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Lexikon

Flügelsonne

Stephan Lauber

(erstellt: Jan. 2013)

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1. Herkunft des Motivs aus Ägypten

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM EA627

Abb. 1 Klassische Form der Flügelsonne mit Uräenpaar (Osiristempel in Abydos; 6. Dyn., etwa 2245-2180 v. Chr.).

Die Sonnenscheibe wird in der ägyptischen Ikonographie in vielfachen Zusammenhängen als Ausdruck solarer Bedeutungsinhalte verwendet. Dabei geht die Variante der Flügelsonne auf die Darstellung des in Gestalt eines hockenden Falken verehrten Gottes der oberägyptischen Stadt Beḥdet (→ Edfu) zurück. Diese Lokalgottheit wurde schon früh mit dem aus der oberägyptischen Stadt Hierkanopolis (Nechen) stammenden ebenfalls falkengestaltigen Himmelsgott → Horus identifiziert, der seinerseits unter dem Namen Harachte in → Heliopolis (On) mit dem Sonnengott → Re in Verbindung gebracht und als Verkörperung des Sonnenaufgangs verstanden wurde. Außerdem wurde Horus seit der Vereinigung Unter- und Oberägyptens als der eigentliche, im Pharao personifizierte Herrscher des Landes verehrt. Dies schlägt sich ikonographisch seit der 3. Dynastie in der Zufügung des als Königssymbol fungierenden Uräenpaares (→ Uräus), das die Sonnenscheibe umschlingt, nieder (Abb. 1).

In dieser Gestalt findet sich die Flügelsonne vor allem in Stelengiebeln, über Tempel- und später auch Grabtoren und am oberen Rand von Reliefszenen in vermittelnder Stellung zwischen irdischem und göttlichem Bereich. Sie steht bevorzugt unmittelbar über der Darstellung des Königs, wird also als Symbol des gottbegnadeten → Königtums und als eine Art Wappen für das Einheitsreich verwendet, das die göttliche Schutzmacht des Pharaos und zugleich den in dieser Gottverbundenheit über dem Land waltenden König selbst repräsentiert.

Seit dem → Neuen Reich erscheint die Flügelsonne auch als Schutzsymbol in Anbetungsbildern von Privatleuten, allerdings nur zögerlich und unter Übergangsformen, die erkennen lassen, dass eine Scheu davor bestand, die Schutzgottheit des Königs für sich in Anspruch zu nehmen.

2. Kleinasien, Syrien und Mesopotamien

Die Darstellung der geflügelten Sonne ist in Kleinasien, der Levante und Nordmesopotamien von etwa 2000 v. Chr. an fast ununterbrochen bis in die achämenidische Epoche nachweisbar. Dabei wachsen der Darstellung im Lauf der Zeit eine Reihe charakteristischer weiterer Motive zu, und die Bedeutung des Symbols wandelt sich.

Im altsyrischen Raum, dem Gebiet der ersten Übernahme der Flügelsonne, lehnen sich die Darstellungen zunächst formal noch stark an das ägyptische Vorbild an, auch wenn eigene Vorstellungen deutlich werden. So wird das für den vorderasiatischen Raum bedeutungslose Uräenpaar meist weggelassen und die Sonnenscheibe oft mit einem Kreuz, einem Stern oder einer Rosette gefüllt. In den meisten Fällen ist die Flügelsonne auf altsyrischen Zeugnissen wie in Ägypten mit zwei seitlich angebrachten Flügeln dargestellt. Daneben gibt es Beispiele mit einem um die Sonnenscheibe gelegten Federkranz. Seit der mittelsyrischen Zeit wird häufig unter der Sonnenscheibe ein Vogelschwanz abgebildet.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 Geflügelte Sonne über einem von zwei Stiermenschen gehaltenen Thron (Orthostat aus Tell Halaf, 10./ 9. Jh. v. Chr.).

