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Lexikon

Gleichnisse (NT)

Kurt Erlemann

(erstellt: Mai 2009)

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1. Begrifflichkeiten und Differenzierungen

1.1. Gleichnis als Sammelbegriff

Der Begriff „Gleichnis“ bezeichnet sowohl bildhafte Texte im Ganzen als auch, traditionellerweise, eine Unterform gleichnishafter Rede, das „Gleichnis im engeren Sinne“ bzw. das „besprechende Gleichnis“ (zu Letzterem vgl. 1.2.1.).

Als Grundform des Gleichnisses benennt Aristoteles (Rhet. III 4) den Vergleich als Sonderfall der Metapher (Rhet. III 11,14f.). Der Rhetoriker Quintilian bringt die Unterscheidung von „eigentlicher“ Redeweise (Vergleich) versus „uneigentlicher“ Redeweise (Metapher) ein. Auf dieser Grundlage entwickelt Adolf Jülicher den Gegensatz zwischen Gleichnis als „eigentlicher“, nicht deutungsbedürftiger Sprachform mit rhetorisch-didaktischer Ausrichtung (Grundform: Vergleich, Gleichnisreden I, 117; dem alttestamentlich-jüdischen maschál vergleichbar, ebd. 37) und Allegorie als „uneigentlicher“, deutungsbedürftiger Rätselrede (Grundform: Metapher). Das Gleichnis, so Jülicher, bestehe aus einer Bild- und einer Sachhälfte, die „Sache“ sei die Reich-Gottes-Botschaft. Zwischen Bild- und Sachhälfte gibt es nach Jülicher einen einzigen Vergleichspunkt (tertium comparationis), der eine überzeitlich gültige religiös-sittliche Wahrheit beinhalte (ebd., 105.107).

Die Unterscheidung zwischen Bild- und Sachhälfte sowie der Gegensatz zwischen Gleichnis und Allegorie wird von der modernen Gleichnisforschung in Frage gestellt. Dagegen gilt Jülichers Vorbehalt gegen Allegorese in der Gleichnisinterpretation nach wie vor; an die Stelle der Konzentration auf ein einziges tertium comparationis ist die Fokussierung auf eine Zielaussage (Pointe) getreten.

Als Sammelbegriff ist „Gleichnis“ (griechisch parabole) formkritisch zuerst durch den Wechsel von einer semantischen Ausgangsebene (Basiserzählung, narrativer Kontext) zu einer Bildebene konstituiert. Am Ende des Gleichnisses wird zur semantischen Ausgangsebene zurückgelenkt. Ein weiteres Gattungsmerkmal ist die „Doppelbödigkeit“ des Gesagten: Die Gleichnishandlung weist über sich selbst hinaus auf eine externe theologische Referenzebene hin. In der Doppelbödigkeit besteht der analogische bzw. allegorische Charakter von Gleichnissen. Bausteine von Gleichnissen sind Vergleich und Metapher, die zu Bildfeldern ausgeweitet sein können (z.B. Weinberg – Pacht – Ernte). Die Bandbreite gleichnishafter Stoffe reicht vom kurzen Vergleich und der Metapher bis hin zu erzählerisch geschlossenen Parabeln. Dazwischen gibt es Mischformen in großer Vielfalt. Im Folgenden werden ausschließlich die erzählerisch geschlossenen Formen betrachtet.

Textpragmatisch sind Gleichnisse als szenische Plausibilisierungshandlungen einzustufen: Mit Hilfe einer quasi-realistischen Erzählszene wird auf eine überraschende Wirklichkeitssicht hingearbeitet, die bestimmte Zweifel, theologische Fehleinschätzungen oder ethische Fehlhaltungen aufdecken und ihre Korrektur nahelegen soll.

1.2. Unterformen

In der traditionellen Gleichnisforschung wird das „Gleichnis im engeren Sinne“ bzw. das „besprechende Gleichnis“ von der Parabel („erzählendes Gleichnis“ bzw. „Gleichniserzählung“) und der Beispielerzählung unterschieden. Die Unterscheidung in verschiedene Gleichnistypen ist eine Konvention der traditionellen Gleichnistheorie. Sie leitet sich nicht aus der antiken Formenlehre ab, hat aber eine wichtige heuristische Funktion.

Jülicher unterschied als erster zwischen Gleichnis im engeren Sinne (besprechendes Gleichnis), Parabel (erzählendes Gleichnis bzw. Gleichniserzählung) und Beispielerzählung (Gleichnisreden I, 80ff.). Die Parabel beinhaltet nach Jülicher eine frei erfundene, realistisch wirkende, einmalige und szenisch gegliederte Handlung. Demgegenüber schildere das besprechende Gleichnis Alltagsvorgänge (ebd., 93). Jülicher definiert Letzteres als „diejenige Redefigur, in welcher die Wirkung eines Satzes (Gedankens) gesichert werden soll durch Nebenstellung eines ähnlichen, einem anderen Gebiet angehörigen, seiner Wirkung gewissen Satzes“ (ebd., 80, im Anschluss an Aristoteles, Rhet II 20). Zweck der fiktiven Erzählung sei die Steigerung der rhetorisch-argumentativen Wirkung. Die formkritische Unterscheidung wird heute mangels Trennschärfe (Grenzfälle wie Mt 13,31-33!) infrage gestellt (Zimmermann, Kompendium 17-28).

