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Lexikon

Entrückung

Christfried Böttrich

(erstellt: Okt. 2013)

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1. Phänomen

Der Begriff “Entrückung” bezeichnet die Ortsveränderung eines Menschen auf übernatürliche Weise. Dabei handelt es sich um ein ausgesprochen komplexes Phänomen, das der biblischen Überlieferung wie auch allen Religionen der alten Welt gleichermaßen vertraut ist.

Im Hintergrund aller Entrückungsvorstellungen steht das altorientalische → Weltbild, das vertikal strukturiert ist. Die Welt der Menschen befindet sich unten, die der Götter oben. Zwischen beiden Wirklichkeitsbereichen, die vor allem durch den Gegensatz von Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit, Zeitlichkeit und Zeitlosigkeit, Sterblichkeit und Unsterblichkeit gekennzeichnet sind, gibt es eine dynamische Beziehung. Die Bewohner der göttlichen Welt besuchen die Welt der Menschen; Menschen wiederum vermögen kraft übernatürlicher Hilfe und unter bestimmten Umständen in die göttliche Welt aufzusteigen.

Ein solcher Grenzübertritt kann auf unterschiedliche Weise erfolgen: befristet oder endgültig, vor dem Tod oder nach dem Tod, in voller Leiblichkeit oder in ekstatischer Loslösung der → Seele vom Körper, in Form einer Reise durch die jenseitigen Räume oder in Form einer zielgerichteten Versetzung an einen bestimmten Ort. Bei alledem bleibt der betroffene Mensch nicht unverändert: Befristete Entrückungen gehen mit einer zeitweiligen Adaption an die göttliche Wirklichkeit einher, die bei der Rückkehr wieder aufgehoben wird; endgültige Entrückungen sind mit Verwandlung und Erlangung der Unsterblichkeit verbunden.

Um das Phänomen auch begrifflich möglichst präzis zu erfassen, empfiehlt sich die folgende Unterscheidung (Lohfink):

  • Entrückung: Die Ortsveränderung erfolgt als eine leibliche Aufnahme in die göttliche Welt. Sie hat in der Regel endgültigen Charakter und wird aus der Perspektive der Hinterbliebenen dargestellt.
  • Himmelsreise: Die Ortsveränderung betrifft allein die Seele, die sich in der Ekstase oder im Tod vom Leib ablöst. Sie findet in der Regel während eines begrenzten Zeitraumes statt und wird aus der Perspektive dessen dargestellt, der die Reise erlebt.

Eine solche Kategorisierung bleibt indessen schematisch. Beide Vorstellungskreise überlagern einander vielfach. Sie lassen sich auch nicht einfach auf die Bereiche atl.-jüd. und griech.-hellen. Religiosität verteilen. In der jüd.-christl. Tradition etwa begegnen Himmelsreisen häufig in voller Leiblichkeit; gleichzeitig wird jedoch auch von einer Aufnahme der Seele im Tod erzählt. Die röm. Kaiserapotheose wiederum folgt eher dem Modell der Entrückung. Insofern hat diese Unterscheidung lediglich pragmatischen Charakter, um das Material einigermaßen zu gliedern. Jede einzelne Überlieferung ist im Blick auf ihre jeweilige Motivkonstellation gesondert zu untersuchen.

Vom Übergang in die göttliche Welt ist noch einmal eine besondere Form wunderbarer Ortsveränderungen zu unterscheiden, bei der die Entrückten auf der Erde verbleiben. Sie werden lediglich von einem Ort an einen anderen versetzt. Solche Entrückungen oder Translokationen haben ihre eigene Faszination und berühren sich eng mit verbreiteten Märchenmotiven.

2. Religionsgeschichtliche Analogien

Ihre ältesten Beispiele findet die Vorstellung von der Entrückung eines sterblichen Menschen in die Welt der Götter in der Literatur → Mesopotamiens; diese Traditionen wirken vor allem auf die atl.-jüd. Überlieferung ein. Die hellen.-röm. Religion bildet unabhängig davon eigene Formen aus, die wiederum die frühjüd.-christl. Entrückungsvorstellungen beeinflussen. Der Islam schließlich nimmt die biblischen Überlieferungen insgesamt auf und setzt mit der Entrückung des Propheten einen neuen Akzent.

2.1. Alter Orient

Die altorientalische Literatur kennt eine ganze Reihe von Entrückungserzählungen, die vorzugsweise in der archaischen Zeit angesiedelt sind. In religionsgeschichtlicher Hinsicht stellen sie eine wichtige Bezugsgröße für die alttestamentlichen Entrückungserzählungen dar (Schmitt).

endgültige Entrückung

  • König Ziusudru (Sumerischer Flutbericht aus Nippar); Utnapischtim (11. Tafel des assyr.-babylon. Gilgamesch-Epos); Xisuthros (griech. Babyloniaca des babylon. Priesters Berossos): Der Held der Flutsage wird nach überstandener Katastrophe unter Umgehung des Todes zu den Göttern entrückt und mit Unsterblichkeit beschenkt.

befristete Entrückung

  • Adapa, der sterbliche Sohn des Gottes Ea (sumer.-akkad. Mythos): Adapa wird in den Kreis der Götter aufgenommen, versäumt es jedoch, Unsterblichkeit zu erlangen; er kehrt, ausgestattet mit jenseitiger Weisheit, wieder nach Eridu zurück.
  • Etana, der König von Kisch (sumer. Königslisten): Der kinderlose Etana steigt mit Hilfe eines Adlers zum Himmel auf, um das Kraut des Gebärens zu erlangen; danach lebt er auf der Erde weiter und begründet eine Dynastie.
  • Enmeduranki, König in der Sonnenstadt Nippar (assyr. Ritualtext): Enmeduranki erhält Zutritt zur Versammlung der Götter, um in die Kunst der Zukunftsschau eingeweiht zu werden; zurückgekehrt wird er zum Ahnvater der Orakelpriester.
  • Utuabzu, einer der sieben Urzeitweisen (assyr. Beschwörungsserie bit meseri): Utuabzu, der als siebenter Urzeitweiser dem siebenten Urkönig Enmeduranki zugeordnet ist, steigt in den Himmel empor; aus dieser Entrückung speist sich seine Weisheit.

