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Lexikon

Frühkatholizismus

Stefan Alkier

(erstellt: Jan. 2010)

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1. Definition

Von Frühkatholizismus wird gesprochen, wenn vor dem 3.Jh. n. Chr. Züge einer hierarchischen amtskirchlichen Institutionalisierung des Christentums beobachtet werden (z.B. Bindung des Geistes an das Amt, Traditions- und Sukzessionsprinzip, Ausbildung des monarchischen Episkopats, Sakramentalismus) die zur Verankerung des Christentums in der (spät)antiken Kultur und Gesellschaft führen und das individuelle Heil an die Mitgliedschaft in der sichtbaren Kirche binden. Typische Themen der Debatte um den Frühkatholizismus sind daher das Verhältnis von Geist bzw. Charisma und Amt, das Verhältnis von Christologie, Soteriologie, Eschatologie und Ekklesiologie und das Verhältnis von Kanon und sichtbarer Kirche. Als neutestamentliche frühkatholische Schriften gelten dann Lk, Apg, Pastoralbriefe, katholische Briefe, insbes. 2Petr, aber auch Eph, Kol, und Teile des Mt. Außerhalb des NT werden damit vornehmlich Schriften der Apostolischen Väter bezeichnet. Frühkatholizismus wird als Epochenbegriff je nach Definition entweder als Äquivalent des nachapostolischen Zeitalters verwendet, das um 62 (als vermutetes Todesdatum von Jakobus, Petrus und Paulus) beginnt und im 2 Jh. (der Unschärfe des Begriffs „nachapostolisches Zeitalter“ entsprechend variieren die Angaben erheblich) endet, als neuer Kirchentyp ins 2. Jahrhundert platziert oder sogar für die Zeit von Jesus bis zur konstantinischen Wende veranschlagt.

2. Begriffsgeschichte

Der Begriff Frühkatholizismus wurde 1908 von E. Troeltsch im Zuge seines Bemühens eingebracht, die kontroverstheologisch geprägte Debatte des 19. Jh.s über das Verhältnis von „Urchristentum“ und „(alt-)katholischer Kirche“ in eine entkonfessionalisierte, historisch-soziologische Frage zu überführen: Durch welche Transformationen wurde die anarchische Predigt Jesu in den hierarchischen „Frühkatholizismus“, als eine „episkopale Sakraments-und Traditionskirche“ umgestaltet? Als „treibende Kraft“ dieser Prozesse galt Troeltsch der „religiöse Gedanke“ (Troeltsch, 85). Die Transformationen waren unter soziologischen Gesichtspunkten notwendig, was ihre kritische Beurteilung im Einzelfall keineswegs ausschließt: Der typologischen Transformationsgeschichte Troeltschs zufolge bleibt die jeweils vorausliegende soziologische Struktur in veränderter Weise erhalten, so dass die starren Epochengrenzen einer linearen Entwicklungsgeschichte obsolet werden. Der Frühkatholizismus wird demzufolge von Troeltsch nicht als Verfallserscheinung des „Urchristentums“ bewertet.

Der Begriff Frühkatholizismus löste dann - auch mit Rücksicht auf die 1870 als Reaktion auf das 1. Vatikanische Konzil entstandene altkatholische Kirche - den von A. Ritschl geprägten Begriff der „altkatholischen Kirche“ für die Kirche des 2. Jh.s in der Kirchengeschichtsschreibung ab. 1935 kann Ehrhard (Erhard, 127) bemerken, dass „in jüngster Zeit der Ausdruck `Frühkatholizismus´ in Gebrauch gekommen ist.“

In die neutestamentliche Wissenschaft wurde der Begriff Frühkatholizismus ohne Bezug auf vorhergehende Verwendungsweisen von E. Käsemann seit den 40er Jahren des 20. Jh.s als Epochenbegriff einer gegenüber älteren Ansätzen moderateren und komplexeren verfallsgeschichtlichen Sichtweise des Frühchristentums eingeführt, wie sie mit Ausnahme der·Tübinger Schule um F.C. Baur in der protestantischen Geschichtsschreibung seit dem 16. Jh. üblich war (vgl. Alkier). Troeltschs typologischer Begriff des Frühkatholizismus geriet unter dem Eindruck der von Käsemann ausgelösten Debatte weitgehend in Vergessenheit, bis C. Andresen unter Rückgriff auf Troeltsch den Begriff im Zuge seiner typologischen Kirchengeschichtsschreibung neu füllte.

„Frühkatholizismus“ tritt bei Käsemann an die Stelle des Begriffs „nachapostolisches Zeitalter“ und wird dadurch zum Epochenbegriff einer linearen Geschichtsschreibung, der die Übergangsperiode vom „Urchristentum“ zur „Alten Kirche“ bezeichnet. Käsemann zufolge stehen sich das Urchristentum, als dessen Hauptvertreter ihm im NT Paulus gilt, und der Frühkatholizismus, im NT vor allem repräsentiert durch Lk, Apg, Pastoralbriefe, 2Petr, diametral entgegen: das Ende der urchristlichen Naherwartung mit ihrer christologisch fundierten charismatischen Gemeindeordnung wird zum Anfang des am Traditions- und Legitimationsprinzip erkennbaren Frühkatholizismus, der den Zugang zu Christus nur über die sichtbare Kirche gewährt. Die (ab)wertende Bedeutung des Begriffs Frühkatholizismus bei Käsemann wird schon daran ersichtlich, dass er bezüglich der frühkatholischen Schriften des NT und mit besonderer Schärfe hinsichtlich 2 Petr die Kanonfrage stellt.

