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Lexikon

Erzeltern

Anke Mühling

(erstellt: Juli 2009)

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1. Begriffliche Klärung

Die Bezeichnungen „Erzväter“, „Ahnväter“, „Väter“ Israels bzw. „Patriarchen“ meinen im engeren Sinne → Abraham, → Isaak und → Jakob, deren Geschichten v.a. in Gen 12-36 erzählt werden („Vätererzählungen“), sowie bisweilen auch → Josef (Gen 37,39-50*; → Genesis). Die frühesten Belege für die Bezeichnung Abrahams, Isaaks und Jakobs als „Patriarchen“ finden sich in der lateinischen Fassung des apokryphen Tobitbuchs (Tob 6,20 [Lutherbibel: Tob 6,21]; „heilige Patriarchen“) sowie in 4Makk 7,19 und 16,25.

Im Neuen Testament werden neben Abraham in Hebr 7,4 auch David in Apg 2,29 sowie die Söhne Jakobs in Apg 7,8f als Erzväter bzw. Patriarchen bezeichnet. In der → Septuaginta werden im weiteren Sinne israelitische Sippenhäupter Patriarchen genannt (vgl. u.a. 1Chr 24,31; 1Chr 27,22 [Stammesfürsten]; 2Chr 19,8; 2Chr 23,20 [Hauptleute]). Als „Urväter“ oder „Patriarchen“ im weiteren Sinne gelten auch die Stammväter von Adam bis Noah (Gen 4,17ff; Gen 5) bzw. von Noah bis Abraham (Gen 11,10-26). Die Liste in 1Makk 2,51-60 nennt elf „Väter“ von Abraham bis Daniel.

Der folgende Artikel konzentriert sich auf die Erzählungen um die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Da deren Frauen (→ Sara, → Rebekka, → Rahel und → Lea) als „Erzmütter“ bzw. „Ahnmütter“ (vgl. Babylonischer Talmud, Traktat Berakhot 16; Text Talmud) in diesen Erzählungen trotz deren patriarchalischer Prägung von wesentlicher Bedeutung sind, beginnt sich in der neueren Forschung die Terminologie „Erzeltern“ bzw. „Erzeltern-Erzählungen“ durchzusetzen (vgl. Fischer).

2. Die Erzeltern-Erzählungen der Genesis

Die Erzeltern-Erzählungen finden sich in Gen 11,27-50,26* und stehen damit zwischen der Urgeschichte in Gen 1-11 und der Exoduserzählung.

Sie lassen sich folgendermaßen grob gliedern:

  • Gen 12-25 Abraham und Sara
  • Gen 24-26 Isaak und Rebekka
  • Gen 25.27-36.38 Jakob und Rahel / Lea
  • (Gen 37.39-50 Josef)

Im Modus der Familiengeschichte in einer nomadischen bzw. halbnomadischen Lebenswelt erzählen sie vom Ursprung des Volkes Israel und bieten somit einen alternativen Ursprungsmythos zur Exoduserzählung (vgl. Schmid; vgl. auch Römer, 1990, der gezeigt hat, dass die deuteronomisch-deuteronomistischen Erwähnungen der „Väter“ sich auf die Exodusgeneration und nicht auf die „Erzväter“ beziehen). Von den zwölf Söhnen Jakobs wird das israelitische Stämmesystem abgeleitet (Gen 29f.; Gen 32,29; Gen 49).

In ihrer jetzigen kanonischen Abfolge sind die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob genealogisch miteinander verbunden und der Generationenfolge von Vater, Sohn und Enkel entsprechend einander zugeordnet, wobei diese Verbindung jedoch sekundär sein dürfte (s.u.; → Genealogie).

Während sowohl die Geschichten um Jakob und v.a. um Abraham breiten Raum einnehmen, ist von Isaak nur Weniges überliefert. Die ursprüngliche Fassung der → Josefserzählung bildet innerhalb der Erzeltern-Erzählungen eine in sich geschlossene erzählerische Einheit und bietet in ihrer jetzigen Gestalt den Übergang von der Väter- zur Exoduserzählung.