Es liegt nahe, dass gerade jene Überlieferungen über den siebenten Urkönig und den siebenten Urzeitweisen Modellcharakter für die Figur des biblischen Urvaters → Henoch, des siebenten nach Adam (Gen 5,21-24; Jud 14), hatten. In der Figur Henochs macht sich das frühe Judentum die altorientalischen Entrückungsvorstellungen zu eigen und verbindet damit alle Überlieferungen von der Offenbarung jenseitiger Weisheit sowie der Etablierung grundlegender Kulturgüter.

2.2. Hellenistisch-römische Welt

Der Dualismus von Leib und Seele führt in der Tradition griech. Denkens dazu, den Übergang eines Sterblichen in die Welt der Götter auf plausible Weise zu lösen: Allein die Seele, die selbst göttlichen Ursprungs ist, steigt auf (Bousset); eine Verwandlung des Leibes aber ist dann nicht mehr erforderlich. Dennoch gibt es auch die Vorstellung einer Entrückung in voller Leiblichkeit, die nicht nur Halbgötter wie Herakles, sondern auch herausragende Menschen wie Romulus betrifft. Im folgenden können hier aus der Fülle des Materials (Hönn) nur wenige prominente Beispiele genannt werden.

Entrückung

  • Staatliche Antikensammlung München, Wikimedia Commons

    Abb. 1 Entrückung des Herakles, 5. Jh. v. Chr.

    Romulus (Livius, Ab urbe condita I 16; Plutarch, Romulus 27-28; Plutarch, Numa 2; Aurelius Victor, De viris illustribus II 13): Während einer Volksversammlung auf freiem Felde wird Romulus im plötzlichen Unwetter den Blicken des Volkes entzogen und entrückt. Daraufhin huldigt ihm die Versammlung als einem Gott. Später berichten Zeugen seine Erscheinung vom Himmel her.

  • Herakles (Apollodor, Bibliotheca II 7,7): Herakles wird von dem Scheiterhaufen, den er selbst errichtet hat, in einer Wolke und unter Donnergrollen in den Himmel aufgenommen; dort wird ihm die Unsterblichkeit verliehen.
  • Apollonios von Thyana (Philostrat, Vita Apollonii VIII 30): Am Tempel der Diktynna wird Apollonios zunächst von den Wächtern überwältigt und gebunden, um Mitternacht jedoch auf wundersame Weise wieder von seinen Fesseln gelöst und im Inneren des Tempels entrückt.
  • Kaiserapotheose: Die römische Kaiserapotheose ist nach den älteren Vorbildern eines Romulus oder Herakles als Entrückung in den Himmel konzipiert (Bickermann). Unmittelbar vom Scheiterhaufen fährt der Cäsar auf, wobei er sich eines Wagens, eines Adlers oder Greifen als Gefährt bedient. Zeugen bestätigen im Prozess der Konsekration vor dem Senat, den Flug beobachtet zu haben.

Himmelsreise

  • Mysterienfrömmigkeit: In den Mysterienkulten erlangen die Mysten im Zustand der Ekstase Zutritt zur Welt der Götter und sehen dort unaussprechliche Geheimnisse.
  • Volksfrömmigkeit: Es entspricht einer verbreiteten und in der Literatur wie auch in Grabinschriften vielfach belegten Vorstellung, dass sich die Seele im Tode vom Leib ablöst und wieder in die Welt der Götter, die als ihre Urheimat verstanden wird, zurückkehrt.

Auf die frühjüd.-christl. Vorstellungswelt nehmen diese Traditionen insofern Einfluss, als dass nun Himmelsreisen in voller Leiblichkeit und die ekstatische Schau der himmlischen Welt nebeneinander stehen; je nach Kontext können Entrückungen zu Lebzeiten wie auch aus dem Tod heraus das Thema sein. Für die jüd. Literatur betrifft das vor allem Figuren wie Henoch, Melchisedek, Abraham, Mose, Elia, Jesaja oder Esra. Für die christliche Literatur treten nach dem Vorbild des → Paulus oder des Sehers Johannes vor allem die zahlreichen Entrückungen oder ekstatischen Erlebnisse der apokryphen Apostelakten und der späteren hagiographischen Tradition in den Mittelpunkt, unter denen die Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel die prominenteste ist (Shoemaker). Die Himmelfahrt Jesu beweist ihre Besonderheit dadurch, dass der Entrückung die → Auferstehung in eine neue Form von Leiblichkeit hinein vorausgeht.

2.3. Islam

Der Koran geht mit der Entrückungsvorstellung sehr sparsam um. Angedeutet werden lediglich die Entrückung Henochs und Jesu; die Entrückung Elias wird übergangen. Von einer Entrückung Mohammeds berichtet erst die nachkoranische Überlieferung im Anschluss an zwei sehr vage und offene Aussagen im Koran selbst.

  • Idris / Henoch (Sure 19,56-57; 21,85-86): Beide Suren konstatieren knapp, Henoch sei “an einen hohen Ort erhoben” bzw. “in die Barmherzigkeit Gottes aufgenommen” worden.
  • Isa / Jesus (Sure 3,55; 4,157-158): Die erste Stelle gebraucht die Terminologie von “aufnehmen und erhöhen”, die zweite spricht davon, dass Gott ihn “zu sich erhoben” habe.
  • Mohammed (Sure 17,1): Mohammeds berühmte Nachtreise “vom heiligen Anbetungsplatz zum fernsten”, gedeutet auf eine nächtliche Entrückung von Mekka nach Jerusalem, hat ausdrücklich das Ziel, “ihm von unseren Zeichen einige zu zeigen”. Im Licht von Sure 53,2-18 hat die Koranexegese und spätere Legende dies als den Ausgangspunkt einer Gottesbegegnung verstanden und zu einer weiteren Entrückung bzw. zu einer regelrechten Himmelsreise vom Felsen des Tempelplatzes aus gestaltet (van Ess; Buckley).

