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Lexikon

Habakuk

Andere Schreibweise: Habakkuk (engl.)

Jonathan Robker

(erstellt: April 2015)

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1. Name

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 21.4.2015

Abb. 1 Der Prophet Habakuk (Donatello, 1427).

Die Bedeutung des Namens Habakuk (חֲבַקּוּק ḥǎvaqqûq) ist schwierig zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist, dass es sich um ein Lehnwort aus dem Akkadischen handelt: Der Begriff ḫabbaqūqu bzw. ḫambaqūqu bezeichnet eine Pflanzensorte, die nicht mehr mit Sicherheit zu bestimmen ist (vgl. aber Arabisch ḥabaq „Basilikum“ [Ocimum basilicum]). Weniger wahrscheinlich ist die Ableitung von der hebräischen Wurzel חבק ḥbq „umarmen“, da die Bildungsweise des Namens dann im Hebräischen ohne jede Parallele wäre.

Die griechische Namensform ist Ἀμβακουμ ambakoum, die lateinische Abacuc.

2. Habakukbuch

Der Name Habakuk kommt in der hebräischen Bibel nur in Hab 1,1 und Hab 3,1 vor. Die Überschrift Hab 1,1 „Der Spruch, welchen Habakuk, der Prophet, schaute“ stellt Habakuk als Autor des Büchleins vor. Hab 3,1 weist ihm eigens auch den Psalm Hab 3 zu.

Das Buch Habakuk ist das achte Buch des → Zwölfprophetenbuches. Diese Position hat es auch in der abweichenden Reihenfolge der Schriften in der → Septuaginta (das Dodekapropheton).

3. Person

Vergeblich sucht der Leser im Buch Habakuk nach biographischen Daten zur Person Habakuks. Der Verweis des ersten Kapitels auf den Aufstieg der Chaldäer (= → Babylonier) könnte – wenn diese Information historisch zuverlässig ist – ein Datum für das Auftreten und Wirken eines Propheten Habakuk am Übergang vom 7. zum 6. Jh. v. Chr. nahelegen. Wenn Hab 1,9 auf das erste Exil der Judäer anspielen sollte, wäre eine Datierung auf etwa 597 v. Chr. möglich. Wenn die namenlose Stadt in Hab 2,8.17 Jerusalem sein sollte, könnte man an die Eroberung durch Nebukadnezar im Jahre 587 denken. Aber im Gegensatz zu anderen Prophetenbüchern, etwa → Jesaja, → Jeremia, → Ezechiel, → Amos und → Hosea, ordnet das Buch Habakuk diese Prophetensprüche keiner Amtszeit eines judäischen oder israelitischen Königs zu. Auch sonst bietet das Buch keine historischen Anhaltspunkte, die für eine zumindest grobe Datierung benutzt werden könnten.

Aus: Wikimedia Commons; © Peter1936F, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 3.0 unported; Zugriff 21.4.2015

Abb. 2 Habakuk wird von einem Engel nach Babylon versetzt, um Daniel zu versorgen (Gian Lorenzo Bernini, 1655).

In den Erweiterungen der griechischen Fassung des → Danielbuchs begegnet man ebenfalls einem Propheten namens Habakuk (ZusDan 2,33-39). Er soll vermutlich mit dem aus dem Zwölfprophetenbuch bekannten Propheten identisch sein (im Theodotion-Text von Bel et Draco wie auch in Hab 1,1 als „der Prophet“ ὁ προφήτης ho prophētēs bzw. הַנָּבִיא hannāvî’ bezeichnet). In der griechischen Daniel-Erzählung erscheint Habakuk als Retter Daniels, der in eine Löwengrube geworfen worden war. Nachdem Habukuk nämlich in Judäa einen Eintopf zubereitet hatte, wird er vom Engel des Herrn auf wundersame Weise nach Babylonien zu Daniel versetzt, um ihm den Eintopf zu geben und ihn so mit Essen zu versorgen. Diese legendarische Notiz platziert Habakuk in die persische Zeit, beinhaltet aber – aller Wahrscheinlichkeit nach – keine historisch zuverlässigen Erinnerungen.

