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Lexikon

Hazor

Wolfgang Zwickel

(erstellt: März 2014)

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1. Name und Ortslagen

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Hazor.

Der hebräische Begriff Hazor (חָצוֹר ḥāṣôr) bedeutet „Gehöft / Einfriedung“ und meint eine kleine, von einer Mauer umgebene Siedlung, die von einer Kleinfamilie oder allenfalls von wenigen Familien bewohnt wird. Ägyptisch ist Hazor als ḥḏr und keilschriftlich als ẖa-ṣu-ra belegt. Die → Septuaginta gibt den Namen mit Aσωρ Asōr wieder, Vulgata mit Asor.

Insgesamt finden sich im Alten Testament sechs verschiedene Orte namens Hazor. Fünf sind dem Sinn des Namens entsprechend relativ unbedeutend, während der 6. Ort in der Mittel- und Spätbronzezeit die größte Stadt Palästinas bildete.

1) In Jos 15,23.25 werden drei Ortslagen Hazor genannt, die im 1. Gau Judas lagen, der sich im Südwesten des Landes befindet. Allerdings ist die Textüberlieferung hier zum Teil sehr unsicher. Alle Ortslagen, die wohl entsprechend des Wortsinns sehr klein waren, können kaum lokalisiert werden. → Eusebius kannte noch eine dieser Ortslagen in der Nähe von → Askalon (Onomastikon 20,3-5, Eusebs Onomastikon). 2) Das in Neh 11,33 erwähnte Hazor in Juda Benjamin lag wahrscheinlich 10 km nordwestlich von Jerusalem und kann mit Chirbet Biʼar (Koordinaten: 1691.1374) bei Chirbet Hazzūr (Koordinaten: 1685.1376) identifiziert werden. 3) In Jer 49,28.30.33 sind wohl in der Wüste gelegene „Gehöfte“ gemeint, in denen halbansässige arabische → Nomaden lebten.

Im Folgenden soll nur auf den bekannten und für die Geschichte des Landes wichtigen Ort Hazor eingegangen werden, der im Alten Testament allerdings nur relativ selten erwähnt wird (s.u. 3.3.2. und 3.5.1.).

2. Identifikation, Lage und Grabungsgeschichte

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 19.4.2014; Beschriftung Klaus Koenen

Abb. 2 Areale und wichtige Funde in Hazor.

Hazor wurde schon früh mit Tell el-Qedaḥ (Koordinaten: 2035.2693; N 33° 01' 05.65'', E 35° 34' 08.59'' identifiziert; diese Identifikation wurde durch die Ausgrabungen hinlänglich bestätigt.

Die Lage von Hazor ist außerordentlich günstig. Der Ort liegt an der äußerst wichtigen überregionalen Straße, die von Ägypten und der südlichen Mittelmeerküste Palästinas kommt und über Megiddo sowie am See Genezareth vorbei Hazor erreicht. Von dort geht sie Richtung Norden weiter nach → Aleppo und → Karkemisch. Zugleich zweigt bei Hazor eine Straße ab, die bei Ğisr Benāt Ja‘qūb (2534.2675) den Jordan überquert und über → Damaskus östlich des Antilibanongebirges nach → Mari zum → Eufrat führt. Damit liegt Hazor am Vereinigungspunkt der beiden wichtigsten Nord-Süd-Trassen durch Syrien (zum Straßennetz → Handel; → Karawane). Zudem liegt die Stadt nahe beim Hulesee, der sicherlich schon früh für Fischfang, aber auch für die Jagd auf dort trinkende Wildtiere genutzt wurde. Ferner bieten die fruchtbaren Äcker im Norden des Hulesees eine gute Möglichkeit der Versorgung für die Bevölkerung. Allerdings reichte das Territorium des Hulesees in der Bronzezeit nicht aus, um die große Bevölkerung von Hazor ausreichend mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen.

© Wolfgang Zwickel

Abb. 3 Blick vom Tell auf die Unterstadt.

Das alte Stadtareal besteht aus einer Oberstadt (ca. 12 ha) und einer rund 70 ha großen Unterstadt, die von einem Wall umgeben war. Die Unterstadt war nur während der Mittel- und Spätbronzezeit besiedelt.

Erste Ausgrabungen führte 1928 J. Garstang durch, ohne jedoch die Bedeutung der Stadtanlage wirklich wahrzunehmen. Von 1955-1958 sowie 1968 leitete Y. Yadin Grabungen. Seit 1990 wird hier wieder gegraben, zunächst unter der Leitung von A. Ben-Tor, dann von Sh. Zuckerman.

3. Geschichte

Tabelle 1: Stratigraphie von Hazor.

Tabelle 1: Stratigraphie von Hazor.

Die Geschichte Hazors kann trotz einer recht guten biblischen und außerbiblischen Textüberlieferung nur in einer Zusammenschau des archäologischen Befundes und der Textexegese erschlossen werden. Die Stratigraphie ist umstritten. Tabelle 1 bietet eine Konkordanz zur Stratigraphie von Hazor. Für die nachfolgende Geschichtsdarstellung sind die Daten der rechten Spalte zugrunde gelegt.

3.1. Die Frühbronzezeit – Gründung und erste Besiedlung

Hazor scheint in der Frühbronzezeit III (und nicht, wie Yadin annahm, bereits in Frühbronzezeit II) gegründet worden zu sein (Stratum XXI). Die bislang in dieser Schicht nachgewiesenen vereinzelten Mauerzüge lassen sich noch nicht zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Wie viele andere Orte auch scheint Hazor zunächst in der Frühbronzezeit IV verlassen worden zu sein. Zahlreiche Scherben aus der nicht-urbanen Zwischenzeit (2200-2000), denen aber kein einziger Bau zugeordnet werden konnte, zeigen an, dass in dieser Epoche, der das Stratum XVIII zugewiesen wurde, Menschen in Zelten auf dem Tell gewohnt haben müssen (Hazor III/IV. Text, 5f.123-126; Hazor V, 194). Immerhin ist Hazor eine der wenigen Ortschaften nördlich des Sees Genezareth, für die zu dieser Zeit überhaupt eine Besiedlung nachgewiesen ist.

