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Lexikon

Götter / Götterwelt Ägyptens

Alexandra von Lieven

(erstellt: Jan. 2006)

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→ Amun, → Anubis, → Aton, → Bastet, → Chnum, → Chons, → Hathor, → Horus, → Isis, → Min, → Mut, → Nephthys, → Neith, → Nut, → Osiris, → Ptah, → Re, → Seth, → Tefnut.

1. Einleitung

Die Götterwelt des Alten Ägypten war sehr komplex, was nicht zuletzt an einer sehr weiten Verwendung des Begriffes „Gott“ im Ägyptischen liegt. Außer für die großen Götter wurde er für weniger bedeutende Gestalten verwendet, die in der Forschung heute oft als Dämonen bezeichnet werden. Doch nicht nur imaginäre Wesenheiten konnten mit diesem Wort belegt werden, sondern auch höchst reale Entitäten wie Gestirne, heilige Tiere oder Könige und andere als göttlich erachtete Menschen.

Auch unter den imaginären Gestalten, die hier vor allem als Götter verstanden werden sollen, gab es verschiedene Kategorien. Wichtig ist zunächst die Differenzierung in regionale und überregionale Gottheiten. Selbst die überregional bedeutenden Hauptgottheiten Ägyptens verfügten über bestimmte Kultorte, an denen sie besonders verehrt wurden. Historisch dürfte dies so zu erklären sein, dass auch sie zunächst lokal gebunden waren, dann jedoch im Zuge der Reichseinigung in einem weitergehenden Gebiet propagiert wurden. Dieser Prozess, der auch den Synkretismus, d.h. die Identifizierung verschiedener Gottheiten untereinander, zur Folge hat, bleibt während der gesamten Geschichte der ägyptischen Religion wirksam.

Generell können sich die Götter in jedwedem Phänomen der sichtbaren Welt manifestieren, wofür das Ägyptische verschiedene Bezeichnungen kennt, die wohl verschiedene Modelle beschreiben, ohne dass deren Nuancen immer klar werden. Diese Manifestationen sind Gegenstand priesterlicher Wissenschaft und werden in Handbüchern dargelegt. Im Rahmen dieser Priesterwissenschaft systematisierten die Ägypter auch selbst ihre Götterwelt nach dem Modell ihrer eigenen Gesellschaftsordnung, wobei der Sonnengott als König an der Spitze der Hierarchie erscheint, die anderen Götter als seine Beamten.

2. Neunheiten und Triaden

Jeder Hauptkultort besaß sein lokales Pantheon, das unabhängig von der realen Anzahl der Mitglieder ägyptisch als „Neunheit“ bezeichnet wurde (Neunheit symbolisiert Vollständigkeit: 3 x 3; Plural der Plurale). Eine Ausnahme bildet hier lediglich die Achtheit der acht Urgötter von Hermopolis, wo die Achtzahl bereits im ägyptischen Namen der Stadt selbst festgeschrieben ist (Chmnw „Stadt der Acht“). Die Angehörigen einer Neunheit stehen teils in einem familiär-genealogischen Verhältnis zueinander, das in Mythen expliziert wurde (so etwa im Falle der heliopolitanischen Neunheit), teils auch in einem funktionalen Zusammenhang (so im Falle der thebanischen Neunheit, die mit den Göttern der Mondphasen zu verbinden ist).

Noch zentraler als die Neunheit, doch keiner ägyptischen Eigenbegrifflichkeit entsprechend, ist die Anordnung der lokal wichtigsten Gottheiten in Triaden. Diese bestehen in der Regel aus einer Kernfamilie mit einem männlichen Kind, doch sind je nach vorhandenen Göttern auch andere Konstellationen möglich. Im Falle der überregional bedeutenden Gottheiten ist eine Einbindung ein und derselben Gottheit in verschiedene Gruppenzusammenhänge an verschiedenen Orten möglich. In den griechisch-römischen Tempeln entspricht es dem Standard, die lokalen Hauptgottheiten synkretistisch mit den älteren Mitgliedern der heliopolitanischen Neunheit zu identifizieren und deren mythologische Konstellationen auf die eigenen Gegebenheiten zu projizieren.

3. Zuständigkeiten

Die Hauptgötter vertreten zwar in gewisser Weise einzelne Zuständigkeiten, doch wird jedem an seinem Hauptkultort zusätzlich zugeschrieben, der höchste Gott und Schöpfer zu sein und eine transzendente Machtfülle zu besitzen. Dazu gehört auch eine dezidierte Solarisierung der männlichen Götter, die zu Bindestrichformen NN-Re führt. Dieser Solarisierung entspricht bei den weiblichen Gottheiten eine Gleichsetzung mit Tefnut, der „Gefährlichen Göttin“, die astronomisch mit Sothis (Sirius) identifiziert ist. Damit hängt im weiteren Sinne auch zusammen, dass männliche Götter – etwa in der Schrift – spezifisch als Falken konzeptionalisiert werden können, weibliche dagegen bevorzugt als Schlangen.