4. Aufbau, Komposition, Inhalt

4.1. Aufbau

© Jonathan Miles Robker

Tabelle: Bibelkundlicher Überblick über das Buch Habakuk.

Das Buch Habakuk besteht aus 3 Kapiteln und kann wie in der nebenstehenden Tabelle gegliedert werden.

4.2. Komposition

Das Habakukbuch umfasst verschiedene Gattungen: die Überschriften, die Klagen, die Weherufe und den abschließenden Psalm.

4.2.1. Hab 1,1 und 3,1: Überschriften. Die Überschriften beinhalten einen Gattungsbegriff (Hab 1,1 „Ausspruch“, Hab 3,1 „Gebet“), den Namen des Propheten, seinen Titel „Prophet“ und die Offenbarungsweise (Hab 1,1 „den er schaute“) bzw. die Melodie (Hab 3,1 „nach Art eines Klageliedes“, Lutherbibel). Im Gegensatz zu einigen anderen Überschriften im Zwölfprophetenbuch (etwa Hos 1,1 oder Am 1,1) enthalten die Überschriften keine Datierung. Die Überschrift in Hab 3,1 dient der Gliederung: Sie hebt den Psalm vom Voranstehenden ab.

4.2.2. Hab 1,2-2,5: Klagen des Propheten und Antworten Gottes. Die Klagen sind als Dialog verfasst (Mathews geht soweit, Habakuk als „Aufführung“ [Engl. performance] zu verstehen), allerdings wird der Sprecher nicht immer klar eingeführt. Beispielsweise wird beim Übergang vom Prophetenwort zu Gottes Antwort in Hab 1,4f. nicht signalisiert, dass ein anderer Sprecher das Wort ergreift. Auch am Ende der Antwort wird der Wechsel nur durch den Übergang zur 2. Person kenntlich gemacht. Dies unterscheidet die erste Klage und Antwort von der zweiten, in der Gottes Antwort eingeleitet wird (Hab 2,2a).

4.2.3. Hab 2,6-20: Weherufe. Die Weherufe (→ Totenklage) beginnen – abgesehen vom Fünften – mit dem Ausruf „wehe“ (hebräisch הוֹי hôj). Hab 2,8 und Hab 2,17 stimmen in der Formulierung überein: „wegen des Blutes, das du vergossen hast unter den Menschen, wegen der Gewalttaten, die du verübt hast an Ländern und Städten und an all ihren Bewohnern.“ (Einheitsübersetzung). Sie bildet einen Rahmen um die ersten vier Weherufe, so dass der fünfte Weheruf alleine steht. Zudem zeichnet sich der fünfte Weheruf durch seine eigenartige Form aus: Nur in diesem Fall wird das Thema eingeleitet (Bilderpolemik in Hab 2,18) bevor das „Wehe!“ ausgerufen wird (Hab 2,19).

4.2.4. Hab 3,1-19: Theophanie-Psalm. Das Schlusskapitel bietet einen Theophanie-Psalm (→ Epiphanie), wie er auch im Psalter stehen könnte. Seine Beziehung zu Hab 1-2 ist recht locker.