3.2. Die Mittelbronzezeit IIB – Großstadt mit internationalen Beziehungen (18.-16. Jh.)

3.2.1. Hazor in den Briefen aus Mari

In der syrischen Stadt → Mari, einem bedeutenden Stadtzentrum am → Euphrat, wurden in Straten des 18. und 17. Jh.s v. Chr. bislang 15 Texte gefunden, die ein Hazor erwähnen und vermutlich das zur Diskussion stehende meinen (zusammengestellt in: HTAT 63ff). Es ist wahrscheinlich die einzige palästinische Stadt in diesem Textcorpus (die Nennung von Lajisch in diesen Texten ist stark umstritten, hinzu kommt, dass die Gleichsetzung mit → Dan zweifelhaft ist). Offensichtlich standen die Metropolen der damaligen Zeit in einem engen diplomatischen Kontakt zueinander. Es scheint einen intensiven Botenverkehr zwischen Mari und Hazor gegeben zu haben. Andere Texte erwähnen ausdrücklich die Versorgung der auswärtigen Boten durch den König von Mari mit Nahrungsmitteln wie Fleischstücken und Wein sowie mit Geschenken. Am interessantesten sind zwei Texte, die offensichtlich von intensiven Handelsbeziehungen zwischen Hazor und Mari zeugen. In dem einen Text werden mindestens 10 Minen (ca. 5 kg) Zinn nach Hazor geliefert, der andere Text erwähnt sogar 70 Minen Zinn (ca. 35 kg), verteilt auf drei Lieferungen. Zinn wurde zur Herstellung von Bronze gebraucht; das an sich weiche Kupfer wurde durch die Mischung mit Zinn erheblich gehärtet. Da das Verhältnis Kupfer : Zinn im Altertum zwischen 6:1 und 9:1 schwankte, konnte man mit dem gelieferten Zinn über 300 kg Bronze herstellen. Zinn wurde in jener Zeit wahrscheinlich in Afghanistan abgebaut. Mari organisierte folglich nur den Zwischenhandel über sehr weite Strecken hinweg – und dürfte bei diesem Handel gut profitiert haben. Waren die in den Mari-Briefen (HTAT 77-79) erwähnten goldenen und silbernen Gaben die Bezahlung für die Zinnlieferungen, dann hätte Hazor im Austausch dafür das aus Ägypten oder Somalia stammende Gold nach Mesopotamien gehandelt.

Aus den Maribriefen ist auch bekannt, dass ein Herrscher des Königshauses in Hazor zu dieser Zeit Ibni-Adad hieß. Man kann aus diesem Namen schließen, dass das Königshaus in Hazor wohl den Sturmgott → Hadad als Gewährsgottheit für den Bestand des Königtums angerufen hat.

3.2.2. Hazor in den ägyptischen Ächtungstexten

Etwa aus derselben Zeit stammt die jüngste Gruppe der → Ächtungstexte (Gruppe Posener [18. - Mitte 17. Jh. v. Chr.], E15; HTAT 38). Hier werden Hazor und dessen Herrscher Gti genannt. Mit diesem Text wird deutlich, dass die Ägypter einen Herrschaftsanspruch auf das Gebiet Palästinas und damit auch der aufstrebenden Stadt Hazor erhoben. Andererseits profitierten die Ägypter von dem Handelszentrum Hazor, das von ihnen sicherlich ebenfalls als Umschlagplatz für Waren genutzt wurde.

3.2.3. Keilschrifttexte aus Hazor

Auch in Hazor selbst wurden Keilschrifttexte aus dieser Zeit gefunden (HTAT 82f). Die in diesen Texten genannten Personennamen sind vornehmlich amoritisch, so dass vermutet werden kann, dass Amoriter die Oberschicht in Hazor bildeten. Als theophores Element findet sich vor allem der Name des Sturm- und Wettergottes Addu / Hadad. Ein Prozesstext zeigt, dass der König für Rechtsverhandlungen in der Stadt zuständig war. Durch einen Brief, in dem es um Abgaben und Opfertierlieferungen nach Mari geht, sind die intensiven Handelsbeziehungen mit der mesopotamischen Stadt nun auch in Texten aus Hazor belegt.

3.2.4. Archäologischer Befund

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 4 Südlicher der beiden Tempel von Areal A.

In die Zeit der ersten schriftlichen Erwähnungen Hazors unter König Zimrilim von Mari (1773-1759 v. Chr., nach der mittleren Chronologie) fällt nach dem bisherigen Kenntnisstand eine allmähliche Wiederbesiedlung der Oberstadt von Hazor. Nach einer Siedlungslücke scheint Hazor im späten 19. Jh. und frühen 18. Jh. zunächst spärlich wiederbesiedelt worden zu sein. Aus der Übergangszeit von MB IIA zu MB IIB (Stratum vor-XVII) stammen einige Gebäudereste sowie das äußerst reichhaltige Grab 1181 mit 130 vollständig erhaltenen oder restaurierbaren Gefäßen. Dieses nach dem bisherigen Kenntnisstand nur dünn besiedelte Stratum war Ausgangspunkt für die wirtschaftliche Blütezeit Hazors.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 5 Stelenbezirk von Areal A (rechts).

