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Lexikon

Eden

Henrik Pfeiffer

(erstellt: April 2006)

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1. Etymologie und Bedeutung

Die Konsonantenfolge עדן ‛dn kommt neben den 14 Belegen der Form עֵדֶן ‘edæn (davon 11x in Gen 2-4) im Alten Testament in unterschiedlichen und philologisch nicht immer sicher zu erklärenden Formen vor (vgl. HALAT, 748f; Kedar-Kopfstein; Stordalen 2000, 257-261). Etymologisch liegt vermutlich eine gemeinwestsemitische Basis ‛dn zu Grunde, die sich mit den Aspekten Üppigkeit und Wohlleben verbindet. Die akkadisch-aramäische Bilingue des Hdjs‛j von Guzana vom Tell Fecherīje [Tell Fecherije] (Abou-Assaf u.a. 1982) bezeugt für das 9. Jh. v. Chr. das Partizip m‛dn (aramäisch) = muṭachchidu (akkadisch), woraus sich die Grundbedeutung „üppig / überreichlich sein / werden“ ableiten lässt; zu den ebenfalls diskutierten Belegen KTU 1.4 V 6-8; 1.12 II, 53f vgl. Kedar-Kopfstein, 1094f. Das Nomen עֵדֶן ‛edæn bezeichnet im Alten Testament einen Ort der Wonne. Ursprünglich dürfte es sich um den Eigennamen einer Landschaft handeln („Wonneland“), in der ein von Gott selbst angelegter Garten lag (Gen 2,8; Gen 4,16).

Die ältere Ableitung aus sumerisch e.din, das auf einer sumerisch-akkadischen Liste mit edinu und ṣēru („Steppe / Wüste“) gleichgesetzt wird (dazu: Millard 1984), findet kaum mehr Befürworter, da akkadisch edinu nur auf der fraglichen Liste bezeugt ist, die Annahme eines akkadischen Äquivalents e- zum anlautenden ‛Ajin problematisch ist und sich die Bedeutung „Steppe / Wüste“ an den alttestamentlichen Belegstellen als wenig wahrscheinlich erweist.

Die → Septuaginta transkribiert עֵדֶן „Eden“ in Gen 2,8.10; Gen 4,16 mit Εδεμ „Edem“ und unterscheidet dieses in Gen 2,8 entsprechend der hebräischen Vorlage vom παράδεισος „Paradies“. In Gen 2,15 übersetzt sie גַּן עֵדֶן „Garten Eden“ mit παράδεισος + Artikel „das Paradies“; in Gen 3,23.24; Jo 2,3 mit παράδεισος (τῆς) τρυφῆς „Paradies der Üppigkeit“ und in Ez 36,35 mit κῆπος τρυφῆς „Garten der Üppigkeit“ (vgl. τρυφή „Üppigkeit“ in Ez 28,13; Ez 31,9.16.18), was ein appellativisches Verständnis verrät. In Jes 51,3 gibt die LXX die parallel verwendeten Begriffe „Eden // Garten Jahwes“ verkürzt mit παράδεισος κυρíου „Paradies des Herrn“ wieder.

2. Verwendung im Alten Testament

Die Paradieserzählung Gen 2f gebraucht die Bezeichnung „Eden“ auf unterschiedliche Weise. Nach Gen 2,8 hat Jahwe einen Garten in Eden gepflanzt. Eden beschreibt hier eine Lokalität, die vom Garten zu unterscheiden ist (vgl. Gen 4,16). Gen 2,15.23.24 sprechen hingegen – wie auch Ez 36,35; Jo 2,3 – vom „Garten Eden“, wobei Eden vermutlich als Name des Gartens verstanden werden soll (vgl. Ez 28,13; Ez 31,9.16.18; Jes 51,3). Nach Gen 2,10 entspringt „von Eden“ ein Strom, der „den Garten“ bewässert. Die Differenzen sind entstehungsgeschichtlich zu erklären (zur vorausgesetzten Analyse s. → Paradies / Paradieserzählung). Die ältere Paradiesüberlieferung unterschied in Gen 2,8 noch zwischen der Lokalität (einer Landschaft) Eden und dem Garten. In der literarischen Fassung von Gen 2f ist dann der Name der Landschaft auf den Garten übertragen worden. Die Angabe in Gen 2,10 gehört zu einer späteren Bearbeitung der Erzählung, die angesichts der bereits vorfindlichen Unstimmigkeiten das Verhältnis der Größen Eden und Garten bewusst in der Schwebe hält. Die Fügung „östlich von Eden“ in Gen 4,16 rekurriert direkt auf Gen 2,8. Der Zusatz Gen 3,24 greift seinerseits auf Gen 4,16 zurück.

Alle weiteren Belege verbinden mit Eden ebenfalls die Vorstellung eines mythischen Gartens. In Jes 51,3 wird „Eden“ durch „Garten Jahwes“, in Ez 28,13 durch „Garten Gottes“ erklärt. Ez 31,9.16.18 erwähnen „Bäume Edens“ im „Garten Gottes“ (Ez 31,9).

