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Lexikon

Gast / Gastfreundschaft (AT)

Ruth Ebach

(erstellt: Febr. 2016)

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1. Gastfreundschaft: Begriffe und Definition

1.1. Begriffe. Gastfreundschaft spielt im Alten Testament eine fundamentale Rolle. Sie kann gelingen, wie bei → Abraham in Gen 18,1-16, gefährdet sein, wie bei → Lot in Gen 19,1-11, oder völlig misslingen, wie in Ri 19,15-30. Dabei gibt es keinen terminus technicus für Gastfreundschaft oder Gast. Gäste sind Reisende, die Nahrung und Unterkunft brauchen (ausgedrückt mittels der Verbalwurzeln הלך hlk „laufen“ in 2Sam 12,4 u.ö.; ארח ’rḥ „unterwegs sein / wandern“ in Ri 19,17; Jer 14,8 u.ö.; vgl. Modernhebräisch אוֹרֵחַ ’ôreaḥ „Gast“). Bisweilen werden sie herbeigerufen (קרא qr’) und oft zum Essen eingeladen (1Kön 1,41; Zef 1,7 u.ö.).

Das Griechische und so auch das Neue Testament verwenden für Gastfreundschaft den Begriff φιλοξενία philoxenia, also „Fremdenliebe“ (vgl. Röm 12,13; Hebr 13,2; u.ö. als Verb). Die Aufnahme von Fremden gehörte in der griechisch-römischen Welt zu den grundlegenden ethischen Forderungen (dazu Hiltbrunner 1972, 1082-1103). Diese wird oft an die Homer zugeschriebenen Dichtungen gebunden, die das Motiv gehäuft und im Spannungsfeld der gelingenden und misslingenden Gastfreundschaft enthalten (Auffahrt; zum Thema allgemein Hiltbrunner 2005, hier bes. 26-33). Die Griechische Bibel (→ Septuaginta) benutzt diesen Begriff nicht und bleibt analog zum hebräischen Text bei der beschreibenden Darstellung. Auch in der Lateinischen Bibel (→ Vulgata) wird das Wortfeld hospes „Gast“ in den Wiedergaben der alttestamentlichen Texte nur selten gebraucht. Das Substantiv „Gastfreundschaft“ (hospitalitas) wird analog zum griechischen Sprachgebrauch nur in Röm 12,13 und Hebr 13,2 verwendet.

1.2. Definition. Gastfreundschaft bezeichnet die Einstellung eines Gastgebers gegenüber seinen Gästen, die sich im Alten Testament vor allem in der Bewirtung und sicheren Beherbergung von fremden Menschen im eigenen Heim zeigt. In einer Zeit ohne ausgebautes Hotelwesen (siehe aber Hiltbrunner 2005, 123-130) war die Versorgung → Fremder eher im Blick als die Einladung von Bekannten. Die Grenze der Türschwelle schützt den Reisenden (im Idealfall) vor den draußen lauernden Gefahren.

Gastfreundschaft ist nur auf kurze Dauer angelegt. Bleibt ein Gast länger, so wird er zum Arbeiter (Gen 29,1-11), zum Fremdling oder sein Auskommen wird geregelt (Ri 17,7-13). Die Aufnahme → Elias eröffnet eine längerfristige Verbindung mit jeweils wiederkehrenden begrenzten Aufenthalten (2Kön 4,8f.). → Mose wird in Ex 2,15-22 als Gast geschildert, definiert sich im Rückblick auf seinen langen Aufenthalt aber letztlich als גֵר ger „Fremdling“ (Ex 2,22).

Zur Gastfreundschaft gehören Schutz, Nahrung und zumeist die Möglichkeit zur sicheren Übernachtung, wobei die Mahlzeit auch der Stiftung von Gemeinschaft dient (→ Mahl / Mahlzeit). Grenzen der Gemeinschaft zeigt Gen 43,31-34: So lädt → Josef seine Brüder ein, die kulturelle Trennung fordert jedoch das separate Essen der Ägypter (Hiltbrunner 2005, 23f.; J. Ebach, 344-346).