Bedeutung hat die Entrückung Mohammeds vor allem für den Anspruch auf den “Haram asch Scharif / Tempelplatz” in Jerusalem als das drittwichtigste Heiligtum der islamischen Welt. In der persischen Malerei ist sie zudem vielfach dargestellt worden.

3. Terminologie

Für den Entrückungsvorgang wird eine differenzierte Terminologie gebraucht. Entscheidend für den Sprachgebrauch ist, ob aus der Perspektive der Zurückbleibenden oder aus der Perspektive des Entrückten selbst berichtet wird. Folgende Termini finden vorzugsweise Verwendung:

  • ἁρπάζω, harpázō und Komposita / לקח l-q-ḥ / rapio, rapior: rauben, hinwegreißen
  • λαμβάνω, lambánō und Komposita / לקח l-q-ḥ: nehmen, annehmen, aufnehmen
  • μεθίστημι, methístēmi und Komposita: versetzen
  • ἀφανίζω, aphanízō: entschwinden, unsichtbar werden

Häufig wird notiert, dass die Entrückung “von den Menschen weg” und “zu den Göttern / in den Himmel” erfolgt sei. Eine Reihe von weiteren Termini setzt - je nach Kontext - noch einmal besondere Akzente:

  • σκεπάζω, skepázō: verbergen (Sir 48,12); δι-ίστημι, di-ístēmi: sich entfernen (Lk 24,51); ἀναφέρομαι, anaphéromai: hinaufgebracht werden (Lk 24,51); ἐπαίρομαι, epaíromai: erhoben werden (Apg 1,9); πορεύομαι, poreúomai: gehen (Apg 1,10.11) uam.
  • ἀναχωρείν πρὸς τὸν θεόν, anachōreín prós tón theón: zu Gott hinaufgehen (Josephus, Ant IV 326) uam.

Je nach Art der Bewegung kommt im Sprachgebrauch ein gewaltsames Moment (rauben, hinwegreißen) oder ein eher technischer Ausdruck (entschwinden, versetzt werden) zum Zuge. Stereotypen Charakter hat auch die Wendung, dass der Entrückte “nicht mehr gefunden wurde / οὐχ ηὑρίσκετο; oὐch hēurísketo” (z.B. Gen 5,24).

4. Motive

Zu den Erzählungen von Entrückung und Himmelsreise gehört ein Arsenal von Motiven, aus dem alle Erzähler schöpfen. Diese Motive werden in verschiedenen Kombinationen zusammengefügt.

Als Ort der Entrückung kommt dem Berg eine besondere Bedeutung zu; seine buchstäblich herausragende Eignung für den Empfang prophetischer Offenbarungen empfiehlt ihn zugleich für den Aufbruch in die himmlische Welt. Im Anschluss an Herakles sowie im Kontext der Apotheose erfolgt die Entrückung häufig von einem Scheiterhaufen aus. Sie kann aber auch wie im Falle des Apollonios ganz allgemein an einem heiligen Ort stattfinden. Handelt es sich um den Beginn einer Himmelsreise, dann befindet sich der Reisende oder Visionär meist auf einem Ruhebett.

Unter den Begleitumständen der Entrückung begegnen vor allem Naturgewalten wie Donner, Blitzstrahl, Erdbeben, Feuer oder Wettersturm. Nahezu unverzichtbar erscheint die Wolke, die den Entrückten den Blicken des Publikums entzieht. Daran wird bereits deutlich, dass ihre Funktion nicht die eines Fahrzeuges ist. Die Wolke verhüllt und verbirgt, weil der Übergang in die göttliche Wirklichkeit ohnehin nicht mehr wahrgenommen werden könnte.

Die Art der Entrückung oder Reise kann auf ganz unterschiedliche Weise dargestellt werden. Gelegentlich wird das Geschehen in unpersönlicher Form geschildert (“er wurde hinweggerissen”) oder auf abstrakte Weise dargestellt (durch den Geist, von Winden getragen). Ansonsten sind es in der Regel → Engel, die den entsprechenden Protagonisten ergreifen und emporheben. Adler, Opfertaube, Pferd oder Wagen fungieren als ganz real gedachte Transportmittel.

Breiten Raum nimmt die Schilderung der jenseitigen Welt ein, sofern es sich um eine Himmelsreise handelt. Hier entfalten die Erzählungen eine immer bunter und phantasievoller ausgemalte Kosmologie. Zielpunkt ist der Thron Gottes, den ein wohl geordneter Hofstaat umgibt. Auf dem Weg dahin passiert der Reisende verschiedene Himmel und ihre Bewohner oder besucht Heils- und Straforte.

Im Falle der Entrückung gehört eine Bestätigung vom Himmel her zu den unverzichtbaren Motiven, die meist als → Epiphanie des Entrückten selbst erfolgt. Im Falle einer Himmelsreise kehrt der Entrückte wieder auf die Erde zurück und teilt seiner Sippe bzw. der jeweils maßgeblichen Zielgruppe mit, was er im Jenseits erfahren hat.

Schließlich gehört es zum festen Motivbestand, dass nach erfolgter Entrückung ein neuer → Kult bzw. ein neuer Kultort entsteht. Vor allem im hellenistischen Denken sind Versetzung in die göttliche Welt und Vergöttlichung eng miteinander verbunden. In der jüd. Überlieferung kann etwa am Ort der Entrückung Henochs der urzeitliche Opferkult für den einen Gott seinen Anfang nehmen. Jesus wird in der lukanischen Himmelfahrtserzählung von den Jüngern erst nach seiner “Hinaufnahme” angebetet.

