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Lexikon

Geschenk

Marcus Sigismund

(erstellt: April 2011)

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1. Begriff und Terminologie

1.1. Begriff

Der Begriff „Geschenk“ bezeichnet einen Akt menschlicher Interaktion, in dem eine Person einen mehr oder minder wertvollen, realen oder ideellen Gegenstand einer anderen gibt, ohne dass eine rechtliche Verpflichtung dazu besteht. Als gemeinschaftsbildende Aktion (z.B. zur Bekräftigung von Gefolgschaft; als Zeichen von Zuneigung u.a.) müssen Geschenke nicht unbedingt zweckfrei sein, sondern können eine gewisse Intention verfolgen.

Häufig ist zu beobachten, dass von demjenigen, der eine Gabe annimmt, auch eine Gegengabe erwartet wird (Prinzip von Gabe und Gegengabe). Das kann dazu führen, dass der Grundsatz der Freiwilligkeit durch die gesellschaftliche Verpflichtung abgelöst wird (vgl. hierzu ausführlich Stansell, insb. 65-69; Matthews, insb. 92-94; forschungsgeschichtlich immer noch lesenswert ist in diesem Zusammenhang die Untersuchung des Religionssoziologen Mauss, für den der antike Gabentausch den Charakter eines Gesellschaftsvertrages in sich trägt). Daher ist die Abgrenzung zur → „Bestechung“ oft schwierig.

Nicht zuletzt muss die Aktion des Schenkens oder Gebens im antiken Kontext oftmals als Demonstration des eigenen ökonomischen Wohlstands verstanden werden (Linders, 118; mit Bezug auf Gen 32 und Gen 33 Matthews, 96f.). Aus Sicht des Beschenkten kann die Gabe eines angesehenen oder einflussreichen Gönners aber auch einen Prestigegewinn bedeuten (Linders, 118). Der reziproke Charakter ist somit ein wesentlicher Aspekt des Themenkomplexes Geschenk / Gabe. Die soziologische Bedeutung von Geschenken und Gaben ist daher auch im antiken Israel ausgesprochen groß (vgl. Pedersen, 296).

1.2. Hebräische Termini

Der Begriff „Geschenk / Gabe“ wird im Alten Testament am häufigsten mit dem hebräischen Begriff מִנְחָה minḥāh bezeichnet (Werner, 719; vgl. zum Begriff selbst Fabry / Weinfeld), darüber hinaus sind die Derivate der Wurzel נתן ntn „geben“ (davon: mattān, mattānāh, mattat usw.) recht gebräuchlich. Dabei deckt der Terminus minḥāh sowohl das profane Geschenk (Gen 43,11 u.ö.) als auch die Opfergabe an eine Gottheit ab (z.B. Gen 4,3ff.; Num 16,15). Zu beachten ist freilich, dass minḥāh auch den durch politisch-militärische Übermacht erzwungenen Tribut bezeichnen kann (s.u.). Dreimal findet sich das Nomen שַׁי šaj zur Bezeichnung eines Geschenkes (Ps 68,30; Ps 76,12; Jes 18,7).

Insbesondere in den priesterschriftlichen Abschnitten des Pentateuchs (z.B. Ex 29,41; Ex 30,9; Lev 2,3.5.7.10.13; → Priesterschrift) findet sich der Terminus minḥāh dem profanen Gebrauch entzogen (s.u. Abschn. 3; Werner, 719; Fabry / Weinfeld, 992). Gerne wird aber auch der Begriff קָרְבָּן qårbān (Septuaginta: δῶρον dōron) für Gaben an das Heiligtum gebraucht (Num 7,12-17; Ez 20,28; Ez 40,43 u.ö.; → Qorban).

1.3. Griechische Termini

Im Griechischen dominieren die Begriffe δῶρον dōron, δώρημα dōrēma und δωρεά dōrea (Letzteres als Fremdwort mit der Bedeutung Ehrengeschenk ins Hebr.-Aram. übernommen: דוריא dôrêa’, vgl. Krauss, 17). Ihre Derivate (etwa δωτίνη dōtinē, δόσις dosis) werden weitestgehend synonym verwendet. Ähnlich wie beim hebräischen minḥāh kann δῶρον dōron sowohl ein Geschenk an Menschen als auch ein Geschenk an Götter bezeichnen (so schon auf der mykenischen Linear-B-Schrifttafel PY Tn 316). Jedoch wird im paganen Sprachgebrauch das Weihegeschenk an eine Gottheit zumeist mit dem Begriff ἀνάθημα anathēma oder ἀνάθεσις anathesis bezeichnet (Wagner-Hasel, 985). Die Septuaginta übersetzt minḥāh, wenn das Wort ein Opfer bezeichnen soll, in der Regel mit θυσία thysia, möchte also augenscheinlich ebenfalls zwischen weltlichen, zwischenmenschlichen Geschenken und sakralen Opfern unterscheiden.

