Im Unterschied zu Joram, der sofort (tot?) zusammenbricht, kann Ahab noch bis zum Abend weiterkämpfen, bevor er stirbt.

8.4.2. Steinschleuder und ballistische Artillerie

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 11 Krieger mit Steinschleuder (Tell Ḥalāf in Nordsyrien; 9. Jh. v. Chr.).

8.4.2.1. Steinschleuder. Gegenüber dem Bogen weist die Steinschleuder den Vorteil einer ständigen Verfügbarkeit von Geschossen auf. Allerdings setzt ihre Beherrschung ein hohes Geschick voraus. Ri 20,16 nennt unter den 26.700 Kämpfern Benjamins 700 Männer, deren rechte Hand gelähmt (?) war und die mit der Steinschleuder ein Haar treffen konnten. Entweder sind hier Kämpfer gemeint, die trotz (oder aufgrund) ihrer körperlichen Einschränkung die Schleuder perfekt beherrschten, oder aber die als Linkshänder über ein besonders Geschick verfügten. Dem Erzähler der David-Goliat-Geschichte (→ Goliat) zufolge besaß der geschleuderte Stein genügend Wucht, um in den Schädel des Gegners „einzutauchen“ (1Sam 17,49).

Die Schleuder scheint nicht immer und überall in Gebrauch gewesen zu sein. Das Ägypten des Alten und Mittleren Reiches hat wahrscheinlich auf ausländische Söldner, die die Waffe beherrschten, zurückgreifen müssen. (Bonnets, 1926, 115f., Deutung des schon mittelägyptisch belegten Wortes rwč als Schleuder lässt sich nicht aufrechterhalten; gemeint ist vielmehr die Bogensehne; vgl. Wb 2,410). Als Geschosse scheinen im biblischen Israel nur Steine verwendet worden zu sein. Über die Verwendung von Blei als Munition, das gegenüber dem Stein eine höhere Reichweite und Durchschlagskraft hat, wie es aus römischer Zeit belegt ist (Sextus Aurelius Propertius IV,3,65), sagen die altorientalischen und ägyptischen Quellen nichts.

Wohl nicht zufällig nennt Sach 9,15 die Schleudersteine als gefährlichste Waffe der Feinde der JHWH-Treuen. JHWH hält schützend seinen Schild vor seine Getreuen, sodass die Schleudersteine wirkungslos an diesem abprallen. Inhaltlich bleibt an dieser Stelle umstritten, ob die Schleudersteine fressen und zermalmen oder ob die JHWH-Treuen unter dem Schutz des göttlichen Schildes mit dem eschatologischen Mahl beginnen, wobei die tödlichen Geschosse ihnen nichts anhaben können. Ungeachtet dieser Unsicherheit setzt die Stelle eine rezipientenseitig bekannte und verinnerlichte Gefährlichkeit der ballistischen Kriegstechnik voraus.

8.4.2.2. Katapult. Bei den in hellenistischer Zeit in Palästina bekannt gewordenen Katapulten dürfte es sich um eine Technik gehandelt haben, die vornehmlich bei der Belagerung von Städten zum Einsatz kam. Ausführlich berichtet Diodor (14,42), dass Dionysius um das Jahr 400 v. Chr. beim Kampf gegen Karthago auf die neue Technik setzte, wobei er auserlesene und bestbezahlte Handwerker mit der Konstruktion der Maschinen beauftragte. Dass die Katapulte, wie später in römischer Zeit belegt (Tacitus, Historien 3,23; Text gr. und lat. Autoren), verheerende Auswirkungen in der offenen Feldschlacht gezeigt haben, ist eher unwahrscheinlich. Abgesehen von der bekannten Würdigung der Schleuderwaffe in 1Sam 17 taucht diese in der Hebräischen Bibel auffallend selten auf.

Zeichnung Hendrik Alexander Walz, © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124775)

Abb. 12 Soldaten mit Steinschleuder (Ninive; 700-692 v. Chr.).

Eine assyrische Darstellung aus Ninive zeigt eine reguläre Abteilung von Schleudersoldaten. Die mit einem Helm und einem verstärktem oder leicht gepanzertem Obergewand geschützten Soldaten handhaben die Schleuder mittels zwei ungleich langer Seilenden. Nach der Darstellung feuern die Schützen gleichzeitig während des Vormarsches. In der Realität des Kampfes, insbesondere unter den Bedingungen einer Belagerung, dürfte der Einsatz allerdings weniger schematisch erfolgt sein.

