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Lexikon

Edelsteine

Johannes Schiller

(erstellt: Juni 2010)

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Stein

1. Allgemeines

© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 1 Siegel aus Malachit (7. Jh. v. Chr.; Jordanien; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

Edelsteine (Schmucksteine) sind im Altertum durch ihre äußere Erscheinung und den aus ihrer Seltenheit resultierenden Wert gekennzeichnet. → Farbe und Herkunft waren die bestimmenden Kennzeichen, mineralogische Gesichtspunkte spielten keine Rolle; deshalb wurden z.B. auch organische Produkte wie → Elfenbein, Bernstein, Perlen und → Korallen dazu gerechnet.

Lichtbrechung und Farbenspiel machten Edelsteine zu Symbolen der Sternenwelt, ihrer Macht und Schönheit. Die Vorstellung eines göttlichen Ursprungs (oder eines Werks gefallener Engel) und die in ihnen vermuteten göttlichen Kräfte lassen magische (→ Magie) und medizinische Verwendungen als → Amulette zu. Davon lassen sich mehr praktische orientierte Funktionen (Wertanlage, → Schmuck, → Siegel) nicht vollständig trennen.

Archäologisch bezeugt ist die Verwendung folgender Mineralien bzw. Gesteine: Quarze (Bergkristall, Amethyst), Chalzedon (Jaspis, Karneol, Achat, Onyx, Sardonyx, Chrysopras), Lapislazuli, Malachit, Türkis, Granat, Korund, Rubin, Opal, Beryll, Smaragd, Peridot, Diamant, Serpentin, Hämatit, Hyazinth, Pagodit bzw. Jade, Gagat, Obsidian.

2. Altes Testament

2.1 Arten von Edelsteinen

Der Oberbegriff „wertvoller Stein“ (אֶבֶן יְקָרָה ’ævæn jəqārāh) ist nicht nur für Edelsteine, sondern auch für besondere Steine im Bereich der Architektur in Verwendung (1Kön 5,31; 1Kön 7,9-11; vgl. Jes 28,16). Die differenzierte Nomenklatur der Hebräischen Bibel wird vor allem in den Aufzählungen von Steinen in der „Brusttasche“ (חשׁן chošæn; → Brustschild) des Hohenpriesters (Ex 28,17-20; Ex 39,10-13) und im Gewand des Königs von Tyrus (Ez 28,13) sichtbar (vgl. Apk 21,19-20: Grundsteine der Stadtmauer des Neuen Jerusalem). Aufgrund des weithin fehlenden mineralogischen Interesses können die Namen der Steine nur mit Schwierigkeiten in moderne Terminologie übertragen werden. Das Problem wird schon in den zahlreichen Varianten der alten Übersetzungen (→ Septuaginta, → Vulgata) sowie der weiteren Quellen (Flavius Josephus; Liber Antiquitatum Biblicarum) sichtbar. Hilfreich ist jedoch der letzte Band der „Naturgeschichte“ (Naturalis historia XXXVII; Text gr. und lat. Autoren) Plinius’ d. Ä., der das antike Wissen über Edelsteine sammelt. Über die lateinische Wiedergabe eines hebräischen Begriffs in der Vulgata und die auf diesen lateinischen Begriff bezogene Beschreibung eines Steins bei Plinius kann man nämlich – wenn auch mit Unsicherheiten – erschließen, welchen Stein der hebräische Begriff meint.

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Abb. 2 Siegel aus Karneol (7. Jh. v. Chr.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

1) אדם ’odæm (Ex 28,17; Ex 39,10; Ez 28,13; vgl. Sir 32,5 [Lutherbibel: Sir 32,7]): Der hebräische Name verweist auf einen roten Stein (vgl. אדם ’ādom „rot“), auch die antiken Übersetzungen sowie Flavius Josephus (sardion sardonyx) deuten in diese Richtung. Nach Plinius handelt es sich um den meistverwendeten Schmuckstein der Antike (dessen Name kommt allerdings – gegen Plinius XXXVII, 31 – nicht von der Stadt Sardis, sondern aus dem Persischen: sard „gelbrot“). Eine Abgrenzung zwischen den in Frage kommenden Steinen Karneol / Sarder / Sardonyx ist schwierig.

