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Lexikon

Göttersöhne

Markus Risch

(erstellt: Okt. 2011)

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1. Begriff und Vorkommen

Der Terminus „Göttersöhne“ (בְּנֵי הָאֱלֹהִים bənê ha’älohîm in Gen 6,2.4; Hi 1,6; Hi 2,1 bzw. בְּנֵי אֱלֹהִים bənê ’älohîm in Hi 38,7) bezeichnet im Alten Testament immer Wesen der himmlischen Sphäre (zu anderen Auffassungen, die in der Auslegungsgeschichte vertreten wurden, heute aber ausgeschlossen werden können, s. unter 4.). Dabei kann der Begriff folgendes Bedeutungsspektrum umfassen: 1) Gattungsbezeichnung für göttliche Wesen im Kontext eines Pantheons (Polytheismus [→ Monotheismus]). 2) Bezeichnung für die Entourage JHWHs (→ Götterrat), die in der Spätzeit des Alten Testaments und der frühjüdischen Literatur immer stärker auch für → Engel verwendet wird.

Neben der Bezeichnung בְּנֵ־הָאֱלֹהִים für „Göttersöhne“ / „Gottessöhne“ kennt das Alte Testament auch die Termini בְּנֵי אֵלִים bənê ’elîm „Göttersöhne“ (Ps 29,1; Ps 89,7), בְּנֵי אֵל bənê ’el „Gottessöhne“ (Dtn 32,8 in Qumran; vgl. LXX), בְּנֵי עֶלְיוֹן bənê ‘æljôn „Söhne des Höchsten“ (Ps 82,6) und aram. בַּר־אֱלָהִין bar ’älāhîn „Göttersöhne / Gottessöhne“ (Dan 3,25).

2. Religionsgeschichtlicher Hintergrund

Bei den bənê ha’älohîm handelt es sich begrifflich und gattungsmäßig eindeutig um himmlische Wesen, die ihren Ursprung in der kanaanäischen Vorstellung eines Pantheons haben. Darauf verweisen schon die etymologische Verwandtschaft mit ugaritisch bn ’il „Sohn / Söhne Gottes“ bzw. bn ’ilm „Sohn / Söhne der Götter“ und die starken Parallelen zur ugaritischen und phönizischen Tradition.

2.1. Die Keilschrifttexte aus → Ugarit belegen die religionsgeschichtliche Vorstellung von einem Pantheon unter dem Götterkönig → El. Von daher lässt sich bn ’il auch als „Sohn / Söhne des El“ erklären. Der Ausdruck hebt die Subordination eines Gottes unter den Göttervater El hervor und bezeichnet damit eine Klasse niederrangiger Götter. Vermutlich ist diese Subordination sogar im Sinne einer Abstammung von El und seiner Hauptfrau, der Göttin → Ascherah, zu verstehen.

Die Söhne Els gelten als unsterblich. Ein besonderes Zeugnis stellt in diesem Zusammenhang ein Abschnitt aus dem Aqat-Epos dar, in dem die Göttin → Anat dem sterblichen Jäger Aqat Unsterblichkeit verspricht und dabei auf den unsterblichen El-Sohn → Baal verweist (KTU 1.17 VI:26-29):

„Da antwortete die Jungfrau Anat: / Wünsche dir Leben, oh Mann Aqat, / wünsche dir Leben, und ich werde es dir geben, / Nicht-Tod, und ich werde ihn dir senden. / Ich werde dich mit Baal die Jahre zählen lassen, / mit dem Sohn Els (bn ’il) die Anzahl der Monate.“

2.2. Von bn ’il „Gottessohn“ ist nach Parker (1999) der Ausdruck bn ’ilm „Göttersöhne“ (vgl. Ps 29,1, wo er hebraisiert ist) zu unterscheiden, da er sich nicht auf den Göttervater El bezieht, sondern als Gattungsbezeichnung zu verstehen ist (anders offenbar Hendel, 2004). So heißt es in KTU 1.4 III:13-14:

„[Baal] stand auf und spuckte aus inmitten der Versammlung der Götter“ (wörtl. „der Göttersöhne“ bn ’ilm).