Gemeinsam sind allen Gleichnistypen folgende Merkmale: 1) Fiktionalität und Pseudorealistik des Erzählten, 2) Konterdetermination (Umgehung der „Sache“ im Bild; Ausnahme: Beispielerzählungen), 3) zentripetale Struktur (erzählerische Geschlossenheit und Konzentration auf eine Pointe) mit zentrifugalen Verweiselementen (Metaphern, Extravaganzen u.a. als „tertia comparationis“) sowie 4) die Verzahnung von Bild- und Ausgangsebene (Einleitungsformel, Anwendung oder Deutung).

Im Unterschied zum Vergleich entfalten die „Großformen“ zumindest in Ansätzen eine Dramaturgie. Die Satzgrenze kann, muss dabei aber nicht überschritten werden. Anders als die Metapher bringt das Gleichnis nicht nur Analogien, sondern auch Differenzen zwischen Bild- und Ausgangsebene zur Sprache.

1.2.1. Gleichnis im engeren Sinn (besprechendes Gleichnis)

Das „besprechende Gleichnis“ zeichnet sich sprachlich durch das Präsens als Erzähltempus aus. Weiterhin ist die Schilderung („Besprechung“) eines alltäglichen bzw. Naturvorgangs charakteristisch (typisch: Die Wachstumsgleichnisse Mt 13). Anhand des Naturvorgangs wird eine Gesetzmäßigkeit des → Reiches Gottes plausibel gemacht. In aller Regel tritt nur ein Akteur auf (z.B. Sämann). Eine Zwischenform zwischen einem besprechenden und einem erzählenden Gleichnis (Parabel) ist das Doppelgleichnis vom Senfkorn und Sauerteig Mt 13,31-33: Es stellt einen alltäglichen, sich stetig wiederholenden Vorgang dar, ist aber im Erzähltempus (Aorist) gehalten.

Textpragmatisch gesehen, zielt das besprechende Gleichnis, im Gegensatz zur Parabel, auf unmittelbare Plausibilität.

1.2.2. Parabel (erzählendes Gleichnis, Gleichniserzählung)

Im Unterschied zum „besprechenden“ Gleichnis erzählt die Parabel eine weitgehend realistisch wirkende, aber frei erfundene und einmalige Handlung, die von der Interaktion mehrerer Akteure (Herr, Knechte usw.) lebt. Als Erzähltempus dominiert im Griechischen der Aorist. Wie beim „Gleichnis“ klammert die Parabel die „Sache“ im Bild aus (Konterdetermination und zentripetale Struktur). Allerdings enthält sie Verweiselemente, die das Erzählte transparent für eine externe Deutungsebene machen. Zu diesen Verweiselementen gehören geprägte Metaphern und Bildfelder, Extravaganzen, zeitgeschichtliche Anspielungen, Einleitungsformeln sowie Anwendungen (zentrifugale Elemente), Beispiele sind: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) oder vom unbarmherzigen Knecht (Mt 18,23-35).

Textpragmatisch von Wichtigkeit sind sowohl die Pseudorealistik als auch die Konterdetermination der Parabel. Die aus dem Alltag gegriffene Szene erscheint glaubwürdig, das stringente Erzählgefälle (zentripetale Struktur, Konterdetermination) führt auf die erzählinterne Zielaussage (Pointe) hin. Insofern diese den Adressaten plausibel ist, wird auch die theologische „Sache“ plausibel. Diese ist vielschichtig und beinhaltet informative, affektive und praktische Gesichtspunkte.

1.2.3. Beispielerzählung

Vier Gleichnisse des lukanischen Sondergutes bilden eine Sonderform der Parabel und werden traditionellerweise als Beispielerzählungen bezeichnet. Es handelt sich um das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner (Lk 10,30-37), vom reichen Kornbauern (Lk 12,16-21), vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31) sowie vom Pharisäer und Zöllner (Lk 18,9-14). Im Unterschied zur Parabel fehlt in diesen Texten die Konterdetermination – die „Sache“ kommt im Bild selbst vor – historische Gruppen werden namentlich erwähnt, theologische Zusammenhänge thematisiert. Textpragmatisch betrachtet arbeiten sie auf die Nachahmung bzw. Vermeidung eines in der Erzählung demonstrierten Verhaltens hin. Somit stellen sie ein typisiertes und provokantes Fallbeispiel für das geforderte bzw. abgelehnte Verhalten dar.

1.3. Allegorie

Die Allegorie gilt in der älteren Gleichnisforschung als eine Unterform der Gleichnisse, die aufgrund ihrer Deutungsbedürftigkeit von Jesus nicht verwendet wurde. Allegorien gelten vielmehr als Produkt einer missverständlichen Aneignung der Gleichnisrede Jesu durch die Evangelisten.

