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Lexikon

Esel

Peter Riede

(erstellt: März 2010)

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1. Verwendung und Bedeutung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Esel als Transporttier.

Eines der ältesten Haustiere ist der vom nubischen Wildesel abstammende Hausesel (Equus asinus asinus; hebr. חֲמוֹר chǎmôr; die Eselin heißt עָתוֹן ‘ātôn, der Eselshengst עִיר ‘îr / עַיִר ‘ajir; die griechische Bezeichnung lautet ὄνος onos). Er wurde schon seit dem 3. Jt. und damit lange vor dem Kamel zum Transport von Lasten benutzt. Bedeutung hat er – im Vorderen Orient bis heute – nicht nur als Lasttier (Gen 42,26f; 1Sam 25,18; Ex 23,5), sondern auch als Reittier (Ex 4,20; Ri 12,14; 1Sam 25,20; 2Sam 16,2), da er sich dafür selbst in schwierigem Gelände eignet (→ reiten).

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 Esel und Kamel als Transporttier.

Durch Esel wurde erstmals der Langstreckenhandel möglich. Dass er auch zum Pflügen und Dreschen verwendet wurde, zeigt Dtn 22,10 (vgl. Jes 30,24), wo das Zusammenschirren von Rind und Esel verboten wird. Diese Bestimmung stellt weniger eine Schutzmaßnahme dar, sondern ist im Tabu begründet, verschiedene Tiergattungen zu mischen (vgl. Lev 19,19).

 © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz; Zeichnung: Barbara Connell

Abb. 3 Vornehmer Mann auf einem Esel begleitet von einem Führer und einem Treiber (aufgrund von Farbresten koloriertes Detail einer Stele von Ṣerābīṭ el-Chādem / Sinai, um 1850 v. Chr.).

Als Reittier diente der mit einem Sattel versehene (Gen 22,3; Num 22,21) und zum Teil von einem Treiber (2Kön 4,24) begleitete Esel in der Frühzeit vor allem den Vornehmen des Landes (Ri 10,4; 1Sam 25,20; 2Sam 17,23) und war gewissermaßen ein Statussymbol (vgl. 1Sam 9f.). Später gehörte er in der durch → Viehzucht bestimmten Gesellschaft Altisraels wie → Rinder und → Schafe zum wichtigsten Besitz (Ex 20,17) auch von einfacheren Leuten (Hi 24,3), den man anders als den ererbten Boden mit Fleiß erwerben (Gen 30,43; Hi 1,3), der aber im Krieg den feindlichen Siegern anheim fallen konnte (Ri 6,4; 1Sam 27,9; Hi 1,14). Besonders geschätzt waren weiße Tiere (Ri 5,10).

Anders als das → Pferd, das in der späteren Königszeit mehr und mehr Verwendung fand und mit Krieg, Luxus und Hochmut verbunden wurde (vgl. schon 2Sam 15,1), wurde der Esel im Krieg höchstens im Tross (2Kön 7,7) eingesetzt. Daher ist es verständlich, dass gerade der Esel zum bevorzugten Reittier des messianischen Friedensfürsten wurde (Sach 9,9; vgl. die Erfüllungszitate Mt 21,1ff; Joh 12,14 und schon Gen 49,11). Rechtsbestimmungen befassen sich mit Diebstahl, Veruntreuung und Verlust von (in Obhut gegebenen) Eseln (Ex 22,3; Ex 22,8-9; Ex 21,33; Dtn 5,21; Dtn 22,3; vgl. 1Sam 12,3). Der Missbrauch des Esels durch Überladen steht im Hintergrund der Vorschrift von Ex 23,5, wonach man dem Esel des Feindes, der unter seiner Last zusammengebrochen ist, helfen muss.

Da der Esel als Einhufer als unrein galt, durfte er weder gegessen noch geopfert werden (Ex 13,13; Ex 34,20). Das Essen von Eselsfleisch in 2Kön 6,25 dürfte aufgrund der kriegsbedingten Hungersnot eine Ausnahme darstellen. Seine Erstgeburt musste mit einem Schaf ausgelöst werden (Ex 13,13). Die Kadaver toter Esel wurden vor die Stadtmauern geworfen und dort von Raubtieren und anderen Aasfressern vertilgt. Ein solches Eselsbegräbnis einem Menschen anzukündigen, wie es in Jer 22,19 gegenüber → Jojakim geschieht, ist Ausdruck größter Beschimpfung.