Die Aufnahme der Fremden verändert die Beziehung. Matthews (1991) unterstreicht im Transformationsprozess „from hostile outsider to guest“ die von Unbekannten ausgehende Gefahr, doch betont das Alte Testament eher die Gefahr für Gäste (vgl. Gen 19,1-11; Ri 19,15-30). So lässt sich mit Hobbs (2001, bes. 28) der Vorgang allgemeiner als Transformation vom „unknown traveler into the guest“ beschreiben. Eine Identifikation starrer Protokolle der Gastfreundschaft (Malina; Matthews; vgl. auch Hobbs 1993, 98) ist wegen der wenigen Texte, die zudem jeweils spezifische Aussageabsichten haben, zu hinterfragen.

2. Formen der Gastfreundschaft

Gastfreundschaft wird sowohl von Menschen (2.1.) als auch von Gott selbst (2.2.) gewährt.

2.1. Menschen als Gastgeber

Menschen nehmen immer wieder Reisende auf, wie Abraham im Beispiel gelingender Gastfreundschaft in Mamre (→ Hebron).

2.1.1. Gelingende Gastfreundschaft: Abraham als Paradebeispiel (Gen 18,1-16)

Abb. 1 Abraham erweist drei göttlichen Gästen seine Gastfreundschaft (rechts: Opferung Isaaks; Mosaik; San Vitale, Ravenna; 6. Jh.).

Abb. 1 Abraham erweist drei göttlichen Gästen seine Gastfreundschaft (rechts: Opferung Isaaks; Mosaik; San Vitale, Ravenna; 6. Jh.).

Abraham sitzt am Zelteingang, als er drei Männer erblickt und zum Essen, sich Erfrischen und Ausruhen einlädt. Schon die frühe Rezeption machte Abraham zum paradigmatischen Gastfreund (1Clem 10,7).

Gen 18,1-16 schildert Gastfreundschaft auf zwei Ebenen: So beherbergt Abraham göttliche Wesen, wie es auch aus der in Ovids Metamorphosen überlieferten Erzählung von Philemon und Baucis und mesopotamischen Erzählungen (vgl. dazu auch Westermann) oder der Odyssee (17, 485-487) bekannt ist. Eine inneralttestamentliche Parallele bildet die, dort abgelehnte, Bitte Manoachs in Ri 13,15f., der Engel, der → Simsons Geburt ankündigte, möge zum Essen bleiben.

Zudem konturiert Gen 18 zwischenmenschliche Gastfreundschaft. Der Gastgeber, von dem alle Initiative ausgeht, lädt zum Verweilen, Stärken und Erfrischen ein. Er mindert seinen Rang in der Anrede, durch sein Niederfallen und das Rennen zu den Gästen und untertreibt höflich beim angebotenen Mahl. So spricht Abraham von einem Bissen Brot, tischt dann jedoch für die drei – Sara und er essen nicht mit – mehrere Brote und ein besonders feines Kalb auf.

Sowohl Quantität als auch Qualität der Mahlzeit werden eigens betont (Vogels, 166) und eine Gegengabe des Gastes, materieller Art oder als Segen, wird nicht erwähnt – die Ankündigung des Kindes in Gen 18,9-15 ist mit dem Motiv der Unfruchtbarkeit der Erzmütter verbunden.

2.1.2. Gastfreundschaft in der Stadt: Lot als Gastgeber (Gen 19,1-11)

Im Kontrast zu Gen 18 illustriert die in Gen 19,1-11 folgende Episode um Lot in Sodom die Gefahren der Gastfreundschaft. Zunächst fallen große Parallelen auf: Zwei derselben Männer / Engel kommen nun zu → Lot, auch er sitzt an einem Eingang, fordert sie zum Bleiben in seinem Haus auf. So ist es nicht verwunderlich, dass auch Lot in 1Clem 11,1 (zur Rezeption siehe Alexander, 289) für seine Gastfreundschaft gelobt wird.

Durch die Parallelität fallen die Differenzen stärker auf. So spielt die Erzählung nicht bei einem Zelt, sondern am Tor einer Stadt, in der Lot selbst nur als Fremdling weilt. Nachdem die Männer erst nach erneuter Bitte der Einladung folgen, fordern die Stadtbewohner ihre Herausgabe. Ob Lot als גֵר ger „Fremdling“ keine Fremden aufnehmen darf und die Männer der Stadt somit im Recht sind (so Matthews 1991, 14.16f.), ist schwer zu entscheiden. Der Status betont besonders Lots Distanz zu der Stadt, die das Gastrecht gewaltsam missachtet und so letztlich ihren eigenen Untergang rechtfertigt. Fehlende Gastlichkeit zeigt die moralische Verworfenheit der Gemeinschaft.