Zusammengehalten werden die Erzeltern-Erzählungen durch die Verheißungstradition (→ Väterverheißung), welche die göttliche Zusage zahlreicher Nachkommenschaft und damit verbunden der Volkswerdung, das Mitsein Gottes sowie den Landbesitz umfasst. Während nur mit Abraham ein expliziter → Bundesschluss Jhwhs erfolgt (Gen 15; Gen 17), werden Isaak und Jakob als Nachkommen Abrahams in diesen Bund einbezogen (vgl. Gen 17,7 u.ö.; → Priesterschrift).

Neben einer Ursprungserzählung Israels bieten die Erzeltern-Erzählungen auch eine Verhältnisbestimmung zu dessen Nachbarvölkern, die Israel im Rahmen (fiktiver) Verwandtschaftsverhältnisse zugeordnet werden (→ Aram in Gen 22,20-24; → Midianiter in Gen 25,1-6; → Ismaeliter in Gen 16,11f; → Ammoniter und → Moabiter in Gen 19,30-38; → Edomiter in Gen 36,9ff).

Das Gebiet, das die Erzeltern in den Erzählungen wandernd durchziehen, entspricht der syropalästinischen Landbrücke vom programmatischen Ausgangspunkt in Mesopotamien, über Syrien, Palästina bis nach Ägypten. Während die Herkunft aus → Ur in Chaldäa (Gen 11,28.31) sekundär sein dürfte, wird der Verbindung mit → Haran in Obermesopotamien (Gen 12,5) und auch mit dem Ostjordanland (Gen 29,1; Gen 31,23) größere historische Relevanz zugeschrieben (vgl. Grimm).

Die Ortsangaben in den Erzählungen weisen auf unterschiedliche geographische „Haftpunkte“ der einzelnen Erzväter hin: Während die Jakob-Überlieferungen im Nordreich beheimatet sind (→ Bethel, → Sichem), ist die Abraham-Tradition (→ Hebron / Mamre) ebenso mit dem Südreich verbunden wie die Isaak-Überlieferung (→ Beerscheba). Dies deutet darauf hin, dass die Überlieferungen über die einzelnen Erzväter ursprünglich selbständig gewesen und erst nachträglich zusammengewachsen sein dürften (s.u. zur Entstehungsgeschichte).

Während insbesondere die Erzählungen um Abraham und Jakob unterschiedliche Charakteristika aufweisen, finden sich v.a. zwischen der Abraham- und der Isaak-Überlieferung motivliche Gemeinsamkeiten (→ Preisgabeerzählung Gen 12,10-20; Gen 20,1-18; Gen 26,1-14; Streitigkeiten um Brunnen Gen 13,7; Gen 21,25ff; Gen 26,15ff). Darüber hinaus wird der Gesamtzusammenhang der Erzeltern-Erzählungen außer durch die genealogischen Verbindungen durch explizite Querverweise hergestellt, v.a. durch die Verheißungsreden (vgl. Gen 26,3ff; Gen 26,24; Gen 28,4.13; Gen 35,12; Gen 50,24), aber auch durch die Vorstellung des Gottseins Jhwhs für die Erzväter (vgl. Gen 28,13; Gen 32,10; Gen 48,15f) und übergreifende Ortsangaben (vgl. Gen 35,27 sowie das gemeinsame Erbbegräbnis in Gen 49,29ff).

Auch die ursprüngliche Beschränkung der einzelnen Erzväter auf bestimmte Orte wird zumindest in einem späteren Überlieferungsstadium der Erzeltern-Erzählungen nicht aufrechterhalten (vgl. z.B. Gen 12,6-9 als „Jakobs-Prolepse“ Abrahams; so Gese). Und auch die Sterbe- und Begräbnisnotizen der Erzväter übergreifen den engen Zusammenhang ihrer eigenen „Kernüberlieferungen“ (vgl. Isaaks Tod in Gen 35,28f, Jakobs Tod in Gen 47,27-31; Gen 50,1-14).