Vom 14. Jh. v. Chr. an erscheint die Darstellung zweier Genien oder menschlicher Gestalten, die einen Hocker halten, über dem die Flügelsonne (oder auch die ungeflügelte Sonnenscheibe) zu sehen ist. In einzelnen Fällen ist der Raum über dem Hocker auch leer. Das Motiv ist aufgrund stilistischer Kennzeichen als ursprünglich mittannisch-hurritisch einzuordnen, erscheint allerdings hauptsächlich auf mittelassyrischen Rollsiegelabdrucken. Die Darstellung ist über die mittelassyrische Zeit hinaus in Nordsyrien belegt. Drei entsprechende Orthostaten aus Tell Halaf werden ins 10./ 9. Jh. v. Chr. datiert. Solche Abbildungen weisen auf eine anikonische kultische Verehrung des Sonnengottes unter Verwendung königlicher Symbolik hin.

Bei den → Hethitern wurde die Sonnengottheit in einem überaus engen mythologisch begründeten Protektoratsverhältnis zum König gesehen. Wie die Darstellung der Flügelsonne, die sonst auch Attribut des Sonnengottes sein kann, dieser königsideologischen Vorstellung dienstbar gemacht wird, ist etwa im Reliefausschnitt aus dem Heiligtum von Yazılıkaya aus der Zeit Tudhalijas IV. (2. Hälfte des 13. Jh. v. Chr.) illustriert: In der Kombination von Hieroglyphen, die den Königsnamen und verschiedene Königsepitheta ausdrücken, dürfte die Flügelsonne hier den hethitischen Königstitel „Meine Sonne“ darstellen, ist also ganz als Königssymbol verwendet.

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 124551

Abb. 3 Schamasch in kriegerischer Darstellung als anthropomorphe Flügelsonne (Nordwestpalast in Nimrud, Raum B Feld 5, 865-860 v. Chr.).

Bereits seit altsyrischer Zeit wurde der Sonnengott auch anthropomorph in der Sonnenscheibe abgebildet. Eine Innovation der neuassyrischen Epoche ist die Ergänzung dieser Ikonographie durch kriegerische Attribute (Abb. 3). Sie findet sich ganz überwiegend innerhalb des Nordwestpalasts Assurnasirpals II. (883-859 v. Chr.) in Nimrud. Die Ausstattung mit Kriegsgerät hat in der Forschungsgeschichte häufig zu einer Identifizierung der Gestalt mit Assur geführt, was heute zumeist zugunsten der Deutung als Schamasch-Darstellung abgelehnt wird (vgl. Mayer-Opificius, 200f.).

3. Persien

Aus: Wikimedia Commons; © Mardetanha, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Attribution 2.5; Zugriff 10.01.2013

Abb. 4 Felsenrelief am Grab Darius’ II. (424-404 v. Chr.).

Eine in der Achämenidenzeit häufige Variante der Flügelsonne lehnt sich deutlich an die neuassyrische anthropomorphe Schamasch-Darstellung an: Oberhalb der Darstellung bedeutender Personen erscheint regelmäßig die im Profil wiedergegebene Büste eines bärtigen und gekrönten, die Hand im Segensgestus erhebenden Mannes, dessen Ornat sich dabei dem des jeweils dargestellten Würdenträgers angleicht (vgl. Abb. 4).

Was die genaue Identität der Gestalt in der Flügelsonne angeht, vermutet die neuere Diskussion darin den „Glücksglanz“ (xvarǝnah) der Person, mit der sie in Verbindung steht. Er ist in der avestischen Konzeption eine den guten Menschen von den Göttern verliehene feurige Kraft, deren Besitz Erfolg und Glück garantiert und die als sichtbare, sich selbsttätig bewegende Erscheinung beschrieben wird. Diese Kraft steht mit dem zoroastrischen Hauptgott Ahura Mazda in Verbindung, weshalb die bildliche Darstellung wahrscheinlich die Präsenz des Gottes als des Gebers des Glücksglanzes einschließen soll.