4.3. Inhalt

Die ersten beiden Kapitel beinhalten Klagen und Weherufe des Propheten mit Gottes Antworten. In der ersten Klage (Hab 1,2-4) moniert der Prophet den Zustand der Unterdrückung und Ungerechtigkeit, verlangt eine Antwort und wirft Gott vor, er höre die Klage nicht. Darauf antwortet Gott mit der Ankündigung des Aufkommens der Chaldäer (= Babylonier) in Hab 1,5-11. Der Prophet deutet dieses Aufkommen der Chaldäer als Gericht Jhwhs (Hab 1,12), hält es aber gleichzeitig für zu hart. Die durch die Babylonier angerichtete Zerstörung übertreffe die nötige → Strafe und sei deswegen beinahe ungerecht (Hab 1,13). Um diese Situation bildhaft darzustellen, bedient sich der Prophet des Bildes des Angelns: Die Chaldäer fangen die Nationen und betrachten sie als Beute. Die zweite Klage Habakuks endet mit dem Verlangen nach einer Antwort Gottes (Hab 2,1). Auf diese zweite Klage antwortet Gott, indem er befiehlt, dass der Prophet die Worte deutlich aufschreiben soll und beteuert, dass das Geschaute mit Sicherheit eintreffen wird, wenn auch unter Umständen nicht sofort: Der Ungerechte wird untergehen, wohingegen der Gerechte am Leben bleibt (Hab 2,2-5).

Die fünf Weherufe beinhalten eine eher implizite und indirekte Kritik an Babylonien, eingeleitet mit dem Ruf: „wehe!“ (הוי). Die Weherufe finden sich in Hab 2,6.9.12.15 und Hab 2,18-19. Die Themen sind:

1) das Ausplündern von einzelnen Menschen und ganzen Völkern (Hab 2,6-8);

2) das Streben nach bösem Gewinn (Hab 2,9-11);

3) Drohung gegen diejenigen, die von Gewalt und Ungerechtigkeit profitieren (Hab 2,12-14);

4) die Verführung des Nächsten zu seiner Schande (Hab 2,15-17); und

5) Götzenpolemik (Hab 2,18-20).

Die Weherufe basieren auf dem → Tun-Ergehen-Zusammenhang: Wer etwas Böses ins Werk setzt, wird von eben diesem Bösen selbst getroffen. So wird beispielsweise das Ausplündern der Nationen zum Ausplündern des Plünderers verwandelt (Hab 2,8), oder die Bilder des eigenen Kultes werden als nutzlos gegenüber Jhwh im Tempel dargestellt (Hab 2,19-20).

Das Buch Habakuk schließt mit einem Gebet, das Gottes Erscheinen und seine heilvollen Rettungstaten schildert. Dabei spielt das Unheil für den Bösen eine Nebenrolle (vgl. Hab 3,12-15). Auf Gottes Erscheinen reagiert der Prophet zuerst mit Zittern und Angst (Hab 3,16-17), bevor er in Jubel ausbricht (Hab 3,18f.).

5. Textüberlieferung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 3 Der Habakuk-Kommentar aus Qumran.

Die Textgeschichte des Buches Habakuk ist kompliziert. In den Handschriften gibt es mindestens sechs Textgestalten, drei hebräische und drei griechische.

5.1. Hebräische Überlieferung. Die bekannteste Version des Textes bietet der masoretischen Text, z.B. der Codex Leningradensis, abgedruckt mit kritischem Apparat in der Biblia Hebraica Quinta. Die abweichenden hebräischen Textformen wurden in der judäischen Wüste gefunden: Die erste Textform findet sich im Habakuk-Kommentar (Pescher) aus der 1.Höhle in → Qumran (1QpHab = 1Q15). Dieser Kommentar zitiert zunächst Vers für Vers den Habakuk-Text und schließt dann eine allegorische Deutung an. Die zweite Textform ist als Teil der Zwölfprophetenbuch-Rolle aus dem Wādī Murabba‘āt (Wadi Murabbaat; Koordinaten: N 31° 35' 18'', E 35° 22' 22'') überliefert (MurXII). Obwohl diese Versionen des hebräischen Textes Unterschiede aufweisen, stimmen sie mehrheitlich überein (leicht zugänglich in der Synopse von Ego u.a.). Ein großer Unterschied ist, dass bei der Pescher-Fassung der Psalm Hab 3 fehlt: Die Kommentierung endet mit dem Schluss des zweiten Kapitels. Es ist aber offen, ob die Textvorlage des Habakuk-Pescher das 3. Kapitel des Buches nicht enthielt oder ob das Kapitel einfach für die Kommentierung als irrelevant betrachtet wurde. Eine Zwölfprophetenbuchrolle, die Habakuk ohne den Psalm Hab 3 enthielt, ist in Qumran jedenfalls nicht belegt (vgl. aber Fabry, 182-186).