Die Allegorie ist, etymologisch gesehen, dadurch bestimmt, dass sie etwas anderes sagt, als sie meint (Tryphon, Tropoi III 193,9-11). In der antiken Rhetorik wird die Allegorie mit Rätsel, Sprichwort und Ironie verknüpft (Philodemus v. Gadara, Rhet IV 3). Es ist konsequent, dass der Rhetoriker Quintilian die Allegorie zu den „uneigentlichen“ Sprachformen zählt („Tropen“; Inst.Orat. VIII 6). Zumindest für den Bereich der Rhetorik, die auf Überzeugung zielt und von Klarheit lebt, wird die Allegorie abgelehnt (Quintilian, Inst.Orat. VIII 6,52). In Anlehnung an Quintilians Substitutionsmodell definiert Jülicher die Allegorie als diejenige „Redefigur, in welcher eine zusammenhängende Reihe von Begriffen (ein Satz oder Satzkomplex) dargestellt wird vermittelst einer zusammenhängenden Reihe von ähnlichen Begriffen aus einem andern Gebiete.“ (Gleichnisreden I, 80). Aufgrund ihrer Deutungsbedürftigkeit seien die Allegorie und ihr Baustein Metapher Jesus abzusprechen (ebd., 118). Der Deutungsbedarf in den meisten neutestamentlichen Gleichnissen ist für Jülicher ein Indiz für ein Missverständnis der Evangelisten, welches zur Allegorisierung der Gleichnisse geführt hat. Er sieht die Hauptaufgabe der Gleichnisauslegung darin, die Entstehungssituation der Gleichnisse wiederzugewinnen (Gleichnisreden I, 24.49).

In der neueren Gleichnisforschung wird Allegorie als Gattungsbegriff zunehmend abgelehnt. Stattdessen wird Allegorie als literarisches Gestaltungsmittel gewertet und auf allegorische Verweiselemente in den Gleichnistexten hingewiesen, die im Verlauf der Gleichnisüberlieferung durchaus zugenommen haben können oder sich verändert haben. Dieser Prozess der Allegorisierung wird als konstitutiv für die Tradition und Aktualisierung der Gleichnisstoffe angesehen (Weder, Gleichnisse Jesu als Metaphern).

Vorbereitet wurde die Neubewertung der Allegorie durch die sprachwissenschaftliche Rehabilitation der Metapher ab ca. 1960. Die Metapher gilt seither als ein unverzichtbares und unersetzbares Kernelement von Sprache, das einen wesentlichen Anteil an der Konstituierung von Wirklichkeit hat (po[i]etische Funktion). Gleichnisse basieren auf metaphorischer Redeweise.

H.J. Klauck (Allegorie und Allegorese) differenziert zwischen Allegorie als literarischem Gestaltungsmittel, dem Prozess der Allegorisierung und dem Auslegungsverfahren der Allegorese. Die Gestaltungsmittel der Allegorie (Metaphern, Bildfelder, Extravaganzen etc.) weisen auf eine Sinnebene jenseits des wörtlichen Textsinns hin. Als Kategorie der Gleichnisauslegung wird der Begriff Allegorie seither zunehmend abgelehnt (Banschbach Eggen, Gleichnis, Metapher, Allegorie; Erlemann, Allegorie, Allegorese, Allegorisierung).

Im Kontext einer historisch-kritischen Hermeneutik biblischer Texte erscheint die Allegorese, die den Einzeltext gegen seinen semantischen Gehalt von einem sachfremden Kontext her interpretiert (neutestamentliches Beispiel: Gal 4,21-31: Sara und Hagar), für die Gleichnisauslegung nach wie vor als problematisches Auslegungsverfahren.

2. Die Theologie der Gleichnisse

Die „Sache“ der Gleichnisse wird in der Gleichnisforschung häufig auf den Begriff des Gottesreiches (griechisch basileia tou theou; basileia ton ouranon) reduziert (Weder, 1978, 68; 89) oder auf ein bestimmtes Existenzverständnis hin fokussiert (Via, 1970, Linnemann, 1969; Harnisch, 1985). Eine nähere Betrachtung von Gleichnissen, Parabeln und Beispielerzählungen ergibt indes ein differenziertes Bild. So werden die mt. Gleichnisse zwar häufig als Gottesreich-Gleichnisse eingeführt, bei Lukas hingegen nicht. Darüber hinaus stellt der Begriff „Gottesreich“ bzw. „Gottesherrschaft“ selbst eine Metapher dar, die ein breites Bedeutungsspektrum aufweist. Sachgemäß sind mehrere theologische Bedeutungsebenen der „Sache“ zu unterscheiden: 1) Im eigentlichen Sinne theo-logische, also auf Gottes Handeln bezogene Aspekte; 2) christo-logische, also auf die Sendung, das Handeln und Geschick Jesu bezogene Aspekte; 3) eschatologische, also auf die Deutung der Zeit als besonders qualifizierte (End-)Zeit bezogene Aspekte. Die drei Aspekte sind miteinander verflochten (Polyvalenz der Metaphern!) und ergänzen sich gegenseitig.