Auf sehr drastische Weise unterstreicht Gen 19,1-11 die Verpflichtung zum Schutz der Gäste. So bietet Lot seine Töchter an, um die Gäste vor den gewalttätigen Stadtbewohnern zu bewahren. Das Eingreifen der göttlichen Gäste rettet die Beteiligten durch die Verwirrung der potentiellen Eindringlinge.

2.1.3. Das völlige Scheitern der Gastfreundschaft (Ri 19,15-30)

Abb. 2 Im benjaminitischen Gibea erweist ein Ephraimit einem Leviten und seiner Nebenfrau Gastfreundschaft (Jan Victors; um 1650).

Abb. 2 Im benjaminitischen Gibea erweist ein Ephraimit einem Leviten und seiner Nebenfrau Gastfreundschaft (Jan Victors; um 1650).

Ein solches Eingreifen göttlicher Gäste fehlt in Ri 19,15-30. Zunächst fallen verblüffende Ähnlichkeiten zu Gen 19 auf. Denn wiederum nimmt ein Fremdling die Reisenden – hier ein → Levit mit Nebenfrau – auf, wiederum kommen Stadtbewohner und fordern dessen Herausgabe (hier jedoch nur eine Gruppe, Matthews 1992, 9), wiederum werden ihnen zwei Frauen, die des Leviten und die Tochter des Gastgebers anstelle des männlichen Reisenden angeboten.

Doch sind auch hier die Unterschiede entscheidend (Lasine). War Lot in Gen 19 im Vergleich zu Abraham als Gastgeber schon erfolgloser, so ist das Verhalten des Gastes und Gastgebers in Ri 19 noch fragwürdiger (Groß, 819). Die Frau des Gastes, die er selbst herausführt, wird vergewaltigt und so schwer verletzt, dass sie auf der Türschwelle, der Grenze zum Schutzraum, stirbt.

Zudem spielt die Geschichte mit dem Motiv des Fremden und der Gewalt. Nicht im vermeintlich gefährlichen fremden → Jebus, sondern im zum Eigenen gerechneten → Gibea erfahren die Reisenden diese Gewalteskalation. Ihren einzigen, bedingt gelingenden Schutz erfahren sie dort durch einen Fremden.

Ri 19 zeigt die katastrophalen Zustände zur Richterzeit, in der ohne (staatliche) Ordnung Gewalt herrscht. Lasine (39) spricht pointiert von der „topsy-turvy nature of the ‚hospitality‘ in Gibeah“. Misslingende Gastfreundschaft zeigt die Verworfenheit einer ganzen Stadt / Gesellschaft an.

2.1.4. Gastgeberinnen

Immer wieder wird betont, dass das Recht zur Aufnahme von Gästen bei den Männern liegt (so Matthews 1992), doch laden – in vielfältigen Erzählungen – Frauen Fremde in ihr Haus (Vogels, 165).

Kanonisch gelesen ist die erste Frau, die Fremde aufnimmt und vor der Stadtbevölkerung schützt, → Rahab in Jos 2,1-21. Rahabs beherztes Engagement macht Jos 2 zu einer Geschichte um Gastfreundschaft, wie die Rezeption in 1Clem 12,1 unterstreicht. Wie in Gen 19 und Ri 19 ist der Schutz der Gäste eine unantastbare Verpflichtung und steht über der Loyalität zu den Stadtbewohnern.

Abb. 3 Jael erweist Sisera Gastfreundschaft, tötet ihn dann aber (Gregorio Lazzarini; 1655-1730).

Abb. 3 Jael erweist Sisera Gastfreundschaft, tötet ihn dann aber (Gregorio Lazzarini; 1655-1730).

Die Gefahr für den Gast zeigt die zweite Erzählung mit einer Gastgeberin. Auf der Flucht kommt der kanaanäische Feldherr → Sisera in Ri 4,17-22 zum Zelt der Keniterin → Jael und diese bittet ihn hinein. Sisera bittet um Wasser, bekommt Milch und eine Decke, die ihn wärmt. In dieser Situation des vermeintlichen Schutzes tötet Jael den Gast mit einem Zeltpflock (vgl. auch Ri 5,24-27).