In der Mittelbronzezeit IIB wurde dann aus der relativ unbedeutenden und auf kleine Areale der Oberstadt begrenzten Ortslage eine 84 ha große Stadtanlage, zu der auch eine gewaltige Unterstadt gehörte. In der Oberstadt konnten von Stratum XVII und XVI, die die Mittelbronzezeit IIB umfassen (1750-1550 v. Chr.), bislang nur einige wenige Mauern größerer Gebäude nachgewiesen werden. Die Ausgrabungen waren hier jeweils durch jüngere Bauten, die nach der Ausgrabung rekonstruiert wurden, stark behindert, so dass eine genauere Klärung der Befunde nicht möglich ist. In Areal A fand sich ein Langraum-Tempel aus Str. XVI (Süd-Tempel) mit Eingang im Osten, einer breiten Nische im Westen und einer Favissa im Zentrum. Außer vielen Knochen wurden hier mehrere Metallfigurinen gefunden. Südlich daran grenzt ein Raum, der dem mittelbronzezeitlichen Palast zugerechnet wird, welcher unter dem Vorplatz des spätbronzezeitlichen Palastes zu suchen ist. Zur Spätphase der Mittelbronzezeit gehört ein im Areal A etwas weiter südlich gelegenes offenes Heiligtum mit ca. 30 Stelen, einigen Opferplatten und Steinbecken.

Ergiebig sind auch die Grabungen in der Unterstadt, einem riesigen, bis dahin nicht besiedelten Gelände. Die Unterstadt war von einem mächtigen Erdwall mit bis zu 90 m Breite und 15 m Höhe sowie einem Graben umgeben. Auf dem Wall dürfte eine Lehmziegelmauer einen zusätzlichen Schutz geboten haben. Allein die Errichtung dieser gewaltigen Anlage muss Hunderte von Arbeitskräften beschäftigt haben, deren Versorgung eine Überschussproduktion bzw. Handelsgewinne voraussetzt.

In Areal C wurden Wohnhäuser der Straten 4 und 3 freigelegt (für die Straten der Unterstadt werden arabische Zahlen verwendet). Unter den Fußböden fanden sich in den Räumen zahlreiche Kindergräber in großen Vorratskrügen. In drei Fällen wurden auch Erwachsene unter den Fußböden bestattet.

In Areal F wurden in MB IIB bis zu 2 m hohe und 1 m breite Tunnel angelegt, die auf einer Länge von über 100 m verfolgt werden konnten. Sie führen vom Inneren der Stadt nach außen und sind leicht zum Stadtrand hin geneigt. Die Ausgräber haben erwogen, dass das Tunnelsystem einzelne Gräber verbunden haben mag. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Tunnel das Regenwasser, das sich bei starken Regenfällen im Stadtgebiet sammelte, nach außen ableiten sollten. In Stratum 3 wurde ein nur höchst fragmentarisch zu geringen Teilen erfasstes Gebäude von ca. 46 x 23 m Größe ausgegraben, das von Yadin (dem Sin-Schamasch-Tempel in Assur entsprechend) als Doppeltempel gedeutet wurde. Weder die aufgefundenen Architekturreste noch die Funde rechtfertigen jedoch diese Interpretation. Vielmehr wird man an einen Palast mit zwei Höfen zu denken haben.

Von besonderer Bedeutung sind schließlich die Funde in Areal H. Zwar wollten die Ausgräber dort den späteren Tempel der Schichten 1B/1A erhalten, doch konnten sie an einigen Stellen nachweisen, dass unter diesem Tempel ein weiterer lag, der weitgehend dieselben Grundmaße aufwies. Das Gebäude war 19,75 x 18 m groß und wies eine Mauerstärke von ca. 2,2 m auf. Im Inneren teilte eine Quermauer einen rückwärtigen Breitraum, den eigentlichen Kultraum mit einer Nische, von einem Vorraum mit zwei flankierenden Torräumen ab. Angesichts der großen Mauerstärke dürfte sich in diesen Torräumen ein Treppenaufgang zum Dach oder Obergeschoß befunden haben. Vermutlich waren die Orthostaten, die die Wände des Tempels des Stratums 1B bekleideten, schon Bestandteil der Wandverkleidung in Stratum 3. Auch der in Stratum 1B vergrabene Löwe und das später in der Oberstadt gefundene Analogstück dazu könnten schon in Stratum 3 verwendet worden sein. Die Löwen, die Orthostaten und die Nische in der Rückwand (statt des typisch palästinischen Podiums) zeigen hier einen starken nordsyrischen Einfluss, wie er ja auch auf Grund der intensiven Handelsverbindungen Hazors nach Norden hin zu vermuten ist. Hazor war eine nach Norden – und damit auf reichere Regionen – hin ausgerichtete Stadt, die dann den Weiterhandel für das ärmere Palästina übernahm.

Spätestens in Schicht 3 scheint Hazor somit einen ersten Höhepunkt der Baumaßnahmen erreicht zu haben. Da der Tempel in Areal H noch nicht in Stratum 4 existierte, scheinen erst in Stratum 3 die nötigen finanziellen Mittel vorhanden gewesen zu sein, um die Stadt noch weiter auszubauen. Allerdings war offensichtlich nicht das ganze Stadtareal bewohnt. Vielmehr scheint es Flächen gegeben zu haben, die als Grabstätten (Areal D) und für die Wasserversorgung (Areal D und E) genutzt wurden. Trotzdem kann man bei einer Siedlungsdichte von rund 250 Einwohnern pro Hektar davon ausgehen, dass in der 84 ha großen Stadtanlage rund 21.000 Menschen lebten. Eine solche Großstadt musste entsprechend versorgt werden. Wenn eine fünfköpfige Familie rund 5,5 ha Land zur Eigenversorgung durch Ackerbau benötigt, so müssen rund 230 Quadratkilometer Land für die Versorgung der Stadt angenommen werden. Im Falle Hazors muss dabei die landwirtschaftliche Produktivität sogar entsprechend hoch gewesen sein, da ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung mit Handel und Bauaktivitäten beschäftigt war.

Wie an anderen Orten dieser Epoche ist in Hazor das Stratum 3 von einer dicken Ascheschicht bedeckt. Diese dürfte auf einen Feldzug des Ahmose (1540-1515 v. Chr.), des Gründers der ägyptischen 18. Dynastie, zurückzuführen sein, als er die Hyksos aus Ägypten vertrieb und ihnen bis nach Palästina nachsetzte. Möglicherweise haben die Hyksos aber auch selbst die Ortslagen bei ihrem Rückzug zerstört. Nach Ben-Tor wurde Hazor am Ende der Mittelbronzezeit jedoch nicht zerstört, der Übergang zur Spätbronzezeit gestalte sich vielmehr als ein langsamer Prozess (2013, 82f).

