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Lexikon

Gabriel

Hans Klein, Christoph Rösel

(erstellt: März 2009; letzte Änderung: Febr. 2012)

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1. Name (Chr.R.)

Der Name Gabriel (גַּבְרִיאֵל gavrî’el) ist aus dem Substantiv גֶּבֶר gævær „Mann / Starker“ und dem Substantiv אֵל ’el „Gott“ zusammengesetzt. Die Verbindung kann als Konstruktusverbindung mit der Bedeutung „Mann / Starker Gottes“ aufgefasst werden oder – wahrscheinlicher, weil das Jod dann als Personalsuffix der 1. Person erklärt werden kann – als Nominalsatz: „mein(e) Mann / Starker / Stärke ist Gott“. Nach Dan 8,15 sieht Gabriel aus „wie ein Mann“ גֶּבֶר gævær. Mehr wird über sein Aussehen nicht gesagt (vgl. dagegen die ausführlichere Beschreibung des in Leinen gekleideten Mannes in Dan 10,5-6; Dan 12,6-7). Auch in Dan 9,21 wird Gabriel ausdrücklich als „Mann“ bezeichnet, dort aber mit hebräisch אִישׁ ’îš.

2. Im Alten Testament (Chr.R.)

Gabriel ist der Name einer Gestalt im → Danielbuch, die Daniel in Dan 8,15-27 und Dan 9,20-27 seine Visionen erklärt. Von der Wirkung seiner Stimme sinkt Daniel betäubt zu Boden (Dan 8,18; vgl. Dan 10,9; Ez 1,28; Ez 3,15). Gabriel wird hier nicht ausdrücklich als „Engel“ (מלאך mal’ak „Bote“) bezeichnet, so heißen nur die rettend eingreifenden Boten Gottes in Dan 3,28 und Dan 6,23. Da jedoch in der Bildsprache der Vision in Dan 8 die Menschen durch Tiere repräsentiert werden, kann man davon ausgehen, dass die in der Vision geschauten menschlichen Wesen für die himmlische Sphäre stehen.

3. In der frühjüdischen Tradition (Chr.R.)

In der frühjüdischen Tradition ist Gabriel mit → Michael und → Rafael einer der vier (äthHen 9,1; äthHen 10,9; äthHen 40,9; äthHen 54,6; äthHen 71,8-9.12; → Henoch-Schriften) oder sieben (äthHen 20,7) Erzengel, die damit befasst sind, den Zustand der Welt wahrzunehmen (äthHen 9,1) und Gottes Aufträge auf der Erde auszuführen, damit Gottes Gerechtigkeit zur Geltung kommt.

In den → Qumran-Texten wird Gabriel in der Kriegsrolle erwähnt. In der eschatologischen Endschlacht der Söhne des Lichts gegen die Söhne der Finsternis wird Gabriel zusammen mit dem Heer der guten Engel auf der Seite der Söhne des Lichts kämpfen. Die Namen Michael, Gabriel, Sariel und Raphael sollen in der sog. Kriegsrolle 1QM 9,15f auf die Verteidigungsanlagen geschrieben werden. So sollen sie die Gegenwart und den Schutz Gottes vermitteln.

4. Im Neuen Testament (H.K.)

Im Neuen Testament begegnet Gabriel nur in der Kindheitsgeschichte des Lukas (Lk 1). Dort ist er Bote Gottes, der die Geburt zweier Kinder ankündigt. Dabei wird er wie ein menschlicher Bote gezeichnet, der mit Männern streng, mit Frauen dagegen verständnisvoll umgeht. Seine Botschaft entspricht der eines Propheten, da er kommende Ereignisse ankündigt.

4.1. In der Kindheitsgeschichte Johannes, des Täufers

Nach Lk 1,5-25 erscheint Gabriel dem Priester → Zacharias beim Opfer im Tempel (Lk 1,10), wie Dan 9,21 zur Zeit des Abendopfers. Seine Position zur Rechten des Altars ist vergleichbar mit der christlichen Tradition, nach der Christus zur Rechten Gottes sitzt. Er fungiert als Exekutivchef Gottes. Wenn er vor Gott steht (Lk 1,19), bekommt er einen Auftrag.

