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Lexikon

Fruchtbarkeit

Marianne Grohmann

(erstellt: März 2009)

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1. Begriff

Fruchtbarkeit ist allgemein die Fähigkeit von Organismen, Nachkommenschaft hervorzubringen. Das biblische Hebräisch kennt den abstrakten Begriff Fruchtbarkeit nicht, sondern umschreibt ihn auf vielfältige Weise: In den hebräischen Wurzeln prh „fruchtbar sein“ und zr‘ „säen“ drückt sich der unmittelbare Zusammenhang zwischen menschlicher Fruchtbarkeit und Fruchtbarkeit des Bodens, der Pflanzen und der Tiere aus (Dtn 7,13). Das Nomen pərî „Frucht / Leibesfrucht / Nachkommenschaft“ kommt in der Hebräischen Bibel häufiger vor als das Verbum prh und bezeichnet als Kollektivbegriff den gesamten Fruchtertrag. Es kann sowohl die Früchte der Erde (Ps 105,35) oder der Bäume (Ps 1,3) bezeichnen als auch menschliche Nachkommenschaft (Gen 1,28). Die Bedeutungen der Wurzel zr‘ reichen von „Saat / Same“ – von Pflanzen, Tieren und Menschen – über das „Säen“ bis hin zum „Produkt“, der „Nachkommenschaft“. Fruchtbarkeit der Vegetation (vegetative Fruchtbarkeit), der Tiere (reproduktive Fruchtbarkeit) und der Menschen (generative Fruchtbarkeit) wird also in der Hebräischen Bibel mit denselben Begriffen und Sprachbildern beschrieben.

2. Fruchtbarkeit und Segen

Fruchtbarkeit ist eine prinzipielle Voraussetzung für Zeugung, Empfängnis, → Schwangerschaft und → Geburt, wie für die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit insgesamt, und hat daher große soziale Bedeutung für das Weiterleben in kommenden Generationen. Sie gilt in der Hebräischen Bibel wie im Alten Orient insgesamt als Inbegriff von → Segen und wird mit göttlichem Wirken in Verbindung gebracht. Die biblischen Texte zeigen einen unmittelbaren, ungebrochenen, selbstverständlichen Zusammenhang von Fruchtbarkeit und Segen (Ps 127; Ps 128).

Neben der allgemein hohen Bedeutung von Fruchtbarkeit und leiblicher Nachkommenschaft im alten Israel und seiner Umwelt finden sich in den alttestamentlichen Texten Spuren davon, dass diese Wichtigkeit nicht absolut gesetzt wird, sondern auch relativiert werden kann. Die Begriffe pərî „Frucht“ und zæra‘ „Same“ sind offen sowohl für eine Deutung als leibliche Nachkommenschaft als auch als Frucht bzw. Same im Sinne der Werke und Taten eines Menschen. Die Bildsprache ermöglicht also eine Weite der Interpretation von der Flora über menschliche Nachkommenschaft bis hin zu den Wirkungen eines Menschen.

3. Unfruchtbarkeit

Aufgrund der hohen Bewertung von Fruchtbarkeit gilt Unfruchtbarkeit von Frauen und auch von Männern in der Hebräischen Bibel als großes Leid (→ Frau; → Schwangerschaft 5. „Strategien gegen die Unfruchtbarkeit“). Die zunächst kinderlose Frau, die durch ein Wechselspiel aus eigener Initiative und göttlicher Intervention schwanger wird, ist ein geprägtes Motiv in den → Erzelternerzählungen (Gen 18,1-15; → Geburtsankündigung). Temporäre Kinderlosigkeit ist ein Erzählmotiv, das die Besonderheit der lange ersehnten Nachkommen betonen soll. Frauen, die in hohem Alter noch ein Kind bekommen, sind ein biblisches Hoffnungsbild. Der biblisch-hebräische Sprachgebrauch beschreibt Unfruchtbarkeit nicht mit der Negation eines sonst positiv besetzten Begriffes, sondern mit eigenen Worten und Bildern: Neben lapidaren Notizen zur Kinderlosigkeit – z.B. „Sara hatte kein Kind“ (Gen 11,30) – ist der terminus technicus für Unfruchtbarkeit ‘qr „entwurzelt“ (Ps 113,9). Eine poetische Umschreibung ist ’ml „verwelkt / vertrocknet“ (1Sam 2,5). Ein anderes Bildfeld – die Wurzel škl „kinderlos machen / Fehlgeburten verursachen“ – hält die ständige Gefährdung von geborenem und ungeborenem Leben im Bewusstsein: Dasselbe Wort bezeichnet sowohl, auf grausame Weise seiner Kinder beraubt zu werden (Gen 42,36), als auch eine Fehlgeburt zu haben (Ex 23,26). Unfruchtbarkeit wird nicht nur Frauen, sondern auch Männern zugeschrieben (Dtn 7,14).

Die Fülle von Begriffen sowie narrativen und bildlichen Umschreibungen für das Phänomen Unfruchtbarkeit bzw. Kinderlosigkeit weist darauf hin, dass es sich im Alten Orient um ein durchaus verbreitetes Phänomen handelt. Die hebräischen Bezeichnungen sind keine rein medizinischen Feststellungen, sondern sie umschreiben das ganze Leben. Als Verursacher der Unfruchtbarkeit gilt im Allgemeinen Gott: JHWH hat die Macht, den Mutterleib zu schließen (1Sam 1,5) oder zu öffnen (Gen 21,1). Nach biblischer Vorstellung ist also Kinderlosigkeit nicht menschliche Schuld, sondern Gott wird dafür verantwortlich gemacht.