Neben der lokalen Dimension spielt die funktionale eine gewichtige Rolle, wobei die reinen Funktionsgötter in der Hierarchie jedoch weit tiefer angesiedelt sind. Dafür gibt es von ihnen eine theoretisch unbegrenzte Anzahl. Eine wichtige Gruppe stellen hierunter zunächst die Personifikationen dar. Personifiziert werden können unterschiedlichste Entitäten: im weitesten Sinne geographische Personifikationen umfassen das Spektrum von einem wichtigen Gebäude über Städte und Landwirtschaftszonen bis zu Himmelsrichtungen. Kalendarische Personifikationen verkörpern Zeitabschnitte von Stunden bis zu Jahren und Jahreszeiten. Fallweise ist die Grenze zwischen Personifikation und Schutzgott fließend. So ließen sich dem Kalenderwesen auch Gruppen von Göttern der einzelnen Tage eines Mondmonats sowie Götter für jeden Tag des Jahres (die sog. Chronokratoren) zuordnen, die korrekter als Schutzpatrone dieser Zeiteinheiten denn als ihre unmittelbare Personifikation aufzufassen sind.

Ebenfalls dem Konzept der Personifikation sehr nahe kommen die Gruppen von Ka- und Ba-Kräften, die etwa dem Sonnengott zugeordnet sind und seine Potenzen wie Licht, Nahrungsfülle etc. verkörpern. Allerdings sind sie nicht identisch mit diesen, sondern bewirken sie nur, weshalb man sie von den eigentlichen Personifikationen trennen sollte.

Die zweite große Gruppe der Funktionsgötter sind die diversen Schutzgötter. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie häufig in zahlenmäßig festgelegte Untergruppen eingeteilt sind, die eigene Kollektivbezeichnungen tragen. Diese Götter sind besonders dem Schutz des toten Osiris verpflichtet, können aber magisch auch für menschliche Belange instrumentalisiert werden. Mit ihnen strukturell verwandt sind Gruppen von anderweitig helfenden Gottheiten, wie den sieben heiligen Kühen und ihrem Stier, die für die Nahrungsversorgung zuständig sind, oder den sieben Hathoren.

4. Namen und Gestalten

Die großen Götter können je nach Situation auch diverse Namen und Gestalten annehmen, die sich dann wiederum verselbständigen können. Neben den schon genannten Hathoren wären hier etwa die 75 Gestalten des Sonnengottes in der Sonnenlitanei oder seine verschiedenen Verwandlungen innerhalb der Stunden des Tages zu nennen.

Letztere berühren schließlich ein weiteres wichtiges Gebiet der innerägyptischen Götterklassifikation, nämlich den astronomischen Hintergrund. Tatsächlich werden sehr viele sowohl der großen Gottheiten, wie auch der weniger bedeutenden Gestalten mit astronomischen Phänomenen identifiziert. Dabei können durchaus mehrere unterschiedliche Zuordnungen zur selben Gottheit auftreten bzw. gleiche zu unterschiedlichen Gottheiten. Ein Paradebeispiel ist etwa der Mond, der Thot, Osiris, Horus oder Chons zugeordnet sein kann, während gleichzeitig z.B. Osiris auch mit Orion gleichgesetzt werden kann. Neben den prominenten Phänomenen wie Sonne und Mond erscheinen auch zahlreiche Gestirne und Sternbilder (insbesondere die verschiedenen Familien der 36 sog. Dekane), die größtenteils nicht modern identifizierbar sind.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Paulys Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft, Stuttgart 1894-1972
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979)
  • Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen, Leuven 2002-2003
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Der Neue Pauly, Stuttgart / Weimar 1996-2003

2. Weitere Literatur

  • Baines, J., 2000, Egyptian Deities in Context, Multiplicity, Unity, and the Problem of Change, One God or Many?, in: B.N. Porter (Hg.), Concepts of Divinity in the Ancient World (Transactions of the Casco Bay Assyriological Institute 1), Chebegue (Me.), 9-78
  • Hornung, E., 1971, Der Eine und die Vielen, Darmstadt
  • Von Lieven, A. 2004, Das Göttliche in der Natur erkennen. Tiere, Pflanzen und Phänomene der unbelebten Natur als Manifestationen des Göttlichen, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 131, 156-172, Taf. XX-XXI
  • Meeks, D. / Favard-Meeks, Ch., 1993, La vie quotidienne des dieux égyptiennes, Paris
  • Osing, J., 1992, La hiérachie des dieux égyptiens d’après un manuel de l’époque romaine, Aspects de la culture pharaonique (Mémoires de l’Académie des Inscriptions et Belles-Lettres Nouvelle Série 12), Paris, 49-59
  • Traunecker, C., 1992, Les dieux de l’Égypte, Paris
  • Wilkinson, R.H., 2003, The Complete Gods and Goddesses of Ancient Egypt, London
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