5.2. Griechische Übersetzungen. In der griechischen Überlieferung gibt es die Hauptüberlieferung, bekannt als → Septuaginta (LXX), neben der kaige-Fassung (→ Septuaginta), die als Teil der Dodekaprophetonrolle aus dem Naḥal Ḥever (Koordinaten: N 31° 25' 50'', E 35° 20' 51'') belegt ist (8ḤevXIIgr), und neben einer in fünf Handschriften belegten abweichenden Textform des Buches, dem sog. Barberini Text.

Zur LXX-Übersetzung des Habakukbuchs gilt das Urteil Fabrys: „Der alexandrinische Übersetzer hatte mit dem Buch Habakuk enorme Schwierigkeiten. Entweder hatte der Prophet resp. Autor oder der Redaktor seines Buches Probleme mit der hebräischen Sprache oder der Text muss schon sehr früh innerhalb der hebräischen Text-Transmission sehr fehlerhaft weitergegeben worden sein, was schon den alexandrinischen Übersetzer zwang, diese Probleme recht oder schlecht aufzunehmen und abzuarbeiten. Entsprechend sieht dann auch die Übersetzung aus, die dem heutigen Leser durchaus Mut und Ausdauer abverlangt.“ (Fabry, 165). Zu den Abweichungen in 8ḤevXIIgr, vgl. Ego u.a., 127-139.

Der Barberini Text bietet eine andere Gestalt des 3. Kapitels des Habakukbuchs, die mit LXX und anderen griechischen Textzeugen (etwa Aquila, Symmachus oder Theodotion) nicht verwandt ist. In vier der fünf Handschriften dieser Textform wird zuerst der Barberini-Text geboten, danach folgt die sonst bekannte LXX-Fassung des 3. Kapitels. Die Barberini-Textform stammt aus Alexandrien, vermutlich aus dem 2. Jh. n. Chr., und wurde eventuell vom Buch Habakuk losgelöst, um einen liturgischen Zweck zu erfüllen (Good; Fabry, 165).

6. Entstehung

Verschiedene Redaktoren haben wohl eine Rolle bei der Entstehung des Habakukbuchs gespielt. Die beste Vorgangsweise in diesem Sinne ist es, von der größten und zugleich jüngsten Einheit auszugehen, und die dahinterstehenden diachronen Entwicklungen nachzuzeichnen. Allerdings sei hier ausdrücklich daran erinnert, dass es zur Entstehung des Buches keinen wissenschaftlichen Konsens gibt. Hier werden die mehr oder minder konsensfähigen Tendenzen der Forschung dargestellt.

6.1. Als Erstes kann man Habakuk als Bestandteil des Zwölfprophetenbuchs betrachten. In den letzten Jahrzehnten haben sich zwei Hauptlinien der Forschung etabliert: Entweder wurde Habakuk alleine (Wöhrle) oder als Teil eines Zweiprophetenbuchs zusammen mit Nahum (Schart, Kessler) in das Zwölfprophetenbuch integriert.