3.3. Die Spätbronzezeit – Palast und Tempel in der Oberstadt (15.-13.Jh.)

3.3.1. Hazor in ägyptischen Quellen

© Zeichnung S. Halama für den WiBiLex-Artikel Palast nach R. Bonfil / A. Zarzecki-Poleg, The Palace in the Upper City of Hazor as an Expression of a Syrian Architectural Paradigm (BASOR 348) 2007, 25-47, Fig. 4

Abb. 6 Grundriss des Oberstadtpalastes von Hazor (Spätbronzezeit).

Erst im 15. Jh. wird Hazor wieder in der Ortsnamensliste Thutmosis’ III. (1479-1426 v. Chr.) genannt. Bei seinem Feldzug nach Palästina hat dieser Pharao demnach auch Hazor passiert. Nochmals findet sich eine Nennung Hazors in der Ortsnamensliste Amenophis’ II. (1426-1401 v. Chr.). Aus derselben Zeit stammt auch der Papyrus Leningradensis 1116A rto., der die Versorgung adeliger Boten aus Palästina, u.a. aus Hazor, erwähnt.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 7 Eingang des Palastes der Spätbronzezeit; Baumstämme deuten ursprüngliche Säulen an.

Aus der Zeit → Echnatons (1353-1336 v. Chr.) stammen schließlich die → Amarnabriefe. In zwei Briefen werden die Hazoriter beschuldigt, benachbarte Regionen zu überfallen. So wendet sich Abimilki von → Tyrus an den ägyptischen Pharao mit dem Vorwurf, der König von Hazor habe sich mit den Hapiru-Leuten verbündet und würde nun in das Gebiet von Tyrus eindringen (EA 148 [EA = J.A. Knudtzon, Die El-Amarna-Tafeln. Mit Einleitung und Erläuterungen, Vorderasiatische Bibliothek 2, 2 Teile, Leipzig 1915]; HTAT 80f; → Hapiru). Offenbar hatte Hazor zu dieser Zeit großes Interesse, nach Westen zu expandieren und so auch am Handel entlang der libanesischen Küste teilzuhaben. Doch auch nach Osten in das Gebiet des Golan hinein versuchte Hazor sein Territorium zu vergrößern. Dies führte zu einer kriegerischen Auseinandersetzung mit den Bewohnern von Aschtarot (EA 364; HTAT 80f; → Baschan). Von diesen kriegerischen Attacken ist in den beiden Briefen (EA 227, 228; HTAT 79f), die Abdi-Tirschi, der König von Hazor, nach Ägypten schrieb, nichts zu bemerken. Vielmehr betont Abdi-Tirschi hier lediglich, dass er die Städte des Pharaos schützen, also dessen Eigentum absichern und verteidigen würde (EA 227,5f.; 228,10-17). Nun bittet Abdi-Tirschi den Pharao sogar, er möge sich doch an alles erinnern, was Hazor, der dem Pharao ergebenen Stadt, und Abdi-Tirschi, dem treuen und verlässlichen Diener des Pharaos, angetan worden sei. Auch wenn hier keine konkrete Nennung der Gegner Hazors fällt, so entspricht der Aufbau des Textes doch dem zahlreicher Amarnabriefe: Die eigene Stadt will der jeweilige König als treuen Vasallen der Ägypter darstellen, während die umliegenden Städte feindlich gesinnt sind und die innere Ordnung des Landes damit zu zerstören drohen.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 8 Thronsaal des Palastes der Spätbronzezeit; die Lehmziegelmauern sind mit Orthostaten verkleidet.

Nochmals erwähnt wird Hazor in der Ortsnamensliste Sethos’ I. (1290-1279 v. Chr.) und in Papyrus Anastasi I (Z. 528), der aus der Zeit → Ramses II. stammt (1279-1213 v. Chr.). Weiterhin ist Hazor unter ägyptischer Kontrolle, doch hat die Stadt trotz ihrer Größe scheinbar längst nicht mehr die dominante Rolle inne, die ihr offensichtlich im 18. Jh. v. Chr. zukam. Damit endet aber auch die außerbiblische Erwähnung der Stadt. Denn ob der Ort noch einmal in einer Ortsnamensliste Ramses’ III. (1184-1153 v. Chr.) genannt wird, ist angesichts des sehr fragmentarischen Zustands der Liste höchst umstritten und eher unwahrscheinlich.

3.3.2. Hazor in biblischen Quellen der Frühzeit

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 9 Treppe zwischen Ober- und Unterstadt (Areal M, Spätbronzezeit).

Die nächsten Belege für Hazor finden sich in biblischen Texten. Ob der aus der Königszeit stammende und dann noch einmal deuteronomistisch (→ Deuteronomismus) bearbeitete Text Jos 11,1-15, der schildert, wie → Josua Hazor erobert, sogar völlig zerstört und dessen König → Jabin tötet (→ Krieg), überlieferungsgeschichtlich vertrauenswürdiges Gut erhalten hat, ist in der Forschung sehr umstritten. Immerhin ist auffällig, dass mit der Nennung Jabins als König von Hazor (Jos 11,1) – dieser Name eines Königs von Hazor ist in einem, allerdings wesentlich älteren Keilschrifttext aus Hazor auch erwähnt und belegt die Benutzung dieses Königsnamens im Königshaus von Hazor – und der Notiz, Hazor sei einst das Haupt (d.h. die bedeutendste Stadt) aller Königreiche gewesen, zwei durchaus zutreffende Fakten erwähnt werden, die auf eine einigermaßen zuverlässige historische Erinnerung schließen lassen.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 10 Halle (Areal M, Spätbronzezeit).