Zu den theo-logischen Aspekten der „Sache“ ist vor allem die Art und Weise, wie Gott seine Herrschaft qualitativ ausfüllt und wahrnimmt, zu nennen. Dazu gehören die Themen Belohnung und Bestrafung, Gerechtigkeit und Güte, Geduld und Ende derselben, Gnade und Zorn. In allem gilt Gott als die oberste Instanz (kyrios-Figur der Gleichnisse!). Die Wachstumsgleichnisse Mk 4parr. zielen auf die Bedeutung der Gottesherrschaft und auf das Wie? ihres Kommens ab. Neben der Rede von der Herrschaft Gottes gehören andere theologische Aspekte zur „Sache“, wie z.B. die (Vater-)Liebe Gottes, seine Fürsorge für die Benachteiligten und sein Engagement um alle Menschen gleichermaßen, egal ob reich oder arm, gerecht oder sündig, jüdisch oder nichtjüdisch (integrativer bzw. universalistischer Zug der Gleichnisse).

Zu den christologischen Aspekten der „Sache“ gehören die Klärung der Identität und Vollmacht Jesu als → Gottessohn und entscheidenden Boten Gottes, die Deutung seiner Zuwendung zu den Außenseitern der Gesellschaft als Repräsentanz der Liebe Gottes sowie die Deutung seines Todes, seiner gegenwärtigen scheinbaren Abwesenheit, seiner bleibenden Funktion als Herr der Gemeinde und seines (baldigen) Kommens als Bringer der Heilszeit und als Richter. Gottes- und Christusbild gehen ineinander über und interpretieren sich gegenseitig: Der Sohn macht in seinem Handeln den Vater sichtbar, der Vater legitimiert das Handeln des Sohnes.

Die eschatologischen Facetten der „Sache“ beziehen sich auf die Deutung der Wirklichkeit als Zeit besonderer Qualität, als Warte- und Endzeit, die es sorgfältig und klug zu nutzen gilt, um bei der Parusie Christi bzw. beim eigenen Tod das Heil zu erlangen. Die Gegenwart ist die Zeit, in der die Durchsetzung der → Gottesherrschaft unwiderruflich begonnen hat, zugleich die Zeit der Gemeinde, die bereits jetzt nach den „Spielregeln“ der Gottesherrschaft lebt, zugleich die Zeit des aktiven Wartens und des Durchhaltens angesichts der objektiven Unsichtbarkeit der Heilszeit. Die Sendung und das Handeln Jesu erscheinen als letzte, eindringliche „Werbemaßnahme“ Gottes, als Vorgeschmack auf das kommende Heil, Jesus selbst kann als „Promoter“ der Gottesherrschaft charakterisiert werden. Die Gleichnisse stellen aufgrund des eschatologischen Szenarios ihre Adressaten vor die Wahl, das Leben auf das eröffnete Heilsangebot auszurichten oder nicht.

So sehr die Gleichnisse auf die neue Wirklichkeit ausgerichtet sind, fallen sie doch nicht mit deren Realisierung in eins. Gleichnisse bringen die eschatologische Deutung der Wirklichkeit ins Spiel, machen das Handeln Gottes in Jesus Christus plausibel und führen zu einer sprachlichen Begegnung mit der Gottesherrschaft. Sie sind jedoch nicht selbst und ausschließlich die Art und Weise der Realisierung der Gottesherrschaft. Das ist kritisch gegen die seit Eberhard Jüngel bekannte Formel vom Gleichnis als endzeitlichem „Sprachereignis“ (Jüngel, 1964, 135ff.) einzuwenden.

Fazit: Es gibt nicht die „Sache“ der Gleichnisse. Weder ist sie eindimensional als religiös-sittliche „Satzwahrheit“ zu begreifen (Jülicher), noch als die Ereigniswerdung der Gottesherrschaft (Jüngel, Weder). Vielmehr umfasst die „Sache“ der Gleichnisse komplexe religiöse Erfahrungen, die die Wirklichkeit theologisch, christologisch und eschatologisch reflektiert zur Sprache bringen. Die „Sache“ zielt ihrerseits auf ein bestimmtes ethisches Verhalten (symbuleutische Grundausrichtung der Gleichnisse).

3. Die Textpragmatik der Gleichnisse

Die Betrachtung der Textpragmatik ist für das Verständnis der Gleichnisse zentral. Denn in der Art und Weise, wie der Autor das gewünschte Aussageziel, nämlich die Plausibilisierung einer innovativen, unkonventionellen religiösen Erfahrung und eine dementsprechende Verhaltensänderung, verfolgt, liegt eine Stärke dieser Textgattung. Grundlage ist das beschriebene Verhältnis zwischen Poetik und Rhetorik.

Neben der Leserlenkung mittels bestimmter Rezeptionssignale oder Instruktionen (Weinrich, 2003, 213) mit dem Ziel des Verständnisses der Pointe (kognitive Steuerung) ist die emotionale Einbindung des Lesers mit dem Ziel des Einverständnisses mit der Pointe (emotive Steuerung) zu unterscheiden. Gleichnisse lassen sich als Werben des Autors um die Zustimmung der Herzen verstehen. Damit sind beide Steuerungsformen gleichermaßen wichtig.