8.4.3. Speer und Spieß

Im Kampf wurden auch Speer (חֲנִית ḥǎnît) und Spieß (רֺמַח romaḥ) verwendet. Vom רֺמַח romaḥ „Spieß“ wird nirgends gesagt, dass er als Schleuderwaffe eingesetzt wurde. Er gehört nach Neh 4,10 mit Schild, Bogen und Panzer zur Bewaffnung derjenigen, die den Mauerbau in Jerusalem absicherten. Der Ausdruck ist überwiegend im → Chronistischen Geschichtswerk belegt. Vom חֲנִית ḥǎnît „Speer“ ist dagegen überwiegend in den → Samuelbüchern die Rede. Als Waffe Goliats kommt er gar nicht erst zur Anwendung: David kann seine Steinschleuder aus einer größeren Entfernung einsetzen. Eindeutig als Wurfwaffe kommt er in 1Sam 18,11; 1Sam 20,33 zum Einsatz. De Vaux (1960 50) hat für 1Sam 17,2 aus dem Vergleich des חֲנִית ḥǎnît mit dem מְנוֹר mənôr „Weberbaum“ (→ weben) schließen wollen, dass dieser mit einem Riemen versehen war, mit dem die Wurfweite gesteigert werden konnte. Wahrscheinlich soll der Weberbaum-Vergleich zusammen mit der Gewichtsangabe nur die Schwere der Wurfwaffe andeuten. Bemerkenswert ist der Gebrauch der חֲנִית ḥǎnît in 2Sam 2,22. Während seiner fingierten Flucht vor Asael warnt Joab diesen mehrfach davor, die Verfolgung fortzusetzen. Nachdem seine Rede keinen Erfolg hatte, durchsticht Abner den Körper seines Verfolgers mit der stumpfen Seite der Waffe.

8.4.4. Schwert

Mit ca. 400 Belegen stellt das Nomen חֶרֶב ḥæræv „Schwert“ die am häufigsten begegnende Waffe dar. Allerdings kommt dieses fast ausschließlich im Zusammenhang mit formelhaften Wendungen wie „mit der Schärfe des Schwertes (לְפִי חֶרֶב ləfî ḥæræv) schlagen / erschlagen“ vor. Ob damit die Spitze oder die Schneide der Waffe gemeint ist, kann nicht festgestellt werden. Es muss somit offen bleiben, ob das Schwert als Hieb- oder als Stichwaffe bzw. als beides seinen Einsatz fand. Auf den assyrischen Reliefs fällt auf, dass zwar fast alle Soldaten mit Schwertern gegürtet sind, ein Schwert aber nirgends direkt im Kampf eingesetzt wird. Möglicherweise diente das Schwert in Assur in erster Linie als Ausdruck kriegerischer Würde. Allerdings ist in den assyrischen Inschriften, wie in der Hebräischen Bibel, häufig vom Erschlagen der Feinde mit dem Schwert die Rede (vgl. die Textbeispiele bei Kuan, 1995, 30f.52). Wie unterschiedlich Größe und Verwendung von Schwertern sein können, zeigen die beiden Episoden in 1Sam 17 und 2Sam 20. Nachdem David den Goliat mit dem Schleuderschuss getötet hat, nimmt er dessen Schwert und schneidet (כרת krt) dessen Kopf ab (1Sam 17,51). Mayer (1995, 462) kommentiert die assyrischen Enthauptungsdarstellungen so, dass aufgrund des weichen Materials die Köpfe der besiegten Gegner nicht mit einem Schlag abgetrennt, sondern diese regelrecht abgeschnitten worden sind. Möglicherweise setzt 1Sam 17,51 den Einsatz von eisernen Schwertern voraus (zur möglichen Datierung vgl. Kunz, 2004, 90ff.). Immerhin ist hier ein Schwert vorausgesetzt, dass für die Enthauptung robust genug ist. Ein ganz anderes Schwert kommt bei der Ermordung Amasas durch Joab zum Einsatz. Joab tritt an Amasa heran, küsst ihn, nachdem er unbemerkt das Schwert aus der Scheide hat gleiten lassen und schlägt (נכה nkh) dieses gegen Amasas Leib, sodass dessen Eingeweide herausfallen (2Sam 20,8-10). Ganz anders als beim Schwert Goliats ist hier an eine kurze Waffe mit scharfer Spitze und Klinge gedacht.

