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Lexikon

Freundschaft (AT)

Alexander Achilles Fischer

(erstellt: Okt. 2007)

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1. Allgemeines

1.1. Hebräische Begriffe

Es mag überraschen, dass das Hebräische kein spezielles Nomen besitzt, das dem deutschen Wort „Freund“ bzw. dem griechischen φίλος philos „Freund“ entspricht. Ob darum im Alten Testament von Freundschaft die Rede ist oder ob der Freund bzw. die Freundin gemeint ist, entscheidet sich am Kontext. Für den Freund steht in den meisten Fällen das hebräische Wort רֵעַ rea‘, dessen weiter Bedeutungsumfang von „Nächster / Gefährte / Freund“ bis zu „Nachbar / Mitmensch“ und dem pronominalen „ein anderer“ reicht. Häufig begegnet auch das von dem Verb „gern haben / lieben“ abgeleitete Part. akt. Qal bzw. das Substantiv ’ohev „Liebender“ (dagegen wird der „Liebhaber“ einer Frau oder eines Mannes durch das Part. Piel ausgedrückt). Weitere Nomen, die für den Freund stehen können, sind אַלּוּף ’allûf „Vertrauter“ (Mi 7,5), מְיֻדָּע məjuddā‘ „Bekannter“ (Ps 88,19) und חַבֵּר chabber „Genosse“ (Pred 4,10). Parallel zum Freund wird gerne auch der Bruder bzw. die Schwester genannt, wodurch enge Verbundenheit und Vertrautheit konnotiert werden (Spr 17,17; Hi 30,29; bzw. Spr 7,4).

1.2. Freundschaft – der Sache nach

Der Sache nach bezeichnet Freundschaft im Alten Testament eine persönliche Bindung zwischen Menschen, die durch Treue und Zuneigung wechselseitig begründet ist. Sie zeichnet sich in besonderer Weise dadurch aus, dass einer seinen Freund liebt wie sich selbst bzw. wie sein eigenes Leben (Dtn 13,7; 1Sam 18,1; 1Sam 18,3 und Joh 15,13). Die persönliche Bindung betont auch das → Hohelied, indem es an vielen Stellen für die Geliebte die Anrede „meine Freundin“ wählt (Hhld 1,9; Hhld 1,15; u.ö.), während ihre Bezeichnung als „Braut“ bzw. „Schwester (und) Braut“ eher die traditionelle Familienbindung hervorhebt (Hhld 4,9-11). Ferner kennt das Alte Testament den Freund des Hauses (Spr 27,10), den Freund des Bräutigams (Ri 14,20) bzw. die Freundinnen der Braut (Ri 11,37; Ps 45,15).

Beim „Freund des Königs“ (1Chr 27,33; vgl. 1Kön 4,5) handelt es sich um einen Beamtentitel, der auch am hellenistischen Hof in Gebrauch gewesen ist (1Makk 11,57; 1Makk 15,32; vgl. dazu den „Freund des Kaisers“ Joh 19,12). Politische Freundschaften verbinden → David und → Achisch von Gad (1Sam 29,6), David und → Barsillai aus Gilead (2Sam 17,27-29; 2Sam 19,32-41), → Salomo und → Hiram von Tyrus (1Kön 5,15) sowie die beiden Könige → Ahab von Israel und → Joschafat von Juda (1Kön 22,4). Einen Sonderfall der Freundschaft bildet die Gastfreundschaft.

2. Freundespaare und Freunde

Betrachtet man die Sozialstruktur im alten Orient, ist der Einzelne fest eingebunden in die Familie, die ihrerseits in eine Sippe (lineage) sowie einen Stamm (clan) eingegliedert und in diesem organisiert ist. Freundschaftliche Bindungen unter Nichtverwandten spielen daher kaum eine Rolle. Trotzdem ist das Phänomen der Freundschaft in den altorientalischen Kulturen bekannt und findet in der Literatur eindrucksvolle Bezeugungen.