Konkretes über diese Schlacht bei den Wassern von Merom (Jos 11,7) können wir leider nicht rekonstruieren; wir wissen noch nicht einmal, wo diese Schlacht konkret stattfand (zu möglichen Vorschlägen vgl. Rösel, 176-181). Immerhin dürfte hinter diesem Text eine zuverlässige Erinnerung an eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen israelitischen Stämmen und einigen kanaanäischen Königsstädten stehen, wobei wichtig ist, dass die Schlacht abseits der Städte stattfand und offenbar keine der Städte erobert wurde.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 11 Stierstatuette mit Zapfen zur Halterung vermutlich auf einer Holzplatte an den Füßen des Stieres (Bronze; Hazor; 5,5 x 4,5 cm; Späte Bronzezeit).

Eigens, aber ohne entsprechende Ausgestaltung, wird nach dem israelitischen Sieg über die galiläische Allianz der Stadtfürsten von Hazor, → Merom, Schimron, → Achschaf (die restlichen in Jos 11,2f. genannten Königtümer stellen eine sekundäre Ergänzung dar, vgl. Fritz, 119f.) in Jos 11,10 die Eroberung Hazors durch Josua berichtet. Da zu Jos 11,10a unbedingt auch V. 12f. gehören, diese Verse aber das deuteronomische Banngebot (Dtn 20,10-18; → Bann) bereits voraussetzen, wird es sich bei dieser Notiz um eine frühestens exilische Ergänzung handeln. Eine Einnahme Hazors durch die Israeliten ist somit nicht historisch zuverlässig überliefert, möglicherweise aber ein Sieg israelitischer Stämme über eine Koalition galiläischer Stadtfürsten. Der Niedergang der Stadt kann also nicht zwangsläufig mit der Landnahme der Israeliten in Verbindung gebracht werden.

3.3.3. Archäologischer Befund

Grundriss © Wolfgang Zwickel; Zeichnung © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 12 Grundriss und Zeichnung des Tempels von Areal H (Schicht 2).

In der Oberstadt wurden schon bald nach der Zerstörung der Schicht XVI in der Spätbronzezeit I ein neuer Tempel (Nord-Tempel unterhalb der eisenzeitlichen Toranlage) erbaut. In der Spätbronzezeit II wurde der zwischenzeitlich aufgegebene Süd-Tempel wiederaufgebaut und ein großer → Palast erbaut (Areal A; Str. XIV). Über einen Vorhof, dessen Seiten von Wänden und vorgelagerten Säulen begrenzt wurden und in dessen Mitte ein Podium stand, gelangte man durch einen Vorraum in den 12 x 12 m großen Thronsaal (?). Diese Anlage wird von Sharon Zuckerman angesichts der Ähnlichkeit mit dem Tempel von Areal H sowie von Knochen und kultisch gedeuteten Funden als Tempel interpretiert. Die Palastanlage war rund 65 x 55 m groß, die Mauern waren 3-5 m dick und innen mit glatten Orthostaten verkleidet. Der Fußboden bestand, wie beim Jerusalemer Tempel Salomos (1Kön 6,15), aus Holzbohlen, das Dach war gleichfalls mit Zedernbalken (vgl. 1Kön 6,9) gedeckt.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 1994)

Abb. 13 Der spätbronzezeitliche Tempel in Areal H.

In der Unterstadt ist die imposanteste Anlage der Spätbronzezeit ist der Tempel in Areal H, der in den Schichten 2, 1B und 1A belegt ist. Die Maße des Vorgängerbaus wurden übernommen. Die Wände waren weiter mit unbearbeiteten Orthostaten verkleidet. Da hier zahlreiche Kultgegenstände gefunden wurden, lässt sich der dort praktizierte Kult einigermaßen rekonstruieren. Es gab u.a. Podien, auf denen Opfergaben niedergelegt wurden, aber auch Libationen und Kultmusik.

© Wolfgang Zwickel

Abb. 14 Altar des spätbronzezeitlichen Tempels von Areal H.

In Areal C, gleichfalls in der Unterstadt gelegen, gab es einen kleinen Totentempel, vielleicht für die vergöttlichten Ahnen des Königshauses. Dort standen einige kleine Stelen (→ Mazzeben), die an die Ahnen erinnern sollten (→ Totenkult). Zudem fand man dort eine aus Basalt gefertigte Figurine eines sitzenden Mannes.

© Wolfgang Zwickel

Abb. 15 Fragment einer Basaltstatue mit einem stehenden Gott auf einem Stier (Areal H).

Die spätbronzezeitliche Siedlung von Hazor ging gewaltsam unter. Eine bis zu 1 m dicke Zerstörungsschicht ist ein sichtbarer Beleg dafür. Wer für diese Vernichtung verantwortlich ist, lässt sich kaum beweisen. Die Ausgräber denken auf Grund der biblischen Berichte an die Israeliten, die Hazor erobert haben sollen. Es ist aber sehr fraglich, ob das, was sich damals Israel nannte, schon über die militärische Kraft verfügt hatte, eine solch bedeutende Stadt einzuäschern.

© Wolfgang Zwickel

Abb. 16 Stelen (etwa 40 cm hoch) des Heiligtums in Areal C.

Ägyptische Könige, die einen Feldzug durchgeführt haben und denen die Zerstörung der Stadt zugeschrieben werden könnte, sind nicht belegt. Daneben könnte man natürlich auch an eine andere kanaanäische Stadt denken, die auf Grund interner Streitigkeiten Hazor eroberte. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass durch den allmählichen Zusammenbruch des Handels die Ortschaft laufend entvölkert wurde. Viele Menschen werden sich in den neu gegründeten Siedlungen Galiläas oder im Golan niedergelassen haben. Durch die zunehmende Entvölkerung ließ sich der Ort irgendwann auch nicht mehr gegen plündernde Hapiru-Gruppen verteidigen, so dass Hazor um 1200/1180 v. Chr. gänzlich aufgegeben wurde.

3.4. Eisenzeit I

In der → Eisenzeit I war nur ein Teil der Oberstadt besiedelt. Hazor hatte also seine bedeutende Rolle eingebüßt und war lediglich einer von vielen kleineren Orten im Lande. Die Ruinen des spätbronzezeitlichen Palastes blieben an der Oberfläche sichtbar.

