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Lexikon

Epiphanie (NT)

1. Problematik

Der Begriff „Epiphanie“ (griech. ἐπιφάνεια / epiphaneia) ist zwar in der christlichen Kirche ein zentraler Terminus, im Neuen Testament wird er als Bezeichnung für eine Gottes- bzw. Christuserscheinung allerdings nur wenige Male benutzt. Im Wesentlichen bezieht er sich hier auf die → Parusie Christi. Dort, wo im Neuen Testament sonst von Epiphanien als Theo-, Christo-, oder auch Angelophanien die Rede ist, werden vielfach andere Begriffe verwendet. Auffallend ist hierbei, dass die Erscheinungen als solche kaum, vielmehr aber ihr Zweck von besonderem Interesse sind.

Schlägt man im Theologischen „Fach- und Fremdwörterbuch“ (Hauck / Schwinge, 2010) unter „Epiphanie“ nach, wird man sogleich auf das Schlagwort „Theophanie“ verwiesen. Unter „Theophanie“ findet man dann die Erklärung: „Theophanie, Erscheinung Gottes“ (Hauck / Schwinge, 201011, 195). Das Wort theophaneia sucht man im Neuen Testament jedoch vergebens, während der Terminus epiphaneia, von dem sich das Wort „Epiphanie“ ableitet, immerhin an einigen wenigen Stellen in → Lukas / → Apostelgeschichte, im → 2. Thessalonicherbrief und vor allem in den → Pastoralbriefen vorkommt. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass an zahlreichen Stellen, an denen Gott bzw. von ihm → Gesandte (im NT in der Regel Jesus und die → Engel) erscheinen, andere Worte zur Anwendung kommen als solche aus der Wortgruppe φαίνω / phainō.

Um sowohl der Begrifflichkeit als auch dem Phänomen „Epiphanie“ gerecht zu werden, wird im Folgenden eine Zweiteilung vorgenommen. In einem ersten Teil werden die Begriffe epiphaneia / epiphainō betrachtet, wie sie in der paganen griechischen Literatur, in der → LXX und im → Neuen Testament begegnen. In einem zweiten Teil geht es um Schlaglichter auf das Phänomen „Epiphanie“ als Erscheinung Gottes bzw. von Göttlichem im Neuen Testament und die dabei verwendete Terminologie.

Die Definition von „Epiphanie“, die diesem Artikel zugrunde liegt, lautet wie folgt: Epiphanie ist die freie und personal-substantielle → Offenbarung bzw. Sichtbarwerdung von Göttlichem / Gott in der Welt.

2. Terminologie

2.1. Epiphaneia / epiphainō in paganen griechischen Schriftzeugnissen

Das Verbum ἐπιφαίνω /epiphainō ist seit der klassischen Zeit in aktivischer Verwendung mit „zeigen“ und in reflexiver Verwendung mit „sich zeigen / erscheinen“ zu übersetzen (Liddell / Scott, 1940, 669). Das Substantiv epiphaneia begegnet seit den Vorsokratikern ganz allgemein in der Bedeutung von „Gestalt / äußere Erscheinung / sichtbare Oberfläche eines Körpers“. Ebenso bezeichnet der Begriff auch die „Erscheinung des Tages“, d.h. den Tagesanbruch (Polybius, Hist III 94,3). Als terminus technicus wird epiphaneia vor allem in drei Zusammenhängen verwendet: 1. in der Medizin zur Beschreibung des äußeren Erscheinungsbildes eines Menschen (die Oberfläche der Haut / des Körpers; vgl. Diod Sic III 29; Polybius Hist XXV 3,6); 2. in der Geometrie als Bezeichnung von Flächen im Gegensatz zu Punkt (sēmeion), Linie (grammē) und Körper (sōma) (Demokrit, fr. 155) sowie 3. im militärischen Kontext zur Benennung der „feindlichen Linien“ bzw. des plötzlichen und unerwarteten Auftauchen des Feindes zur Schlacht (Polybius Hist I 54,2; Aen Tact 31,8). Es handelt sich bei diesen Verwendungsweisen also um einen gänzlich nichtreligiösen Gebrauch von epiphaneia / epiphainō.

Daneben aber werden epiphaneia / epiphainō auch in religiösen Kontexten verwendet. Vor allem aus → hellenistischer Zeit sind vermehrt literarische Belege und Inschriften zu nennen, die mit ihnen auch Erscheinungen von Gottheiten (Dion Hal, Ant Rom 2,68; Diod Sic 1,25) bzw. irdische Manifestationen göttlicher Macht benennen (vgl. Rostovtzeff, 1920, 203-206). Ihnen ist gemeinsam, dass die Gottheit nicht um ihrer selbst willen, sondern zur Hilfe und Rettung aus Gefahren erscheint (Lührmann, 1971).