2.1. Gilgamesch und Enkidu

Dieses berühmteste Freundespaar außerhalb der Bibel findet seine Darstellung im → Gilgamesch-Epos. Die meisten Abschriften dieser Heldenerzählung, deren Entstehung bis in das dritte Jahrtausend v. Chr. zurückreicht, stammen aus Ninive und zwar aus der berühmten Tontafelbibliothek des assyrischen Königs → Assurbanipal (669-627 v. Chr.). Sie gehören damit in die Umwelt des Alten Testaments.

Gilgamesch ist König der Stadt → Uruk, die am → Euphrat im südlichen Babylonien gelegen ist. Als Konkurrenten erschaffen ihm die Götter den Naturmenschen Enkidu, der nach Uruk kommt und gegen Gilgamesch kämpft. Doch beide Widersacher versöhnen sich und werden zu einem unzertrennlichen Freundespaar, das eine Reihe gefährlicher Abenteuer gemeinsam besteht: „Halte dich fest an mir, mein Freund, wir wollen weiterziehen, so als seien wir wie einer.“ (Tafel IV,243). Ihre Freundschaft ist so stark, dass Gilgamesch sogar einen Liebesantrag der Göttin Ischtar ablehnt. Bitter enttäuscht schickt ihnen die Göttin einen furchtbaren Himmelsstier, der das Land ringsum verwüsten und Gilgamesch töten soll. Doch wiederum gelingt es den beiden Freunden, die Gefahr zu bannen und den Stier zu töten. Daraufhin beschließt die Götterversammlung, Enkidu sterben zu lassen. Gilgameschs Freund wird krank und stirbt binnen zwölf Tagen. Erschüttert beklagt Gilgamesch den herben Verlust und verhüllt den Freund so wie das Antlitz einer Braut (Tafel VIII, 59).

2.2. David und Jonatan

Abb. 1 Davids Abschied von Jonatan (Rembrandt, 1642).

Abb. 1 Davids Abschied von Jonatan (Rembrandt, 1642).

In Gestalt von → David und → Jonatan erzählt das Alte Testament in der → Aufstiegsgeschichte Davids (1Sam 16-31) eine bewegende Freundschaft zwischen zwei jungen Männern. Als David an den Hof des Königs → Saul kommt und sein Schwiegersohn werden soll, gewinnt er nicht nur die Zuneigung der Königstochter → Michal, sondern auch das Herz des Königssohns Jonatan. Die neuen Freunde schließen einen → Bund, den Jonatan dadurch bekräftigt, dass er David seinen Mantel und ebenso seine Rüstung, sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel überreicht (1Sam 18,1-4). Inzwischen hat sich jedoch das Wohlwollen Sauls gegenüber David in Feindschaft verkehrt. Eines Tages schleudert er seinen Speer, der nur knapp an David vorbei in die Wand fährt. Als Saul offen davon redet, dass er David töten wolle, steht die Freundschaft zwischen David und Jonatan vor einer ernsten Bewährung. Noch einmal vermag Jonatan vor seinem Vater bittend für den Freund einzutreten und damit die Gefahr abzuwenden (1Sam 19,1-6). Doch das Zerwürfnis zwischen Saul und David kann auch er nicht aufhalten. So entscheidet sich Jonatan gegen den Vater und für den Freund. Er erkundet die Absicht seines Vaters, und als er den Ernst der Situation erkennt, mahnt er David durch ein verabredetes Zeichen zur sofortigen Flucht, indem er drei Pfeile weit über das Ziel hinaus schießt. Anschließend verabschieden sich die Freunde, indem sie sich küssen und miteinander weinen (1Sam 20,41-42). Ein letztes und in seiner Auslegung umstrittenes Zeugnis dieser einzigartigen Freundschaft findet sich in Davids Totenklage über Saul und Jonatan, die in der Schlacht von → Gilboa ums Leben kamen. Dort heißt es in seiner persönlichen Wehklage um den Freund in 2Sam 1,26: „Weh ist mir um dich, mein Bruder Jonatan. Du warst mir sehr lieb. Wunderbar war mir deine Liebe / Freundschaft, mehr als die Liebe der Frauen.“ Vor allem dieser Vers hat Anstoß zu der Frage gegeben, ob nicht diese erste große Freundschaft der Bibel in Wirklichkeit eine homosexuelle Beziehung gewesen ist (→ Homosexualität). Freilich muss man die Frage sogleich präzisieren. Denn die Freundschaft zwischen David und Jonatan lässt sich schon deshalb nicht unbesehen in Historie umsetzen, weil die erzählenden Passagen dieser Freundschaft erst später in den Grundtext eingetragen worden sind (zu den Einschreibungen vgl. 1Sam 18,2-4; 1Sam 20,8; 1Sam 20,11-17; 1Sam 20,40-42a; 1Sam 23,16-18). Die Frage kann darum nur lauten, ob der biblische Bearbeiter, der dieses Freundespaar so eindrucksvoll in Szene setzte, ihre Verbindung als homosexuell verstanden hat und als solche darstellen wollte.