4. Fruchtbarkeit und Kult

Fruchtbarkeitskulte waren in Israel, Kanaan und im Alten Orient insgesamt weit verbreitet. In den alttestamentlichen Texten wird die Macht JHWHs über die Fruchtbarkeit von Pflanzen, Tieren und Menschen in Abgrenzung von Fruchtbarkeitskulten der kanaanäischen Religion und der Volksfrömmigkeit in Israel betont (Ex 32; 1Kön 18; 2Kön 10,18-29). Die prophetische Literatur (Hos 4,12-14; Jer 7,17-18) enthält radikale Polemik gegen Kulte, die im Widerspruch zum Ausschließlichkeitsanspruch JHWHs stehen. Gleichzeitig lässt sich nicht alles, was mit Baum- oder → Höhenkulten, mit Kulten von → Baal, → Aschera oder → Astarte zusammenhängt, unter den Nenner Fruchtbarkeit bringen. Sowohl die alttestamentlichen Texte als auch altorientalisches Text- und Bildmaterial zeigen einen wechselvollen Prozess von Abgrenzung und Aufnahme einzelner Elemente.

5. Fruchtbarkeitssymbole

Aus: Schroer 1989, Abb. 10; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 1 Zweiggöttin (anatolisch-syrische Gussform; 1700 v.Chr.).

Die altorientalische → Ikonographie zeigt auf vielfältige Art und Weise die enge Verbindung von vegetativer, reproduktiver und generativer Fruchtbarkeit:

Ein verbreitetes Motiv ist z.B. die Zweiggöttin (→ Göttin), die zwischen Zweigen steht, Zweige hält oder aus deren Scham Zweige wachsen.

Aus: Schroer 1987, Abb. 16; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 2 Capriden am heiligen Baum (mittanisches Rollsiegel aus Megiddo; späte Bronzezeit).

Das Motiv eines säugenden Muttertiers – einer Capride (→ Ziege / Gazelle) oder einer Kuh – evoziert die Fruchtbarkeit der Herden und wird häufig mit einer Göttin in Verbindung gebracht.

Aus: Keel 1980, Abb. 115; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 3 Säugende Kuh (Elfenbeinschnitzerei aus Arslan Tasch; 9. Jh. v. Chr.).

Die Funktion und Verwendung einzelner Figurinen, Amulette, Motive auf Rollsiegeln und Idole lässt sich nur ansatzweise rekonstruieren und unterscheidet sich je nach Fundort, Material und Kontext. Zum Teil dürften sie als Opfergaben Bitten im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit – um erfolgreiche Schwangerschaft, Geburt, Stillen etc. – unterstützt haben.

Aus: Schroer 1989, Abb. 16; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 4 Nackte Göttin (fragmentarische Gussform aus Byblos; 1. Hälfte 2. Jt. v. Chr.).

Während die ältere Forschung alle Darstellungen dieser Art unter den gemeinsamen Oberbegriff „fertility figurines“ stellte, sind die Deutungen heute zurückhaltender. Fruchtbarkeit, lebensfördernde Kraft und Vitalität sind zentrale Aspekte von Frauen- und Göttinnenidolen. Neben diesen mütterlich-nährenden Seiten drücken sie aber auch Erotik und Macht aus. Letztlich bleibt eine Fülle von möglichen Deutungen, unter denen Fruchtbarkeit ein Element ist.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Herders Neues Bibellexikon, Freiburg i.Br. 2008

2. Weitere Literatur

  • Bonanno, A. (Hg.), 1986, Archaeology and Fertility Cult in the Ancient Mediterranean, Amsterdam.
  • Cohen, J., 1989, “Be Fertile and Increase, Fill the Earth and Master It.” The Ancient and Medieval Career of a Biblical Text, Ithaca / London.
  • Frevel, C., 1995, Aschera und der Ausschließlichkeitsanspruch YHWHs (BBB 94), Bonn.
  • Grohmann, M., 2007, Fruchtbarkeit und Geburt in den Psalmen (FAT 53), Tübingen.
  • Keel, O., 1980, Das Böcklein in der Milch seiner Mutter und Verwandtes (OBO 33), Freiburg (Schweiz) / Göttingen.
  • Keel, O. / Schroer, S., 2002, Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen, Freiburg / Göttingen.
  • Keel, O. / Schroer, S., 2004, Eva – Mutter alles Lebendigen. Frauen- und Göttinnensymbole aus dem Alten Orient, Freiburg (Schweiz) / Göttingen.
  • Marsman, H.J., 2003, Women in Ugarit and Israel. Their Social and Religious Position in the Context of the Ancient Near East (OTS 49), Leiden / Boston.
  • Schroer, S., 1987, Die Zweiggöttin in Palästina/Israel. Von der Mittelbronze II B-Zeit bis zu Jesus Sirach, in: M. Küchler / C. Uehlinger (Hg.), Jerusalem. Texte – Bilder – Steine (NTOA 6), Freiburg (Schweiz) / Göttingen, 201-225.
  • Schroer, S., 1989, Die Göttin auf den Stempelsiegeln aus Palästina / Israel, in: O. Keel / H. Keel-Leu / S. Schroer, Studien zu den Stempelsiegeln aus Palästina / Israel II (OBO 88), Freiburg (Schweiz) / Göttingen, 89-207.
  • Stol, M., 2000, Birth in Babylonia and the Bible. Its Mediterranean Setting (Cuneiform Monographs 14), Groningen.
  • Winter, U., 1983, Frau und Göttin. Exegetische und ikonographische Studien zum weiblichen Gottesbild im Alten Israel und in dessen Umwelt (OBO 53), Freiburg (Schweiz) / Göttingen.

Abbildungsverzeichnis

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