Der gleiche Terminus taucht dann auch wieder in der phönizischen Inschrift des Königs Azitawadda auf (8. Jh. v. Chr.; KAI 26 A III:19):

„Baal des Himmels und El, der Schöpfer der Erde, und die ewige Sonne und der gesamte Rat der Göttersöhne …“

2.3. Diese Unterscheidung von Gottessöhnen und Göttersöhnen ist für das Verständnis des Ausdrucks bənê ha’älohîm relevant, da er als Plural „Göttersöhne“ wie als Singular „Gottessöhne“ aufgefasst werden kann. Sprechen die einschlägigen Textstellen von Göttern, die als polytheistische Rudimente in die israelitische Religion eingegangen sind, oder soll „Gottessöhne“ eine Abhängigkeit und Subordination unter den höchsten Gott (JHWH-)Elohim hervorheben? Diese Frage können nur der Kontext und die jeweilige Stellung, welche die bənê ha’älohîm gegenüber Gott einnehmen, beantworten.

3. Göttersöhne im Alten Testament

3.1. Göttersöhne als selbständig agierende Wesen

3.1.1. Gen 6,1-4

In der biblischen → Urgeschichte bietet Gen 6,1-4 einen fremdartig anmutenden Text. Die Göttersöhne (bənê ha’älohîm) fühlen sich von den Menschenfrauen angezogen und verkehren mit ihnen sexuell (Gen 6,2):

„Da sahen die Göttersöhne die Menschentöchter, denn sie waren schön (ṭovot), und sie nahmen sich zu Frauen, welche sie sich ausgesucht hatten.“

Das Ergebnis dieser Verbindungen ist ein (motivgeschichtlich immer noch rätselhaftes) Heldengeschlecht (gibborîm, Gen 6,4). Interessant ist vor allem die Reaktion JHWHs in Gen 6,3: Er begrenzt die Lebenszeit des Menschen auf 120 Jahre. Doch steht dieser Vers für sich allein, denn JHWH spielt in dem Text ansonsten keine Rolle (zur Literarkritik Bartelmus, 1979; Kvanvig, 1988). Sieht man von diesem Vers ab, werden die Göttersöhne hier offenbar als himmlische Wesen gedacht, die unabhängig von JHWH agieren, denn er greift weder in das Geschehen ein noch sanktioniert er die Tat der Göttersöhne. Gerade das sorgt für große Unsicherheit in der Datierung von Gen 6,1-4: Handelt es sich um eine sehr alte, von den Vorstellungen des kanaanäischen Polytheismus geprägte mythische Überlieferung (Schlisske, 1973) oder bereits um Engelvorstellungen aus (spät-)nachexilischer Zeit (vgl. auch den wohl prominentesten Paratext, die Schilderung vom Engelsturz im „Buch der Wächter“, 1Hen 6-16 [→ Henoch]; vgl. u.a. Witte, 1998)?

3.1.2. Dtn 32

Der ursprüngliche Text von Dtn 32,8 sprach wohl nicht wie die masoretische Überlieferung nach einer dogmatischen Korrektur von den „Söhnen Israels“ (בְּנֵי יִשְׂרָאֵל bənê jiśra’el), sondern – wie die → Septuaginta mit ἀγγέλων θεοῦ „(Zahl) der Engel Gottes“ und 4Q Dt 32 (= 4Q37) mit כל אלהים „all ihr Götter“ annehmen lassen – von בְּנֵי אֱלֹהִים bənê ’älohîm „Söhnen der Götter“:

„Als der Höchste (‘æljôn) den Nationen ihren Erbbesitz zuteilte, als er die Menschen voneinander schied, bestimmte er die Gebiete der Völker nach der Zahl der Göttersöhne.“

Hinter diesem ursprünglichen Text steht wohl die traditionsgeschichtlich alte Vorstellung von Nationalgöttern, die unter dem „höchsten Gott“ (’el ‘æljôn), jeweils für bestimmte Länder und Völker zuständig sind.

