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Lexikon

Goliat

Andere Schreibweise: Goliath

Stefan Seiler

(erstellt: Jan. 2007)

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1. Name und Herkunft

Abb. 1 David mit dem Kopf Goliats. Caravaggio (1606/07) stellt David als Straßenjungen dar und porträtiert in dem Gesicht Goliats sich selbst. In welcher Weise der Künstler damit sein Leben reflektiert, wird diskutiert.

Abb. 1 David mit dem Kopf Goliats. Caravaggio (1606/07) stellt David als Straßenjungen dar und porträtiert in dem Gesicht Goliats sich selbst. In welcher Weise der Künstler damit sein Leben reflektiert, wird diskutiert.

Goliat (hebr. גָּלְיָת; gåljāt) ist ein aus → Gat stammender „Vorkämpfer“ bzw. „Einzelkämpfer“ (1Sam 17,4: ’īš habbenajim) der → Philister, der von ungewöhnlicher Größe war (ca. 3,25 m nach dem masoretischen Text, nach LXX [vgl. 4QSama] nur ca. 2 m; 1Sam 17,4).

Die Ableitung seines Namens ist unklar. Aus phonetischen Gründen ist die vielfach vorgeschlagene Verbindung mit dem lydischen Fürstennamen Alyattes nicht möglich. M. Görg denkt an eine Hebraisierung des ägyptischen Ausdrucks qnytj „Leibwächter“.

2. Goliat im Alten Testament

2.1. Die Darstellung der Auseinandersetzung zwischen David und Goliat in 1 Sam 17

Abb. 2 David und Goliat (Raffael, 1518/19)

Abb. 2 David und Goliat (Raffael, 1518/19)

In 1Sam 17 wird berichtet, dass Goliat von David im → Zweikampf getötet wurde, nach 2Sam 21,19 war es jedoch ein gewisser → Elhanan, der Sohn Jairs aus Bethlehem, der den Philister erschlug.

In der der Erzählung von 1 Sam 17 lassen sich nach W. Dietrich sechs Szenen unterscheiden:

1Sam 17,1-11: Der Aufmarsch der Philister und insbesondere Goliats Herausforderung zum Zweikampf bringt die Israeliten in schwere Bedrängnis. Die ausführliche Beschreibung seiner schweren Rüstung hebt die von ihm ausgehende Bedrohung hervor.

1Sam 17,12-31: Zufällig wird David Zeuge des Geschehens. Er ist über die Frechheit des Mannes, der die Israeliten verhöhnt, empört und wird zu Saul gebracht. Nach S.A. Nitsche hat die Wurzel chrp „verhöhnen“ in 1Sam 17 Leitwortcharakter (v10.25.26.36.45).

1Sam 17,32-40: David erklärt, er wolle gegen Goliat kämpfen. Als Saul ihn davon abzuhalten versucht, verweist er auf seine Erfahrungen, die er als Hirte im Kampf gegen wilde Tiere gemacht hat. Er wolle im Kampf gegen Goliat auf JHWHs Hilfe vertrauen. Mit seiner Steinschleuder geht er dem Philister entgegen.

1Sam 17,41-47: Goliat bringt seine Verachtung über den unscheinbaren Gegner zum Ausdruck und kündigt ihm ein rasches Ende an. David entgegnet, er komme im Namen JHWHs, der ihm Goliat ausliefern werde.

1Sam 17,48-53: Mit einem gezielten Schuss seiner Schleuder gelingt es David, den Philister zu töten. Mit dessen Schwert enthauptet er ihn. Die Philister fliehen in Panik und werden von den Israeliten verfolgt.

1Sam 17,54-58: Saul lässt David vor sich bringen und erkundigt sich nach dessen Herkunft.

2.2. Zur Frage der Entstehung der David-Goliat-Erzählung

Die Überlieferung von 2Sam 21,19, wonach Goliat von → Elhanan erschlagen worden sei, könnte den Ursprung der Goliatüberlieferung gebildet haben. Auf einer späteren Traditionsstufe wurde Elhanan durch David ersetzt, der sich ebenso wie jener durch Scharmützel und Kämpfe gegen die Philister hervorgetan hatte. Die Spannungen innerhalb von 1Sam 17 werden entweder so erklärt, dass die ursprüngliche Schilderung um Motive aus verschiedenen Zusammenhängen erweitert wurde oder zwei Überlieferungen miteinander kombiniert wurden. So enthält das Kapitel 1Sam 17 nach W. Dietrich zwei Erzählungen, die redaktionell miteinander verzahnt wurden:

a) eine knappe Darstellung der Tötung Goliats durch David und den dadurch ermöglichten Sieg der Israeliten über die Philister (V.1-9.48b.50.51b-53),

b) eine legendarisch ausgeschmückte Erzählung vom Hirtenknaben David, der sich dem König als Kämpfer gegen den Philister anbot und diesen mit seiner Hirtenschleuder und dessen Schwert tötete (V.12-14a.15b.17f.20-23aα.24-34a.36.40.42abα.43.49.51.54-58).

Ein Kompositor habe die Erzählungen durch eine Reihe von Querverweisen miteinander verflochten und in den größeren Kontext der David-Saul-Geschichte eingebettet. Da der Name Goliat in 1Sam 17 nur an zwei Stellen vorkommt und sonst nur von „dem Philister“ die Rede ist, wird vermutet, dass er ursprünglich nicht mit der Erzählung verbunden war.