Zunächst einmal folgte auf die Zerstörungsschicht mit Stratum XII eine eher ärmliche Siedlung, von der vor allem die Fundamente von Hütten und Zelten sowie Kochgelegenheiten und Vorratsgruben für Getreide nachgewiesen wurden. Allein in Areal B wurden auf einer Fläche von 25 x 15 m 22 derartige Vorratsgruben gefunden. Der einstmals blühende Ort schrumpfte demnach auf eine Handvoll Bewohner in der Oberstadt.

In Stratum XI scheinen dann wieder erste feste Wohnhäuser errichtet worden zu sein. Die wenigen nachgewiesenen Mauern in Areal B machen es wahrscheinlich, dass – wie an anderen Orten dieser Zeit – Häuser in einer Kreisform aneinandergebaut wurden, um so nach außen hin einen Schutz gegen Feinde darzustellen. Eine richtige Befestigung erhielt Hazor aber erst wieder in Stratum X.

3.5. Eisenzeit II – Zitadelle in der Oberstadt (10.-8. Jh.)

3.5.1. Hazor im Alten Testament

In der Eisenzeit II wurde die Stadt, die nun zum Stamm Naftali gerechnet wurde (Jos 19,36), wieder befestigt. Nach 1Kön 9,15 geschah das unter Salomo. Diese Zuweisung ist zwar stark umstritten, jedoch vertretbar. Nach 2Kön 15,29 wurde Hazor 733 v. Chr. von → Tiglat-Pileser III. zerstört und die Bevölkerung deportiert. Dies ist die letzte zuverlässige historische Erinnerung an den einst so bedeutenden Ort.

In Ri 4,2.17 wird Hazor noch einmal genannt (vgl. 1Sam 12,9). Obwohl der Ort nach der Erzählung von Jos 11 (s.o.) längst im Besitz der Israeliten sein müsste, wird hier erzählt, dass in Hazor ein König von Kanaan residierte, der wie der in Jos 11 besiegte König → Jabin heißt. Er und sein Feldherr → Sisera werden von dem israelitischen Heer unter → Barak, getrieben von der Prophetin und Richterin → Debora, in einer Schlacht beim Berg → Tabor in der Ebene von → Megiddo besiegt. Es handelt sich hier jedoch um einen deuteronomistischen Text, der erst in der Exilszeit entstanden ist und Informationen aus Jos 11,1-15 aufnimmt. Von diesem Text wiederum ist die Nennung Hazors in dem deuteronomistischen Geschichtsrückblick Jos 12,19 abhängig, während der etwa um 200 v. Chr. entstandene Text Tob 1,2 (Lutherbibel: Tob 1,1) einen Rückgriff auf 2Kön 15,29 darstellt. In der noch späteren → Juditerzählung wird Hazor als einer der Orte genannt, die um Hilfe gebeten werden (Jdt 4,4; nicht in Lutherbibel). Die ehemalige Bedeutung Hazors zeigt sich aber darin, dass noch im 2. Jh. v. Chr. der Jordangraben zwischen Dan und dem See Gennesaret als „Ebene von Hazor“ bezeichnet wurde (1Makk 11,67). In der Folgezeit findet sich keine Erwähnung des Ortsnamens mehr. Auch → Euseb (Onomastikon 30,22; Eusebs Onomastikon) kennt nur die biblischen Informationen aus Jos 19,36 und 2Kön 15,29, weiß aber nichts mehr über die konkrete Lage der ehemaligen Weltstadt (vgl. Onomastikon 20,1f.).

3.5.2. Archäologischer Befund

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 17 Hazor Areal A: Sechskammertor mit vorgelagerten Türmen, Kasemattenmauer, Pfeilerhaus, zwei Vierraumhäuser (Eisenzeit IIA).

Archäologisch gesehen beschränkte sich das besiedelte Areal während der Eisenzeit allein auf die Oberstadt. Hazor hatte also seine bedeutende Rolle eingebüßt, gehörte aber mit rund 6 ha Größe zu den größten eisenzeitlichen Orten im Lande. Selbst das relativ kleine Areal der Oberstadt war nicht vollständig besiedelt. Die Ruinen des spätbronzezeitlichen Palastes blieben an der Oberfläche sichtbar, so dass die besiedelbare Fläche der Oberstadt noch einmal erheblich reduziert wurde.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 18 Sechskammertor mit vorgelagerten Türmen (Areal A; Eisenzeit II).

Eisenzeit IIA. In Areal A wurden in Stratum X die Fundamente eines Sechskammertors mit einem beidseitig vorgelagerten Turm freigelegt, das die Stadtanlage nach Norden hin begrenzte. Ähnliche Tore wurden in Megiddo und Gezer entdeckt. An das Stadttor schloss sich eine Kasemattenmauer an. Toranlage und Kasemattenmauern bestanden weitgehend unverändert bis Stratum VI. Im Inneren der Mauer lief eine Straße parallel zu der Stadtmauer und trennte die Wohnhäuser ab, die sich dann anschlossen. In Areal A konnten mehrere Bauphasen der Wohnhäuser unterschieden werden (Xb, Xa, IXb und IXa). Der Bereich des ehemaligen spätbronzezeitlichen Palastes blieb als Ruine im Ortsinneren erhalten und wurde nicht weggeräumt.

In Areal B befand sich möglicherweise ein befestigtes Gebäude, von dem aber wegen der späteren Überbauung nur noch wenige Reste nachweisbar sind. Die Zerstörung der Schichten X und IX kann mit guten Gründen Ben-Hadad I. (ca. 900 v. Chr.) zugeschrieben werden, von dem zwar nicht ausdrücklich die Zerstörung von Hazor, aber doch die Verheerung der ganzen Region berichtet wird (1Kön 15,20). Wahrscheinlich wollte Ben-Hadad jedoch gar nicht die Kontrolle über dieses Gebiet erlangen, da er sie auf Dauer wohl nur schwerlich hätte verteidigen können. Vielmehr dürfte ihm daran gelegen gewesen sein, die Ortslagen zu zerstören, um so den Handel zu blockieren und damit Israel zu schwächen.

