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Lexikon

Eglon

Heinz-Dieter Neef

(erstellt: Nov. 2007)

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1. Eglon, der König von Moab

1.1. Name

Eglon (hebräisch עֶגְלוֹן) ist der Name eines Moabiterkönigs (→ Moab). Er ist zusammengesetzt aus dem Nomen עגל, ‘egæl „Kalb“ sowie der Verkleinerungsform -ôn und dementsprechend mit „Kälblein / Kälbchen“ zu übersetzen. Dieser Name hat die Mehrzahl der Ausleger zu der Deutung geführt, Eglon sei aufgrund seiner Fettsucht und seines Namens eine lächerliche Figur.

1.2. Biblische Überlieferung

Ri 3,12-30 bietet die skurrile Geschichte von Eglon, einem legendären moabitischen König, der von dem kühnen Helden → Ehud, einem der sog. Richter bzw. Retter Israels, ermordet wird. Die Erzählung beginnt – entsprechend dem deuteronomistischen Schema der Richtererzählungen (→ Richterbuch) – damit, dass die Israeliten nach dem Tod → Otniels wieder Böses tun. Die Folge ist, dass Eglon sie besiegt, die Palmenstadt (= → Jericho) einnimmt und Israel 18 Jahre beherrscht – historisch gesehen vielleicht ein Reflex auf die Nordexpansion des moabitischen Königs → Mescha in der Mitte des 9. Jh.s. Erst nachdem die Israeliten um Hilfe schreien, erweckt Jahwe ihnen den Benjaminiter Ehud als Retter. Er kommt mit einer Gesandtschaft, die Tributgaben abliefern soll, zu Eglon, kann ihn unter dem Vorwand, ein geheimes Gotteswort zu überbringen, unter vier Augen sprechen, zieht jedoch einen langen Dolch und stößt ihn ihm in den überaus dicken Bauch. Bevor er durch ein Fenster entkommt, verriegelt er die Türen, so dass die Diener ihren König zunächst bei seiner intimen Körperpflege wähnen (swk „salben“; es geht nicht um einen Gang zur Toilette, da sich diese nie im Obergeschoss befunden haben dürfte). So finden die Diener ihn erst nach einiger Zeit tot auf. Da ist Ehud schon geflohen, um die Truppen Israels zusammenzutrommeln und einen glänzenden Sieg gegen die Moabiter zu erringen.

Die Fettleibigkeit Eglons wird in der Literatur gerne so gedeutet, dass Eglon als „fettes, rundes Rind“ verspottet werden solle. Eglon sei die Karikatur eines Königs. Allerdings bleibt hier kritisch zu fragen, ob das Adjektiv „fett“ (בָּרִיא) hier wirklich so verstanden werden muss, denn es ist im Alten Testament in keinerlei Weise negativ konnotiert. Es bedeutet vielmehr „gesund / wohlgenährt“ (Ps 73,4; Dan 1,15), „fett“ (Gen 41) bzw. „gemästet“ (1Kön 5,3; Ez 34,3). LXX A+B geben es mit asteios wieder, was in Ex 2,2 zur Übersetzung von טוֹב ṭôv „gut“ dient. Die Charakterisierung Eglons als „beleibt“ soll ihn demnach weder der Lächerlichkeit preisgeben, noch seine Unbeweglichkeit oder seinen gutmütigen Charakter beschreiben. Sein beleibter Körper ist vielmehr Voraussetzung für Ehuds Tat, denn Eglons Bauchfett umschließt auf wunderbare Weise ganz den von Ehud hineingestoßenen Dolch.

Die geographischen Angaben in Ri 3 lassen darauf schließen, dass die Begegnung zwischen Eglon und Ehud im unteren Teil des Jordangrabens zu lokalisieren ist. Der Ort der Tributübergabe und der Palast des Moabiterkönigs wären dann am besten in der „Palmenstadt“ (Ri 3,13) zu suchen. Ist es richtig, die „Palmenstadt“ mit Jericho (Tell es-Sulṭān; Koordinaten: 1921.1420; N 31° 52' 15'', E 35° 26' 39'') zu identifizieren, dann muss „Gilgal“ (Ri 3,19) unmittelbar nördlich davon gesucht werden. Dann legt es sich nahe, die „Pesilim“ (Götterbilder; Ri 3,19.26) ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft in der Jordansenke zu lokalisieren. Bei dieser Lokalisierung entfallen eine Reihe von Schwierigkeiten: a) Lokalisiert man den Ort der Tributabgabe und damit den Palast Eglons nämlich im moabitischen Kernland oder im nördlichen Moab, hätte Ehud im Gang der Ereignisse mehrfach den Jordan überqueren müssen. b) Bei der Lokalisierung des Geschehens in der unteren Jordansenke muss die adverbielle Näherbestimmung „bei Gilgal“ (Ri 3,19) auch nicht als eine „sekundäre Lokalisierung“ der Pesilim angesehen werden.

Unklar bleiben freilich die Angaben zu den Zimmern im Palast Eglons. Wo er sich bei der Begegnung mit Ehud befand und welche Vermutungen die Diener vor den verschlossenen Türen machen, bleibt kaum bestimmbar.

1.3. Theologie

Wie kann man die Erzählung theologisch würdigen? Geht es um die Gegenüberstellung von Eglon als dem geistig schwerfälligen Kälbermann und dem leichtfüßigen Ehud (Täubler)? Geht es um die therapeutische Funktion des Lachens (Hübner)? In ihrem Kern ist die Erzählung von Eglon und Ehud eine benjaminitische Heldensage. Sie erzählt von der geglückten Tötung des übermächtigen Moabiterkönigs Eglon durch den scheinbar ohnmächtigen und chancenlosen Ehud. Die Erzählung lässt in ihrer ursprünglichen Form „Gott“ ungenannt, aber in dem Hinweis auf die wunderbare, keinerlei Spuren hinterlassende Tötung des Feindes liegt ein versteckter Hinweis auf Gottes Wirken zugunsten Ehuds vor.

2. Eglon, eine Stadt in Juda

Eglon ist auch der Name einer judäischen Stadt in der Schefela, die nach Jos 10,1f.; Jos 12,12; Jos 15,39 von → Josua erobert wurde. Sie ist vielleicht mit Tell el-Ḥesī (Koordinaten: 124.106; N 31° 32' 52'', E 34° 43' 49''; [Tell el-Hesi]) zu identifizieren, da sich der alte Name in der 2,5 km nördlich gelegenen Ortslage Chirbet ‘Aǧlān erhalten haben mag.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Becker, U., 1990, Richterzeit und Königtum. Redaktionsgeschichtliche Studien zum Richterbuch (BZAW 192), Berlin u.a.
  • Hübner, U., 1987, Mord auf dem Abort? Überlegungen zu Humor, Gewaltdarstellung und Realienkunde in Ri 3,12-30, BN 40, 130-140
  • Lindars, B., 1995, Judges 1-5. A New Translation and Commentary, Edinburgh
  • Rösel, M., 1995, Ehud und die Ehuderzählung, in: M. Weippert / S. Timm (Hgg.), Meilenstein (FS H. Donner; ÄAT 30), Wiesbaden, 225-233
  • Scherer, A., 2005, Überlieferungen von Religion und Krieg. Exegetische und religionsgeschichtliche Untersuchungen zu Richter 3-8 und verwandten Texten (WMANT 105), Neukirchen-Vluyn
  • Täubler, E., 1958, Biblische Studien. Die Epoche der Richter, Tübingen

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