Dass Siseras aktive Bitte um Nahrung nicht automatisch gegen die Gastfreundschaft verstößt, zeigt die Erzählung um → Elia bei der armen Witwe in 1Kön 17,8-16 (→ Zarpat). Die Gastfreundschaft der Witwe und die Freigabe ihrer spärlichen Nahrung führen letztlich zu ihrer Rettung, indem das eigentlich knappe Mehl fortan nicht mehr endet. Dieser „märchenhafte“ Zug (Scoralick) illustriert, wie letztlich uneigennützige Gastfreundschaft das eigene Überleben sichert.

Zuweilen übernehmen die Frauen die Initiative, obwohl ihre Männer anwesend sind. So betont 1Sam 25 → Abigails Gastfreundschaft an → David im Kontrast zum feindlichen Verhalten ihres Mannes. Und auch → Elisa wird in 2Kön 4 von einer Frau eingeladen (bes. Hobbs 1993). Sie ermöglicht ihm durch eine eigene Kammer auch die wiederholte Einkehr. Auch dieser Akt der Gastfreundschaft fällt letztlich in der Rettung des Sohnes segenspendend auf die Gastgeberin zurück.

2.1.5. Gastfreundschaft als ethische Verpflichtung

Gastfreundschaft ist, auch ohne gesetzliche Fixierung, ethisch gefordert. Im hellenistischen Raum zeitigt, in vorrömischer Zeit, ein Verstoß ebenfalls keine juristischen Konsequenzen, widerspricht aber gesellschaftlichen Konventionen zutiefst und missfällt den Göttern (vgl. Hiltbrunner 1972, 1088f.). Auffahrt (198) fasst mit Blick auf Odysseus᾽ Erfahrungen mit ungastlichen Gegenübern zusammen: „Wer gastfreundlich ist, ist auch gottesfürchtig; wer hingegen nicht gastfreundlich ist, gilt als gottlos, kultur- und gesetzlos.“ Nach Jes 58,6f. hat Gott Gefallen an dem, der Arme aufnimmt, Spr 25,21f. fordert sogar die Versorgung der Feinde und kündigt eine göttliche Vergeltung dieser Tat an. Auch → Hiob betont seine Gastfreundschaft im sozialen Rechenschaftsbericht (Hi 31,32). Ähnliche Motive finden sich in idealen ägyptischen Biographien (vgl. LdÄ 383) und in der → Sinuhe-Erzählung (94-97).

2.1.6. Der Fremdling als Gast

Das Verb גור gûr beschreibt das „Weilen als Fremdling“ (Gen 12,10; Gen 47,4). Lot in Sodom (Gen 19,9) und der alte Ephraimit in Gibea (Ri 19,16) sind Fremdlinge, doch fungieren beide als Gastgeber. Als Gast kommen Fremdlinge parallel zu anderen Reisenden vor (Hi 31,32), ihre Aufnahme wird jedoch nicht ausführlicher geschildert. Dies hängt mit der sozialen Semantik des Begriffs גֵר ger zusammen (Bultmann). Der Fremdling zieht aus persönlicher Not an einen anderen Ort, an dem er nicht in das soziale Gefüge eingebunden ist und deshalb versorgt werden muss (→ Fremder; R. Ebach, 38-69), und ist somit kein Reisender, der bald weiterzieht und nur für Tage Nahrung und Unterkunft benötigt.

Im Gegensatz zur Gastfreundschaft ist die Versorgung des Fremdlings als Teil der personae miserae (Fremdling, → Witwe, Waise) in vielfältigen gesetzlichen Forderungen geregelt (vgl. Ex 22,20; Lev 19,33f.; Dtn 24,14-22 und auch Mal 3,5). Schon deshalb sollten Gast und Fremdling nicht gleichgesetzt werden (Hobbs 2001, 20). Dass Gastfreundschaft vorausgesetzt und nicht eigens geregelt wird, zeigt, trotz der Gefahr ihrer Missachtung, ihren fundamentalen gesellschaftlichen Status.