In der Forschung wird die Frage einerseits bejaht (Schroer / Staubli, 15-22), andererseits die dafür entwickelte Indizienkette als unzureichend zurückgewiesen (Zehnder, 153-179). Für ein homosexuelles Verhältnis werden besonders einige Formulierungen angeführt, die sich so oder ähnlich auch in der Liebespoesie des Hohenlieds finden (vgl. 1Sam 20,11 mit Hhld 7,12). Für sich genommen sind sie jedoch nicht beweiskräftig. Denn Wörter wie „lieben“, „Gefallen finden“ usw. können wie im Deutschen erotische oder sexuelle Konnotationen tragen, müssen es aber nicht (Naumann, 62-63). Man wird darum ferner berücksichtigen müssen: (1) Die Übergabe von Mantel, Rüstung etc. lässt sich nicht als Liebesbeweis Jonatans deuten, sondern möchte symbolisch auf den Übergang des Königtums vom Haus Sauls auf David hinweisen. (2) Der Kuss als Zeichen verwandtschaftlicher Verbundenheit ist beim Abschiednehmen oder Wiedersehen üblich (Rut 1,9; 2Sam 19,20). (3) Die Bezeichnung Jonatans als Bruder im Klagelied Davids ist keine erotische Anspielung, sondern formelhafte Anrede in der Totenklage (Jer 22,18). (4) Die Frauenliebe, mit der David seine Liebe / Freundschaft mit Jonatan vergleicht, lässt sich sowohl auf die geschlechtliche Liebe der Männer zu den Frauen beziehen (Gen. obj.) als auch auf die Liebe der Frauen (Gen. subj.) resp. der Mütter zu ihren Kindern. (5) Der Bearbeiter, der die Freundschaft zwischen David und Jonatan zur Darstellung bringt, verwendet keine Verben, die eindeutig ein sexuelles Verhalten zwischen Männern zum Ausdruck bringen (z. B. שׁכב šākav „mit jdm. schlafen“; ידע jāda‘ „erkennen / sexuell verkehren“).

2.3. Rut und Noomi

Abb. 2 Rut bleibt bei Noomi, Orpa kehrt zurück nach Moab (William Blake, 1795).

Abb. 2 Rut bleibt bei Noomi, Orpa kehrt zurück nach Moab (William Blake, 1795).