5. Kritik

Gerade weil die Vorstellung von Entrückung und Himmelsreise in der Antike weit verbreitet war, wurde sie auch häufig zum Gegenstand der Kritik oder des beißenden Spottes. Namentlich die politisch instrumentalisierte Form der Kaiserapotheose forderte zu einer entsprechenden Polemik heraus. Zahlreich sind bereits in der Antike jene Stimmen, die das Geschehen der Entrückung zu entmythologisieren versuchen oder eine spiritualisierende Deutung vorlegen. In diesem Zusammenhang hat auch die Satire ihren Ort, deren bekannteste Beispiele die folgenden sind:

  • Aristophanes (5. Jh. v. Chr.), Der Frieden: In dieser Komödie steigt der Bauer Trygaios auf dem Rücken eines Mistkäfers in den Olymp auf und befragt den Göttervater Zeus nach dem Grund des nicht endenden Krieges.
  • Seneca (1. Jh. n. Chr.), Apocolocynthosis / Die Verkürbissung des Kaisers Claudius: Mit dieser bitterbösen Satire macht Seneca deutlich, was er sowohl von Claudius als auch von der propagandistisch eingesetzten Kaiserapotheose hält.
  • Lukian von Samosata (2. Jh. n. Chr.), Der Tod des Peregrinus: Lukian demaskiert den kynischen Philosophen Peregrinus Proteus als einen Scharlatan; dessen öffentlich inszenierte Selbstverbrennung persifliert er als Apotheose und spottet damit zugleich über die Leichtgläubigkeit des Volkes.

Wo immer das Entrückungsschema aufgenommen und literarisch gestaltet wird, ist man sich seiner Doppelbödigkeit bewusst: Grundsätzlich steht die Möglichkeit einer Versetzung in die göttliche Welt nicht in Frage; dennoch nimmt man nicht ausnahmslos alles, was erzählt oder propagiert wird, für bare Münze.

6. Biblische Belege

Die biblischen Prototypen für die Entrückungsvorstellung sind Henoch und → Elia. An ihre Geschichte schließt sich im frühen Judentum eine umfangreiche Literatur an, die namentlich Henoch nun auch zum Heros von Himmelsreisen macht. Weitere alttestamentliche Figuren kommen hinzu - Entrückung und Himmelsreise machen Schule. In diesem Kontext entstehen die Schriften des Neuen Testaments, die mit der Henochtradition und den vielfältigen Entrückungsvorstellungen des frühen Judentums vertraut sind. Insofern gehören die “zwischentestamentlichen” jüdischen Erzählungen sehr viel mehr zur biblischen Tradition als in den Bereich religionsgeschichtlicher Analogien.

Auch das rabbinische Judentum hat eine Reihe von Entrückungserzählungen hervorgebracht: Das betrifft etwa den breit überlieferten → Midrasch von der Jenseitsreise des Mose (Krupp) oder die Erzählungen vom Aufstieg der Adepten in die himmlische Thronwelt im Kontext der Hekhalot-Mystik (Idel, Ego), die beide eine besondere Linie der Henochtradition aufnehmen. Das gilt auch für die zahlreichen Erzählungen von Himmel- und Höllenfahrten im Bereich der christlichen → Apokryphen.

In den neutestamentlichen Schriften setzt die Erzählung von der “Himmelfahrt” oder “Erhöhung” Jesu einen neuen Impuls. Ihr korrespondiert jene Vorstellung, nach der die Glaubenden bei der → Parusie dem wiederkommenden Kyrios entgegen entrückt werden. Die ekstatische Entrückung des Paulus hingegen oder die verschiedenen Belege für Entrückungen in Form von Translokationen gehen auf atl.-jüd. Traditionen zurück.

6.1. Entrückung Henochs

Die Entrückung Henochs (Gen 5,24) stellt den ältesten Haftpunkt für die biblische Entrückungsvorstellung dar. Sie gehört zu den Erweiterungen im Sethitenstammbaum (Gen 5,3-32), der Henoch an siebenter Position aufführt (Gen 5,21-24). Dabei verfährt der Autor sehr zurückhaltend: Henoch habe “mit Gott gelebt” (MT) bzw. “Gott gefallen” (LXX), weshalb Gott ihn auch “versetzt (לקח l-q-ḥ / μετατίθημι, meta-títhēmi)” habe, so dass er “nicht mehr war” (MT) bzw. “nicht mehr gefunden wurde” (LXX). Was hier nur andeutend gesagt wird, hat die Phantasie späterer Rezipienten stark angeregt: Sir 44,16 nennt Henoch ein “Beispiel der Umkehr”; SapSal 4,10-11 deutet seine Entrückung als Akt der Bewahrung; Hebr 11,5 sieht in ihm ein Vorbild im Glauben; 1Klem 9,3 betont seinen Gehorsam; vor allem aber wird er nun aufgrund seiner Entrückung zum Offenbarungsempfänger und Künder himmlischer Weisheit par excellence, wovon vor allem das Erste und Zweite Henochbuch handeln.

Entrückung Henochs

  • Gen 5,24: reflektiert in Sir 44,16; 49,14; SapSal 4,10-11; Jub 4,23; LAB 1,16; TestIsaak 4,2; Philo, Mut 4,34; Abr 3,17; Josephus, Ant I 85; IX 28; Hebr 11,5; 1Klem 9,3; dazu breit belegt in der Väterliteratur
  • 1Hen 70,1-4: Entrückung Henochs zum Menschensohn und zum Herrn der Geister auf den Wagen des Geistes; 1Hen 81,5-6: Ankündigung der endgültigen Entrückung Henochs
  • 2Hen 1a,1: Erwähnung der Entrückung; 2Hen 36,2 und 2Hen 55,1-2: Ankündigung der endgültigen Entrückung Henochs; 2Hen 64,1-5+67,1-3: endgültige Entrückung; 2Hen 68,1-3: zusammenfassendes Referat von Henochs Himmelsreise und Entrückung
  • 3Hen bzw. die Traktate der Hekhalotmystik setzen die Entrückung und Erhöhung Henoch-Metatrons bereits voraus.
  • VitHen 5,17: Der Midrasch vom Leben Henochs erzählt Henochs Entrückung analog zu derjenigen Elias im Wettersturm und mit einem feurigen Gespann.