3. Die Erzeltern im Alten Testament außerhalb der Genesis

Die Väter-Trias „Abraham, Isaak und Jakob / Israel“ wird außerhalb der Genesis häufig genannt (Ex 3,6.15; Ex 32,13; Num 32,11; Dtn 1,8; Dtn 6,10; Dtn 9,5.27; 1Kön 18,36; 2Kön 13,23 u.ö., vgl. auch im Neuen Testament Mt 8,11; Mt 22,32; Mk 12,26; Lk 20,37; Apg 3,13).

Von den drei Erzvätern wird Jakob im Alten Testament außerhalb der Genesis mit Abstand am häufigsten erwähnt. Dies hat seinen Grund darin, dass er stärker als die beiden anderen Erzväter mit Israel identifiziert und zum Synonym für das Nordreich bzw. das Gesamtvolk wird (vgl. auch die Umbenennung Jakobs in Israel in Gen 32,29; Gen 35,10). So wird Jakob in prophetischen Anklagereden angeführt (Hos 12,3f; Jes 9,7; Jes 43,27f; Mal 3,6ff), er steht aber auch für die grundlose Liebe, in der Jhwh sein Volk erwählt hat (Mal 1,2).

In Am 7,9.16 wird Isaak zusammen mit Israel erwähnt, wobei umstritten ist, ob „Isaak“ hier als Personifizierung des Südreichs (so Diebner) oder des Nordreichs (so van Seters, 39) gebraucht ist.

Während Abraham und Isaak nie zusammen ohne Jakob genannt werden, sind jedoch bisweilen Abraham und Jakob / Israel zusammen ohne Isaak belegt (vgl. Jes 29,22; Jes 41,8; Jes 63,16; Mi 7,20; Ps 105,6). Will man diesen Befund literarhistorisch auswerten, muss dies nicht zwangsläufig zu der Annahme führen, dass die Gestalt Isaaks in literarhistorischer Hinsicht jünger sei als Abraham und Jakob, dass also ursprünglich Abraham als Vater von Jakob gegolten habe (so Römer, 1997, 20). Es könnte sich darin auch zeigen, dass Abraham ab einem bestimmten Zeitpunkt von größerer Bedeutung war als Isaak, dessen Überlieferung mit dem Anwachsen der Abrahamerzählungen dann immer mehr zurückgedrängt wurde (vgl. Wellhausen; Noth, u.a.). In jedem Fall lassen die durchweg aus exilischer und nachexilischer Zeit stammenden Belege, die Abraham alleine nennen (vgl. Jes 51,2 [mit Sara]; Ez 33,24; Ps 105,42; Neh 9,7; 2Chr 20,7), darauf schließen, dass Abraham in nachstaatlicher Zeit bedeutender war als Isaak.

4. Die Frage nach der Historizität der Erzeltern

Ältere Forschungsansätze meinten, aus den Erzeltern-Erzählungen historische Rückschlüsse auf eine vorisraelitische „Patriarchenzeit“ vor der Sesshaftwerdung Israels ziehen zu können (Albright, de Vaux, Cazelles, Speiser, Alt, Westermann, u.a.). So versuchte man beispielsweise, die erzählten Wanderungen der Erzeltern mit amoritischen oder aramäischen Wanderungsbewegungen des 2. Jt.s v. Chr. in Verbindung zu bringen und anhand der Textfunde aus → Nuzi und → Mari Parallelen zu altorientalischen Personennamen, Bräuchen und Rechtstexten aus dieser Zeit aufzuzeigen. Auf dieser Grundlage wurden Datierungen der Patriarchen als historische Persönlichkeiten in die erste (vgl. de Vaux, der Abraham im 19. Jh. v. Chr. ansetzt und den Zug der Söhne Jakobs nach Ägypten mit der Hyksosbewegung des 18. Jh.s v. Chr. in Verbindung bringt) oder in die zweite Hälfte des 2. Jt.s v. Chr. vorgeschlagen.