3.2. Göttersöhne als auf den höchsten Gott hingeordnete Wesen

3.2.1. Hiob

In Hi 1,6 und Hi 2,1 sind die Göttersöhne eindeutig JHWH untergeordnet. Sie sind Teil des himmlischen Thronrates (→ Götterrat), der regelmäßig zusammenkommt und gegenüber dem höchsten Gott, JHWH, Rechenschaft ablegen muss:

„Und es geschah an dem Tage, als die Göttersöhne (bənê ha’älohîm) kamen, um sich vor JHWH einzufinden …“ (Hi 1,6)

Zugleich besitzen die Göttersöhne jedoch eine eigene Kompetenz und gewisse Befugnisse, die sie von JHWH unabhängig ausüben können (vgl. auch die Vision des → Micha ben Jimla, 1Kön 22,19ff.). Dies wird insbesondere an der Gestalt des → Satans deutlich, der ebenfalls Teil des himmlischen Thronrates ist: Er wird als Umherziehender (Hi 1,7) beschrieben, der rechenschaftspflichtig ist und im Blick auf Hiob und dessen Lebensschicksal nicht eigenständig agieren kann, sondern weitgehende Kompetenzen erst von JHWH übertragen bekommen muss (vgl. Hi 1,12).

Eine weitere wichtige Funktion der Göttersöhne des himmlischen Thronrats ist der Lobpreis der Schöpfungswerke JHWHs (Hi 38,6f.). Hier werden die Göttersöhne mit den „Sternen des Morgens“ (kôkhəvê voqær) parallelisiert, die ebenfalls zur göttlichen Entourage zählen und sich eventuell aus Astralgottheiten der altorientalischen Umwelt entwickelt haben (vgl. Strauss, 2000).

3.2.2. Ps 29 und Ps 89

In Ps 29,1f. werden die bənê ’elîm aufgerufen, JHWH – Hi 38 vergleichbar – zu preisen, und auch erscheint JHWH als höchster Gott / Götterkönig eines himmlischen Thronrats.

„Gebt JHWH, ihr Göttersöhne, / gebt JHWH, Ehre und Stärke! / Gebt JHWH die seinem Namen angemessene Ehre! / Werft euch nieder vor JHWH in heiligem Schmuck!“

In vergleichbarer hymnischer Form wird in Ps 89,6f. JHWHs wunderbares Wirken und seine nicht zu übertreffende Treue zu seinen (auf der Endtextebene an das Königtum gerichteten) Verheißungen gepriesen. Dabei ist auffallend, dass das Motiv von den Göttersöhnen hier verwendet wird, um JHWHs Unvergleichlichkeit auszudrücken:

„Denn wer im Gewölk kann mit JHWH verglichen werden, / ist vergleichbar mit JHWH unter den Göttersöhnen (bənê ’elîm)?“ (Ps 89,7)

Auf diese Weise werden Motive, die einem monolatrisch ausgerichteten Gottesbild entstammen, zum Mittel, die besondere (bereits monotheistisch ausgerichtete) Souveränität JHWHs auszudrücken.

3.2.3. Dan 3,25

Das späte → Danielbuch besitzt wie die übrige apokalyptische Literatur bereits ein ausgeprägtes „angelologisches System“ (Koch, 1994). Neben Begriffen wie עִיר וְקַדִּישׁ ‘îr wəqaddîš „heiliger Wächter“ (Dan 4,10.20) und שַׂר śar „Engelfürst“ (Dan 10,13.20f.) taucht in Dan 3,25 die aramäische Form בַּר־אֱלָהִין bar ’älāhîn „Göttersohn“ bzw. – im Kontext der Angelologie des Danielbuches vielleicht eher – „Gottessohn“ auf. Nachdem drei jüdische Männer im glühenden Ofen nicht verbrannt werden können, sieht der babylonische König → Nebukadnezar zusätzlich eine vierte Person im Ofen, die dem Hofstaat JHWHs angehört:

Er (Nebukadnezar) antwortete und sprach: Ich sehe aber vier Männer ungefesselt und unversehrt im Feuer umhergehen, und der vierte sieht aus wie ein Göttersohn / Gottessohn.“