Himmelsreisen Henochs:

Die Erzählungen changieren immer wieder zwischen Traumvision und realer Bewegung, wenngleich die Vision “im Geist” überwiegt.

  • 1Hen 1,2: eine Vision; 1Hen 12,1: Reise zum Strafort der gefallenen Engel; 1Hen 13,7-9: Vision im Schlaf; 1Hen 14,2: Vision im Schlaf; 1Hen 14,8-25+15,1-2: Entrückung in das himmlische Heiligtum; 1Hen 17,1-36,4: Himmelsreise; 1Hen 37-71 “Bilderreden” auf der Basis von 3 Visionen, in 1Hen 39,3 als Entrückung an das Ende des Himmels geschildert; 1Hen 71,1-17: Himmelsreise im Geist; 1Hen 72,1-82,3: Visionen, die in 1Hen 81,5 jedoch als reale Reise beschrieben werden; 1Hen 83,91: Traumvisionen vom Bett aus (1Hen 85,3 “die Vision meines Lagers”)
  • 2Hen 3,1-38,3: Henoch unternimmt in Begleitung zweier Engel eine Reise durch die sieben Himmel zum Thron Gottes; 2Hen 21,5: Entrückung Henochs vom Rand des siebenten Himmels aus vor das Angesicht Gottes; 2Hen 68,1-3: zusammenfassendes Referat von Henochs Himmelsreise und Entrückung
  • Jub 4,21: Henoch hält sich sechs Jubiläen lang bei den Engeln Gottes auf und schreibt alles nieder, was er sieht.

Aus der Aufnahme des frommen Patriarchen wird in der frühjüd. Literatur eine Karriere Henochs zum obersten Engel und einflussreichsten Funktionsträger in der Thronwelt Gottes, der vor seiner endgültigen Installierung noch einmal zurückkehrt und auf Erden ausführlich von seinen jenseitigen Erfahrungen berichtet. Auf diese Weise tritt er als Weisheitslehrer der Menschheit in Erscheinung.

6.2. Entrückung Elias

Abb. 2 Entrückung des Elia, Speculum Humanae Salvationis, um 1360.

Abb. 2 Entrückung des Elia, Speculum Humanae Salvationis, um 1360.

Die spektakuläre Entrückung Elias (2Kön 2,1-18) ist in frühjüd. Zeit ganz in den Schatten von Henochs Entrückung zurückgetreten (Wright). Bemerkenswert sind die Szenerie des Wettersturmes, das feurige Gespann als Transportmittel und die Weitergabe des prophetischen

2Kön 2,1-18: reflektiert in Sir 48,9.12; 1Makk 2,58; 1Hen 93,8; ApkEsra 7,6; (LAB 48,1); VitProph 21,12; Josephus, Ant IX 28; dazu breit belegt in der VäterliteraturCharismas an den Schüler Elisa. Darauf ist im Verlauf der Rezeptionsgeschichte immer wieder angespielt worden.

  • koptApkElia: Von einer Entrückung ist in dieser kopt. Schrift (3. Jh.), die sich in Gestalt einer prophetischen Rede über die Endzeit und den Antichristen präsentiert, nur andeutungsweise die Rede: Elia und Henoch treten gegen den Antichristen auf, werden getötet und wieder zum Leben erweckt (koptApkElia 34-35 bzw. 4,7-19); dass sie schließlich noch einmal “herabkommen”, um den Antichristen endgültig zu töten (koptApkElia 42 bzw. 5,32), setzt ihre zwischenzeitliche Entrückung voraus. Unverkennbar nimmt dieser Passus Bezug auf Apk 11,3-14.
  • hebrApkElia: In dieser hebr. Schrift (3.-6. Jh.) begibt sich Elia in Begleitung des Erzengels Michael auf eine Himmelsreise und erhält dabei Offenbarungen über die Endzeit und den Messias.

Elia, den kämpferischen Propheten, hat man stärker mit den Konflikten der Endzeit in Verbindung gebracht als mit der Übermittlung von Offenbarungswissen. Seine Himmelsreise in der hebrApkElia bleibt singulär.

6.3. Entrückung weiterer atl. Figuren

Auf dem weiten Feld der frühjüdischen Literatur begegnet man immer wieder Schriften, die über die biblischen Vorgaben hinaus von Entrückungen oder Himmelsreisen erzählen (Segal, Himmelfarb). Besonders aufschlussreich sind dabei die folgenden Beispiele:

Adam

  • latLAE 25,1-29,1: Nach der Vertreibung wird Adam noch einmal von Michael auf einem Wagen in das Paradies entrückt, wo Gott zu ihm spricht.
  • grLAE 32-37: Adams Geist fährt in der Stunde seines Todes auf und wird von einem Lichtwagen in Empfang genommen; seinen Körper aber bringen Engel zum Acherontischen See und danach in das Paradies.

Melchisedek

  • 2Hen 72,5.8-10: Der auf wunderbare Weise geborene Melchisedekknabe (2Hen 71-72) wird von dem Erzengel Michael “in Ewigkeit” in das Paradies Eden entrückt.

Abraham

  • TestAbr: Abraham unternimmt vor seinem Tod eine Himmelsreise. Auf dem Cherubenwagen steigt er in Begleitung des Erzengels Michael auf, sieht die Sünden der ganzen Welt und beobachtet Abel als Richter über die Sünder. Zurückgekehrt nimmt der Todesengel seinen Geist bzw. seine Seele von ihm. Engel tragen daraufhin die Seele Abrahams zu Gott
  • ApkAbr 15,1-30,1: Dieser Abschnitt im zweiten, apokalyptischen Teil der Schrift (9-32) berichtet davon, wie Abraham auf dem rechten Flügel einer Opfertaube bis zum Thron Gottes reist. Dort wird ihm eine Schau der ganzen Welt, von Himmel und Erde, gewährt. Nachdem er auch Adam und Eva, Sünder und Gerechte sowie die geschichtlichen Ereignisse der künftigen Zeit gesehen hat, kehrt er wieder zurück.