Hazor scheint schon bald wieder aufgebaut worden zu sein, wahrscheinlich unter → Omri (886-875 v. Chr.) oder vielleicht auch unter seinem Sohn → Ahab (875-854/3 v. Chr.). Das Stadtareal von Hazor wurde nun verdoppelt und nahm mit etwa 6,5 ha die gesamte Oberstadt ein. Im Süden wurde das Stadtareal durch eine vorgelagerte Bastion in Areal G zusätzlich geschützt. Damit sollte die in diesem Bereich außerhalb der eigentlichen Stadtmauer gelegene flache Terrasse zusätzlich geschützt werden. Die erweiterte Stadtmauer ist bei einer Breite von 3 m nun massiv gebaut und weist, um die Stadt besser verteidigen zu können, Vor- und Rücksprünge auf (nachgewiesen in Areal M). Die Kasematten der sog. salomonischen Stadtmauer wurden nun teilweise aufgefüllt, so dass ebenfalls eine massive Mauer entstand.

© Wolfgang Zwickel

Abb. 19 Pfeilerhaus (Areal A; Eisenzeit IIA).

Eisenzeit IIB. In Areal A entdeckte man mehrere größere Gebäude. Hierzu gehören zwei typische Vierraumhäuser, ein Pfeilerhaus und zwei Lagerhäuser. Die relativ unkoordinierte und nicht platzsparend ausgerichtete Anlage der Häuser zeigt an, dass es offensichtlich beim Aufbau der Stadt keinerlei festgelegte Richtlinien gab. Vielmehr baute jeder so, wie es der jeweils zur Verfügung stehende Platz ermöglichte.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 20 Statthalterpalast (Areal B, Eisenzeit IIB).

Die Westbegrenzung der Stadtanlage (Areal B) wurde in Schicht VIII völlig neu gestaltet. Die dort errichtete Zitadelle wurde wohl von einem Stadtkommandanten bewohnt und hatte bis Stratum VA (Zerstörung durch Tiglat-Pileser III.) keine wesentlichen baulichen Veränderungen erfahren. Die massive Anlage stellte gleichzeitig einen Schutz für die Stadt dar. Zu dieser Zitadelle wurde ebenerdig kein Zugang gefunden.

© Wolfgang Zwickel

Abb. 21 Protoäolisches Kapitell aus dem Statthalterpalast (Areal B, Eisenzeit IIB).

Von Norden aus gelangte man von zwei Gebäuden, die als Schreiberräume oder Kanzleien bezeichnet wurden und die von der Zitadelle nur durch einen schmalen Hof getrennt waren, über eine Steintreppe in das obere Stockwerk des Palastes. Dies kann aber kaum der normale Zugang für die Stadtbevölkerung gewesen sein. Möglicherweise stellte eines der beiden vorgebauten Gebäude eine Art Treppenhaus dar, von dem aus man dann über Holzstufen und eine Eingangstür in das Innere des oberen Stockwerkes kam. Diese Vorbauten wurden in Stratum VII noch erweitert, so dass der Zugang dadurch repräsentativer wurde. Der gesamte Palast blieb bis Stratum VA weitgehend unverändert.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 22 Zugang zum Wasserschacht in Hazor (Eisenzeit IIB).

Ebenfalls in Stratum VIII wurde der gigantische Schacht angelegt, der die Wasserversorgung der Stadt in Krisenzeiten sicherstellen sollte (Areal L). Er besteht aus zwei Teilen: einem 19 x 15 m großen senkrechten Schacht, der von der Oberfläche des Siedlungshügels aus 19 m in die Tiefe getrieben wurde, und einem 25 m langen Tunnel. Entlang der Wände führte eine in den Felsen gehauene Treppe nach unten. Die Stufen wurden offenbar so breit angelegt, dass Esel oder andere Lasttiere gleichzeitig auf- und absteigen und so Wasser nach oben bringen konnten. Am Ende des Tunnels befindet sich ein Teich mit ca. 5 m Durchmesser und einer Tiefe von 2,2 m, in dem das Wasser der wasserführenden Schichten gespeichert wurde. Die Wasseroberfläche des Teiches liegt rund 40 m unter der Oberfläche des Siedlungshügels.

© Wolfgang Zwickel

Abb. 23 Blick in den Wassertunnel, der vom Schacht zur Quelle führt.

Die Stadt von Stratum VIII wurde wahrscheinlich von dem aramäischen König Hasael 842 v. Chr. zerstört (vgl. die Angaben in der Dan-Inschrift und 2Kön 10,32f.) und hätte somit nur kurze Zeit bestanden. Die Gebäude wurden jedoch anschließend, vermutlich von Aramäern, wieder aufgebaut und weiter benützt, ohne dass sich in den monumentalen Bauten größere Veränderungen nachweisen lassen (Stratum VII). Möglicherweise gelang es → Joahas (815-799 v. Chr.; vgl. 2Kön 13,5) oder wahrscheinlicher → Joasch (799-784 v. Chr.; 2Kön 13,22-25), Hazor wieder in israelitischen Besitz zurückzuführen. Dieser neuerlichen Eroberung der Stadt kann dann die Zerstörung von Stratum VII zugeschrieben werden. Unter ihm und vor allem unter seinem Nachfolger Jerobeam II. (784-744 v. Chr.) erlebte das Nordreich eine neuerliche Blüte, die sicherlich auch für das an der wichtigsten Handelsstraße des Landes gelegene Hazor seine Auswirkungen hatte. Stratum VI wurde durch ein Erdbeben zerstört, das mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem in Am 1,1 (vgl. Sach 14,5) erwähnten Erdbeben aus der Zeit um 760 v. Chr. gleichgesetzt werden kann.