Eine Besonderheit ergibt sich im Blick auf die Textüberlieferung von 1Sam 17 in der → Septuaginta: Während der Codex Alexandrinus (LXXA) und mit ihm die Mehrzahl der griechischen Handschriften dem hebräischen Text folgen, liefern der Codex Vaticanus (LXXB) und eine kleinere Anzahl weiterer Handschriften eine erheblich kürzere Textfassung. Dort fehlen die Abschnitte 1Sam 17,12-31.41.48b.50.55-58. Die Frage, ob der längere Text des MT (und LXXA) das Ergebnis eines „Wucherungsvorgangs“ ist oder der knappere von LXXB das Ergebnis einer erheblichen Kürzung, wird kontrovers diskutiert.

2.3. Tendenz der David-Goliat-Geschichte

In der Gesamterzählung verkörpert Goliat exemplarisch die Bedrohung Israels durch die Philister. Im Sieg Davids über ihn spiegelt sich die Befreiung von diesem Druck durch dessen spätere Herrschaft (demgegenüber wird in 1Sam 17,11 Sauls Furcht vor Goliat hervorgehoben.) Die Begegnung Davids mit Goliat macht das theologische Anliegen der Erzählung deutlich: Nicht die militärische Stärke entscheidet über den Sieg, sondern der Beistand JHWHs. Nach 1Sam 17,45-46 ist es JHWH, der den Philister an David ausliefern wird. Mit seiner Hilfe ist die Überwindung des scheinbar Unbesiegbaren möglich. (Bereits in V.37 wurde erwähnt, dass JHWH seine Hand bisher schützend über David gehalten hatte.) V.45f. machen auch deutlich, dass JHWH treu zu Israel steht. Umgekehrt ist in 1Sam 17,26.36.45 davon die Rede, dass eine Verhöhnung des israelitischen Heeres letztlich als Verhöhnung JHWHs aufgefasst wurde.

3. Rezeptionsgeschichte

In der seleukidischen Zeit widmete → Jesus Sirach in seinem Zyklus „Lob der Väter“ einen beträchtlichen Teil der „Kurzbiografie“ Davids der David-Goliat-Erzählung (Sir 47,2-11). In einer Periode, in der das Ringen um die jüdische Identität in der Auseinandersetzung mit dem Hellenismus, die letztlich zu den Makkabäerkriegen führte, von entscheidender Bedeutung war, wurde gerade diese Erzählung als besonders erwähnenswert betrachtet. Reflexe auf den David-Goliat-Kampf finden sich auch in den beiden → Makkabäerbüchern (1Makk 4,30-33; 2Makk 8,18).

In der Kriegsrolle von → Qumran (1QM) wird die Erzählung in Kolumne XI rezipiert: Im Rahmen eines von den Priestern gesprochenen Gebetes vor der Schlacht soll deutlich gemacht werden, dass das eigentlich handelnde Subjekt im Kampf JHWH selbst ist.

Josephus gewichtet die Begebenheit in Antiquitates VI, 171ff. etwas anders als 1Sam 17, indem er David eine aktivere Rolle zuschreibt (Text gr. und lat. Autoren).

In der Spätantike hat man auf christlicher Seite Julian Apostata als „zweiten Goliat“ betrachtet. Während des Mittelalters war der Rekurs auf die Geschichte vor allem durch den Bezug auf die Christologie bestimmt. So wird etwa im Rahmen der typologischen Auslegung der Biblia Pauperum Christus, der den Menschen aus dem Rachen der Hölle befreit, der David-Goliat-Erzählung gegenübergestellt. Im Zeitalter der Reformation spielte die Erzählung keine herausragende Rolle.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001

2. Weitere Literatur

  • Barthélemy, D. u.a. (Hgg.), 1986, The Story of David and Goliath: Textual and Literary Criticism: Papers of a Joint Research Nature (OBO 73), Freiburg (Schweiz) / Göttingen
  • Dietrich, W., 1996, Die Erzählung von David und Goliat in I Sam 17, ZAW 108, 172-191.
  • Galling, K., 1966, Goliath und seine Rüstung, in: Volume du Congrès Genève (1965), VT.S XV, Leiden, 150-169
  • Görg, M., 1986, Goliat aus Gat, BN 34, 17-21
  • Görg, M., 1991, Art. Goliat, in: Neues Bibel-Lexikon, Zürich, 902
  • Grønbæk, J.H., 1971, Die Geschichte vom Aufstieg Davids (1.Sam. 15 - 2.Sam. 5), AThD X, Kopenhagen
  • Hertzberg, H.W., 6. Aufl. 1982, Die Samuelbücher (ATD 10), Göttingen
  • Nitsche, S.A., 1998, David gegen Goliath: Die Geschichte der Geschichten einer Geschichte: Zur fächerübergreifenden Rezeption einer biblischen Story (Altes Testament und Moderne 4), Münster
  • Stoebe, H.J., 1973, Das erste Buch Samuelis (KAT 8,1), Gütersloh
  • Stoebe, H.J., 1989, Die Goliathperikope 1 Sam. XVII 1 – XVIII 5 und die Textform der Septuaginta, in: ders., Geschichte, Schicksal, Schuld und Glaube (BBB 72), Frankfurt a. M., 74-90
  • Stolz, F., 1981, Das erste und zweite Buch Samuel (ZBK.AT 9), Zürich
  • Yadin, A., 2004, Goliath’s Armor and Israelite Collective Memory, VT 54, 373-395

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 David mit dem Kopf Goliats. Caravaggio (1606/07) stellt David als Straßenjungen dar und porträtiert in dem Gesicht Goliats sich selbst. In welcher Weise der Künstler damit sein Leben reflektiert, wird diskutiert.
  • Abb. 2 David und Goliat (Raffael, 1518/19)

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