Isaak

  • TestIsaak 5-8: Isaak unternimmt in Begleitung eines Engels eine Himmelsreise, auf der er verschiedene Straforte besucht, zum Thron Gottes gelangt und schließlich von Serpahim und Cherubim wieder zurückgebracht wird; daraufhin nimmt Gott seine Seele zu sich, die auf “dem heiligen Wagen” in den Himmel aufsteigt.

Levi

  • TestLevi 2,5-5,7: Levi wird im Traum entrückt, sieht verschiedene Himmel, gelangt vor den Thron Gottes und wird dort als Priester installiert. Mit verschiedenen Aufträgen ausgestattet kehrt er wieder zur Erde zurück.

Mose

  • Dtn 34,5-6: Die Aussage, dass niemand Moses Grab kenne “bis auf den heutigen Tag”, hat die Vermutung aufkommen lassen, Mose sei in Wahrheit entrückt worden. Nach Josephus, Ant IV 326, verhüllt eine Wolke den Abschied des Mose; die Nachricht von seinem Tod habe nur der Vermutung einer Entrückung entgegenwirken sollen. Kirchenväter wie Hieronymus und Augustin plädieren für Moses Entrückung. SiphreDtn zu 34,5 kolportiert die Auffassung, Moses sei nicht gestorben, sondern stehe vor Gott und verrichte den priesterlichen Dienst; der Midrasch ha-gadol parallelisiert die Entrückung des Henoch, Mose und Elias.
  • 2Bar 59,3-11: Gott zeigte Mose auf dem Sinai auch alle Dinge dieser und der jenseitigen Welt - worin bereits der Gedanke einer Vision himmlischer Räume anklingt.
  • AssMos: Diese fragmentarische Schrift, die man nach den Hinweisen in der Väterliteratur als “Assumptio Mosis” bezeichnet hat, entbehrt gerade des Schlusses, der eine Entrückung enthalten haben könnte.
  • Gedulat Mosche / Moses Größe: In diesem kleinen mittelalterlichen Midrasch, der in vielen verschiedenen Fassungen verbreitet ist (Krupp), wird eine ausführliche Reise des Mose durch die Hölle und das Paradies vorgestellt.

Esra

  • 4Esra 14,9: Ankündigung der Entrückung Esras; 4Esra 14,49-50: Entrückung Esras (nur in den nichtlat. Versionen)
  • ApkEsr: Esra, der um die Offenbarung der Geheimnisse Gottes bittet, wird in dieser griech. Apokalypse in den Himmel erhoben, sieht das Geschick der Gerechten wie der Sünder, argumentiert mit Gott und erhält Offenbarungen über den Tag des Gerichts.

Baruch

  • 2Bar 13,3; 25,1; 76,2: An diesen drei Stellen wird die Entrückung Baruchs angekündigt; 2Bar 44,2; 46,1; 78,5; 84,1 sprechen hingegen von seinem Tod.
  • 3Bar: In dieser kleinen Apokalypse, die griech. und slav. überliefert ist, bereist Baruch den Himmel und sieht dabei Heils- und Gerichtsorte.

Jesaja

  • AscJes: Nach einem Bericht über das Martyrium des Propheten (AscJes 1-5) ist der zweite, gnostisch beeinflusste Teil einer Himmelsreise Jesajas vorbehalten, die sein Geist im Zustand der Ekstase unternimmt.

Hiob

  • TestHiob 52,1-12: Hiobs Seele wird von dem Erzengel Michael in Empfang genommen und durch himmlische Wagen zu Gott eskortiert.

Entrückungen werden auch gern zum Abschluss von Erscheinungsberichten erwähnt: Gott selbst oder seine Boten steigen wieder auf in die himmlische Welt.

Insgesamt ist das Material noch sehr viel umfangreicher - vor allem mit Blick auf seine Fortwirkung in die rabbin. und christl. Literatur hinein. Eine vollständige Sammlung und Aufarbeitung steht noch aus.

6.4. Entrückung Jesu

Die Erzählung von der “Himmelfahrt” Jesu, die eine Art Scharnier zwischen beiden Teilen des lukanischen Doppelwerkes darstellt, speist sich aus dem Motivarsenal jüd. und hellen. Entrückungserzählungen. Erzählstrategisch wird sie schon früh anvisiert: In der Verklärungsszene reden Mose und Elia mit Jesus über seinen “Ausgang (ἔξοδος, éxodos)” in Jerusalem (Lk 9,31); am Beginn des Weges zur → Passion wird diese Zielangabe dann von Lukas mit dem Begriff der “Hinaufnahme (ἀνάλημψις, análēmpsis)” Jesu präzisiert (Lk 9,51); ebenso scheint Lk 13,34-35 auf die bevorstehende Entrückung Jesu zu zielen (Zeller). Im Rückblick spielt Lukas noch einmal auf die Entrückung als einen der beiden Eckpunkte des Weges Jesu an (Apg 1,21).

  • Lk 24,50-53: Die Entrückung erfolgt im dichten Zusammenhang mit der Graberzählung und den Erscheinungsberichten als Abschluss des lukanischen Ostertages (Lk 24,1-53). Der Auferstandene scheidet im Segensgestus; die Zurückbleibenden beten ihn an.
  • Apg 1,3-12: Die Entrückung erfolgt nach einer Zeitspanne von 40 Tagen, in denen sich der Auferstandene “sehen lässt” und seine Schüler unterweist. Zwei Gottesboten interpretieren die Entrückung durch den Verweis auf die Parusie - er werde “wiederkommen auf dieselbe Weise, wie ihr ihn habt hingehen sehen.”
  • Mk 16,19: Im sekundären Markusschluss (Mk 16,9-20) nimmt diese kurze Notiz noch einmal auf die lkn. Erzählung Bezug - Jesus sei in den Himmel aufgenommen worden und habe sich zur Rechten Gottes gesetzt.
Foto C. Böttrich 2013

Abb. 3 Himmelfahrtsmoschee Imbomon auf dem Ölberg, Jersalem.