Freundschaft ist im Alten Testament keine reine Männersache. Davon zeugt das Buch → Rut mit seinem Freundespaar Rut und Noomi. Die Erzählung nimmt ihren Ausgangspunkt bei einer Krisensituation. Wegen einer Hungersnot war Noomi aus ihrer Heimatstadt → Bethlehem ins Ausland nach → Moab gezogen und hatte dort ihre beiden Söhne mit den Moabiterinnen Orpa und Rut verheiratet. Beide Söhne starben jedoch kinderlos, wodurch die drei Frauen gesellschaftlich und ökonomisch in Bedrängnis gerieten (Rut 1,1-6). In dieser Situation entscheidet sich Noomi, wieder in ihre judäische Heimat zurückzukehren. Dagegen empfiehlt sie ihren beiden Schwiegertöchtern, im Lande Moab zu bleiben und nochmals zu heiraten. Während Orpa ihren Rat befolgt und sich von Noomi verabschiedet, möchte die andere mit dem sprechenden Namen Rut („Genossin“) nicht von ihrer Schwiegermutter lassen und bekräftigt ihre Freundschaft mit den Worten (häufig als kirchlicher Trautext gewählt): „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ (Rut 1,16b). Ruts Entscheidung bedeutet das volle Risiko einer ungewissen Zukunft, weil sie sich auf eine für sie fremde Kultur und Religion einlassen muss und sich dabei „nur“ auf ihre Schwiegermutter Noomi stützen kann, die ihr freilich in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft weder Schutz noch Sicherheit zu geben vermag. Vor diesem Hintergrund bewährt sich die Freundschaft zwischen den beiden Frauen vor allem als eine Solidargemeinschaft (Hausmann, 62-70), in der sich Rut um den Lebensunterhalt in der neuen Heimat sorgt, während sich Noomi um die Zukunft ihrer Schwiegertochter kümmert. Dabei gelingt es ihr, die Geschicke so zu lenken, dass sich mit dem Grundbesitzer Boas ein → Löser finden lässt, der Rut zur Frau nimmt (Rut 4,13).

2.4. Hiob und seine Freunde

Abb. 3 Hiob und seine Freunde (Gustave Doré; um 1866).

Abb. 3 Hiob und seine Freunde (Gustave Doré; um 1866).

Wirkliche Freundschaft bewährt sich im Leid. Davon geben die drei Freunde Hiobs ein beredetes Beispiel. Großes Unglück war über → Hiob hereingebrochen. Räuber stahlen seine Herden und töteten seine Knechte, ein Feuer vernichtete seinen Besitz, und ein Sturm zerstörte das Haus, in dem seine Söhne und Töchter speisten und jetzt unter den Trümmern begraben sind („Hiobsbotschaften“). Doch es kommt noch schlimmer. Hiobs Unglück geht weiter und bis unter die Haut. Er wird krank und leidet an einem bösen Hautausschlag. Seine Freunde hören davon. Es sind → Elifas aus Teman, → Bildad aus Schuach und → Zofar aus Naama.

Ihre Freundschaft zeichnet sich dreifach aus: (1) Sie machen sich unverzüglich auf die weite Reise, um ihrem Freund Hiob persönlich beizustehen (Hi 2,11). (2) Sie setzen sich zu ihm in den Staub und schweigen sieben Tage und Nächte (Hi 2,13). Dabei zeigen sie gerade dadurch ihre Solidarität mit dem leidenden Freund, dass sie sein Schweigen bewusst aushalten und Hiob durch ihre bloße Nähe uneingeschränkte Verbundenheit spüren lassen. (3) Als Hiob selbst zu reden beginnt, erweisen sie sich als kritische Gesprächspartner, die ihren Freund ernst nehmen und in drei Gesprächsgängen nichts schönreden, sondern offen und ehrlich ihre Meinung sagen. Damit leisten sie etwas, was man heutzutage als Streitkultur bezeichnen würde. Darüber hinaus ermöglichen sie Hiob einen Raum für die Klage, auch wenn sich diese gegen die Freunde selbst richtet (Hi 6,13-21). Die vermutlich später zugesetzte Ausleitung des Hiobdialogs (Hi 42,7-9; Hi 42,10) spricht vom Zorn Gottes, den die Freunde durch ihre Reden auf sich gezogen haben. Doch beweist die Fürbitte Hiobs, dass er die Auseinandersetzung mit ihnen als ein Stück gelebter Freundschaft erfahren hat.

2.5. Die drei Freunde Daniels im Feuerofen

Abb. 4 Die Freunde im Feuerofen (Priscilla-Katakombe in Rom, 3. Jh.).