Auf den Zusammenhang zwischen der Erscheinung einer Gottheit und ihrem Rettungshandeln gegenüber ihren Verehrern, einem Heiligtum oder einer Stadt hat Dieter Lührmann insitiert - gegen Elpidius Pax. Während jener in seiner Untersuchung zur epiphaneia (Pax, 1955) vor allem begriffsgeschichtlich arbeitet und dabei die Verwendung von epiphaneia / epiphainō im Neuen Testament in eschatologischen Kontexten als etwas grundlegend Neues darstellt, plädiert Lührmann für eine formgeschichtlich orientierte Betrachtungsweise, die den genuinen Zusammenhang von Gotteserscheinung und Rettungshandeln in den Blick nimmt (vgl. zur Diskussion mit Pax: Lührmann, 1971, 185-199; vgl. auch Jeremias, 1965, 164).

Als ein frühhellenistisches Schriftzeugnis sei hier beispielhaft eine Inschrift von der Insel Kos aus dem Jahr 278 v. Chr. genannt (SIG 398): In ihr geht es um einen Feldzug der Gallier gegen die Griechen im Allgemeinen und gegen das Heiligtum in Delphi im Besonderen. Kein Geringerer als der Gott → Apollon selbst erscheint, um die Gefahr von seinem Heiligtum abzuwehren und die Feinde zurückzuschlagen. Auf diese Weise rettet der Gott das Heiligtum und dessen Verteidiger gegen den gallischen Ansturm. Bemerkenswert an dieser Inschrift ist die Kombination von Gotteserscheinung und „Rettung“ bzw. „Sieg“ über die Feinde. Der Gott Apollon erscheint also nicht um seiner selbst willen, sondern zur Hilfe und zum Beistand der Griechen, also um Gefahr abzuwenden. Am Ende wird ihm die Rettung der Griechen und des delphischen Heiligtums zugeschrieben, was fortan in einem regelmäßigen Festakt erinnert werden soll (ähnliche Inhalte belegen Inschriften aus Magnesia [SIG 558-560.562, Artemis], aus Ephesus [SIG 867; Artemis] sowie aus Lindos [SIG 725; Athene]; Hinweise bei Lührmann, 1971, 188-191).

Aus der Literatur sind als Textbeispiele → Plutarch (Themist 30: Die „Göttermutter“ [Rhea, Kybele, Gaia, oder die „Meter Dindymene“; vgl. Xagorari-Gleißner, 2008, 68] erscheint dem Themistokles im Traum und gibt ihm hilfreiche Anweisung in der Auseinandersetzung mit dem Perser Epixyes und seiner Rotte) und Diod Sic (I 25,2-4: Die Göttin Isis erscheint, um jene im Schlaf zu heilen, die sie darum bitten) zu nennen. Epiphaneia bezeichnet hier stets eine Erscheinung bzw. das Auftreten einer Gottheit zur (militärischen) Hilfeleistung. Dabei handelt es sich um geschichtliche, d.h. also datierbare Ereignisse, die in der Folge auch kultische Bedeutung erlangen, indem die jeweilige Gottheit für ihren Beistand durch einen Tempelbau, durch Einrichtung eines Festtages oder durch eine opulente Siegesfeier geehrt wird.

Das Adjektiv epiphanōs findet sich seit Pindar, Pyth 7,6 und Herodot III 27,1 in der Bedeutung von „sichtbar, hervorleuchtend, prächtig“ (je nach Textzusammenhang kann es auch mit „manifest, evident, angesehen, hervorragend, berühmt oder ausgezeichnet“ übersetzt werden; vgl. Liddell / Scott, 1940, 670). In hellenistischer Zeit wird es in diesem Sinn dann auch Bestandteil in ptolemäischen Herrschernamen wie Ptolemäus V. Epiphanes oder Antiochus IV. Epiphanes. In diesen Beinamen wird eine Entwicklung sichtbar, die seit → Alexander dem Großen vorangetrieben wird – die Verehrung des gottgleichen Herrschers im hellenistischen Staatskult (vgl. Hölbl, 1994, 85-91.99-105.147-149). Auch die Thronbesteigung des → Caligula wird inschriftlich als epiphaneia bezeichnet (Inscrip. Cos 391; vgl. Paton / Hicks, 1891).