Als Ort der Entrückung wird der Ölberg bei Jerusalem genannt (Lk 24,15 / Apg 1,12). Stilgemäß verhüllt eine Wolke den Abschied (Apg 1,9). Zielpunkt ist die Welt Gottes (“der Himmel”). Die Terminologie umschreibt das Geschehen variantenreich: er entfernte sich von ihnen, er wurde in den Himmel aufgehoben, er wurde emporgehoben, er ging in den Himmel, er wurde hinaufgenommen. Über die verdoppelte und zugleich spannungsreiche Erzählung ist viel diskutiert worden. Die Lösung liegt in der literarischen Strategie des Lukas (Lohfink): Am Ende seines Evangeliums schafft er mit der “Himmelfahrtserzählung” ein eindrucksvolles Schlussbild mit Segen und Anbetung im sachlichen Kontext der Osterbotschaft; zu Beginn der Apostelgeschichte dient die vierzigtägige Phase fortgesetzter Erscheinungen und Unterweisungen hingegen der Vorbereitung der → Gemeinde, wobei die “Himmelfahrtserzählung” nun mit dem Ausblick auf die Parusie zur Initialzündung eines neuen Weges wird.

Lukas ist der einzige, der den Übergang des Auferstandenen zu Gott in Gestalt einer Entrückungserzählung darstellt. Die Sache selbst wird ansonsten durch eine differenzierte und facetteneiche Terminologie angedeutet. Die wichtigsten sprachlichen Alternativen sind - mit einigen Varianten - die folgenden: “Erhöhung” (Phil 2,9; Apg 2,33; 5,31 u.ö.), “Verherrlichung” (zahlreich bei Joh als Synonym für das Kreuzesgeschehen), “Sein bzw. Sitzen zur Rechten Gottes” (Röm 8,34; Kol 3,1; Hebr 1,3; 12,2 u.ö.), “Hingehen zum Vater” (Joh 8,14; 13,3; 14,12.28 u.ö.), “Eingehen bzw. Aufgenommen werden in die Herrlichkeit” (Lk 24,26; 1Tim 3,16; 1Petr 1,21; Hebr 2,9 u.ö.). Ursprünglich bilden die Auferweckung zu einer neuen Wirklichkeit und die damit verbundene “Erhöhung” als Zuordnung zu Gott eine Einheit. Auch für Lukas bleibt dieser Zusammenhang grundsätzlich in Geltung.

Die lkn. Erzählung bildet den Abschluss einer Erscheinung des Auferstandenen. Theologisch betrachtet ist das ihr einzig angemessener Kontext. Lukas will keine Reise im Sinne einer Ortsveränderung erzählen, auch wenn sich sein Sprachgebrauch traditionell an einem vertikal strukturierten Weltbild orientiert. Vielmehr versucht er, den Grenzübertritt zwischen verschiedenen Wirklichkeitsbereichen darzustellen. Der Auferstandene erscheint seinen Schülern bereits aus einer anderen Wirklichkeit heraus, in die er sich während der 40 Tage (Apg 1) auch immer wieder zurückzieht. Die Himmelfahrtserzählung hat damit den Charakter einer vorläufig letzten, mit besonderen Akzenten versehenen Ostererscheinung.

Apg 1,10-11 bringt im Zusammenhang der Entrückung Jesu dezidiert die Parusieerwartung zur Sprache (vgl. dazu 1Thess 1,10). An diese Erwartung haben sich in der frühen Christenheit schon von Anfang an neue, weitergehende Erwartungen geknüpft; sie kreisen um eine Entrückung der Glaubenden dem Parusiechristus entgegen.

6.5. Entrückung der Glaubenden

Im Zusammenhang der frühchristlichen Parusieerwartung bildet sich die Überzeugung aus, dass eine Entrückung in die Welt Gottes nicht nur das Privileg weniger ausgewählter Gerechter sei. Möglicherweise regt dazu schon der Sprachgebrauch einiger Psalmen an, die von der “Aufnahme” des Menschen an seinem Ende bei Gott sprechen (Ps 49,16; Ps 73,23-24) - jedoch offen lassen, worin eine solche Aufnahme besteht. An diesem Punkt wird die frühchristliche Erwartung konkret: Die Glaubenden werden bei der Parusie in die Auferstehungswirklichkeit hinein versetzt, um dort auf unmittelbare Weise “mit Christus” zu sein.

1Thess 4,17: Die Glaubenden, die bei der Parusie noch am Leben sind, werden “in den Wolken” dem Parusiechristus entgegen “entrückt (harpázō)”. Sie haben darin den bereits Verstorbenen nichts voraus, weil diese schon unmittelbar zuvor auferweckt worden sind (1Thess 4,13-17).

Lk 17,34-35 / Mt 24,40-41: Die Entrückung bei der Parusie trifft nur die Glaubenden; zwei werden an ein und demselben Ort sein - der eine wird “mitgenommen (παραλαμβάνω, paralambánō)”, der andere aber “zurückgelassen (ἀφίημι, aphíēmi)” werden.

Apk 11,11-12: Mose und Elia treten als Zeugen gegen den Antichrist auf; sie werden getötet, nach dreieinhalb Tagen wieder auferweckt und zu Gott entrückt - sie “steigen auf (αναβαίνω, anabaínō)” in den Himmel in einer Wolke, begleitet von einem Erdbeben.

* Apk 12,5: Das messianische Kind jener Frau, die mit der Sonne bekleidet ist, wird zu Gott entrückt (harpázō).

Paulus will in 1Thess 4,13-17 die Gemeinde hinsichtlich der bereits Verstorbenen beruhigen: Der Entrückung geht zunächst die Auferweckung voraus. Dazu liefert er in 1Kor 15,50-53 eine wichtige Ergänzung: Die bei der Parusie noch Lebenden werden “verwandelt” werden, während die Verstorbenen bereits durch ihre Auferweckung ganz unmittelbar Anteil an der neuen Wirklichkeit des Parusiechristus erhalten. Auf diese Weise erklärt sich auch die Vorstellung von der Entrückung “in den Wolken in die Luft dem Kyrios entgegen”.