Abb. 4 Die Freunde im Feuerofen (Priscilla-Katakombe in Rom, 3. Jh.).

Drei Freunde, die mit ihren griechischen Namen Hananja, Mischael und Asarja hießen (Dan 1,6-7), waren zusammen mit → Daniel nach Babylon verschleppt worden und dort in den königlichen Dienst gekommen. Der babylonische König hatte aber eine goldene (Götter-)Statue errichten lassen (vgl. Herodot I,183) und befohlen, dass sich alle Untertanen niederwerfen und das Götterbild anbeten sollten. Sonst würden sie in den Feuerofen geworfen (Dan 3,1-6). Die drei Freunde, die sich in ihrem jüdischen Glauben verbunden wissen, widersetzen sich gemeinsam dem königlichen Befehl und erklären, dass sie nur den Gott Israels verehren werden, der sie sogar aus dem Feuerofen erretten könne. Aber auch dann (!), wenn Gott dies nicht tun sollte, würden sie niemals das Götzenbild anbeten. Daraufhin werden die drei Freunde, die in ihrem Widerstand unbeugsam zusammenstehen, gefesselt und in den zusätzlich erhitzten Feuerofen geworfen. Aber ein Engel Jahwes kommt zu ihnen und treibt die Feuerflammen aus dem Heizkessel hinaus, so dass ihnen nichts geschieht. Berühmt ist der nur in der → Septuaginta überlieferte Lobgesang, den die drei jungen Männer mitten im Feuerofen anstimmen (Dan 3,52-90 LXX). Die griechische Tradition führt damit die drei Freunde als beispielhaft fromme Juden vor Augen.

3. Freundschaft als Thema der Weisheit

In den → Sprüchen Salomos finden sich verschiedene Sprichwörter, die vom Freund oder von Freunden handeln. In ihrem Hintergrund stehen Beobachtungen aus dem Alltag, die durch die Tradition in Erfahrungsregeln umgeschmolzen wurden. Hierzu gehören Sprüche, nach denen der Besitz die Zahl der Freunde vermehrt, aber der Arme von seinem Freund verlassen wird (Spr 19,4; vgl. Spr 14,20; Spr 19,6-7), oder solche, die von der Treue und Verlässlichkeit des Freundes sprechen (Spr 17,17; vgl. Spr 18,24; Spr 27,9-10). Diese Sprüche begegnen jedoch nur vereinzelt und verstreut.

Freundschaft als ein eigenes Thema, über das es nachzudenken gilt, wird erst von der späten Weisheit unter dem Einfluss der hellenistischen Kultur entdeckt. Und dafür gibt es Gründe. Sie liegen nicht nur in einer seit dem 3. Jh. v. Chr. teilweise auch in Palästina übernommenen griechischen Lebensweise, sondern auch in einer sich wandelnden sozialen Situation: (1) Durch ein beschleunigtes Wirtschaftswachstum rückten finanzielle Karriere und rascher sozialer Abstieg eng zusammen (vgl. Sir 13,21 [Lutherbibel: Sir 13,25]). (2) Das Zusammenleben in den immer größer werdenden Städten beförderte mitunter das Gefühl der Vereinzelung. (3) Der Trend zur Individualisierung, der für die hellenistische Epoche charakteristisch ist, bestimmte mehr und mehr auch die jüdische Lebensführung (Kaiser, 140-143).