Auch wurde der forschungsgeschichtlich bedeutsame Versuch unternommen, aus den Erzeltern-Erzählungen eine vom nomadischen Leben geprägte, vorstaatliche Religionsform abzuleiten (Alt; zur Kritik an Alt vgl. Köckert, 1988).

In der neueren Forschung hat sich jedoch weitgehend die Erkenntnis durchgesetzt, dass die historische Auswertbarkeit der Erzeltern-Erzählungen begrenzt ist und die Existenz der Erzeltern sich aus außerbiblischen Quellen nicht belegen lässt. Die Analyse der Texte hat ergeben, dass die Erzeltern-Erzählungen kaum in vorstaatliche Zeit zurückreichen, sondern jünger sind (vgl. Thompson; van Seters; Blum u.v.a.). Es lässt sich zeigen, dass die Erzählungen im Laufe ihrer Entstehungsgeschichte um Überlieferungsstoffe unterschiedlichster Art und Herkunft angereichert wurden und redaktionell gewachsen sind. Aus diesem Grunde verzichten neuere Darstellungen der Geschichte Israels in der Regel auf eine historische Auswertung der Erzeltern-Erzählungen.

Auch wenn keineswegs auszuschließen ist, dass in den Erzählungen älteres mündliches Überlieferungsgut verarbeitet wurde, ist man zu Recht eher skeptisch, was die Rekonstruierbarkeit eventueller mündlicher Vorformen und damit auch die Möglichkeit betrifft, hinter die schriftliche Text-Gestalt der Erzählungen zurückzugelangen.

5. Entstehungsgeschichtliche Überlegungen

Die entstehungsgeschichtlichen Hypothesen zu den Erzeltern-Erzählungen unterlagen im Laufe der Forschungsgeschichte einem starken Wandel. Bis heute werden divergierende Auffassungen vertreten (→ Pentateuchforschung).

War man im Rahmen eines überlieferungsgeschichtlichen Ansatzes davon ausgegangen, dass die Erzeltern-Erzählungen auf ursprünglich mündlich tradierte Einzelüberlieferungen („Sagen“) zurückgingen, die zudem für moderne Ausleger noch rekonstruierbar seien (→ Gunkel), so sieht man davon in neueren Beiträgen weitgehend ab. Auch wenn es nicht unplausibel ist, dass es ursprünglich voneinander unabhängig überlieferte Erzählungen über die einzelnen Erzväter gegeben hat und diese erst durch eine nachträgliche genealogische Verknüpfung zu den Ahnvätern Gesamtisraels geworden sind, so ist doch in der jetzt vorliegenden kanonischen Fassung der Erzählungen die völkergeschichtliche Dimension grundlegend verankert (vgl. Blum; Köckert u.a.).

Aber auch die dezidierte Wahrnehmung der Erzeltern-Erzählungen als Literatur führte – ausgehend von der Beobachtung, dass die Erzeltern-Erzählungen literarisch nicht einheitlich sind – in der Forschungsgeschichte zu einer sehr unterschiedlichen literarhistorischen Einschätzung der verschiedenen Textbereiche.

Weitgehend einig ist man sich über die Abgrenzung des priesterschriftlichen Materials (→ Priesterschrift), das insbesondere in genealogischen Abschnitten und der Erzählung vom Bundesschluss mit Abraham in Gen 17 zu finden ist.

Uneinigkeit herrscht jedoch v.a. bezüglich der Differenzierung der nicht-priesterschriftlichen Textanteile, ihrer möglichen Zugehörigkeit zu Quellenschriften und insbesondere ihrer Datierung (→ Pentateuchforschung).