Die kognitive Steuerung beginnt bei der Wahl der Einleitung und endet bei der Anwendung des Gleichnisses. Auf der Bildebene kommt dem Arrangement des Bildes (Wahl des Bildfeldes, szenische Aufbereitung) eine wichtige Rolle zu. Mittels geprägter Metaphern und Bildfelder (z.B. Weinberg, Abrechnung, Hochzeit) schafft der Autor Assoziationsmöglichkeiten, die die Verstehensrichtung – informierte Adressaten vorausgesetzt – präjudizieren. Hinzu kommen die zentripetale Struktur – die Leserschaft wird mittels Spannungsbögen in der Erzählung gehalten – sowie geschickt gesetzte erzählerische Schwerpunkte (Dialoge, Monologe, Aufzählungen, Detailschilderungen etc.). Die emotive Steuerung erfolgt vor allem über perspektivische Darstellung, subtile Schaffung von Identifikationsmöglichkeiten und Einstreuung von Emotionen. Hinzu kommen die Surrealistik der Bilder, die Intensität der Kontraste (z.B. Heil / Unheil) und Blicke „hinter die Kulissen“ (Selbstgespräche, oft als Peripetie der Erzählung). Mithilfe dieser Strategien sollen die Adressaten zur Parteinahme gebracht und eine bestimmte Sicht der Wirklichkeit gegenüber einer anderen plausibel gemacht werden.

Die Erzählstrategie der Gleichnisse kann als Spiel mit konkurrierenden Erfahrungswerten bezeichnet werden: Einer konventionellen Erfahrung bzw. einem konventionellen Verhaltensmuster wird ein innovatives, provokantes Muster entgegengehalten, und zwar so, dass das konventionelle ad absurdum geführt wird und das provokante in seiner grundsätzlichen, das Religiöse unterlaufende und eigentlich Heil schaffende Wertigkeit herausgearbeitet wird. So ist etwa die Dimension von Tod und Leben in Lk 15,11-32 die zwingendere gegenüber der religiösen Dimension ethischen Verhaltens. In den Wachstumsgleichnissen räumt der Hinweis auf natürliche Abläufe Zweifel am Kommen des Reiches Gottes aus.

3.1. Argumentation mit dem Evidenten (besprechende Gleichnisse)

Evidenz, anschaulich gemacht an unveränderlichen Naturabläufen, ist das geeignete Mittel, um Skepsis gegenüber bestimmten historischen Entwicklungen auszuräumen. So dienen die Wachstumsgleichnisse in Mt 13 par dem Zweck, das Kommen der bislang kaum sichtbaren Gottesherrschaft gegen alle Zweifel zu unterstreichen. Zugleich erscheint diese Entwicklung unabhängig von menschlichem Zutun und damit „krisenfest“. Die scheinbare Verzögerung des Kommens Gottes gilt als Teil eines fest stehenden Geschichtsplans, menschlicher Ungeduld und Skepsis wird der Wind aus den Segeln genommen.

Diese Argumentationsform ist ein Erbe apokalyptischen Denkens. Auf die Frage nach dem Zeitpunkt des Kommens des Messias erhält der Seher oftmals Antworten in Form von Hinweisen auf Naturvorgänge. So beantwortet 4Esr 4,40-42 die Anfrage Esras, ob sich das Ende aufgrund menschlicher Schlechtigkeit hinauszögern könnte, mit dem Bild von der Schwangerschaft. Das Ende kommt demnach nach einer exakt festgelegten Zeitspanne. Ähnlich bemüht Mk 13,8 par Mt 24,8 das Bild der eschatologischen „Wehen“, um die Skepsis der Gläubigen auszuräumen: Paradoxerweise dann, wenn die Leiden am größten sind und die Verheißung nicht mehr zu gelten scheint, wird der Menschensohn wiederkommen. Das Gleichnis vom Feigenbaum Mk 13,28f. liest sich als Hinweis auf sichtbare Anfänge, die das Ende verbürgen; der sichtbare Entwicklungsstand des Baumes lässt die nachfolgende Jahreszeit absehbar erscheinen. Ebenso deuten die in Mk 13 geschilderten und bereits eingetretenen Vorzeichen auf das baldige Ende hin, ja „verbürgen“ es. Nach Röm 13,11f. steht das Kommen Gottes unmittelbar bevor – so der Hinweis auf den unmittelbar bevorstehenden Wechsel von der Zeit der Nacht zur der des Tages.

In Mt 13 par sind es die ernüchternden Missionserfahrungen, die durch die Wachstumsgleichnisse aufgearbeitet werden: Die Arbeit lohnt sich, wie der Kontrast zwischen unscheinbaren Anfängen und großem Ernteerfolg in der Natur zeigt. Die Missionsarbeit erscheint vor einem größeren historischen Kontext, und Gott erscheint als der Planer der Geschichte, der das Unscheinbare zu seiner Zeit groß machen kann (Erlemann, 1995, 369ff.).

