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Lexikon

Gift

Martin Lang

(erstellt: März 2010)

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In der Hebräischen Bibel wird für gewöhnlich zwei verschiedenen hebräischen Worten die Nebenbedeutung „Gift“ zugeschrieben: ראשׁ rô’š mit der eigentlichen Grundbedeutung „Kopf“, und חמה ḥemāh, was eigentlich „Hitze“ bedeutet. In der Mehrzahl der Fälle werden die Begriffe, wenn sie Gift bedeuten, metaphorisch verwendet, indem bestimmte Phänomene des sozialen Zusammenlebens in ihrer schädlichen Wirkung für das Gottesvolk mit der Wirkung von Giftstoffen verglichen werden.

1. ראשׁ II „Giftpflanze / Gift“

1.1. Die konkrete Bedeutung von ראשׁ II

Dem hebräischen Wort ראשׁ rô’š wird an 12 Stellen die Bedeutung „Gift“ zugeschrieben. Das in den einschlägigen Lexika als ראשׁ rô’š II geführte Lemma ist nur im Hebräischen, nicht aber in anderen semitischen Sprachen überliefert. Es kann allein als Nomen stehen (Dtn 29,17, Klgl 3,19; Ps 69,22), als Nomen mit Präfix (Hos 10,4), als ein regens (Dtn 32,33; Hi 20,16) sowie als rectum in einer constructus-Verbindung (attributiver Genetiv: Dtn 32,32; Jer 8,14; Jer 9,14; Jer 23,15).

In der Kommentarliteratur wurde beizeiten erwogen, ob die Grundbedeutung von ראשׁ rô’š „Kopf“ entweder etwas mit der äußeren Form der Pflanze zu tun habe oder dass die Wirkung der Pflanze etwa durch Kopfschmerzen spürbar sei.

Die Belege in den antiken Bibelübersetzungen deuten darauf hin, dass ihnen die Bedeutung von rô’š II bereits nicht mehr bekannt war. Die → Septuaginta gibt einschlägige Stellen zumeist mit χολή, „Galle“, in Am 6,12 auch mit θυμός „Begierde / Zorn“ wider, → Vulgata mit fel „Galle“, zuweilen auch absinthium „Wermut“. Ein ähnliches Bild bietet auch die aramäische Überlieferung: Targum Jonathan umschreibt etwa Am 6,12 mit „Gift böser Schlangen“ (רֵישׁ חִוִין בִּישִׁין), wobei rjš wohl als Lehnübersetzung des schon unverständlichen ראשׁ rô’š anzusehen ist. Die → Peschitta setzt ראשׁ rô’š mit mrārē „Bitternisse“ gleich. Beizeiten wird in den Targumim der Stoffbegriff ראשׁ rô’š auch mit ethisierten Wendungen umschrieben, etwa in Dtn 29,17 Targum Neofiti mit „der Anfang der Sünde ist süß wie Honig“ (ראשׁיא דחטאה חלי כדבשׁה). So bleibt methodisch lediglich eine genaue Sichtung der Belege im Alten Testament selbst.

Insbesondere aus Hos 10,4 wird deutlich, dass es sich bei ראשׁ rô’š II um eine Pflanze handelt, die zusammen mit dem Getreide in den Ackerfurchen wächst, die Nutzung des Getreides für die Nahrungsmittelproduktion aber erheblich erschwert. Zu denken ist an eine bestimmte Pflanzenart, die sich nur sehr schwer vom Getreide trennen ließ – in der modernen Auslegung hat man u.a. auch an Mutterkorn gedacht –, dieses aber auf Grund von Bitter- oder Giftstoffen ungenießbar machte. Einige Belege sprechen dafür, dass mit ראשׁ rô’š nicht bloß eine bestimmte, aber kaum mehr eindeutig identifizierbare Pflanzenart, sondern auch der in dieser Pflanze enthaltene giftige Wirkstoff gemeint ist (Dtn 29,17; Hos 10,4). ראשׁ rô’š II kann, wohl als Folge dieser Ablösung von der ursprünglich botanisch-vegetabilen Bedeutung, dann auch mit funktional gleichwertigen Wirkstoffen anderer Herkunft in Verbindung gebracht werden: ראשׁ פתנים rô’š pətānîm „Schlangengift“ (Dtn 32,33; Hi 20,16; → Schlange).

1.2. ראשׁ und לענה – „Gift“ und „Bitterkeit“

Nicht selten steht ראשׁ rô’š im Parallelismus mit dem Nomen לענה la‘ănāh (Dtn 29,17; Am 6,12; Klgl 3,19; in Jer 9,14; Jer 23,15 jeweils mit -rô’š „Giftwasser“), das zumeist mit „Wermut“ übersetzt wird. Zwar wird לענה la‘ănāh nach Dtn 29,17 aus Pflanzen gewonnen, doch ist kaum an Wermut als mit Kräutern aromatisiertes Weingetränk zu denken, sondern wohl an eine eklige, giftige Flüssigkeit, über die wir jedoch nichts Genaues wissen. Möglich ist auch eine Verwandtschaft mit arabisch la‘ana „verfluchen“. Nach Seybold (586-588) ist das Wort לענה la‘ănāh vielleicht aus dem Phonem l‘- (+ n) entstanden, das in Anfangsstellung Abscheu und Ekel guttural zum Ausdruck bringe. Ganz gleich, wo das Wort herkommt und was es auf der realen Ebene genau bedeutet, bei allen 8 Vorkommen in der hebräischen Bibel ist es metaphorisch im Sinne von „Bitterkeit“ gemeint (vgl. Fischer, 358).