2.2. Epiphaneia / epiphainō in Schriften des Frühjudentums

Als ein helfendes / rettendes Erscheinen Gottes begegnet epiphaneia / epiphainō auch in den Schriften des frühen Judentums, vor allem in der LXX. Von solchen „hilfreiche[n] Machterweise[n] Gottes“ (Lührmann, 1971, 193) ist beispielsweise in 2Reg 7,23 LXX die Rede: Gott erscheint - worin sich auch seine Größe und Herrlichkeit begründet -, um die „Völker und ihre Götter“ zu vertreiben, damit → Israel Raum gewinnt. Gott erscheint für „sein Volk“ und hilft ihm in der (militärischen) Auseinandersetzung mit den → Kanaanitern. Nicht die epiphaneia als solche ist dabei relevant, sondern die epiphaneia in Kombination mit ihrem bestimmten Zweck, nämlich Hilfe für Israel gegen die „Fremdvölker“ zu sein.

Auch in → 2. / 3. Makkabäer „werden solche göttlichen Hilfeleistungen epiphaneia genannt“ (Lührmann, 1971, 195; vgl. 2Makk 2,21; 2Makk 3,24; 2Makk 12,22; 2Makk 14,15; 2Makk 15, 2Makk 27; 3Makk 5,8.51). Desgleichen finden sich bei Josephus Belege, in denen „Epiphanie“ und Hilfe / Rettung eng miteinander verknüpft werden: So ist in Ant II 339 die Teilung des Meeres auf der Flucht der Israeliten vor den Ägyptern eine epiphaneia tou theou.

Fazit: Sowohl in griechischen wie auch in jüdischen Texten gibt es Beispiele dafür, dass mit den Worten epiphaneia / epiphainō in religiösen Kontexten an ein helfendes oder gar rettendes Erscheinen einer Gottheit / Gottes gedacht ist. Nicht auf dem Sichtbarwerden Gottes als solchem liegt der Fokus. Vielmehr wird der Grund der Epiphanie ins Blickfeld gerückt: Die göttliche Hilfe / Rettung, zu der die Gottheit / Gott in Erscheinung tritt (Lührmann, 1971, 195-196.).

2.3. Epiphaneia / epiphainō im Neuen Testament

Obgleich es im Neuen Testament zahlreiche Gottes- und vor allem Christuserscheinungen gibt, überrascht doch der Blick in die Konkordanz. Die Belege für epiphaneia / epiphainō / epiphanēs sind aufs Ganze gesehen äußerst spärlich. Lediglich elf Belegstellen aus Lukas / Apostelgeschichte, aus dem 2. Thessalonicherbrief und vor allem aus den Pastoralbriefen sind aufzuweisen.

Außer Apg 27,20 (epiphaneia bezieht sich hier auf eine Wetterbeobachtung), Tit 2,11 (Epiphanie der „→ Gnade Gottes“) und Tit 3,4 (die „Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes“ erscheint) werden die in Rede stehenden Begriffe ausschließlich mit Christus in Verbindung gebracht – genauer mit seiner Parusie. In 2Thess 2,8 werden epiphaneia und parousia gar synonym nebeneinander verwendet. Im Lobgesang des Zacharias gebraucht Lk 1,79 epiphainō zunächst dazu, auf prophetische Weise auf die Geburt Jesu vorauszuweisen, die dann in Lk 2,1-39 erzählt wird. Während 2Tim 1,10 noch von Christus, dem Auferstandenen, spricht, der durch seine Erscheinung den Tod vernichtet hat, beziehen die übrigen Textstellen Apg 2,20; 1Tim 6,14; 2Tim 4,1; 2Tim 4,8 und Tit 2,13 epiphaneia / epiphainō / epiphanēs auf den in Zukunft erwarteten Parusie-Christus. Dabei zeigt sich an einigen der genannten Stellen erneut, dass mit der epiphaneia Christi die Erwartung eines Rettungshandelns einhergeht. In 2Thess 2,8 wird Christus durch seine Erscheinung den „Antichristen“ (anomos) vernichten. 2Tim 1,10 verweist explizit auf die Erscheinung „unseres Retters Christus Jesus“. Den „→ Retter“ Jesus Christus nennt sodann auch Tit 2,13, dessen Erscheinung zusammen mit der „Herrlichkeit des großen Gottes“ erfolgen wird (oder bezieht sich das megalos theos bereits auf Christus [vgl. Tit 3,4]?). In Lk 1,79 wird Jesu Geburt als helles Licht für all jene beschrieben, die „in Finsternis und im Schatten des Todes“ sitzen, damit auch ihnen geholfen werde.