3.2. Vielschichtige Leserlenkung (erzählende Gleichnisse)

Der Erzählcharakter der Parabeln erlaubt erheblich differenziertere und subtilere Plausibilisierungsmechanismen als die besprechenden Gleichnisse. Das Spiel mit Fiktionalität bzw. Pseudorealistik, die Typisierung zwischenmenschlicher Konflikte und Konstellationen, die Möglichkeit perspektivischer Darstellung und der Einstreuung subtiler Kommentare des Erzählers sind nur einige der Mittel, mithilfe derer das anvisierte Verhaltens- bzw. Einstellungsmuster „in die Herzen“ der Adressaten gebracht werden soll.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn Lk 15,11-32 zielt darauf ab, die (provokante) Sichtweise des Vaters gegenüber der (konventionellen) des älteren Bruders nachvollziehbar und als letztlich heilvoller zu erweisen. Konkret sollen die Vorbehalte der Frommen gegenüber „verlorenen“ Geschwistern ausgeräumt und das Miteinander in der Gemeinde gefördert werden. Die Parabel arbeitet zu diesem Zweck mit den unterschiedlichsten Mitteln. Zur kognitiven Leserlenkung gehören etwa die Wahl eines aus der Gleichnisliteratur bekannten Bildfeldes und eines im Alltag gut vorstellbaren Szenarios (Vater, zwei Söhne, Situation der Erbaufteilung, Festmahl). Die Beschreibung des Ergehens des jüngeren Sohnes in der Fremde appelliert an den bekannten Tun-Ergehen-Zusammenhang der Weisheitsliteratur Israels. Subtil ist die emotive Steuerung: Das Geschick des jüngeren Bruders wird so drastisch erzählt und endet in einem reuevollen Selbstgespräch, so dass es – gegen alle religiöse und gesellschaftliche Konvention – Mitleid und Sympathie wachruft; die Adressaten werden gelenkt, auf ein „happy end“ für den jungen Mann hin „mitzufiebern“. Die überaus positive Reaktion des Vaters übertrifft die Hoffnungen, obwohl sie, in verhaltenskonventioneller Sicht, „extravagant“, ja skandalös zu nennen ist. Die vom Vater gelieferte Motivation seiner Freude lenkt auf basale, vorreligiöse Grunderfahrungen (tot / lebendig, V.24.32) und hebelt dadurch die religiös-ethische Sichtweise aus. Diese wird, auch nicht zufällig, nach dem unverhofften „happy end“ des ersten Teils, im zweiten Teil der Parabel nachgeliefert. Im Kontext des erzählten ersten Teils wirkt sie, obwohl sie die durchaus übliche, konventionelle und ebenfalls dem Tun-Ergehen-Zusammenhang verpflichtete Sichtweise wiedergibt, nunmehr deplatziert. Das offene Ende der Parabel schließlich hat eine einladende, indirekt appellative Funktion: Dem „Herzen“ der Adressaten, die mit dem älteren Bruder sympathisieren, wird Zeit gelassen, sich auf die Sichtweise des Vaters, der auf Gott bzw. Jesus Christus verweist, einzulassen. Sie werden nicht zur Einstellungsveränderung gezwungen, doch auf die Konsequenz hingewiesen, sollten sie sich nicht gewinnen lassen: Sie bleiben vom großen Fest ausgeschlossen!

Die erzählerische Geschlossenheit bzw. die zentripetale Grundstruktur der Parabel hält die Adressaten so lange wie möglich in der Erzählung; die Konterdetermination dient demselben Zweck. Das szenische Arrangement und das Spiel mit vorreligiösen Grunderfahrungen des Lebens arbeiten der Plausibilisierung des umstrittenen Inhalts vor, so dass die konventionelle Sicht der Dinge fragwürdig wird. Ziel der Parabel ist das kognitive und emotive Einverständnis mit der Sicht Gottes bzw. Jesu und die daraus resultierende, praktische Verhaltens – bzw. Einstellungsänderung.

3.3. Provokationen zum Handeln (Beispielerzählungen)

Die Beispielerzählungen sind ein Sonderfall der Parabeln und textpragmatisch weitgehend mit jenen vergleichbar. Die fehlende Konterdetermination bietet, textpragmatisch gesehen, gegenüber den Parabeln die Möglichkeit der historischen Ideologiekritik: Zeitgeschichtlich bekannte Positionen werden, gegebenenfalls typisiert oder überzogen dargestellt, in ihrer Fragwürdigkeit entlarvt; gesellschaftliche Klischees werden verstärkt oder aufgebrochen. Das Urteil über die jeweilige Position fällt aufgrund eines evident positiven oder negativen Verhaltens, das die konventionellen Muster und Einstellungen ad absurdum führt.