9. Versorgung der Truppe, Kriegsbeute und Gefangene

Auch wenn es erzählpragmatische Gründe dafür gibt, dass der für den Kampf noch zu junge David ja aus irgendeinem Grund auf den Kampfplatz kommen muss, hat der Erzählzug, dass David seinen älteren Brüdern Nahrungsmittel bringt, sicher einen realen Hintergrund. Die drei Brüder erhalten einen Efa, also etwas mehr als 20 Liter Röstgetreide und zehn Brote. Die Getreidemenge entspricht ca. 7-8 kg und weist somit (bezogen auf heutige Sorten) einen Nähwert von 21.000-24.000 kcal auf. Geht man von einer durchschnittlichen Getreideration von ca. 2 Liter pro erwachsenen Mann im Alten Orient aus, würde dies der Kalorienmenge von zehn Tagesrationen entsprechen. Hinzu kommen noch die zehn Brote unbestimmbarer Größe.

Um Davids Zorn zu beschwichtigen, bringt → Abigail zur Verpflegung der 600 Männer Davids 200 Brote, fünf Schafe, fünf Seah Röstgetreide, 100 Rosinen- und 200 Feigenkuchen herbei (1Sam 25,18). Allerdings dürfte es sich hierbei weniger um Rationen für mehrere Tage handeln, vielmehr zielt Abigails Strategie darauf, David mit einem einmaligen und üppigen Bankett zu besänftigen.

Gegenüber den sehr spärlichen Hinweisen auf die Requirierung von Nahrungsmitteln durch die siegreichen Eroberer (vgl. Klgl 1,11) wird das Aufbringen von Gefangenen und Beute relativ häufig thematisiert. Die Ausdrücke für „Gefangene“ (שְׁבִי šəvî; אָסִיר ’āsîr) weisen ca. 70 Belege auf (mit denen allerdings nicht nur auf Kriegsgefangene, sondern auch auf Gefangene allgemein verwiesen wird); Beute (שָׁלָל šālāl) begegnet mit derselben Häufigkeit.

Dass Kriegsgefangene bei Bauprojekten eingesetzt worden sind, wird nur gelegentlich erwähnt (2Sam 12,31 sowie in der → Mescha-Inschrift, Z. 25f. Offensichtlich gab es für die Versklavung von kriegsgefangenen Männern keine ökonomische Notwendigkeit. Dass Frauen besiegter Ethnien und Städte sexuell ausgebeutet wurden, wird mehrfach als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Sowohl in Ri 5,30 als auch in der Mescha-Inschrift (Z. 16) werden diese als רחמת rḥmt bezeichnet. Es ist durchaus möglich, dass mit dem Ausdruck die betroffenen Frauen sehr drastisch als „Genitalien“ bezeichnet werden. Dtn 21,10-14 macht deutlich, dass sowohl die Gefangenschaft als auch die sexuelle Ausbeutung für die betroffene Frau seelisches Leid bedeuten. Der Betroffenen soll ein Trauermonat eingeräumt werden, anschließend kann die Ehe vollzogen werden. Dem Mann wird danach ein Verkauf der Frau verwehrt, da er ihr Gewalt angetan habe (ענה ‘nh Pi.). Damit wird die sexuell ausgebeutete kriegsgefangene Frau mit dem Vergewaltigungsopfer in Dtn 22,24.29 gleichgestellt: In allen Fällen wird betont, dass der erzwungene Sexualverkehr die Frau demütigt (ענה ‘nh Pi.).

10. Ein vorstaatlicher Heerbann?

In der älteren Literatur wird die mehrfach erwähnte Existenz eines Heerbanns in vorstaatlicher Zeit als historische Realität angesehen. Die Literatur Israels beschreibt die Aufstellung des Heerbanns als einen aus mehreren Elementen bestehenden Vorgang: Eingeleitet wird dieser durch das Blasen des Schofar-Horns (→ Musikinstrumente), darauf folgt das Versammeln der Kämpfer, der Zug in den Kampf, die Zusicherung, JHWH habe die Gegner „in die Hände gegeben“ und schließlich erfolgt eine kurze Notiz über den Sieg bzw. die Vernichtung der Feinde (vgl. Ri 3,27-29). Der Vorstellung vom Heerbann liegt das Ideal zugrunde, nach dem sich in Zeiten kriegerischer Konfrontation mehr oder weniger alle kampffähigen Männer aller zwölf Stämme freiwillig unter einem einzigen Kommando vereint hätten. Erst die Etablierung des Königtums habe anstelle des Heerbanns die effektivere Berufsarmee möglich gemacht und die militärische und politische Macht, die dieser innehatte, in die Hände des Königs gelegt.