Nach Jakob Wöhrle (289-334) entstand das Habakukbuch als Einheit, die zweimal redaktionell überarbeitet wurde und wenige Nachträge erhielt. Der Grundbestand beschäftigte sich prinzipiell mit der Thematik der Frommen gegenüber den Frevlern und kann in allen Teilen des Habakukbuchs – auch dem Psalm – gefunden werden. Diese erste Fassung kann schwer datiert werden, aber Wöhrle postuliert eine Abfassungszeit im frühen 5. Jh. v. Chr. Eine erste Redaktion erweiterte diesen Grundbestand um die Babylon-kritische Thematik, hauptsächlich – aber nicht ausschließlich – in den Klagen und Weherufen. Datiert wird diese zweite Schicht auf das Ende des 5. Jh.s oder auf den Anfang des 4. Jh.s v. Chr. Sie befasst sich mit der Vorstellung einer fremden Großmacht als Gottes Werkzeug. Die zweite und im Umfang wesentlich kleinere Überarbeitung fand in spätnachexilischer Zeit statt und fügte die liturgischen Elemente in den Psalm ein, um einen Gebrauch im Gottesdienst zu ermöglichen. Im Prinzip wurde dieses abgeschlossene Buch als solches in das entstehende Zwölfprophetenbuch integriert. Darauf folgten nur noch vereinzelte Nachträge, nur einer davon gehört zu einer größeren Schicht im Zwölfprophetenbuch: Hab 2,14.

6.2. Aaron Schart (242-251) vermutet dagegen, in Weiterführung der These Nogalskis, dass Nahum und Habakuk etwa zeitgleich in das schon bestehende deuteronomistische Vierprophetenbuch (Hosea, Amos, Micha, Zefanja) integriert wurden (→ Zwölfprophetenbuch). Für Schart geschah diese Einbettung von Nahum und Habakuk als Teil ein und derselben redaktionellen Fortschreibung des Vierprophetenbuchs zu einem Sechsprophetenbuch. Andererseits könnte man Habakuk als zweite Hälfte eines ehemals selbstständig existierenden und mit Nahum beginnenden Zweiprophetenbuchs wahrnehmen (Kessler). Dafür, dass die beiden Schriften zusammengehören, sprechen: die Rahmung einer solchen Komposition durch zwei Psalmen (Nah 1 sowie Hab 3), die ähnlichen Überschriften sowie die thematische Kontinuität, insofern in Nahum der Untergang der Assyrer und in Habakuk der Aufstieg der Chaldäer / Babylonier thematisiert wird. Zudem stimmen die beiden Bücher in einer Reihe von Termini überein. Obwohl die These der Einbettung einer gemeinsamen Nahum-Habakuk-Zweiprophetenkomposition nicht unwidersprochen geblieben ist (vgl. Wöhrle S. 324-327), scheint diese These plausibel zu sein.

6.3. Eine Vorstufe des Habakukbuchs hatte vor seiner Einbindung in das Zwölfprophetenbuch und seiner möglichen Verbindung mit Nahum sicher ein Eigenleben. Gut möglich ist, dass die Klagen und Weherufe – entweder als eine einheitliche Schrift oder als zwei kleine Schriften – redaktionell bearbeitet wurden, um ein anti-babylonisches Ganzes zu erstellen (so z.B. schon J. Jeremias und E. Otto). Diese Komposition dürfte – entweder gemeinsam mit oder ohne Nahum – um den einleitenden Rahmen und den Psalm ergänzt worden sein, und zwar bevor Habakuk (mit oder ohne Nahum) in das Zwölfprophetenbuch eingesetzt wurde.

7. Geschichtlicher Hintergrund

Genau wie die Datierung des Buches bleibt der historische Hintergrund des Buches im Dunkeln. Allgemein kann man festhalten, dass das Buch – durch die Erwartung des Aufkommens der → Babylonier – in die Situation des ausgehenden 7. bzw. angehenden 6. Jh.s v. Chr. sprechen möchte. Möglicherweise ist das Buch allerdings in späterer Zeit fiktiv in diese Situation gestellt worden, die dann eine Chiffre für eine andere, uns jedoch nicht mehr bestimmbare Situation wäre.