3.1. Freundschaft bei den Griechen

Den Griechen galten Achilleus und Patroklos als das ideale Freundespaar (Homer, Ilias XI, 785ff, XVI, 2ff, XXIII, 93ff; Pindar, Olympische Oden 9; Text gr. und lat. Autoren). Was macht eine Freundschaft aus? Aristoteles kennzeichnet die Freundschaft in der Nikomachischen Ethik (Nik. Ethik; Text gr. und lat. Autoren) in Übereinstimmung mit der sprichwörtlichen Tradition in dreifacher Hinsicht (Nik. Ethik, 1168b): (1) Freunde sind eines Sinnes (μία ψυχή), (2) Freunde teilen miteinander (κοινὰ τὰ φίλων), (3) Freunde sind untereinander gleich (ỉσότης φιλότης). Näherhin unterscheidet er drei Arten von Freundschaft (Nik. Ethik 1156a-1157a): (1) Die Nutzfreundschaft, (2) die auf Lust gegründete Freundschaft, unter die auch die Knabenliebe zählt, und (3) die Freundschaft um des Guten willen. Nur diese letzte betrachtet Aristoteles als die wahre Freundschaft, weil sie beständig ist und gut für den Freund. Sie bedeutet aber auch die Bereitschaft, sein eigenes Leben einzusetzen. Wie in Joh 15,13 wird damit die Lebenshingabe als höchster Einsatz für den Freund gesehen (Nik. Ethik 1169a).

3.2. Freundschaft bei Kohelet

Am Buch → Kohelet / Prediger Salomo kann man sehen, dass das Thema der Freundschaft zunächst nur einen bescheidenen Platz in den weisheitlichen Reflexionen einnimmt und noch nicht die Bedeutung erlangt hat, die ihm der etwa eine Generation jüngere Weisheitslehrer → Jesus Sirach zubilligt. Es sind eigentlich nur zwei Stücke, die vom Nutzen und Wert der Freundschaft handeln.

In Pred 4,7-12 wird der Fall bedacht, dass einer, der reich ist, aber alleine steht, letztlich keinen Nutzen von seinen Gütern hat. Im Anschluss werden drei Beispiele angeführt, die den Vorzug einer Freundschaft vor Augen führen: (1) gegenseitige Hilfe, (2) Geborgenheit und (3) Schutz bei einem Überfall (Pred 4,10-12).

Das zweite und in seiner Auslegung höchst umstrittene Stück Pred 7,26-29 verbirgt zunächst sein Thema der Freundschaft. Denn es beginnt mit einer Warnung vor der fremden Frau, die danach trachtet, den Mann mit ihrem Herzen zu fangen und mit ihren Armen zu fesseln. Doch die Fortsetzung zeigt, dass es Kohelet nicht um ein grundsätzlich negatives Urteil über die Frau geht, sondern um das Bemühen, einen rechtschaffenen Menschen zu finden: „Unter tausend habe ich nur einen einzigen Mann gefunden, aber eine Frau fand ich unter ihnen allen nicht.“ (Pred 7,28b). Dabei lässt sich Sir 6,6-7 entnehmen, dass es sich bei dem unter tausend gefundenen Mann um den wahren Freund handelt. Er ist nur schwer zu finden und darum ein kostbares Gut. Dagegen bleibt in der Reflexion offen, ob sich eine zuverlässige Lebenspartnerin noch schwerer als ein Freund finden lasse oder ob es eine solche Frau überhaupt nicht gibt (vgl. aber Pred 9,9; Sir 40,23!).

3.3. Jesus Sirach – Lehrer der Freundschaft

Zur Zeit des Siraziden darf man von einer Blüte der hellenistischen Kultur und des öffentlichen Lebens in Jerusalem ausgehen (um 200 v. Chr.). Von den Konflikten zwischen griechisch-orientierten und konservativ-religiösen Juden, die wenige Jahrzehnte später die Erhebung der → Makkabäer auslösen sollten, ist noch wenig zu spüren. Die Weisheitsschrift → Jesus Sirach lässt sich darum als das Zeugnis einer noch relativ offenen Begegnung zwischen Hellenismus und Judentum ansprechen. Dass in ihr das Thema der Freundschaft einen breiten Raum einnimmt, versteht sich vor diesem Hintergrund.