3.3. Die besondere Stellung der Göttersöhne in Ps 82

Die Göttersöhne, die als „Söhne des Höchsten“ (‘æljôn) in Ps 82,6 erwähnt werden, kommen hier in einer himmlischen Gerichtsversammlung zusammen (‘ǎdat ’el). Gott (’älohîm Singular!) führt eine Anklage gegen die Göttersöhne (ebenfalls ’älohîm, aber Plural!), die sich ungerecht gegenüber der Menschenwelt verhalten hätten. Der Psalm schließt mit dem Urteil Elohims (Singular), nach dem die – ursprünglich unsterblich gedachten (vgl. 2.) – Göttersöhne nun sterben müssten (Ps 82,7). Der Psalm endet in Ps 82,8 mit einer liturgisch anmutenden Schlussbitte des Psalmbeters an Elohim (vgl. Parker, 1995), dass dieser nun über die gesamte Welt herrschen soll.

Dass der höchste Gott – hier mit den Prädikaten El und Eljon belegt – (zumindest terminologisch) vom israelitischen Gott (JHWH-)Elohim unterschieden wird, weist darauf hin, dass es dem Psalm um die Ablösung von einem polytheistisch ausgerichteten Pantheon zugunsten der Souveränität des einen Gottes (JHWH-)Elohim geht: Erst in V. 7 und 8 erweist sich Elohim als Souverän, indem er das Todesurteil über die Götter spricht, deren Macht übernimmt und so Herrscher über die ganze Welt wird. Hier zeigt sich, dass die Vorstellung von Nationalgöttern aus Dtn 32,8f. durch die alleinige Souveränität des einen Gottes Israels ersetzt wird.

Überlieferungsgeschichtlich muss es dabei wie in Gen 6,1-4 offen bleiben, ob es sich hier um die direkte Übernahme eines alten (kanaanäischen) Mythos, der umgestaltet wurde, handelt oder der Psalm unter Aufnahme unterschiedlicher Traditionen (vermutlich exilisch-nachexilisch, vgl. Hossfeld / Zenger, 2000; anders z.B. Weber, 2003) als einheitliches Stück völlig neu formuliert wurde.

3.4. Zusammenfassung

Göttersöhne erscheinen im Alten Testament einerseits als Rudimente eines polytheistischen Göttersystems – so besonders deutlich in der ursprünglichen Fassung von Dtn 32,8 –, andererseits aber auch als Wesen, auf die rekurriert wird, um an ihnen die Überlegenheit und Souveränität des einen Gottes JHWH zu profilieren (vgl. Hi 38,6f.; Ps 89,7; → Monotheismus). Beachtenswert ist, dass nirgends die Wendung „Sohn JHWHs“ belegt ist.

Immer wieder ist versucht worden, traditionsgeschichtliche Entwicklungslinien innerhalb der Vorstellung von einem himmlischen Pantheon zu ziehen:

● Stufe A: selbstständige himmlische Wesen, d.h. „Götter“;

● Stufe B: Subordination von „Gottessöhnen“ unter (JHWH-)Elohim;

● Stufe C: Engel.

Auch wenn entsprechende Grundzüge im Alten Testament vielleicht erkennbar sind, bleibt die Schematisierung angesichts der Datierungsprobleme vieler Texte unsicher (v.a. Gen 6,1-4; Ps 82). So ist z.B. Dtn 32,8 mit Sicherheit ein jüngerer Text, bewahrt allerdings eine relativ frühe Traditionsstufe im Blick auf die Göttersöhne, die als selbstständige Nationalgötter gedacht sind und zu denen auch JHWH als der Gott Israels gezählt wird. Entscheidender ist es, nach der theologischen Funktion zu fragen, die das Motiv der Göttersöhne im jeweiligen Kontext hat. Dabei ist wichtig festzuhalten, dass die Göttersöhne als Motiv an keiner Stelle im Alten Testament einen theologischen Eigenwert erhalten. Stets sind sie Mittel zum Zweck: Auch wenn sie eigenständig agieren, wie in den himmlisch-irdischen Beziehungen Gen 6,1-4, so bleiben sie doch nur Sinnbild einer Grenzüberschreitung des Menschen, die von JHWH sanktioniert wird (Lebensbegrenzung in Gen 6,3). Oder ihre Selbstständigkeit wird zum Bild ungerechten Handelns, was dann gerade zu ihrer vollständigen Depotenzierung führt, wie in Ps 82. Wenn Göttersöhne dagegen nicht als selbstständige, sondern dem höchsten Gott subordinierte Wesen gedacht werden, stellen sie als Subjekte des Lobes (Ps 29; Ps 89; Hiob) oder als Teil seiner dienstbaren Heerscharen (Dan 3,25) gerade dessen alleinige Souveränität heraus.