2.1.7. Gefahren der Gastfreundschaft (Jesus Sirach)

Das → Sirachbuch nimmt im 2. Jh. v. Chr. das Thema der Gefahr für den Gast und die Erfahrung der ihm entgegengebrachten Schmähungen in Sir 29,24-27 (Lutherbibel: Sir 29,31-34) auf. Hier wird nun auch vor den Gefahren gewarnt, die von Gästen ausgehen können (vgl. dazu Vogels, 165). So warnt Sir 11,29.34 (Lutherbibel: Sir 11,30.35) durch die Betonung der Ehrlosigkeit in der Welt eindringlich davor, Menschen aufzunehmen, da sie im Haus des Gastgebers Unruhe stiften könnten.

2.2. Gott als Gastgeber

Neben den Texten, in denen Menschen als Gastgeber fungieren, stehen einige, in denen Gott selbst Züge eines Gastgebers trägt.

2.2.1. Gott als Gastgeber in der Wüstenzeit

Während des → Exodus bedurfte Israel der externen Versorgung. Zwar fordert Dtn 2,6 den Kauf der Nahrung, doch betont der folgende Vers 7 die Versorgung durch Gott (vgl. auch Ex 16f.). Insgesamt ist somit die Versorgung in der Wüste „eine große Tat göttlicher Gastfreundschaft“ (Schreiner, 53). Und auch im Land bleibt, etwa in der Linie von Lev 25,23, letztlich Gott der Gastgeber des Volkes und die Nahrung im Land bleibt Gabe Gottes (Dtn 26,5-11).

2.2.2. Gott als Gastgeber und Behüter

Gott beschützt und versorgt den Einzelnen und sein Volk. So ist er nach Ps 23 Hirte und Gastgeber, der den gedeckten Tisch bereitet (vgl. Arterbury / Bellinger). Beide Bildwelten unterstreichen Gottes Schutz und Versorgung gerade in Zeiten der Bedrohung. Diesen Schutz illustriert auch Ps 61,4-6, in dem der → Zion als Wohnort Gottes zum Ort der Gastfreundschaft (Ps 15,1) wird. Jes 25,6-8 malt aus, wie Jhwh auf seinem Zion den Völkern reichlich auftischen wird. In Spr 9,1-6 fungiert die → personifizierte Weisheit als Gastgeberin, die in ihrem Haus einen Tisch mit üppiger Nahrung bereitet (siehe dazu Fuhs, 246f.).

3. Zur Rezeption der alttestamentlichen Motivik

Im Neuen Testament wird Gastfreundschaft (φιλοξενία philoxenia) aktiv gefordert (Röm 12,13; Hebr 13,2; 1Petr 4,9). In Hebr 13,2 wird dies mit der unwissentlichen Aufnahme von Engeln motiviert (vgl. Gen 18). Das Motiv wird in Mt 25,31-46 ethisch verstärkt, indem die Scheidung des Weltenrichters zwischen Gerechten und Frevlern auf der Argumentation aufbaut, dass, wer Fremde aufnahm, ihn selbst versorgt habe. So wird Gastfreundschaft zum direkten Dienst an Gott. In den Pastoralbriefen gehört sie zu den Tugendkatalogen (1Tim 3,2; Tit 1,8).

Explizit knüpft gegen Ende des 1. Jh.s n. Chr. der Erste Clemensbrief an die Erzählungen zur Gastfreundschaft an und fasst Abrahams (1Clem 10,7), Lots (11,1) und Rahabs Handeln (12,1) in die Kategorie der φιλοξενία philoxenia (dazu Lona, 199-210). Zusätzlich zeichnen sich Abraham und Rahab durch ihren Glauben (πίστις pistis) und Lot durch seine Frömmigkeit (εὐσέβεια eusebeia) aus. Abrahams Gastfreundschaft betonen zahlreiche jüdische Schriften (Testament Abrahams 1-5, in 4,10 betont der Engel Michael diese vor Gott; Philo, De Abrahamo, 107-118 im Gegensatz zur Ungastlichkeit der Ägypter; zur rabbinischen Literatur vgl. Koenig, 300, Arterbury / Bellinger, 390; → Abraham) und auch Kirchenväter wie Ambrosius (De Abraham I 5,32; vgl. Puzicha, 37-45). Ablauf und Pflichten bei der Aufnahme eines Gastes wurden in rabbinischer Zeit verschriftlicht (vgl. Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996, Bd. VIII, 1030-1033, 1032).

