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Lexikon

Finger (AT)

Katrin Müller

(erstellt: April 2013)

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Daumen; → Körper; → Körperteile

1. Körperteil des Menschen

1.1. Bezeichnung

Die Bedeutung des hebräischen Wortes אֶצְבַּע ’æṣba‘ deckt sich weitestgehend mit dem deutschen Wort „Finger“. Zudem kann es auch die Zehe bezeichnen (vgl. 2Sam 21,20; 1Chr 20,6; Dan 2,41-42 [aramäisch]). Es erscheint an mehreren Stellen im Parallelismus membrorum im Plural synonym zu Handfläche (כַּף kaf) oder Hand (יָד jād; vgl. z.B. Ps 144,1 [u.a. in der Lutherbibel mit „Fäuste“ übersetzt]; Hhld 5,5).

Daneben wird es in Jer 52,21 als Maßangabe verwendet. Einem Finger als Maß, also einer Fingerbreite, entsprechen ca. 2 cm (Dreytza, 485; Luering).

Betrachtet werden muss hier auch das Wort קֹטֶן qoṭæn „klein“. Dieses wird oft mit „kleiner Finger“ übersetzt. Die Septuaginta gibt es in 1Kön 12,10 unbestimmt mit ἡ μικρότης „der Kleine“, in 2Chr 10,10 aber mit ὁ μικρὸς δάκτυλός „der kleine Finger“ wieder. Die Wurzel qṭn bezeichnet jedoch zunächst nur ein Kleinersein bezüglich Größe oder Qualität. Zudem wird das Wort an beiden Belegstellen sicher als Euphemismus für das männliche Geschlechtsteil benutzt. Der Vergleich „mein קֹטֶן qoṭæn ist dicker als die Lenden meines Vaters“ lässt daran kaum einen Zweifel. Die Aussage dient hier offensichtlich dazu, mit der eigenen Kraft zu prahlen. Noth (275) konstatiert daher zu Recht, dass es sich in dieser prahlerischen Redensart bei קֹטֶן qoṭæn um eine Umschreibung des männlichen Glieds handelt und übersetzt mit „mein Kleiner ist dicker als die Hüften meine Vaters“ (Noth, 265). Diese Übersetzung ist sicher passender als „kleiner Finger“.

Für → Daumen kennt das biblische Hebräisch eine eigene Bezeichnung. Die anderen Finger werden nicht differenziert.

1.2. Körperaspekt

Mit den Fingern werden unterschiedliche Tätigkeiten ausgeführt:

Die meisten Belege des Wortes אֶצְבַּע ’æṣba‘ fallen in den Bereich kultischer Handlung. Mit dem Finger wird → Blut oder auch → Öl auf einen Gegenstand geschmiert oder gesprengt (vgl. z.B. Lev 4,6; Lev 8,15; Num 19,4), z.B. beim Sündopfer. Dabei wird nicht näher spezifiziert, welcher Finger dafür benutzt werden soll. Nach rabbinischer Tradition ist es der Zeigefinger (Groß, 934; Milgrom, 853). Aus Ägypten sind Salbungsrituale mit dem kleinen Finger belegt (Groß, 931; Milgrom, 853). Wenn für ein → Ritual der Daumen benutzt werden soll, wird dies entsprechend spezifiziert.

Daneben wird mit den Fingern natürlich auch geschrieben (vgl. Dan 5,5 – allerdings hier: Finger wie von einer Menschenhand). Zudem kann man mit den Fingern auch Dinge anfertigen, z.B. Götzen (vgl. z.B. Jes 2,8). Dass diese mit menschlichen Fingern hergestellt wurden, zeigt aber auf, dass sie keine eigene Macht haben. Sie existieren schließlich nur aufgrund der Fertigkeiten von Menschen. Zudem werden sie so als Werk seiner Kunstfertigkeit aufgezeigt. Ihre Machtlosigkeit wird dadurch noch zusätzlich unterstrichen, dass hier die menschliche Hand, Symbol seiner Macht, parallel zu den Fingern steht.

Außerdem kann man mit den Fingern kämpfen, so z.B. Ps 144,1. Daher übersetzt u.a. die Lutherbibel an dieser Stelle den Plural mit „Faust“.

Von einem der Helden Davids wird berichtet, er habe einen Gegner besiegt, der sechs Finger an jeder Hand und sechs Zehen an jedem Fuß hatte (2Sam 21,20; 1Chr 20,6). Eine solche Anormalität soll das Furchterregende und die Stärke des Kriegers unterstreichen (Hersberg, 319) und so die Tat des Helden besonders hervorheben.

Anders als die ganze Hand, wird der Finger im menschlichen Bereich nicht funktional benutzt, um Macht auszudrücken. Allerdings wird aus den zuletzt genannten Belegstellen deutlich, dass mit den Fingern dennoch auch Stärke und Kunstfertigkeit verbunden wurden.

1.3. Gesten

Die Finger können für Gesten genutzt werden. Spr 6,13f. konstatiert, dass der, der mit den Augen zwinkert, mit den Füßen scharrt und mit dem Finger zeigt, ein Frevler ist und Böses plant. Diese Aussage steht in direkter Verbindung zur Unaufrichtigkeit. Ebenso kennt Jes 58,9 das Fingerzeigen als schlechte, böse Tat. Dabei ist wohl an beleidigende / verspottende (so z.B. Westermann, 270), verleumdende (so z.B. Blenkinsopp, 181) oder sogar verfluchende Gesten (so z.B. Groß, 933) gedacht.