4. Wirkungs- und Auslegungsgeschichte

4.1. Judentum

Im Frühjudentum, seit etwa dem 3. Jh. v. Chr., gilt der Terminus „Göttersöhne“ v.a. als Synonym für „Engel“ und wird oft durch diesen Begriff ersetzt, weil er unter den Vorzeichen des jüdischen Monotheismus anstößig wirkt. So gibt die Septuaginta an einschlägigen Textstellen wie Hi 1,6 und Hi 2,1 bənê ha’älohîm „die Söhne Gottes“ mit οἱ άγγελοι τοῦ θεοῦ „die Engel Gottes“ wieder. Gleiches gilt auch für manche griechische Handschriften von Gen 6,1-4. Besonders deutlich wird diese Interpretation im „Buch der Wächter“ (BW 6,2), wo die Göttersöhne aus Gen 6,2 als „Engel, die Söhne des Himmels“ bezeichnet werden. Die „Göttersöhne“ werden hier zur eigenen Gattung „Wächterengel“, die – unter Aufnahme des Stoffes von Gen 6,1-4 – Gewalt durch ihre Nachkommenschaft unter den Menschen säen und so aus dem Himmel gestürzt werden („gefallene Engel“).

Während der Terminus „Göttersöhne“ allmählich obsolet wird, wird der Begriff „Gottessöhne“ nun für (menschliche) Gerechte verwendet, die Gottes Weisung beachten (Weish 2,18; Weish 5,5).

Auch das spätere rabbinische Judentum deutet die alttestamentlichen „Göttersöhne“ als Engel (so z.B. die Rezeption von Gen 6,2 in Pirke Rabbi Eliezer 22) und wendet den Begriff „(Gottes-)Söhne“ auf Menschen an, die Gottes Willen tun (vgl. Mischna-Traktat Quidduschin 1,61c,36). Auch die „Göttersöhne“ des anstößigen Textes Gen 6,1-4 werden von Rabbinen als Menschen gedeutet: So bezeichnet Rabbi Simon ben Jochai (Bereschit Rabba 26,5) sie als „Söhne der Richter“, also als Richter. Damit erklärt er sie, da Rechtsprechung als göttliche Kompetenz galt, zu besonderen Menschen, aber eben nur zu Menschen und lehnt damit ihre Deutung als Engel ab.

4.2. Christentum

Das Neue Testament knüpft an frühjüdische Vorstellungen an: Einerseits leben die „Göttersöhne“, auch wenn der Begriff nicht mehr erscheint, weiter, indem die frühjüdische Engeldeutung weitgehend übernommen wird. „Söhne / Kinder Gottes“ (υἱοὶ θεοῦ) meint jetzt – in Anlehnung an die jüdischen „Gerechten“ – die Gemeinschaft derer, die zu Jesus gehören (vgl. Gal 3,26). Einen gewissen Sonderfall stellt vielleicht noch einmal Lk 20,36 dar, wo der Begriff „Söhne Gottes“ explizit die vom Tode auferstandenen Christen bezeichnet, die unsterblich und „Engeln gleich“ sind. Hier wirken vielleicht beide Vorstellungen, Engel- wie Menschendeutung, nach. Davon zu unterscheiden ist dann noch einmal der zentrale Terminus → „Sohn Gottes“, der exklusiv als christologischer Hoheitstitel verwendet wird.

In der christlichen Wirkungsgeschichte des Mittelalters ist besonders die Deutung des Thomas von Aquin (Summa Theologica III 23,3) interessant, der davon ausgeht, dass die Engel wie die in Liebe und Gnade lebenden Menschen „Söhne Gottes“ genannt werden, weil sie beide(!) von Gott „an Kindes statt angenommen“ worden sind.