Im Rahmen der klassischen Urkundenhypothese sah man in der „jahwistischen“ Fassung der Erzeltern-Erzählungen eine Gründungs- und Legitimationslegende für das davidische Großreich und datierte sie dementsprechend in die frühe Königszeit (von Rad, 15; Wolff, 345ff u.a.). Mit der zunehmenden Infragestellung des Jahwisten als Quellenschrift (zur Forschungsgeschichte vgl. Schüle, 40ff) wurde auch die Einschätzung der Erzeltern-Erzählungen größtenteils revidiert, indem ihr großräumig redaktioneller Charakter erkannt wurde (van Seters u.a.). So kann vor allem die Gestalt des Abraham als des Erzvaters par excellence in neueren Ansätzen sogar als (fast) rein redaktionelles Produkt der exilischen und nachexilischen Zeit gelten (vgl. Kratz u.a.).

Dass Abraham in literarhistorischer Hinsicht als der jüngste der drei Erzväter zu gelten habe, hat bereits → J. Wellhausen im 19. Jh. postuliert (Prolegomena, 317).

Als die literarhistorisch jüngste und damit am wenigsten festgelegte und inhaltlich besetzte Vätergestalt bot sich Abraham offensichtlich in besonderer Weise für eine aktualisierende Fortschreibung und Ausgestaltung an (Westermann, 73), was sich an den Texten belegen lässt (→ Abraham).

Wenn dies richtig erkannt ist, liegt auch die gewählte Form einer genealogischen Verknüpfung der drei Erzväter auf der Hand. Geht man davon aus, dass bereits eine Jakob-Überlieferung vorlag, in der Jakob als Stammvater des gesamten späteren Israel galt, musste das Hinzutreten weiterer Erzväter zwangsläufig in Form einer genealogischen Verbindung von statten gehen, um die „einlinige Ahnenreihe über Jakob hinaus nach rückwärts fortzusetzen“ (Noth, 1948, 113f), wobei sich dieser Vorgang in einem längeren Überlieferungsprozess vollzogen haben wird.

Folglich wäre mit drei ursprünglich selbständig überlieferten Erzählzyklen um Jakob, Isaak und Abraham zu rechnen, die sukzessive miteinander verbunden wurden, wobei der Kern in den Jakob-Überlieferungen zu vermuten ist, der nach dem Untergang des Nordreiches 722 v. Chr. zunächst um die Isaak- Überlieferung und später um den Abraham-Lot-Erzählzyklus erweitert wurde (vgl. neben vielen anderen Gertz, 267). Auf diese Weise wären die Vätererzählungen, wie sie uns heute in ihrer Endgestalt vorliegen, literarisch „nach vorne“ gewachsen.

Als Gegenmodell wird auch erwogen, dass die Isaak-Erzählungen als Verbindungsglied zwischen den jeweils ursprünglicheren Abraham- und Jakobüberlieferungen geschaffen wurden (vgl. u.a. van Seters, der von der literarhistorischen Priorität der Abraham- gegenüber der Isaak-Überlieferung ausgeht). So kommt Köckert zu dem Ergebnis:

„Aus der Königszeit stammen die aus vorgegebenen Überlieferungen gestaltete Jakobs- (*25; 27-31; 32-33) und die Josephserzählung (*37; 39-45; 47; 50), die im Nordreich beheimatet sind […], sowie die judäische […] Abraham-Lot-Erzählung […], die auf die vielsagende Geburt der Ahnväter Ammon, Moab und Isaak zielt […]. Wahrscheinlich erst nach dem Untergang Jerusalems bauten judäische Tradenten die Abrahamüberlieferung aus (*20-22) [und] schufen im Wesentlichen aus ihr eine eigene Isaak-Erzählung (*26) als Gelenk zur Verbindung mit der Jakob-Joseph-Erzählung […].“ (Köckert, 1999, 1541).