Das enge Verhältnis von Mensch und Haustier kennzeichnet Jes 1,3, aber auch die Sabbatgesetzgebung, die dem Esel genau wie dem Menschen eine Zeit des Ausruhens einräumt (Ex 23,12; Dtn 5,14). Auch sonst wird die Sorge des Menschen für das Tier herausgestellt (Dtn 22,4; Ri 19,19; Lk 13,15).

Der Stammesspruch Gen 49,14f, der Issachar mit einem knochigen, d.h. starken Esel vergleicht, bezieht sich auf die Fronpflicht dieses Stammes, der sich zum Lastesel erniedrigte und seine Freiheit aufgab. Die → Bileamgeschichte (Num 22-24) enthält im Motiv der sprechenden Eselin einen ironischen Zug, ist es doch das Tier, das in der Erkenntnis Gottes den darin eigentlich geübten Seher Bileam übertrifft und ihn trotz der Misshandlungen vor dem Schwert des Gottesboten rettet (Num 22). Auch hier wird die Treue des Tieres gegenüber seinem Herrn herausgestellt (Num 22,30).

Eselsbegräbnisse aus der Mittelbronzezeit (2000-1550 v. Chr.; Tell eḍ-Ḍab‘a im Nildelta; Tell Ǧemme) in der südlichen Levante bezeugen die hohe Wertschätzung, die man den Tieren entgegenbrachte, da sie den Grund für wirtschaftliche Sicherheit und Wohlstand bildeten (Staubli 2001).

2. Das „Füllen“ der Eselin

In der Lutherbibel bezeichnet „Füllen“ immer Nachkommen von Eseln (nur in Gen 32,16 von Kamelen). Das hebräische bzw. griechische Äquivalent meint aber kaum Eselsfohlen, die als Reittiere nicht in Frage gekommen wären, sondern junge, starke Eselshengste, so z.B. in Gen 49,11, wo die Parallelbegriffe „Eselshengst“ (‘îr) und „Sohn einer Eselin“ (bənî ‘ǎtonô) zeigen, dass es sich bei dem Tier um einen reinrassigen Eselshengst handelt und nicht um ein Maultier. Auch nach Sach 9,9 ist das Reittier des messianischen Friedenskönigs „ein Esel (chǎmôr), und zwar ein Eselshengst (‘ajir), der Sohn einer Eselin (bæn ‘ǎtonôt)“. Der Ritt auf dem Esel zeigt an, dass diesem König jeder kriegerische Zug fehlt (vgl. den Gegensatz zum Kriegsross Sach 9,10).

Mk 11,2ff (vgl. Lk 19,30.35) knüpft an die beiden alttestamentlichen Stellen an und betont, dass Jesus auf einem πῶλος pōlos, also einem männlichen Jungesel, in Jerusalem eingeritten ist (vgl. auch Joh 12,15). Schon durch sein Reittier gibt Jesus sich als Friedensfürst zu erkennen. Der Hinweis, dass das Tier noch von keinem Menschen geritten war, soll zeigen, dass es in besonderer Weise der Würde des Messias entsprach. Auch der Babylonische Talmud kennt den Esel als Reittier des Messias (vgl. Berakhot 56b; Text Talmud). Ungeklärt ist, warum Mt 21,2ff unter Verwendung der LXX-Tradition von Sach 9,9 von zwei Reittieren Jesu, einer Eselin und ihrem Jungtier, ausgeht.