Das Motiv der Gastfreundschaft als Tugend kommt wie in Hi 31,32 häufig im Rückblick auf die eigenen guten Taten vor (vgl. das Testament Sebulons [6,4f.] sowie breit die Testamente Abrahams und Hiobs und dazu Arterbury / Bellinger, 393).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff.
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • New International Dictionary of Old Testament Theology and Exegesis, Grand Rapids 1997
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009

2. Weitere Literatur

  • Alexander, T.D., Lot’s Hospitality. A Clue to His Righteousness, JBL 104 (1985), 289-291.
  • Arterbury, A.E. / Bellinger, W.H. Jr., „Returning“ to the Hospitality of the Lord. A Reconsideration of Psalm 23,5-6, Bib. 86 (2005), 387-395.
  • Auffarth, C., Der Fremde genießt Gastrecht: Ein Menschenrecht in der frühen griechischen Welt; in: G. Baumann u.a. (Hgg.), Zugänge zum Fremden. Methodisch-hermeneutische Perspektiven zu einem biblischen Thema, Frankfurt a.M. 2012, 187-210.
  • Bultmann, C., Der Fremde im antiken Juda (FRLANT 153), Göttingen 1992.
  • Ebach, J., Genesis 37-50 (Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament), Freiburg u.a. 2007.
  • Ebach, R., Das Fremde und das Eigene. Die Fremdendarstellungen des Deuteronomiums im Kontext israelitischer Identitätskonstruktionen (BZAW 471), Berlin / Boston 2014.
  • Fuhs, H.F., Vom Gemeinschaftsmahl zur Gottesschau. Zur theologischen Dimension altbundlicher Mahlgemeinschaften, ThGl 96 (2006), 233-249.
  • Groß, W., Richter (Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament), Freiburg u.a. 2009.
  • Hiltbrunner, O. u.a., Art. Gastfreundschaft, in: Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1972, Bd. VIII, 1061-1123.
  • Hiltbrunner, O., Gastfreundschaft in der Antike und im frühen Christentum, Darmstadt 2005.
  • Hobbs, T.R., Man, Woman, and Hospitality (2 Kings 4:8-36), BTB 23 (1993), 91-100.
  • Hobbs, T.R., Hospitality in the First Testament and the „Teleological Fallacy“, JSOT 95 (2001), 3-30.
  • Koenig, J., Art. Hospitality, in: The Anchor Bible Dictionary, New York 1992, Bd. III, 299-301
  • Lasine, S., Guest and Host in Judges 19: Lot’s Hospitality in an Inverted World, JSOT 29 (1984), 37-59.
  • Lona, H.E., Der erste Clemensbrief (Kommentar zu den Apostolischen Vätern II), Göttingen 1998.
  • Malina, B.J., The Received View and what it Cannot Do: III John and Hospitality, Semeia 35 (1986), 171-194.
  • Matthews, V.H., Hospitality and Hostility in Judges 4, BTB 21 (1991), 13-29.
  • Matthews, V.H., Hospitality and Hostility in Genesis 19 and Judges 19, BTB 22 (1992), 3-11.
  • Pitt-Rivers, J., The Stranger, the Guest, and the Hostile Host; in: J.G. Peristiany (Hg.), Contributions to Mediterranean Sociology, Paris 1968, 13-30.
  • Puzicha, M., Gastfreundschaft. Zum Verständnis von RB 53, Erbe und Auftrag 58 (1982), 33-46.
  • Schreiner, J., Gastfreundschaft im Zeugnis der Bibel, TThZ 89 (1980), 50-60.
  • Scoralick, R., Von Mehltöpfen, die nicht leer werden, und Gästen, die nicht schlürfen dürfen, KatBl 130 (2005), 204-207.
  • Vogels, W., Hospitality in Biblical Perspective, Liturgical Ministry 11 (2002), 161-173.
  • Westermann, C., Genesis, Bd. 2: Genesis 12-36 (BK I/2), Neukirchen-Vluyn 1981.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Abraham erweist drei göttlichen Gästen seine Gastfreundschaft (rechts: Opferung Isaaks; Mosaik; San Vitale, Ravenna; 6. Jh.).
  • Abb. 2 Im benjaminitischen Gibea erweist ein Ephraimit einem Leviten und seiner Nebenfrau Gastfreundschaft (Jan Victors; um 1650).
  • Abb. 3 Jael erweist Sisera Gastfreundschaft, tötet ihn dann aber (Gregorio Lazzarini; 1655-1730).

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