3. Phänomenologie

Eine das ganze Neue Testament in den Blick nehmende Übersicht über Offenbarungsweisen von Gott, Christus oder Engeln als Gottesboten hat Marco Frenschkowski in seiner groß angelegten Dissertation zu „Offenbarung und Epiphanie“ erstellt, auf die für eine umfassendere Beschäftigung mit dem Phänomen „Epiphanie“ hier nur verwiesen werden kann (Frenschkowski, 1995, 350-403).

Im Folgenden soll die Bandbreite der Offenbarungsmodi sowie der dafür verwendeten Termini an einigen ausgewählten Beispielen vorgestellt werden. In der Regel handelt es sich in den neutestamentlichen Texten meist um Angelo- bzw. Christophanien.

Für die → kanonischen Evangelien prominent sind die Erscheinungen des Engels im Traum (kat’ onar ephanē) bei → Matthäus, der Joseph Handlungsanweisungen gibt (Mt 1,20-23; Mt 2,13.19). Hier ist noch phainō die gebräuchliche Vokabel. Mit einem bereits aus dem Alten Testament bekannten Theophanieelement - dem → Beben der Erde (Ex 19,18; Ps 18,8) - tritt sodann in Mt 28,2-7 der Engel Gottes am → Grab Jesu auf (katabainō; das Wort wird in 1Thess 4,16 auch in Bezug auf die Parusie Christi angewendet), um den Grabstein weg zu wälzen und den Frauen die Auferstehungsbotschaft zu verkündigen. Ebenfalls im Osterkontext berichtet Matthäus von der Begegnung des Auferstandenen mit den Frauen (Mt 28,9; hypantaō), die sich frühmorgens zum Grab aufmachten.

Lukas hat die im Neuen Testament umfassendste Erscheinungsterminologie. In Lk 1,11 erscheint der → Engel (ōphtē; vgl. auch Lk 22,43; Mk 9,4; 1Kor 15,5; Hebr 9,28) dem → Zacharias im Tempel, um ihm die Geburt seines ersten Sohnes → Johannes anzusagen. Als dieser nun stumm aus dem → Tempel heraus und erneut vor das Volk tritt, ist allen Anwesenden klar, dass er eine optasia gehabt haben muss (vgl. auch Lk 24,23; oder des Paulus in Apg 26,19). In Apg 9,10 erscheint dann der Herr selbst - diesmal dem Hananias und diesmal in einem horama (vgl. auch Apg 10,3 - horama eines Engels bei Kornelius; 18,9) mit der Aufforderung, einen Mann namens → Paulus aufzusuchen.

Aus der LXX übernimmt Lukas in Apg 2,17 mit Joel 3,1-5 auch die Termini horasis und enypnion (Joel 3,1 LXX). Zu weiteren Angelophanien in der → Apostelgeschichte vgl. Apg 8,26; Apg 12,7-8 (ephistamai); Apg 12,23; Apg 27,23-24 (paristamai).

Eine Kombination aus → Vision und → Audition ist das sog. Damaskuserlebnis des Paulus gewesen, das Lukas in seiner Apostelgeschichte gleich dreimal erzählt (Apg 9,1-22; Apg 22,6-16; Apg 26,13-20). Auch → Stephanus sieht in Apg 7,55-56 unmittelbar vor seiner Steinigung durch den offenen Himmel den → Menschensohn „zur Rechten Gottes stehen“. Weitere Termini, mit denen Lukas numinose Erscheinungen ausdrückt, sind eiserchomai (Lk 1,28), histamai (Lk 24,36), ephistamai (Lk 2,9; Lk 24,4) sowie eggizō (Lk 24,15).

Für das → Johannesevangelium ist charakteristisch, dass sich hier ausdrücklicher als bei den → Synoptikern Gottes Offenbarung bzw. seine Selbsterschließung in Christus manifestiert. Die Worte und Taten des johanneischen Jesus sind dabei zugleich die Konkretionen dieser Selbsterschließung. Dementsprechend heißt es in Joh 14,11 programmatisch: „Glaubt mir, dass ich im Vater bin und der Vater in mir; wenn nicht, [so] glaubt mir um der Werke selbst willen“ (vgl. Joh 14,10, und beispielhaft das Weinwunder zu Kana Joh 2,1-11, wo es in Vers 11b heißt: „er offenbarte [ephanerōsen] seine Herrlichkeit“). Explizit ausgesagt wird die Identifizierung der Erscheinung Jesu mit der des Vaters auch in Joh 12,45; Joh 14,9; Joh 17,21-23. Besonderen Rang haben auch die Ostererscheinungen des Auferstandenen vor den Jüngern in Joh 21. Sie werden in Joh 21,1.14 wie in Joh 2,11b mit phaneroō ausgedrückt (vgl. 1Joh 3,5.8).