Bei der Ankündigung der Geburt des Johannes übernimmt Gabriel die Funktion eines Engels, wie sie schon in Alten Testament belegt ist (Gen 16,7-12; Ri 13,3-5), vergleichbar hierzu ist auch die Zeichenforderung (Ri 6,17). Die Ankündigung eines Strafwunders erinnert an Taten der Apostel gegenüber Ungläubigen (Apg 5,4-10; Apg 13,9-11). Als Strafengel ist Gabriel in äthHen 10,9 dargestellt (→ Henoch).

4.2. In der Kindheitsgeschichte Jesu

Nach Lk 1,26-38 kündigt Gabriel die Geburt des Gottessohnes aus Davids Geschlecht mit ewiger Herrschaft an. Er spricht mit Maria höflich, freundlich und entgegenkommend, und er entweicht wie ein irdisches Wesen, das den Raum verlässt, nachdem es seinen Auftrag erfüllt hat. Auch Maria verhält sich ihm gegenüber angemessen (Lk 1,38).

5. Im Koran (Chr.R.)

Im Koran wird Gabriel (arabisch Ǧibrīl) in Sure 2,97-98 erwähnt. Im Vordergrund steht der Gedanke, dass Allah denjenigen zum Feind wird, die ihn und seine Engel, insbesondere Gabriel und Michael, ablehnen. Die Bedeutung Gabriels wird dabei dadurch unterstrichen, dass Allah durch ihn Mohammed den Koran vermittelte. Auch Sure 66,4 unterstreicht die Sonderstellung Gabriels. Der Hadith (Bukhari) 4, 455 (Text) sieht Gabriel auch in Sure 53,9-10 erwähnt und ergänzt zu dieser Stelle, dass Gabriel 600 Flügel hatte. Überhaupt lässt die häufige Nennung Gabriels in dem Hadith (Bukhari) bereits seine gesteigerte Bedeutung erkennen (über 90 Belege, im Vergleich: Abraham kommt etwa 80 Mal vor). Gabriel gilt dabei auch als Überbringer der Offenbarung an alle früheren Propheten.

6. Ikonographie (Chr.R.)

Abb. 1 Gabriel kündigt Jesu Geburt an (Fra Angelico; Fresco in San Marco, Florenz; 1438-1445).

Abb. 1 Gabriel kündigt Jesu Geburt an (Fra Angelico; Fresco in San Marco, Florenz; 1438-1445).

Prägend für die Darstellung Gabriels in der christlichen Kunst ist seine Aufgabe als Verkündigungsengel, besonders seine Verkündigung an Maria. Diese Szene wurde unzählige Male dargestellt. In der Hand hält Gabriel einen Botenstab, später auch den Lilienstab als Symbol der Unschuld.

7. Frömmigkeit (Chr.R.)

Der Gedenktag Gabriels ist am 29. September. Als himmlischer Bote ist Gabriel Patron der Briefboten, seit 1951 auch des Rundfunk- und Fernmeldewesens.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Herders Neues Bibellexikon, Freiburg u.a. 2008
  • Ökumenisches Heiligenlexikon, online

2. Weitere Literatur

  • Brown, R., 3. Aufl. 1993, The Birth of the Messiah. A Commentary on the Infancy Narratives in the Gospels of Matthew and Luke, New York, 270-271
  • Bousset, W., 4. Aufl. 1966, Die Religion des Judentums im späthellenistischen Zeitalter, HNT 21, Tübingen, 320-331
  • Klein, H., 2007, Gabriel in Luke 1, in: F.V. Reiterer / T. Nicklas / Karin Schöpflin, Deuterocanonical and Cognate Literature Yearbook 2007: Angels. The Concept of Celestial Beings – Origins, Development and Reception, Berlin / New York, 313-323
  • Strack, H.L. / Billerbeck, P., 1974, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, Bd II, München, 89-99

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Gabriel kündigt Jesu Geburt an (Fra Angelico; Fresco in San Marco, Florenz; 1438-1445).
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