Unter Berücksichtigung der oben referierten Schichtung, kann man sich die historischen Hintergründe etwa so vorstellen: Die erste Fassung des Buches, zu der vor allem die älteste Form der Klagen und Weherufe gehört haben dürften, beklagte die sozialen Missstände im Juda des ausgehenden 7. Jh. Eine erste Überarbeitung fügte die Babylon-Thematik hinzu. In diesem Zusammenhang bekam das Werk eine neue Deutung: Die Babylonier sind das Werkzeug Gottes, das die Strafe an Juda vollstreckt. Babylonien wird aber selbst auch bestraft. Diese Neuinterpretation passt eher in eine exilische oder nachexilische Situation, d.h. ab etwa dem zweiten Viertel des 6. Jh.s v. Chr. In der letzten Phase der Entwicklung wurde das Buch um einen hymnischen Abschluss ergänzt, was vermuten lässt, dass das Buch im Gottesdienst verwendet wurde, ohne dass man Genaueres erkennen kann.

8. Theologie

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Abb. 4 Der Prophet Habakuk mit Hab 2,4 als Spruchband (St. Maria in Bergen auf Rügen, 12. Jh.).

Das Habakukbuch weist in theologischer Hinsicht zwei Hauptthemen auf. Zum einen befasst sich das Buch ausgiebig mit dem Thema, dass die Gerechten unter den Frevlern leiden müssen. Habakuk geht es um die Bestrafung der Ungerechten. Zu ihr kann Jhwh eine Großmacht wie die Babylonier einsetzen. Allerdings werden diese – da auch sie sich als ungerecht erweisen – ebenfalls der göttlichen Bestrafung unterzogen.

Die andere Thematik, die mit der ersten verbunden ist, stellt das Erscheinen Gottes dar. Die Theophanie (→ Epiphanie) ist gekoppelt mit katastrophalen Naturerscheinungen, wie z.B. einem → Erdbeben. Das Erscheinen Gottes steht zudem in Verbindung mit der Bestrafung des Ungerechten: Gott kommt, um zu strafen. Aus dieser Perspektive ist die Theophanie ein schreckliches Geschehen, etwas, wovor der Prophet große Angst hat, so dass ihn Zittern überfällt. Andererseits bedeutet Gottes Erscheinen implizit das Heil für die Gerechten und ist somit ein Grund zur Freude. Deshalb schließt das Buch Habakuk mit Jubel ab (Hab 3,18-19).

9. Rezeption

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Abb. 5 Der Prophet Habakuk als Patron der Bergarbeiter (Gotisches Glasfenster in Leogang, 15. Jh.).

Die Rezeption des Buches ist nicht besonders breit. Lediglich Hab 2,4 wird zum Teil im Neuen Testament rezipiert: in Röm 1,17; Gal 3,11 und Hebr 10,38. In den paulinischen Schriften wird das Habakuk-Zitat benutzt, um zu beweisen, dass die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, aus dem Glauben kommt und nicht aus den Werken des Gesetzes. Im Hebräerbrief wird Hab 2,4 als Begründung angeführt, dass der zum Glauben gekommene diesen Glauben auch durchhalten muss, ohne wieder zurückzuweichen.

Eine mittelalterliche Tradition verbindet einen Berg mit dem Propheten Habakuk. Eine echte Verbindung zu einem Propheten Habakuk besteht aber nicht (Lissovsky).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Kommentare

  • Andersen, F.I., 2001, Habakkuk (AB 25), New York
  • Perlitt, L., 2004, Die Propheten Nahum, Habakuk, Zephanja (ATD 25/1), Göttingen
  • Roberts, J.J.M., 1991, Nahum, Habakkuk and Zephaniah (OTL), Louisville
  • Rudolph, W., 1975, Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja (KAT), Gütersloh
  • Seybold, K. 1991, Nahum, Habakuk, Zephanja (ZBK.AT 24/2), Zürich