Jesus Sirach entfaltet sein Thema zunächst in einem grundsätzlichen Lehrstück über den wahren Freund und die falschen Freunde (Sir 6,5-17). Es besteht aus einer Reihe von Empfehlungen und Mahnungen, die sich in der zweiten Person unmittelbar an einen Schüler resp. an die Leser wenden, und gliedert sich in drei Teile: Sir 6,5-7 spricht von der Sorgfalt, mit der man sich den Freund aus einem weiteren Kreis von Bekannten auswählen soll (vgl. Sir 19,4). Motiviert wird die Empfehlung durch Mahnungen in Sir 6,8-13, die vor zweifelhaften Freunden warnen. Denn es kommt vor, dass mancher Freund, mit dem man zusammen bei Tisch saß, in Zeiten der Not plötzlich verschwunden ist (vgl. Sir 37,4). Sir 6,14-17 handelt abschließend vom wahren Freund, der näherhin als „Freund der Festigkeit / Zuverlässigkeit“ (’ohev ’æmûnāh) bezeichnet wird. Wer einen solchen findet, hat einen Schatz gefunden. Der Kernsatz des Lehrstücks besteht freilich darin, dass derjenige, der sich zu Gott hält und ihn fürchtet, zu wahrer Freundschaft fähig ist und in seiner Wahl den wahren Freund finden wird (Sir 6,16).

Es entspricht der Eigenart biblischer Weisheit, dass Jesus Sirach nicht eine zusammenhängende systematische Lehre der Freundschaft entwickelt, sondern in unterschiedlichen Zusammenhängen jeweils verschiedene Aspekte der Freundschaft behandelt. Somit treten die folgenden Perikopen über die Freundschaft ergänzend hinzu:

(1) Sir 12,8-12 (Lutherbibel: Sir 12,7-12) vertieft die Warnung vor falschen Freunden durch zwei Spruchgruppen, die durch Stichwortanschluss verbunden sind. Die sachliche Klammer bildet der Feind, der sich als Freund hinstellt. Darum ist ein gesundes Misstrauen gegenüber den nächsten Menschen geboten.

(2) Sir 19,13-17 bedenkt Situationen, in denen mangelnde Selbstbeherrschung und böse Nachrede zu Unfrieden führen. In solchen Fällen gehört es zu den freundschaftlichen Pflichten, seinen Nächsten und Freund auf Fehler und Vergehen hinzuweisen, diese mit ihm zu besprechen und aus der Welt zu schaffen. Denn es gibt keinen Menschen, der nicht schon einmal mit seiner Zunge gesündigt hätte (Sir 19,16; vgl. Pred 7,20).

(3) Sir 22,19-26 (Lutherbibel: Sir 22,23-31) handelt von der Gefährdung und Bewahrung von Freundschaft, die als eine sehr verletzliche Wirklichkeit durch beschämende Rede und offenen Streit bedroht ist. Freilich gibt es in einer Freundschaft immer auch die Möglichkeit von Neubeginn und Versöhnung (Marböck, 91-97). Darum gehört es sich für Freunde, eigene Fehler zuzugeben und nicht zu säumen, diese wieder gut zu machen.

(4) In Sir 27,16-21 (Lutherbibel: Sir 27,17-24) geht es um die Frage, was ein Freund nicht tun darf. Darunter zählt vor allem das Ausplaudern freundschaftlicher Geheimnisse, das als ein heimtückischer Vertrauensbruch betrachtet wird und darum eine Freundschaft definitiv zerstört.

(5) Sir 37,1-6 (Lutherbibel: Sir 37,1-7) kommt noch einmal auf das Thema zurück, dass sich wahre Freunde in der Not erweisen. Dabei wird auch die Erfahrung bedacht, dass der Ausruf „Ich bin dein Freund!“ schnell über die Lippen kommt, aber oft nicht hält, was er verspricht. Ein solcher Freund ist es nur dem Namen nach, aber nicht in der Tat.

(6) Schließlich darf nicht übersehen werden, dass Jesus Sirach die Freundschaft auch sub specie finalis und das heißt unter dem Gesichtspunkt menschlicher Endlichkeit betrachtet. Hierher gehört dann auch das Wort, das den Wert der Freundschaft als ein von Gott gewährtes und zugleich vergängliches Gut nachdrücklich-mahnend in den Blick rückt: „Denk daran, dass der Tod nicht säumt und die Frist bis zur Unterwelt dir unbekannt ist. Bevor du stirbst, tue Gutes dem Freund, und beschenke ihn, so viel du vermagst.“ (Sir 14,12-13 vgl. Sir 14,16).