So ist das Verhalten der Priester und Leviten im Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner (Lk 10,25-37) eindeutig negativ zu beurteilen und desavouiert deren Selbst- und Außendarstellung als Vertreter des öffentlichen religiösen Lebens. Umgekehrt ist das Verhalten des Samaritaners – gegen alle negativen Klischees – eindeutig positiv zu nennen. Vergleichbar grotesk erscheint das Fehlverhalten des reichen Mannes gegenüber dem absolut hilfsbedürftigen Lazarus (Lk 16,19-31). Noch grotesker ist die Einschätzung seiner Situation im Jenseits; die lebenslange Ignoranz der Armut dessen, der unübersehbar vor seiner Haustür dahinvegetiert, rächt sich unwiderruflich.

Ziel und Zweck der Beispielerzählungen ist es, anhand einer kontrastiven Szenerie positive und negative Verhaltens- und Einstellungsmuster als exemplum für das eigene ethische Verhalten zu demonstrieren. Zugleich bieten sie eine indirekte Begründung für die Zuwendung Gottes und seines Sohnes zu Randgruppen der Gesellschaft: Nicht die Religiosität der öffentlichen Würdenträger, sondern gerade Außenseiter sind in ihrem ethischen Verhalten mitunter viel klarer an Gottes Willen orientiert.

3.4. Fazit

Gleichnisse zielen auf praktische Verhaltens- und Einstellungsänderung. Mittels kognitiver und emotiver Leserlenkung zielen sie auf die Plausibilisierung und den praktischen Nachvollzug einer überraschenden, oftmals provokanten und die geltenden gesellschaftlichen und religiösen Maßstäbe revolutionierenden Sicht auf Wirklichkeit. Diese innovative Sicht hat direkt mit Gottes heilvollem Wirken, das allen Menschen gleichermaßen gilt, sowie mit der Sendung Jesu und seiner Zuwendung zu den „Verlorenen“ der Gesellschaft zu tun. Die Art und Weise der Leserlenkung sowie das textpragmatische Ziel variieren je nach Untergattung: Besprechende Gleichnisse arbeiten mithilfe der Evidenz natürlicher Vorgänge gegen Zweifel an Verheißungsinhalten; Parabeln machen mithilfe des Spiels konkurrierender Sichtweisen eine möglicherweise provokante, aber heilvollere Einstellung zum Mitmenschen plausibel und laden zu deren praktischem Nachvollzug ein; Beispielerzählungen betreiben Ideologiekritik und lenken den Blick der Adressaten auf die Glaubwürdigkeit bzw. Unglaubwürdigkeit bestimmter ethischen Verhaltensmuster.

4. Hermeneutische Würdigung der Gleichnisrede

4.1. Verhältnis von Bild und „Sache“

4.1.1. Die „Leistungsfähigkeit“ der Bildebene

Die Bewertung dieser Frage hängt entscheidend vom zugrunde liegenden Sprachverständnis ab. Wird Sprache grundsätzlich als Informationsträger angesehen, gelten die Gleichnisbilder als Illustration der „Sache“. Ihre „Leistungsfähigkeit“ hängt dann von der Realistik der gewählten Erzählung ab: Je realistischer, desto höher die Aussagekraft hinsichtlich der theologischen „Sache“.

Diese Auffassung war in der älteren Gleichnisforschung leitend. Gleichnisse wurden als rhetorisch-argumentative Sprachformen angesehen, ihr hermeneutischer Wert wurde unmittelbar mit ihrer Interpretationsbedürftigkeit in Zusammenhang gebracht. Die Realistik der Darstellung war das entscheidende Kriterium für die Authentizität des Textes (Jülicher, Jeremias). Elemente, die dem Gebot der Klarheit und Eindeutigkeit zuwiderlaufen (Metaphern und andere „allegorische“ Elemente), wurden dem historischen Jesus als brilliantem Rhetor und Lehrer abgesprochen.

Wird Sprache dagegen grundsätzlich als Medium zur kreativen Erschließung von Wirklichkeit verstanden, spielt die Realistik des Erzählten nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger als Realistik ist die Plausibilität und Vorstellbarkeit des Erzählten; der fiktionale, pseudorealistische Charakter der Gleichnisse gilt geradezu als Bedingung, sich ihre „Sache“ spielerisch-kreativ anzueignen.

„Unsere Frage darf nicht lauten: ‘Kommt das, was erzählt wird, in der Wirklichkeit vor?’ Zu fragen ist vielmehr: ‘Kommt das so, wie es erzählt wird, dem Hörer der Parabel unwirklich vor?’“ (Linnemann, 1969, 36f.). Diese Sicht ist Tenor der jüngeren Gleichnisforschung. Metaphern gelten als Grundbausteine von Sprache, die die Funktion hat, Wirklichkeit durch Analogie zu erschließen und immer wieder neu zu interpretieren (poetisch-performatives Sprach- und Gleichnisverständnis). Form / Bild und „Sache“ / Inhalt werden verschränkt gedacht, die „Sache“ erscheint als Resultat des Verstehensprozesses bzw. als innovative Sicht auf die Wirklichkeit.