In der nachachämenidischen Zeit verliert die Darstellung der anthropomorphen Flügelsonne stark an Bedeutung und verschwindet, bis sie im 19. Jh. n. Chr. neu aufgegriffen und seitdem das Symbols des Zoroastrismus wird. Daneben hat das Motiv in der ersten Hälfte des 20. Jh.s im Iran sowie in der ursprünglichen Form in Ägypten, dem Herkunftsland der Flügelsonne, eine Wiederbelebung als nationales Symbol erfahren.

4. Israel

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 132072

Abb. 5 Flügelsonne als königliches Wappen Hiskias (lmlk-Stempelabdruck, um 700 v. Chr.).

Wie in den benachbarten Regionen der Südlevante ist auch in Kanaan, Israel und Juda das Motiv der Flügelsonne nachweisbar (vgl. etwa Keel / Uehlinger 5. Aufl. 2001). Die selbstverständliche Bekanntschaft mit dem Symbol und die Tatsache, dass JHWH nach dem Befund der biblischen Texte in zahlreichen Zusammenhängen in die Funktionen des altorientalischen Sonnengottes eingetreten ist (→ Sonne), ließen es wohl naheliegend erscheinen, JHWH ikonographisch mit der Flügelsonne zu verbinden. Das bedeutendste Beispiel sind die auf dem Territorium des ehemaligen Königreichs Juda auf Henkeln großer, etwa 40-45 Liter fassender Vorratskrüge gefundenen über 1.000 Abdrücke von Stempeln aus der Zeit → Hiskias (728-700 v. Chr.): Diese Stempelabrücken zeigen regelmäßig die Besitzerangabe lmlk („dem König [gehörend]“), darunter einer der vier Ortsnamen Hebron, mmšt, Socho oder Zif. Zwischen beiden Teilen der Inschrift finden sich in vertikaler Anordnung entweder ein vierflügliger Skarabäus oder häufiger die Flügelsonne (vgl. Abb. 5).

Offensichtlich fungiert die – im Übrigen auf Siegeln aus dem Nordreich häufiger als in Juda belegte – Flügelsonne auf solchen Königsstempeln als ein Wappen des Königshauses, das die Darstellung des israelitischen Königsgottes JHWH in der Gestalt der Flügelsonne impliziert.

Die einzige biblische Rezeption des Symbols ist die perserzeitliche Stelle Mal 3,20, die das erwartete Heilswirken JHWHs beschreibt: „Aber es wird aufgehen für euch, die ihr meinen Namen fürchtet, die Sonne der Gerechtigkeit und Heilung (wird sein) durch ihre Flügel.“ Die Anspielung auf die Ikonographie ruft kontextuell die Funktion JHWHs als Retter und Richter in der Rolle des als Flügelsonne dargestellten Sonnengottes wach und assoziiert so die die kosmische wie soziale Lebensordnung durchsetzende Macht JHWHs.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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2. Weitere Literatur

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Klassische Form der Flügelsonne mit Uräenpaar (Osiristempel in Abydos; 6. Dyn., etwa 2245-2180 v. Chr.). Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM EA627
  • Abb. 2 Geflügelte Sonne über einem von zwei Stiermenschen gehaltenen Thron (Orthostat aus Tell Halaf, 10./ 9. Jh. v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 3 Schamasch in kriegerischer Darstellung als anthropomorphe Flügelsonne (Nordwestpalast in Nimrud, Raum B Feld 5, 865-860 v. Chr.). Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 124551
  • Abb. 4 Felsenrelief am Grab Darius’ II. (424-404 v. Chr.). Aus: Wikimedia Commons; © Mardetanha, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Attribution 2.5; Zugriff 10.01.2013
  • Abb. 5 Flügelsonne als königliches Wappen Hiskias (lmlk-Stempelabdruck, um 700 v. Chr.). Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 132072
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