Der kleine Doppelspruch aus der Logienquelle steht bei Lukas und Matthäus im Kontext ihrer Endzeitreden, genauer in einem Abschnitt über die Parusie (Lk 17,22-37 / Mt 24,37-41). Er betont die Plötzlichkeit dieses “Tages” und die Unkalkulierbarkeit von Annahme und Zurückweisung. Von einer vorausgehenden Auferweckung wie bei Paulus ist in diesem eher gleichnishaften Zusammenhang keine Rede.

Die alte Überlieferung vom Auftreten der beiden anonymen “Zeugen” in Apk 11,3-13 nimmt deutlich erkennbar die Erinnerung an zwei prominente alttestamentliche Figuren auf. Ihre Fähigkeiten deuten auf Mose und Elia hin; ihre “Wiederkehr” am Ende der Zeit scheint eine frühere Entrückung vorauszusetzen. In koptApkElia 34-35 bzw. 4,7-19 findet sich ein Paralleltext, der vermutlich von Apk 11,3-13 abhängig ist und beide Zeugen ausdrücklich als Henoch und Elia benennt. Interesse verdient, dass ihrer neuerlichen Entrückung zu Gott, die sichtbar und stilgemäß erfolgt, ihre Auferweckung vorausgeht. In der Entrückung beider Zeugen spiegelt sich die generelle Rehabilitierung und Aufnahme der verfolgten Propheten bei Gott.

Das Messiaskind in Apk 12,5 wird durch die Entrückung zu Gott vor den Nachstellungen des Drachen gerettet, der es als Konkurrenten erkennt und verfolgt. Die Geburt Jesu, die Bedrohung der Kirche und ihre Hoffnung auf den erhöhten Christus werden hier in mythischer Bildsprache verdichtet.

6.6. Entrückung des Paulus

Im Kontext der sogenannten “Narrenrede” (2Kor 11,1-12,13) kommt Paulus auf eine bemerkenswerte religiöse Erfahrung zu sprechen, für deren Beschreibung er sich der Entrückungsterminologie bedient. Allerdings lässt er die Form der Entrückung offen: Er sei “entrückt (harpázō)” worden (2Kor 12,2.4), wisse indessen nicht, ob “im Leib” oder “außerhalb des Leibes”. Insgesamt erfolgt diese kurze Reminiszenz durch den Gebrauch der dritten Person auffällig distanziert und zurückhaltend. Vermutlich schneidet Paulus das Thema auch nur deshalb an, weil ihm seine Gegner die “Zeichen eines Apostels” (2Kor 12,12) abzusprechen versuchen.

  • 2Kor 12,2-4: Paulus wird bis in den im dritten Himmel bzw. bis in das Paradies entrückt.

Die ungewöhnliche Zeitangabe “vor 14 Jahren” stellt sicher, dass es hier nicht um die Damaskusvision gehen kann. Ziel der Entrückung ist der dritte Himmel bzw. das Paradies; eine solche Lokalisierung des Paradieses als eines Heilsortes in den Himmeln ist auch aus anderen frühjüd. Schriften bekannt (2Hen 8,1; grLAE 37,5; 40,1). Alle inhaltlichen Details verschweigt Paulus komplett und verweist lediglich auf “unaussprechliche Worte”, die er gehört habe. Diese Lücke füllt dann später die apokryphe Apokalypse des Paulus (4. / 5. Jh.).

6.7. Translokationen

Auch die innerweltliche Versetzung eines Menschen auf übernatürliche Weise gehört dem Vorstellungskreis der Entrückung an, wobei häufig die gleiche Terminologie Verwendung findet.

  • 1Kön 18,12: Obadja befürchtet, dass der Geist des Herrn Elia an einen anderen Ort entrücken könnte.
  • 2Kön 2,16: Die Prophetenschüler rechnen mit einer Entrückung des Elia durch den Geist des Herrn auf irgendeinen Berg oder in irgendein Tal.
  • Ez 3,12.14: Der Geist des Herrn versetzt den Propheten zu den Exulanten am Fluss Kebar; in Ez 11,1 und Ez 43,5 versetzt er ihn an das Tor und in den inneren Vorhof des Tempels. Visionäre Versetzungen des Ezechiel “im Geist” werden in Ez 8,1-3 und Ez 11,24 berichtet.
  • AddDan 14,33-39: Der Prophet Habakuk wird von einem Engel des Herrn am Haupthaar ergriffen und aus Judäa nach Babylon versetzt, um Daniel in der Löwengrube Speise zu bringen.
  • Lk 4,5.9 / Mt 4,5.8: Ob auch in der Versuchungsgeschichte an eine Translokation gedacht ist, wenn der Diabolos Jesus auf einen Berg oder zur Tempelzinne “führt / (ἀν)άγω, (an)agō” bzw. “mitnimmt / παραλαμβάνω, paralambánō”, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Eine Translokation ist auch für Mk 1,12 zu vermuten.
  • Apg 8,39-40: Der Geist des Herrn entrückt (harpázō) Philippus nach der Taufe des Eunuchen, woraufhin Philippus in Aschdod “gefunden” wird.
  • Apk 17,3 / Apk 21,10: Der Seher Johannes wird “im Geist” in die Wüste bzw. auf einen hohen Berg versetzt.

Solche Translokationen finden sich zahlreich sodann in den apokryphen Apostelakten und in der Hagiographie. Das prominenteste Beispiel im Bereich des Islam stellt die nächtliche Entrückung Mohammeds von Mekka nach Jerusalem an die “ferne Kultstätte” dar (Sure 17,1).

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Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Entrückung des Herakles, 5. Jh. v. Chr.

    Staatliche Antikensammlung München, Wikimedia Commons

  • Abb. 2 Felsendom, im Hintergrund russ. Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg.

    Foto C. Böttrich 2013

  • Abb. 3 Entrückung des Elia, Speculum Humanae Salvationis, um 1360.

  • Abb. 4 Himmelfahrtsmoschee Imbomon auf dem Ölberg, Jersalem.

    Foto C. Böttrich 2013

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