3. Zur Lage Edens

Für eine Deutung Edens als mythischer Größe spricht bereits die Qualität als Gottesgarten (vgl. Gen 2,8-9; Gen 3,8; Jes 51,3; Ez 28,13; Ez 31,9). Ez 28,16 (s.u.) bringt Eden zudem mit dem mythischen Gottesberg in Verbindung. Die Frage, ob Eden darüber hinaus auch ein Ort real-geografischer Topografie ist, wird kontrovers beantwortet. Die Etymologie als solche trägt für eine Lokalisierung nichts aus (s.o.). Nahe liegen zunächst Schlüsse aus der Paradiesgeografie Gen 2,10-14 (vgl. zuletzt Dietrich 2001). Allerdings lässt sich dieser Abschnitt nur schwer mit unseren Kenntnissen der antiken Topografie des nahen und mittleren Ostens in Einklang bringen. Er gehört zudem zu einer nachinterpretierenden Bearbeitung, von der man kaum Aufschluss über die „tatsächliche“ Lage Edens erwarten darf (→ Paradies / Paradieserzählung). Verbreitet ist die Korrelation mit dem außerbiblisch bezeugten Bit-Adini (vgl. 2Kön 19,12 par. Jes 37,12; Ez 27,23; Am 1,5). Doch bleibt auch dieser Bezug mangels eindeutigerer Hinweise vage.

Im Eindruck von Ez 31,16 hat etwa Rüterswörden (1998, 1158) Eden im syrisch-libanesischen Raum lokalisieren wollen. Die „Bäume Edens“ werden hier als die „erlesenen [und guten] vom Libanon“ beschrieben. Da sich mit den (Gottes-)Bäumen vom Libanon ansonsten aber von Eden durchaus unabhängige Vorstellungen verbinden (2Kön 19,23; Jes 2,12; Jes 14,8; Ps 80,11; Ps 104,16 u.ö.; Stordalen 2000, 162-171), die sich zudem bis in die altorientalische Überlieferung hinein verfolgen lassen (vgl. z.B. Gilgamesch-Epos Tf. 2ff = TUAT III, 681ff; Texte aus Mesopotamien), steht wohl eher zu vermuten, dass in Ez 31,16 Traditionen verschiedenen Ursprungs sekundär miteinander verbunden worden sind (Stolz 1972).

Auch die Verweise auf den Osten in Gen 2,8; Gen 3,24; Gen 4,16 enthalten keine verwertbaren Kenntnisse für die geografische Lage Edens. Der Angabe miqqædæm („im Osten“) in Gen 2,8 fehlt das nötige Korrelat. Sie ist am ehesten im Sinne des mythisch fernen Ostens (Gertz 2004, 225) oder temporal („von Urzeit her“) zu verstehen (Stordalen 2000, 261-270). Der Zusatz Gen 3,24 dürfte den nach Osten hin geöffneten sakralen Raum im Blick haben (1Kön 7,39; Ez 47,1; Gese 1973, 82). Das nach Gen 4,16 „östlich von Eden“ gelegene „Land Nod“ (=„Land der Verbannung“) entzieht sich wiederum einer geografischen Identifikation. Die Schwierigkeiten, die sich bei einer Lokalisierung Edens ergeben, sprechen insgesamt dafür, Eden als Ort mythischer Topografie zu verstehen, zumal auch das Gilgamesch-Epos einen wundersamen Garten kennt, der in der jenseitigen, dem Menschen entzogenen Welt liegt (Tf. 9, 47-51 = TUAT III, 718).

Neben den mythischen verbinden sich mit der Größe Eden auch kultische Aspekte. Darauf weist zunächst die Beziehung des Gottesgartens zum Gottesberg (Ez 28,16) und der Rückgriff auf die Vorstellung vom Weltenbaum, die in den altorientalischen Überlieferungen ebenfalls kultisch beheimatet ist. Es spricht manches dafür, in den Anlagen des Jerusalemer Heiligtums – namentlich im Jerusalemer Tempelgarten – die kultisch-diesseitige Entsprechung zum mythisch-jenseitigen Garten (in) Eden zu suchen. Entsprechend scheint der Nachtrag Gen 3,24 mit dem → Kerub und dem nach Osten hin geöffneten Heiligtum ebenfalls Elemente Jerusalemer Heiligtumsvorstellungen integrieren zu wollen.