Der Apostel Paulus berichtet in seinen Briefen rückblickend von mehreren ihm widerfahrenen Epiphanien bzw. Christophanien, die sich seinen Angaben nach als Visionen ereignet haben müssen (1Kor 9,1; 1Kor 15,8; 2Kor 12,1: optasiai kai apokalypseis kyriou). Paulus spricht hingegen immer nur ganz allgemein von solchen Erscheinungen (z.B. Gal 1,12: apokalypsis Iēsou Christou; vgl. auch Gal 2,2). Ausführliche Epiphanieschilderungen finden sich in den biographischen Teilen seines Werkes dagegen nicht, denn die wahre Gottesschau wird Paulus zufolge erst im → Eschaton erfüllt werden (Röm 8,24; 1Kor 13,12; 2Kor 5,7).

Die → Deuteropaulinen machen, wie oben mit 2Thess 2,8 bereits gezeigt wurde, die in Zukunft erwartete Offenbarung Christi - die parousia tou kyriou - zum Thema (2Thess 2,1; vgl. auch Jak 5,8; im → 1. Petrusbrief wird beispielsweise parousia auch synonym mit apokalypsis wiedergegeben; vgl. 1Petr 1,7.13; 1Petr 4,13). Der Verfasser des → Epheserbriefes schreibt z.B. ganz den Erfahrungen des Paulus gemäß, dass „Gottes Geheimnis“ kata apokalypsin bekannt gemacht wurde (Eph 3,3), dass allerdings um das pneuma sophias kai apokalypseōs auch stets gebeten werden müsse, damit Gott auch in Zukunft erkannt werden kann (Eph 1,17).

Das letzte Buch des Neuen Testaments trägt von seinem ersten Vers her als Ganzes die Überschrift apokalypsis (Apk 1,1) und stellt somit eine einzige → Offenbarung göttlicher Visionen an einen Einzelnen dar (Apk 1,9-11). Diese großangelegte Schau des Johannes auf → Patmos geht vom kyrios ho theos […] ho pantokratōr aus und verdichtet sich in Apk 4 zu einer Thronsaalvision, in der Johannes Gott selbst auf seinem → Thron erblickt umringt von den „Ältesten“ und anderen himmlischen Wesen (Apk 4,2-11). Hingegen verlässt die visionäre Schau des Johannes – von Beginn an noch durchaus auf die sinnlich-wahrnehmbare Welt bezogen – die irdisch-erfahrbare Welt bald und steigert sich in einen gänzlich symbolischen Kosmos hinein, der sich mit der o.g. Definition von Epiphanie nicht mehr deckt, so dass die Betrachtung hier abgeschlossen werden kann.

Als Fazit für das Neue Testament ist festzuhalten: Das Neue Testament weist lediglich elf Belege für epiphaneia / epiphainō / epiphanēs auf. Sie beziehen sich zum größten Teil auf die Erscheinung Christi bei seiner Parusie. Bemerkenswert ist, dass – wie auch in einigen pagan-griechischen und frühjüdischen Texten gezeigt werden konnte – mit der Parusie ein Rettungshandeln aus den Bedrängnissen und Anfechtungen der gegenwärtigen Welt erwartet wird.

Es gibt im Neuen Testament jedoch auch zahlreiche Epiphanien meist als Christo- oder Angelophanien – die nicht mit den Begriffen epiphaneia / epiphainō / epiphanēs ausgedrückt werden. Die einzelnen Schriften des Neuen Testaments in ihrer Vielgestaltigkeit kennen ein reichhaltiges Vokabular, mit denen sie Erscheinungen Gottes bzw. Christi sowie andere göttlich motivierte Erscheinungen (z.B. von Engeln) zur Sprache bringen.

Durchweg ist festzustellen, dass das Neue Testament ganz im Gegensatz zum Alten Testament in der Darstellung von Epiphanien und ihren Begleiterscheinungen äußerst zurückhaltend ist. Diese Beobachtung lässt Frenschkowski zu dem Schluss kommen, dass der „Modus der Erscheinungen [zwar] […] religiöses Erbgut [ist], […] [aber] […] an keiner Stelle im Mittelpunkt der theologischen Betrachtung [steht]“ (Frenschkowski, 1995, 406). Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen bei den neutestamentlichen Epiphanieschilderungen vielmehr die durch sie übermittelten Worte und Handlungen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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  • Xagorari-Gleißner, M., 2008, Meter Theon. Die Göttermutter bei den Griechen. Peleus. Studien zur Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns 40, Ruhpolding
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