Die aufgezeigte Alternative ist nicht zwingend, die Sprachform der Gleichnisse ist mehrdimensional. Sie dient sowohl der Illustration der bzw. der Information über die „Sache“ als auch einer mit dieser Information einhergehenden Neuinterpretation der Wirklichkeit der Adressaten. Die „Poetik“ der Gleichnisrede dient ihrer Rhetorik, und beide zielen gemeinsam auf emotive und praktische Aneignung. Die „Sache“, über die informiert und die „poetisch“ erschlossen werden soll, ist in sich mehrdimensional und zielt auf eine komplexe religiöse Erfahrung über Gott, Jesus Christus und die Gegenwart als besonders qualifizierte Zeit. Diese Erfahrung ist vom Gleichnisbild nicht abstrahierbar; sie lässt sich ohne die Verwendung des Bildes zwar umschreiben, verändert in der Umschreibung allerdings ihren Gehalt. Gott wird in der Form der Gleichnisse als einer offenbar, der die Konventionen des menschlichen Alltags heilvoll durchbricht. Die Form der Gleichnisse erleichtert es den Adressaten in einer spezifischen Art und Weise, sich diese religiöse Erfahrungen anzueignen.

Die metaphorisch angereicherte Erzählung bildet die „Sache“ nicht 1:1 ab, sondern verbindet Vergleichbarkeiten mit Differenzen. Es ist eine Aufgabe der Gleichnisauslegung, zwischen beidem zu unterscheiden.

4.1.2. Der Einfluss der „Sache“ auf das Bild

Die „Sache“ liegt dem Bild voraus, insofern es das Bild provoziert und inspiriert. Sie ist gleichzeitig das Resultat des Bildes, insofern sich die Adressaten die „Sache“ aneignen und ihre Lebenswirklichkeit neu wahrnehmen. Der Einfluss der „Sache“ auf das Bild wird dort greifbar, wo die Realistik der Erzählwelt durchbrochen wird (Extravaganzen; vgl. auch Einleitungsformel und Hinweise zur Anwendung des Gesagten). Hierdurch gelingt es, die vorfindliche Wirklichkeit zu verfremden und im Kontext von Gottes endzeitlichem Heilshandeln neu zu verstehen.

Zugleich lässt das Bild die „Sache“ menschlich-weltlich erscheinen, das heißt: Gottes transzendente Wirklichkeit wird durch seine immanente Erfahrbarkeit ergänzt und korrigiert. Von Gott darf anthropomorph gesprochen werden, weil er sich in den Gleichnissen „menschlich“ zeigt. Hierbei bleibt er jedoch letztlich unverfügbar – der kyrios ist in seinem Handeln den douloi gegenüber souverän und nicht rechenschaftspflichtig.

Fazit: Das Gleichnisbild vermittelt zwischen der bekannten Wirklichkeit sowie konventionellen Anschauungen über Gott auf der einen, und neuen, überraschenden Aspekten Gottes und der Wirklichkeit auf der anderen Seite. Das Bild ist dabei weder naturgetreues Abbild der Wirklichkeit, noch ist es mit seiner Bezugsgröße zu identifizieren.

4.2. Die Aussageintention der Gleichnisse

Für die hermeneutische Bewertung der Gleichnisrede ebenfalls wichtig ist die Frage nach ihrer Aussageintention: Sind die Gleichnisaussagen „dogmatisierbar“ im Sinne überzeitlicher Wahrheit oder sind sie ad-hoc-Formulierungen für eine einmalige historische Adressatenschaft?

Diese Alternative greift ebenfalls zu kurz. Die Gleichnisse der synoptischen Evangelien verdanken sich bestimmten historischen Fragestellungen und sind in konkrete Kontexte hinein formuliert. Doch erschöpft sich ihr Aussagepotenzial nicht in der historischen Entstehungssituation; vielmehr setzen die Gleichnisse immer wieder neue Bedeutungen frei – über die konkrete Entstehungssituation hinaus. Dieser Bedeutungsüberschuss der Gleichnisse ist jedoch nicht von der Gleichnisform abstrahierbar. Die Gleichnisse wirken nach wie vor als fiktionale, analogische Erzählungen. Ein in sich geschlossenes „Gottesbild“ oder gar eine dogmatische Gotteslehre bieten sie nicht. Die Hauptzüge des Gottes- und Christusbildes haben eher den Charakter eines Puzzles mit offenen Rändern. Die Grundlinien dieses offenen Puzzles sind die Souveränität Gottes sowie sein universaler Heilswille, der sich im Verhalten Jesu von Nazareth manifestiert und damit einen Vorgeschmack auf seine „Herrschaft“ bietet. Der Gott der Gleichnisse Jesu ist kein statisch-transzendentes Wesen, sondern ein dynamisch agierender, den Dialog mit den Menschen suchender Gott, der je und je konkret in Geschichten und in der Geschichte von Menschen erfahrbar wird. Die Informationen über diesen Gott sind freilich nicht Selbstzweck, sondern zielen auf konkrete Verhaltensänderung. Dieser pädagogische Zweck bedingt, dass einzelne Züge des Gottesbildes der Gleichnisse in Spannung zueinander stehen können – je nach pädagogischer Situation ist die Aussage spezifisch zugespitzt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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