Dies führte zu einer aufgeregten kontroverstheologischen bzw. ökumenischen Debatte, die unter dem Stichwort Frühkatholizismus seit den 50er bis in die Mitte der 80er Jahre des 20. Jh.s vornehmlich in der Neutestamentlichen Wissenschaft aber auch in der Systematischen Theologie geführt wurde. Gegner des Begriffs sahen die Gefahr einer anachronistischen Verfestigung der konfessionellen Spaltung. Befürworter hoben dagegen die Möglichkeit einer konfessionellen Annäherung über einen Ausweis der Verankerung des „Katholizismus“ im NT hervor. Käsemann meinte, erstmals auch neutestamentliche Schriften dem Frühkatholizismus zugeordnet zu haben, was zwar der Begrifflichkeit nach zutrifft, nicht aber der Sache nach. Bereits Baur hatte die neutestamentlichen Schriften des Ausgleichs zwischen Judenchristentum und Heidenchristentum und insbesondere die kanonische Apostelgeschichte als „katholisch“ bezeichnet (Baur 1864, 335), sah aber aufgrund seiner reflektierten Überwindung der Verfallstheorie damit nicht die Kanonfrage gestellt.

Am radikalsten spitzte die Position Käsemanns S. Schulz zu, der in seiner umstrittenen Monographie „Die Mitte der Schrift“ weit über Käsemann hinaus im Kern nur die authentischen Paulusbriefe als normativ christlich anerkannte und 17 von 27 Schriften des NT als frühkatholisch und damit als Abfall vom ursprünglichen (paulinischen!) Christentum kritisierte. Katholische Exegeten datierten hingegen die Epoche des Frühkatholizismus zurück auf Jesus (Mussner). Protestantische Exegeten wiederum bemühten sich darum, neutestamentliche Schriften vom Verdacht des Frühkatholizismus freizuhalten (Marxsen, Goppelt). Ihnen galten „erst“ der 1Clem und die Ignatianen als·frühkatholisch, wobei unberücksichtigt bleibt, daß·1Clem älter als etwa 2Petr ist.

Bald wurde der Begriff Frühkatholizismus wegen seiner Unschärfe und seiner konfessionalistischen und daher anachronistischen Füllung in der von Käsemann ausgelösten Debatte kritisiert. So weist ihn Luz als Epochenbegriff zurück und versteht Frühkatholizismus im Anschluss an Andresen als einen Typ des Christentums neben dem christlichen Gnostizismus im 2. Jh. Hahn fordert schließlich den Verzicht auf den Begriff Frühkatholizismus zugunsten des älteren, gerade von Käsemann kritisierten Begriffs des „nachapostolischen Zeitalters“. Lediglich bestimmte Züge könne man als „frühkatholisch“ bezeichnen.

Trotz zahlreicher Versuche, den Begriff Frühkatholizismus zu präzisieren (Neufeld SJ, Luz, Bartsch, Böcker, Nagler u.a.) konnte keine Übereinkunft über seinen Gebrauch erzielt werden, weswegen er nur noch selten Verwendung findet und dann zumeist in Anführungszeichen gesetzt wird, um die Problematik dieses Begriffs anzuzeigen. Es ist daher stets danach zu fragen, ob der Begriff „Frühkatholizismus“ als soziologischer Typenbegriff oder als Epochenbezeichnung oder als Kombination von beidem gebraucht wird. Sodann ist danach zu fragen, in welchem terminologischen Setting er Verwendung findet, ob er also als Oppositum zum Begriff „Urchristentum“ und damit im Rahmen einer (typisch protestantischen) Verfallstheorie steht oder ob er in Kontinuität zum Begriff der „Urkirche“ (typisch römisch-katholisch) die ungebrochene Kontinuität von Jesus zur römisch-katholischen Kirche anzeigt. Weiter ist jeweils zu fragen, ob der „Katholizismus“ des Frühkatholizismus die Charakterzüge der Alten Kirche vor oder nach der konstantinischen Wende oder gar die der römisch-katholischen Kirche seit der Reformationszeit trägt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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  • Andresen, C., 1971, Die Kirchen der alten Christenheit, Die Religionen der Menschheit 29, 1 / 2, Stuttgatt u.a.
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  • Bartsch, .Chr.: Art. Frühkatholizismus, EKL3 I, Sp. 1402ff.
  • Baur, F.C., 1864, Vorlesungen über Neutestamentliche Theologie, hg.v. F.F. Baur, Leipzig
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  • Böcker, T., 1989, Katholizismus und Konfessionalität. Der Frühkatholizismus und die Einheit der Kirche, Abhandlungen zur Philosophie, Psychologie, Soziologie der Religion und Ökumenik 44 NF, Paderborn u. a. (Lit)
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