In dem vom Puritanismus geprägten Epos „Das verlorene Paradies“ von John Milton (1608-1674) findet sich wie im rabbinischen Judentum bei der Rezeption von Gen 6,1-4 die Tendenz, die Göttersöhne zu entmythologisieren: Sie werden zu besonders gerechten Männern („… wo Gute [Männer] sich mit Bösen [Frauen] gepaart…“).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff (ben)
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007 (Gotteskindschaft)
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 6. Aufl., München / Zürich 2004 (ben)

2. Weitere Literatur

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  • Bartelmus, R., 1979, Heroentum in Israel und seiner Umwelt. Eine traditionsgeschichtliche Untersuchung zu Gen 6,1-4 und verwandten Texten im Alten Testament und der altorientalischen Literatur (AThANT 65), Zürich
  • Cooke, G., 1964, The Sons of (the) God(s), ZAW 76, 22-47
  • Dexinger, F., 1966, Sturz der Göttersöhne oder Engel vor der Sintflut? Versuch eines Neuverständnisses von Genesis 6,2-4 unter Berücksichtigung der religionsvergleichenden und exegesegeschichtlichen Methode (Wiener Beiträge zur Theologie 13), Wien
  • Dexinger, F., 1992, Jüdisch-christliche Nachgeschichte von Gen 6,1-4, in: S. Kreuzer / K. Lüthi (Hgg.), Zur Aktualität des Alten Testaments (FS G. Sauer), Frankfurt / Main u.a., 155-175
  • Hendel, R., 2004, The Nephilim were on the Earth: Genesis 6:1-4 and ist Ancient Near Eastern Context, in: C. Auffarth / L.T. Stuckenbruck (Hgg.), The Fall of the Angels (Themes in Biblical Narrative Vol. VI), Leiden / Boston, 11-34
  • Hossfeld, F.-L. / Zenger, E., (2000) 3. Aufl. 2007, Psalmen 51-100 (HThK.AT), Freiburg i.Br.
  • Koch, K., 1994, Monotheismus und Angelologie, in: W. Dietrich / M.A. Klopfenstein (Hgg.), Ein Gott allein? JHWH-Verehrung und biblisches Monotheismus im Kontext der israelitischen und altorientalischen Religionsgeschichte (OBO 139), Freiburg (Schweiz) / Göttingen, 565-581
  • Kvanvig, H.S., 1988, Roots of Apocalyptic: The Mesopotamien Background of the Enoch Figure and of the Son of Man (WMANT 61), Neukirchen-Vluyn
  • Neef, H.-D., 1994, Gottes himmlischer Thronrat. Hintergrund und Bedeutung von sôd JHWH im Alten Testament (Ath 79), Stuttgart
  • Parker, S.B., 1995, The Beginning of the Reign of God – Psalm 82 as Myth and Liturgy, RB 102, 532-559
  • Parker, S.B., (1995) 2. Aufl. 1999, Art. Son(s) of (the) God(s), DDD, 1499-1510
  • Schlisske, W., 1973, Göttersöhne und Gottessohn im Alten Testament: Phasen der Entmythisierung im Alten Testament (BWANT 97), Stuttgart
  • Strauss, H., 2000, Hiob 19,1-42,17 (BK XVI/2), Neukirchen-Vluyn
  • Weber, B., 2001, Werkbuch Psalmen 1: Die Psalmen 1-72, Stuttgart u.a.
  • Weber, B., 2003, Werkbuch Psalmen 2: Die Psalmen 73-150, Stuttgart u.a.
  • Witte, M., 1998, Die biblische Urgeschichte: Redaktions- und theologiegeschichtliche Beobachtungen zu Genesis 1,1-11,26 (BZAW 265), Berlin / New York
  • Wright, A.T., 2005, The Origins of Evil Spirits: The Reception of Genesis 6.1-4 in Early Jewish Literature (WUNT 2.198), Tübingen
  • Zimmermann, M. / Zimmermann, R., 1999, „Heilige Hochzeit“ der Göttersöhne und Menschentöchter? Spuren des Mythos in Gen 6,1-4, ZAW, 327-352.
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