Wie man die Reihenfolge der Entstehung im Einzelnen auch beurteilen mag, so herrscht doch weitgehende Übereinstimmung bezüglich der sukzessiven Erweiterung der Erzeltern-Überlieferung. Im Zuge dieser Erweiterung wurden die einzelnen Vätergestalten auch über die rein genealogische Verbindung hinaus sekundär miteinander verknüpft. Dies geschah v.a. durch die Verheißungsreden, die die Erzeltern-Erzählungen kompositionell miteinander und mit dem gesamten Pentateuch verbinden (Hoftijzer; Köckert, 1988; Blum). So werden die Ankündigungen von Landgabe und Volkwerdung in der neueren Forschung nicht mehr in nomadischer Vorzeit verortet, sondern man geht davon aus, dass sie in einer Zeit Bedeutung erlangten, in der gerade diese Gaben real bedroht waren (→ Exil).

Überhaupt ist mittlerweile die entscheidende Bedeutung der Exilserfahrung Israels für die literarische Ausgestaltung der Erzeltern-Erzählungen weithin anerkannt, und zwar unabhängig vom vertretenen literarhistorischen Grundmodell (vgl. u.a. van Seters; Blum; Levin; Kratz; Carr; Römer, 1997; Ska; de Pury).

6. Theologische Bedeutung der Erzeltern

Die Erkenntnis, dass die Vätererzählungen keine historisch auswertbaren Informationen über die vorstaatliche Zeit Israels bieten und zum großen Teil wesentlich jünger sind, als man lange angenommen hatte, schmälert weder ihre theologische Bedeutung noch die Fülle von Sinnaspekten, die sie in sich vereinigen. So geht es neben der Existenz des Volkes in seinem Lande, der göttlichen Verheißung und ihrer Gefährdung sowie dem Angewiesensein des Menschen auf Gott auch um menschliche Grunderfahrungen, die das Leben in Familie und Sippe betreffen (vgl. Blum). Zwar bieten die Vätererzählungen keine Einblicke in eine nomadische Vorzeit, geben jedoch als „Volksgeschichte im Modus der Familienerzählung“ (Gertz, 270) Aufschluss darüber, wie Israel selbst seine Herkunft und sein Verhältnis zu den Nachbarvölkern interpretierte, und bieten als solche auf mehreren Ebenen ein Identifikationspotential, das zeitübergreifend ist.

Eine dieser Ebenen ist die volksgeschichtliche: Abraham, Isaak und Jakob repräsentieren die Ahnen des Volkes Israel, die sich, von ihrem Gott erwählt und geleitet, im Land der Verheißung etablierten. Nach der biblischen Darstellung beginnt mit den Erzvätern die Geschichte „Israels“.

Kaum davon zu trennen ist die theologische Ebene, da Gott in diesem Ursprungsmythos eine entscheidende Rolle spielt und sowohl die Existenz Israels als Volk, als auch der Besitz des Landes als göttliche Verheißungsgabe gedeutet werden. In seiner Analyse der Abrahamerzählungen hat van Seters gezeigt, dass sie dazu dienen, in exilischer und nachexilischer Zeit eine Art „corporate identity“ für Israel herzustellen, wobei die unerschütterlichen Verheißungen, die im Text an die Erzväter ergehen, im Grunde an die Israeliten im Exil gerichtet seien, um ihnen Mut zu machen (vgl. van Seters, 311; Carr, 232).

Trotz dieses kollektiven Aspekts werden die Erzeltern auch als partikulare Personen gezeichnet. Durch die Geschichten, die mit ihnen verbunden werden, gewinnen sie an Profil und können mit ihren Stärken, aber auch mit ihren Schwächen paradigmatische Funktionen übernehmen.

Darüber hinaus thematisieren die Erzeltern-Erzählungen, gerade weil sie als Familien-Erzählungen konzipiert sind, menschliche bzw. zwischenmenschliche Probleme, wie sie bis heute jedem Leser und jeder Leserin vertraut sind: Eifersucht, Neid, ungewollte Kinderlosigkeit, Streit zwischen Brüdern etc.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Kommentare

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  • Seebass, H., Genesis II. Vätergeschichte II (23,1-36,43), Neukirchen-Vluyn 1999
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Weitere Literatur

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  • Westermann, C., Die Verheißungen an die Väter. Studien zur Vätergeschichte (FRLANT 116), Göttingen 1976

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