1.3. Der religiöse Gebrauch

Wenn das → Deuteronomium oder auch prophetische Schriften in deuteronomistischer Manier ראשׁ rô’š II erwähnen, wird das Wort metaphorisch verwendet. Es verkörpert das Gegenteil der Leben spendenden Torafrömmigkeit. So wird in Dtn 29,17 der Fremdgötterkult und damit die Abkehr von den Weisungen Gottes als eine Wurzel verstanden, die ראשׁ rô’š „Gift“ und לַעֲנָה la‘ănāh „Wermut“ hervorbringt, das religiöse Klima im Volk also „vergiftet“. In Am 6,12 werden Unterdrückung und Rechtsverdrehung als unheilvolle Umkehrung (hpk) von משׁפט mišpāṭ „Recht“ und צדקה ṣədāqāh „Gerechtigkeit“ gebrandmarkt, die, wie ראשׁ rô’š „Gift“ und לענה la‘ănāh „Wermut“, den Opfern der Rechtsbeugung das Leben unerträglich machen. Auf der Bildebene steht jeweils die durch ראשׁ rô’š „Gift“ herbeigeführte, organische Schädigung mit möglicher Todesfolge, auf der Sachebene die Negation oder Pervertierung der Weisung Gottes, die zum „geistig-geistlichen“ Tod der als Organismus verstandenen Gemeinschaft führt.

Die Metapher vom „Gift“ kann besonders gut hervorheben, dass vergleichsweise geringfügige und unscheinbare Eingriffe in den Organismus fatale Folgen haben können.

2. חמה II „Gift“

Ein weiterer Terminus, der „Gift“ bedeuten kann, ist חמה ḥemāh.

חמה ḥemāh ist gemeinsemitisch bezeugt und rührt von einer Wurzel *wḥm / ḥmm „heiß sein“ her. Dass die Nominalform ḥemāh „Hitze“ als Nebenbedeutung auch „Gift“ bezeichnen kann, allerdings selten und zumeist metaphorisch, ist ebenso ein gemeinsemitisches Phänomen (akkadisch, ugaritisch, aramäisch, arabisch, mandäisch und syrisch). Im Akkadischen etwa wird die Isoglosse imtu dadurch spezifiziert, dass sie als regens im status constructus zu stehen kommt. Als nomen rectum wird dann das Verursachende genannt (z.B. imat zuqaqīpi „Skorpiongift“). Das Syroaramäische kennt ḥemtā als Gemeinschaft zerstörenden und Leben vernichtenden, weil nicht verlöschenden „Ingrimm“.

Im Bibelhebräischen ist das Nomen ḥemāh mit seinen insgesamt 125 Belegen zuallermeist im Bereich der Emotionalität („Wut / Zorn“), auch der Zornesregung Gottes, beheimatet und bezeichnet im Gegensatz zum äußeren Aspekt von „Zorn“ אף ’af die innere Seite im Sinne eines eruptiven „Glühens / Geiferns“ (→ Zorn). Kommt dies zum Ausbruch, dann äußert es sich im „Geifern“ oder „Schäumen vor Wut“.

Dass der Terminus ḥemāh, freilich nur gelegentlich, die Nebenbedeutung „Gift“ hat, ergibt sich aus den Konstruktusverbindungen, in denen ḥămat als nomen regens – analog zum Akkadischen – mit Namen giftiger Reptilien in Verbindung steht (Dtn 32,24.33 „Gift von Schlangen“; Ps 58,5; Ps 140,4; undeutlich: Hi 6,4 „Gift“ von Pfeilen?).

Die Bedeutung „Gift“ dürfte sich von der Grundbedeutung „Hitze“ insofern ableiten, als an die Erhöhung der Körpertemperatur durch Fieber oder einfach an brennenden, durch die Giftabsonderung hervorgerufenen Schmerz zu denken ist, wie sie analog durch Kontakt mit sehr heißen Dingen erzeugt wird (vgl. im Deutschen „brennender Schmerz“). Da bestimmte Sekretionen von Reptilien oder Gifte von → Schlangen solche körperlichen Reaktionen verursachten, wurde der Begriff „Hitze“ auch zur Bezeichnung solcher Substanzen verwendet.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • The International Standard Bible Encyclopedia, Grand Rapids 1986ff
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 5. Aufl., München / Zürich 1994-1995
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • New International Dictionary of Old Testament Theology and Exegesis, Grand Rapids 1997

2. Weitere Literatur

  • Fischer, G., 2005, Jeremia 1-25 (HThKAT), Freiburg
  • McKane, W., 1980, Poison, Trial by Ordeal and the Cup of Wrath, VT 30, 474-492
  • Seybold, K., 1984, Art. לַעֲנָה l‘nh, in: ThWAT 4, Stuttgart u.a., 586-588
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