Der reziproke Charakter eines Geschenks wird im Griechischen dadurch verdeutlicht, dass für die Gegengabe ein eigenes Begriffsfeld existiert (ἀντίδωρον antidōron, ἀντιδωρεά antidōrea, ἀντίδοσις antidōsis; vgl. auch das persische Lehnwort פרדשנא pardāšna’ in der talmudischen Literatur).

2. Profane Geschenke

In den alttestamentlichen Quellen erfolgt Schenken nie absichtslos. Geschenke im profanen Sektor dienen oft dazu, den Beschenkten dem Gebenden gegenüber gewogen zu machen; zuweilen erwartet der Gebende eine Gegengabe, die auch in einer Handlung bestehen kann (2Kön 8,8f.; vgl. 2Sam 9,7f.; 1Kön 14,3; 2Kön 5,5).

Ganz generell helfen Geschenke beim Aufbau oder bei der Erhaltung des persönlichen sozialen Netzwerkes: „Wer Geschenke gibt, hat alle zu Freunden“ (Spr 19,6 [Übers. Lutherbibel 1984]). Nicht selten dienen Geschenke dazu, ein gestörtes soziales Verhältnis wiederherzustellen (vgl. Spr 21,14). In diesen Fällen ersetzt die Annahme der Kompensation des vergangenen Unrechts die Gegengabe (z.B. das Versöhnungsgeschenk des → Abimelech an → Abraham für die Wegnahme der → Sara, Gen 20,14-16; vgl. auch die Gaben → Jakobs an → Esau, Gen 32,8-22; Gen 33,8-11, sowie die Gaben des Abimelech an David, 1Sam 25,18-35).

Geschenke dienen des Weiteren der Bekräftigung eines → Bundes. Dies kann auf gesellschaftlich gleichrangiger, freundschaftlicher Ebene (vgl. das Geschenk einer Ausrüstung von → Jonatan an → David, 1Sam 18,4) als auch Untergebenen gegenüber geschehen (z.B. die Verteilung der Kriegsbeute durch David, 1Sam 30,26-31). Auch die in antiken Gesellschaften üblichen Gastgeschenke dienen im Wesentlichen der Bekräftigung familiärer und freundschaftlicher, zuweilen auch politischer Beziehungen (Gen 45,22-23; 1Kön 10-13).

In hellenistischer Zeit wird die Freigiebigkeit zu einem Charakteristikum in der literarischen Darstellung eines Herrschers (Est 2,18; Dan 2,28; zur historischen Freigiebigkeit hellenistischer Herrscher vgl. Stuiber, 691; zum Euergetismus allgemein vgl. Schmitt; zum Aspekt der Freigiebigkeit in altorientalischen Kulturen vgl. Matthews 94f.). In diesem Kontext sind Segnung des Volkes durch den Herrschenden oder die Verteilung von Nahrungsmittel als Sonderformen des antiken Euergetismus zu betrachten (vgl. etwa 2Sam 6,18f.).

Systemtheoretisch betrachtet ist das Huldigungsgeschenk des Untertanen für seinen Herrn das hierzu passende Gegenstück, da die – hier unterwürfige – Bindung zum Gegenüber ausgedrückt wird. Eine derartige minḥāh an das Landesoberhaupt ist mehrfach bezeugt (2Kön 20,12 = Jes 39,1; Ps 45,13). Zu diesen Huldigungsgaben sind insbesondere auch die Geschenke an einen neugewählten König zu zählen (2Chr 17,15; 2Chr 32,23 [migdānôt]; Ps 45,13; vgl. auch die Verweigerung von Geschenken als Zeichen der Verachtung des neugewählten Königs in 1Sam 10,27). Die Unterwerfung unter einen Höhergestellten kommt auch in den Geschenken zum Ausdruck, welche die Brüder → Josefs dem vermeintlichen Verwalter überbringen sollen (Gen 43,11-26; insb. Gen 43,26).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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  • Frettlöh, Magdalene L. / Ebach, Jürgen (Hgg.), 2001, Der Charme der gerechten Gabe. Motive einer Theologie und Ethik am Beispiel der paulinischen Kollekte für Jerusalem, in: Jürgen Ebach / Hans-Martin Gutmann / Magdalene L. Frettlöh / Michael Weinrich (Hgg.) „Leget Anmut in das Geben“. Zum Verhältnis von Ökonomie und Theologie, Gütersloh, 105-161.
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