2. Weitere Literatur

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  • Ego, B. u.a. (Hgg.), 2005, Biblia Qumranica, vol. 3B: Minor Prophets, Leiden / Boston
  • Fabry, H.-J., 2002, Die Nahum- und Habakuk-Rezeption in der LXX und Qumran, in: E. Zenger (Hg.), „Wort Jhwhs, das Geschah …“ (Hos 1,1). Studien zum Zwölfprophetenbuch (HBS 35), Freiburg u.a.
  • Floyd, M.H., 1991, Prophetic Complaints about the Fulfilment of Oracles in Habakkuk 1:2-17 and Jeremiah 15:10-18, JBL 110, 397-418
  • Floyd, M.H., 1993, Prophecy and Writing in Habakkuk 2,1-5, ZAW 105, 462-481
  • Good, E.M., 1959, The Barberini Greek Version of Habakkuk III, VT 9, 11-30
  • Gunneweg, A.H.J., 1986, Habakuk und das Problem des leidenden צדיק, ZAW 98, 400-415
  • Haak, R.D., 1992, Habakkuk (VT.S 44), Leiden u.a.
  • Jeremias, J., 1970, Kultprophetie und Gerichtsverkündigung in der späten Königszeit (WMANT 35), Heidelberg
  • Jöcken, P., 1977, Das Buch Habakuk (BBB 48), Köln / Bonn
  • Kessler, R., 2002, Nahum-Habakuk als Zweiprophetenschrift. Eine Skizze, in: E. Zenger (Hg.), „Wort Jhwhs, das Geschah …“ (Hos 1,1). Studien zum Zwölfprophetenbuch (HBS 35), Freiburg u.a.
  • Koch, D.-A., 1985, Der Text von Hab 2,4b in der Septuaginta und im Neuen Testament, ZNW 76, 68-85
  • Lissovsky, N., 2008, Hukkok, Yaquq and Habakkuk’s Tomb, PEQ 140, 103-118
  • Macchi, J.-D., 2013, Habakuk, in: T. Römer u.a. (Hgg.), Einleitung in das Alte Testament, Zürich
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  • Nogalski, J.D., 1993a, Literary precursors to the Book of the Twelve (BZAW 217), Berlin / New York
  • Nogalski, J.D., 1993b, Redactional processes in the Book of the Twelve (BZAW 218), Berlin / New York
  • Otto, E., 1977, Die Stellung der Wehe-Worte in der Verkündigung des Propheten Habakuk, ZAW 89, 73-107
  • Otto, E., 1985, Die Theologie des Buches Habakuk, VT 35, 274-295
  • Schart, A., 1998, Die Entstehung des Zwölfprophetenbuchs (BZAW 260), Berlin / New York
  • Sweeney, M.A., 1991, Structure, Genre and Intent in the Book of Habakkuk, VT 41, 63-83
  • Wöhrle, J., 2008, Der Abschluss des Zwölfprophetenbuches (BZAW 389), Berlin / New York

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Der Prophet Habakuk (Donatello, 1427). Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 21.4.2015
  • Abb. 2 Habakuk wird von einem Engel nach Babylon versetzt, um Daniel zu versorgen (Gian Lorenzo Bernini, 1655). Aus: Wikimedia Commons; © Peter1936F, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 3.0 unported; Zugriff 21.4.2015
  • Abb. 3 Der Habakuk-Kommentar aus Qumran. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 4 Der Prophet Habakuk mit Hab 2,4 als Spruchband (St. Maria in Bergen auf Rügen, 12. Jh.). Aus: Wikimedia Commons; © Wolfgang Sauber, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 4.0 international; Zugriff 21.4.2015
  • Abb. 5 Der Prophet Habakuk als Patron der Bergarbeiter (Gotisches Glasfenster in Leogang, 15. Jh.). Aus: Wikimedia Commons; © Wolfgang Sauber, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 3.0 unported; Zugriff 21.4.2015.

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