4. Die Ausstattung des Gartens (in) Eden

Über die Ausstattung des Gartens (in) Eden scheint es feste Vorstellungen gegeben zu haben. Er galt als Ort erlesener Schönheit und Lebensfülle (Gen 2,9; Gen 3,6; Jes 51,3; Ez 36,35; Jo 2,3). Die älteste Form der Paradiesüberlieferung Gen 2f kannte im Gegensatz zur vorliegenden Erzählung nur einen Baum, der „in der Mitte des Gartens“ stand (Gen 3,3; vgl. Gen 2,9b). Dieser wurde vermutlich als → Weltenbaum vorgestellt. Für diese Annahme spricht, dass auch Ez 31,1-18 den Weltenbaum zu den „Bäumen Edens“ zählt, die Mittelpunktstellung des Weltenbaumes in Dan 4,7 belegt ist und der Weltenbaum in verschiedenen altorientalischen Texten entsprechend der Eden-Vorstellung in Ez 28,11-19 (s.u.) als Edelsteinbaum beschrieben wird (Pfeiffer 2001, 4-7). Zur Ausstattung des Gartens dürfte weiterhin die in Gen 2,6 erwähnte Quelle gehören, auch wenn der Text diese nicht ausdrücklich im Garten lokalisiert. Das Wasser wird zur Formung des Menschen aus Erde in v.7 benötigt und deshalb bereits vor der Pflanzung des Gartens in v.8 erwähnt (zur Quelle vgl. auch Gilgamesch-Epos Tf. 10, 106 = Maul 2005, 130 und 181 [Kommentar]).

5. Eden in der späteren prophetischen Tradition

Die jüngere prophetische Literatur nimmt vereinzelt auf die Eden-Tradition Bezug. Ez 28,11-19 verarbeitet vermutlich den gleichen Wissensstoff wie Gen 2-3, setzt in der vorliegenden Form aber eigene Akzente. Eden erscheint hier als der „Garten Gottes“ (v.13a) und „Gottesberg“ (v.16b). Die Edelsteinmotivik von v.13a.14.16b assoziiert den Weltenbaum (Pfeiffer 2001, 4-7). Weiterhin wird ein → Kerub im Zusammenhang mit Eden genannt (v.14.16; lies אֶת in v.14). Als Paradiesbewohner begegnet im Kontext einer Gerichtsansage der König von Tyrus, was dem königsideologischen Profil der Paradiestradition entspricht (→ Paradies / Paradieserzählung). Ez 31 identifiziert den Pharao mit dem Weltenbaum, der den Neid „aller Bäume Edens“ auf sich zieht. Jes 51,3; Ez 36,35 bedienen sich des Begriffes Eden zur Beschreibung des Heils für Zion bzw. das Land nach dem Gericht (der umgekehrte Fall liegt in Jo 2,3 vor).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, München / Zürich 1978-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992

2. Weitere Literatur

  • Abou-Assaf, A. / Bordreuil, P. / Millard, A. R., 1982, La Statue de Tell Fekherye et son inscription bilingue assyro-arameéne, Etudes Assyriologiques. Editions Recherche sur les civilisation vol. 7, Paris
  • Dietrich, M., 2001, Das biblische Paradies und der babylonische Tempelgarten. Überlegungen zur Lage des Gartens Eden, in: B. Janowski / B. Ego (Hg.), Das biblische Weltbild und seine altorientalischen Kontexte (FAT 32), Tübingen
  • Gertz, J. C., 2004, Von Adam zu Enosch. Überlegungen zur Entstehungsgeschichte von Gen 2-4, in: M. Witte (Hg.), Gott und Mensch im Dialog (FS O. Kaiser; BZAW 345/1), Berlin / New York, 215-236
  • Gese, H., 1973, Der bewachte Lebensbaum und die Heroen: zwei mythologische Ergänzungen zur Urgeschichte der Quelle J, in: H. Gese / H.-P. Rüger (Hgg.), Wort und Geschichte (FS K. Elliger; AOAT 18), Neukirchen-Vluyn, 79-85
  • Kedar-Kopfstein, B., 1986, Art. עֵדֶן ‛edæn, ThWAT V, 1093-1103
  • Millard, A. R., 1984, The Etymology of Eden, VT 34, 103-106
  • Maul, St., 2005, Das Gilgamesch-Epos. Neu übersetzt und kommentiert, München
  • Pfeiffer, H., 2000/2001, Der Baum in der Mitte des Gartens. Zum überlieferungsgeschichtlichen Ursprung der Paradieserzählung (Gen 2,4b-3,24), Teil I: Analyse, ZAW 112, 487-500; Teil 2: Prägende Traditionen und theologische Akzente, ZAW 113, 2-16
  • Pohlmann, K.-F., 2001, Der Prophet Hesekiel / Ezechiel Kapitel 20-48 (ATD 22,2), Göttingen
  • Rüterswörden, U., 1998, Erwägungen zur alttestamentlichen Paradiesvorstellung, ThLZ 123, 1153-1162
  • Stolz, F., 1972, Die Bäume des Gottesgartens auf dem Libanon, ZAW 84,141-156
  • Stordalen, T., 2000, Echoes of Eden. Gen 2-3 and the Eden Garden in Biblical Hebrew Literature (Contributions to Biblical Exegesis and Theology 25), Leuven
  • Westermann, C., 1985, Genesis Kapitel 1-11 (Teil 1), BK I/1, Berlin (Nachdruck der 3. Auflage)

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