Die Idee vom Heerbann Israels in vorstaatlicher Zeit dürfte gleich zwei Idealvorstellungen entspringen. Einerseits entspricht es dem idealisierten Geschichtsbild der deuteronomistischen Literatur und ihrer Quellen, dass Israel sich auch ohne einen König und freiwillig zu einer großen Streitmacht gegen seine benachbarten Feinde zusammenschließen konnte. Zugleich scheint der Gedanke eines Heerbanns, der in der Hebräischen Bibel terminologisch nicht einmal belegt ist, entsprechenden mittelalterlichen europäischen Gepflogenheiten (bzw. ihrer nachträglichen Idealisierung zu entstammen), der dann auf Israel projiziert worden ist. In erster Linie wird dabei übersehen, dass die Institution eines Heerbanns ökonomische und soziale Vorbedingungen hat. Diese betreffen unter anderem die Wehrpflicht von Grundbesitzern, die Notwendigkeit, für Waffen, Ausrüstung und Ausbildung selbst aufzukommen, sowie die Gepflogenheit, dass sozial höher gestellte Personen automatisch militärische Führungspositionen innehaben.

Aufgrund der neueren archäologischen Erkenntnisse, die die Besiedlung des judäischen Berglandes in der frühen Eisenzeit als recht dünn gesät betrachten, wird man mit der Annahme eines personenintensiven Instrumentariums wie des Heerbanns in vorstaatlicher Zeit vorsichtig sein müssen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 5. Aufl., München / Zürich 1994-1995
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Der Neue Pauly, Stuttgart / Weimar 1996-2003

2. Weitere Literatur

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  • Zwickel, W., 2010, Biblischer Alltag: Ortsgrößen und Einwohnerzahlen, WUB 56.2, 72-75

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Assyrische Soldaten foltern Judäer nach der Eroberung von Lachisch; zwei Kinder sehen den Tortouren zu (Palastrelief aus Ninive; 700-692 v. Chr.). Zeichnung Theresa Steckel; © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124906)
  • Abb. 2 Der Belagerungskampf um eine Stadt I: Die Bevölkerung wird nach der Eroberung deportiert (Nimrud, Nordwest-Palast; 865-860 v. Chr.). Zeichnung Theresa Steckel; © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124554)
  • Abb. 3 Der Belagerungskampf um eine Stadt II (Nimrud, Nordwest-Palast; 865-860 v. Chr.). Zeichnung Theresa Steckel; © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124554)
  • Abb. 4 Der Belagerungskampf um eine Stadt III (Nimrud, Nordwest-Palast; 865-860 v. Chr.). Zeichnung Theresa Steckel; © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124554)
  • Abb. 5 Der Belagerungskampf um eine Stadt IV (Nimrud, Nordwest-Palast; 865-860 v. Chr.). Zeichnung Theresa Steckel; © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124554)
  • Abb. 6 Die Belagerung von Lachisch (Palastrelief aus Ninive; 700-692 v. Chr.). Zeichnung Hendrik Alexander Walz, © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124906)
  • Abb. 7 Streitwagen gaben ägyptischen Truppen in der Zeit des Neuen Reichs eine neue Reichweite (Ramses II.; Ramesseum in Theben, 13. Jh.). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 8 Dreispännige assyrische Streitwagen, auf denen jeweils ein Lenker und ein Bogenschütze stehen (Relief aus Nimrud, Nord-West-Palast Assurnasirpals II.; 883-859 v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 9 Ein Reiter mit Lanze auf einem Pferd jagt einen Kamelreiter (mesopotamisches Rollsiegel; 6.-5. Jh. v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 10 Bogenschütze (Tell Halaf, Außenwand des Westpalastes; 1. Hälfte 9. Jh. v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 11 Krieger mit Steinschleuder (Tell Ḥalāf in Nordsyrien; 9. Jh. v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 12 Soldaten mit Steinschleuder (Ninive; 700-692 v. Chr.). Zeichnung Hendrik Alexander Walz, © Andreas Kunz-Lübcke (British Museum, WA 124775)

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