2. Übertragene Bedeutung

2.1. Gebote an die Finger binden

In Spr 7,2f. erteilt ein Weisheitslehrer den Rat, seine Gebote und Weisungen zu beachten und sie an die Finger zu binden und auf die Tafel des Herzens zu schreiben. Wer das tut, wird leben. Dies wird häufig so verstanden, dass man auf die Gebote achten soll wie auf die aus wertvollem Material gefertigten Siegelringe (vgl. hierzu Zwickel, 360), die man am Finger trägt, oder dass das, was man an den Fingern äußerlich trägt, wie Gebetsschnüre oder Amulette, Kennzeichen dessen sein soll, was man sich innerlich angeeignet hat (z.B. Plöger, 76). Allerdings könnte im synthetischen Parallelismus membrorum „Binde sie an deine Finger, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens“ auch gemeint sein, dass man sich sowohl bei der Tat als auch beim Denken und Planen an den Geboten und Weisungen orientieren soll, da das → Herz im hebräischen Verständnis der Sitz des Verstandes ist.

2.2. Von Schuld befleckte Finger

In Jes 59,1-3 wird als Grund der ausbleibenden Hilfe Jahwes u.a. angeführt, dass die Hände mit Blut und die Finger mit Schuld befleckt sind. Die Finger stehen hier im synonymen Parallelismus zu Hand und sind ebenso wie diese die „Tatwerkzeuge“ mit denen schuldiges Verhalten (Zapff denkt aufgrund des Kontextes an Beteiligung an einem Kapitalgerichtsverfahren, nicht an eigenhändig verübten Mord, 375) ausgeführt wird. Hände und Finger sind natürlich nicht für den Menschen sichtbar befleckt, aber mit dieser Metapher wird ausgedrückt, dass Gott auch die verborgene Schuld sieht und die Menschen daher nicht mehr erhört.

Erhellend für dieses Bild ist Dtn 21,6. Um zu zeigen, dass man unschuldig ist, wird befohlen, bei einem Totschlag mit unbekanntem Täter die Hände über einer geopferten Kuh zu waschen und zu sprechen „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen“.

3. Der Finger Gottes

Im Alten Testament wird an drei Stellen explizit vom Finger Gottes gesprochen (Ex 8,15; Ex 31,18; Dtn 9,10). Dabei ist auffällig, dass nur die Verbindung von אֶצְבַּע ’æṣba‘ „Finger“ (Sing.) und אֱלֹהִים ’älohîm „Gott“ belegt ist, die mit יהוה Jhwh jedoch nicht. An einer weiteren Stelle (Ps 8,4) wird aus dem Kontext deutlich, dass es sich bei den genannten Fingern (hier nun Plural!) um die Finger יהוה Jhwhs handelt.

3.1. Die dritte Plage

Nachdem die Magier des Pharao die dritte Plage (Stechmücken) nicht wie → Aaron bewirken können, sprechen sie zum Pharao „Dies ist der Finger Gottes“ (Ex 8,15). Es wurde vermutet, dass diese Aussage auf den Stab Aarons zielen soll (so z.B. Michaeli, 86 mit Verweis auf Courroyer, 481). In Ägypten wurden nämlich kultische Objekte in Fingerform tatsächlich als Finger Gottes bezeichnet (Woods, 74-75). Allerdings ist es aus semantischen und kontextuellen Gründen wahrscheinlicher, dass die Aussage sich nicht nur auf den Stab, sondern vor allem auf die Plage selbst bezieht. Der Ausruf der Magier soll verdeutlichen, dass in ihr wirklich Gottes Schöpfermacht wirkt. Jedoch lässt die Aussage aus Sicht des Sprechers offen, welcher Gott gemeint ist. Für den Leser ist es natürlich Jahwe. Damit ist sie im Kontext der Erzählung ein deutlicher Seitenhieb auf die von den ägyptischen Herrschern beanspruchte eigene Göttlichkeit, denn deren Priester können so etwas nicht bewirken (Klingbeil, 414-415).

Es bleibt natürlich zu fragen, warum hier nicht wie an späterer Stelle in der Exodusgeschichte die Hand Gottes als Ausdruck seiner Macht gewählt wird. Verschiedentlich wurde angenommen, dass Finger hier nur ein pars pro toto für die Hand sei (z.B. Dreytza, 485). Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass die Hand Gottes für die volle Machtentfaltung steht, während der einzelne Finger für die Schöpferkraft Gottes und seinen zwar machtvollen, aber etwas filigraneren Einsatz für die Menschen steht. Eventuell ist dabei auch impliziert, dass die Ägypter noch lange nicht die gesamte Macht Gottes, d.h. seine Hand (wie in Ex 7,4f. angekündigt und in Ex 14,31 vollendet) spüren (Schmidt, 399).

3.2. Gesetzgebung

Ex 31,18 und Dtn 9,10 erklären, dass die Gesetzestafeln vom Finger Gottes beschrieben worden sind. Dies betont die göttliche Autorität der Gesetze, da so ausgedrückt werden soll, dass sie wirklich Gott als Urheber haben und nicht von Menschen verfasst wurden. Außerdem wird aufgezeigt, dass sie ein Werk göttlicher Schöpferkraft sind und Gott sich mit der Gesetzgebung den Israeliten annimmt („[…] the finger of God indicates the presence of God, his creative power and his involvement in human affairs“, Klingbeil, 415).

3.3. Schöpfung

In Ps 8 wird der Himmel als Werk der Finger Gottes gepriesen und auch auf Mond und Sterne Bezug genommen. Dass nur die Finger Gottes und nicht andere Finger gemeint sein können, geht aus dem Kontext hervor. Einige Verse später wird die Erde als Werk der Hände Gottes bezeichnet. Beide Körperteile dienen dazu, die Schöpfermacht Gottes zu betonen. Dabei wäre es möglich, dass die Finger zudem besonders die Kunstfertigkeit hervorheben (so z.B. Weinfeld, 408).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 5. Aufl., München / Zürich 1994-1995
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
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