4. Freunde Gottes

Die Bezeichnung eines Menschen als „Freund Gottes“ ist im Alten Testament die Ausnahme. Namentlich wird nur Abraham der Freund Gottes genannt (Jes 41,8; 2Chr 20,7; vgl. Jak 2,23). Mit Mose redet Gott von Angesicht zu Angesicht, nämlich so, wie man mit seinem Nächsten / Freund redet (Ex 33,11). Ferner werden die Frommen im Sinne von Freunden Gottes als seine Lieblinge bezeichnet (יָדִיד jādîd Ps 60,7; Ps 108,7; Ps 127,2). Eine gewisse Unschärfe bleibt freilich auch hier bestehen, weil dem Hebräischen ein bedeutungsgleiches Wort für Freund fehlt. Dagegen lässt sich der im 1. Jh. n. Chr. entstandenen griechischen Schrift → Weisheit Salomos entnehmen, dass man durch den Erwerb von Weisheit die Freundschaft mit Gott erlangen kann (Weish 7,14; vgl. Weish 7,27).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart 1973-2007
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 5. Aufl., München / Zürich 1994-1995
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007

2. Weitere Literatur

  • Bien, G., 1972, Aristoteles. Nikomachische Ethik, Philosophische Bibliothek 5, Hamburg
  • Corley, J., 2002, Ben Sira’s Teaching of Friendship (Brown Judaic Studies 316), Providence
  • Hausmann, J., 2005, Rut. Miteinander auf dem Weg (Biblische Gestalten 11), Leipzig
  • Kaiser, O., 2005, Weisheit für das Leben. Das Buch Jesus Sirach übersetzt und eingeleitet, Stuttgart
  • Maul, S. M., 2005, Das Gilgamesch-Epos. Neu übersetzt und kommentiert, München
  • Marböck, J., 1996, Gefährdung und Bewährung. Kontexte zur Freundschaftsperikope Sir 22,19-26, in: F.V. Reiterer (Hg.), Freundschaft bei Ben Sira. Beiträge des Symposions zu Ben Sira, Salzburg 1995, BZAW 244, Berlin / New York, 87-106
  • Naumann, Th., 2003, David und die Liebe, in: W. Dietrich / H. Herkommer (Hgg.), König David. Biblische Schlüsselfigur und europäische Leitgestalt, Stuttgart, 51-83
  • Nissinen, M., 1999, Die Liebe von David und Jonatan, Bib. 80, 250-263
  • Reiterer, F.V. (Hg.), 1996, Freundschaft bei Ben Sira. Beiträge des Symposions zu Ben Sira, Salzburg 1995 (BZAW 244), Berlin / New York
  • Schroer, S. / Staubli, Th., 1996, Saul, David und Jonatan – eine Dreiecksgeschichte? Ein Beitrag zum Thema „Homosexualität im Ersten Testament“, BuK 51, 15-22
  • Söding, Th., 2007, Freundschaft bei Jesus, Internationale Katholische Zeitschrift „Communio“ 36, 220-231
  • Weiher, E. von, 1980, Gilgameš und Enkidu. Die Idee einer Freundschaft, BaghM 11, 106-119
  • Zehnder, M., 1998, Exegetische Beobachtungen zu den David-Jonathan-Geschichten, Bib. 79, 153-179

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Davids Abschied von Jonatan (Rembrandt, 1642).
  • Abb. 2 Rut bleibt bei Noomi, Orpa kehrt zurück nach Moab (William Blake, 1795).
  • Abb. 3 Hiob und seine Freunde (Gustave Doré; um 1866).
  • Abb. 4 Die Freunde im Feuerofen (Priscilla-Katakombe in Rom, 3. Jh.).
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