3. Ochs und Esel bei der Geburt Jesu

Ochs und Esel bei der Geburt Jesu sind neutestamentlich nicht belegt. Auf der Grundlage von Jes 1,3 und Hab 3,2 (LXX) sind diese beiden Tiere im Pseudo-Matthäus-Evangelium 14 (8./9. Jh; „Am dritten Tage nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus trat die seligste Maria aus der Höhle, ging in einen Stall hinein und legte ihren Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an.“) und zuvor schon in patristischer Literatur (z.B. Hieronymus Ep 108,10; Text Kirchenväter) im Zusammenhang mit Jesu Geburt bezeugt und hielten von dorther Einzug in die christliche Tradition.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Bild-Recherche BIBEL+ORIENT Datenbank Online

1. Lexikonartikel

  • Paulys Realencyclopädie, Stuttgart, 1893-1978
  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff
  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979)
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Bartnicki, R., Das Zitat von Zach IX,9-10 und die Tiere im Bericht von Matthäus über den Einzug Jesu in Jerusalem (Mt XXI,1-11), NT 18 (1976), 161-166
  • Bell, C., Tin, pots amn donkeys: an new look at late Bronze age trade in the Levant, BAIAS 24 (2006), 125
  • Brentjes, B., Onager und Esel im Alten Orient (FS E. Unger), Baden Baden 1971, 131-145
  • Brentjes, B., Die Haustierwerdung im Orient. Ein archäologischer Beitrag zur Zoologie, Stuttgart 1965
  • Briend, J., Die Viehzucht in biblischen Zeiten, WUB 8 (1998), 55f
  • Keel, O., Allgegenwärtige Tiere. Einige Weisen ihrer Wahrnehmung in der hebräischen Bibel, in: B. Janowski u.a. (Hgg.), Gefährten und Feinde des Menschen. Das Tier in der Lebenswelt des alten Israel, Neukirchen-Vluyn 1993
  • Keel, O., Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen, Göttingen 5. Aufl. 1996
  • Keel, O. / Küchler, M. / Uehlinger, Chr., Orte und Landschaften der Bibel 1, Zürich 1984, 122-127
  • Keel, O. / Küchler, M., Orte und Landschaften der Bibel 2, Zürich 1982
  • Keel, O. / Staubli, Th. (Hgg.), „Im Schatten deiner Flügel“. Tiere in der Bibel und im Alten Orient, Freiburg (Schweiz) 2001, 20-24.37f
  • Kuhn, H.-W., Das Reittier Jesu in der Einzugsgeschichte des Markusevangeliums, ZNW 50 (1959), 82-91
  • Laubscher, Frans du T. The King’s Humbleness in Zachariah 9:9. A Pardox?, JNWSL 18 (1992), 125-134
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  • Schroer, S., „Die Eselin sah den Engel JHWHs“. Eine biblische Theologie der Tiere – für Menschen, in: D. Sölle (Hg.), Für Gerechtigkeit streiten. Theologie im Alltag einer bedrohten Welt (FS L. Schottroff), Gütersloh 1994, 83-87
  • Schroer, S., Tiere in der Bibel. Eine kulturgeschichtliche Reise, Freiburg 2010, 57-60
  • Staubli, Th., Das Image der Nomaden im alten Israel und in der Ikonographie seiner sesshaften Nachbarn (OBO 107), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1991
  • Staubli, Th., Stabile Politik – florierende Wirtschaft und umgekehrt. Eine rechteckige, beidseitig gravierte Platte der Hyksoszeit, ZDPV 117 (2001), 97-115
  • Stoebe, H.J., Anmerkungen zu 1Sam VIII,16 und XVI 20, VT 4 (1954) 177-184
  • Tsukimoto, A., „Ein Eselskopf und ¼ Kab Taubenmist“ (II Kön 6,25a), AJBL 12 (1986), 77-86
  • Tsumaro, D.T., amôr leḥem (1 Samuel XVI 20), VT 42 (1992), 412f
  • Ziegler, J., Ochs und Esel an der Krippe, MüThZ 3 (1952), 385-402

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Esel als Transporttier. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Esel und Kamel als Transporttier. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 3 Vornehmer Mann auf einem Esel begleitet von einem Führer und einem Treiber (aufgrund von Farbresten koloriertes Detail einer Stele von Ṣerābīṭ el-Chādem / Sinai, um 1850 v. Chr.). © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz; Zeichnung: Barbara Connell

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