Unmittelbar nach dem Erdbeben wurde die Stadt wieder aufgebaut (Stratum V), wobei von kleineren Veränderungen abgesehen der alte Grundriss der Bauten beibehalten wurde. Stratum V wurde aller Wahrscheinlichkeit nach 733 v. Chr. von Tiglat-Pileser III. zerstört (2Kön 15,29).

Eisenzeit IIC. Wohl schon kurz nach der Zerstörung von Hazor wurde der Ort wiederbesiedelt. Die letzte große Epoche in der Geschichte des Ortes war aber nun vorüber. In den Arealen A, B und G wurden noch einige Mauern von kleinen Häusern entdeckt. Die Zitadelle wurde dagegen nicht mehr aufgebaut. Der Ort war nun nicht mehr befestigt. Ein Teil der Bevölkerung wurde deportiert, ein anderer suchte sich einen neuen und sichereren Lebensraum, z.B. in Juda. Trotzdem war für die relativ wenigen im Lande verbliebenen Leute das verkehrstechnisch günstig gelegene Hazor von so großer Bedeutung, dass sie hier wieder siedelten. Diese Besiedlung scheint jedoch nicht von langer Dauer gewesen zu sein.

Nur in Areal B konnte nämlich die nächste Besiedlung (Stratum III) nachgewiesen werden. Nun erkannten die Assyrer, vielleicht die Babylonier, welche strategische Bedeutung der Ort besaß und errichteten dort über dem alten Palast des Statthalters eine 30 x 25 m große Festung. Der Bau dieser Anlage durch die militärischen Machthaber des Landes machte es offenbar den einheimischen Bewohnern von Stratum IV unmöglich, an diesem Ort zu bleiben.

Reste von Stratum II (4. Jh. v. Chr.) wurden in den Arealen A, B und G sowie in der Nähe des Tells, im gegenüberliegenden Kibbuz Ayyelet ha-Shahar (Kletter / Zwickel, 151-186) gemacht, wo sich das Museum mit den wichtigsten Funden von Hazor befindet. Auf dem Gelände des Kibbuz wurden auch Reste eines Palastes gefunden, der möglicherweise schon in assyrischer Zeit errichtet wurde und bis in die Perserzeit weiterbestand. Hier wohnte ein regionaler assyrischer, dann babylonischer bzw. persischer Statthalter.

Nur noch in Areal B lassen sich Besiedlungsspuren der hellenistischen Zeit nachweisen. Sie wurden bereits teilweise von Garstang ausgegraben, aber nicht ausführlich veröffentlicht. Nach den noch erhaltenen Bauresten zu schließen scheint dort neuerlich ein Fort oder ein landwirtschaftliches Gebäude errichtet worden zu sein.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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  • Yadin, Y. 1972, Hazor. The Head of all those Kingdoms. Joshua 11:10, London
  • Yadin, Y.,1976, Hazor. Die Wiederentdeckung der Zitadelle König Salomos, Hamburg
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  • Ben-Tor, A. / Ben-Ami, D. / Sandhaus, D., 2012, Hazor VI. The 1990 - 2009 Excavations. The Iron Age, Jerusalem

3. Altorientalische Textüberlieferung

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4. Weitere Literatur

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Hazor. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Areale und wichtige Funde in Hazor. Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 19.4.2014; Beschriftung Klaus Koenen
  • Abb. 3 Blick vom Tell auf die Unterstadt. © Wolfgang Zwickel
  • Abb. 4 Südlicher der beiden Tempel von Areal A. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 5 Stelenbezirk von Areal A (rechts). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 6 Grundriss des Oberstadtpalastes von Hazor (Spätbronzezeit). © Zeichnung S. Halama für den WiBiLex-Artikel Palast nach R. Bonfil / A. Zarzecki-Poleg, The Palace in the Upper City of Hazor as an Expression of a Syrian Architectural Paradigm (BASOR 348) 2007, 25-47, Fig. 4
  • Abb. 7 Eingang des Palastes der Spätbronzezeit; Baumstämme deuten ursprüngliche Säulen an. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 8 Thronsaal des Palastes der Spätbronzezeit; die Lehmziegelmauern sind mit Orthostaten verkleidet. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 9 Treppe zwischen Ober- und Unterstadt (Areal M, Spätbronzezeit). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 10 Halle (Areal M, Spätbronzezeit). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 11 Stierstatuette mit Zapfen zur Halterung vermutlich auf einer Holzplatte an den Füßen des Stieres (Bronze; Hazor; 5,5 x 4,5 cm; Späte Bronzezeit). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 12 Grundriss und Zeichnung des Tempels von Areal H (Schicht 2). Grundriss © Wolfgang Zwickel; Zeichnung © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 13 Der spätbronzezeitliche Tempel in Areal H. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 1994)
  • Abb. 14 Altar des spätbronzezeitlichen Tempels von Areal H. © Wolfgang Zwickel
  • Abb. 15 Fragment einer Basaltstatue mit einem stehenden Gott auf einem Stier (Areal H). © Wolfgang Zwickel
  • Abb. 16 Stelen (etwa 40 cm hoch) des Heiligtums in Areal C. © Wolfgang Zwickel
  • Abb. 17 Hazor Areal A: Sechskammertor mit vorgelagerten Türmen, Kasemattenmauer, Pfeilerhaus, zwei Vierraumhäuser (Eisenzeit IIA). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 18 Sechskammertor mit vorgelagerten Türmen (Areal A; Eisenzeit II). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 19 Pfeilerhaus (Areal A; Eisenzeit IIA). © Wolfgang Zwickel
  • Abb. 20 Statthalterpalast (Areal B, Eisenzeit IIB). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 21 Protoäolisches Kapitell aus dem Statthalterpalast (Areal B, Eisenzeit IIB). © Wolfgang Zwickel
  • Abb. 22 Zugang zum Wasserschacht in Hazor (Eisenzeit IIB). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 23 Blick in den Wassertunnel, der vom Schacht zur Quelle führt. © Wolfgang Zwickel

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