2) פטדה piṭdāh (Ex 28,17; Ex 39,10; Ez 28,13; Hi 28,19): Die alten Übersetzungen und Quellen sind sich einig in der Bestimmung als Topas; Hi 28,19 gibt einen Hinweis auf die Herkunft („aus Kusch“). Die von Plinius erwähnte „Topas-Insel“ kann im Roten Meer lokalisiert werden (St. Johns-Island), sie ist die (weltweit) bedeutendste Fundstelle von Peridot (früher: Chrysolith), eines hellgrünen Steins mit hoher Transparenz.

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Abb. 3 Siegel aus Jaspis (persische Zeit; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

3) ברקת bårqat / ברקת bāræqæt (Ex 28,17; Ex 39,10; Ez 28,13; Sir 32,6 [Lutherbibel: Sir 32,8]): Auch hier herrscht Einigkeit in der Übersetzung als Smaragd; allerdings ist diese Bezeichnung sehr vielfältig (bei Plinius werden zwölf Arten unterschieden) und deckt eine große Bandbreite grüner Steine ab, vom (eigentlichen) Smaragd über Malachit und Türkis bis zu (grünem) Jaspis und (grünem) Porphyr. Während der echte Smaragd sehr selten und teuer ist, gibt es reiche Malachit- und Türkis-Vorkommen, z.B. am Sinai.

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Abb. 4 Rollsiegel aus Serpentin (9.-8. Jh.; Assyrien; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

4) נפך nofækh (Ex 28,18; Ex 39,11; Ez 27,16; Ez 28,13; Sir 32,5 [Lutherbibel: Sir 32,7]): Die antiken Übersetzungen und Quellen sprechen hier von „Kohle bzw. Holzkohle“. Die offensichtlich dunkle Farbe hat vielfach an Steine wie Rubin, Granat, Spinell, oder allgemeiner: Karfunkelstein denken lassen. Wahrscheinlicher, weil archäologisch besser bezeugt, sind schwarze Steine wie Serpentin, Feuerstein, schwarze Jade oder dunkler Kalkstein, auch wenn diese im heutigen Sinn keine Edelsteine sind.

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Abb. 5 Amulett aus Lapislazuli (6.-1. Jh.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

5) ספיר sappîr (Ex 24,10; Ex 28,18; Ex 39,11; Jes 54,11; Ez 1,26; Ez 10,1; Ez 28,13; Hhld 5,14; Hi 28,6.16): Unter Saphir (so auch die griechischen Übersetzungen) versteht man heute Farbvarietäten von Korund (außer rot), bis ins 18. Jh. war es aber eine Sammelbezeichnung für blaue Steine, v.a. Lapislazuli. In diese Richtung weist auch Hi 28,6 („Goldstaub ist darin“), da Lapislazuli aufgrund von Pyrit-Einschlüssen goldgelbe Flecken haben kann.

6) יהלם jāhǎlom (Ex 28,18; Ex 39,11; Ez 28,13): Die antiken Übersetzungen und Quellen haben übereinstimmend Jaspis – bis heute die Bezeichnung eines durch verschiedene Beimengungen verunreinigten Quarzes. Eine nähere Bestimmung ist nicht möglich; Plinius, der die weite Verbreitung des Steins hervorhebt, scheint von der Grundfarbe „grün“ auszugehen.

7) לשׁם læšæm (Ex 28,18; Ex 39,12): Die Bestimmung des Steins ist sehr umstritten: (grüner) Feldspat (bzw. Amazonit) und Serpentin, aber auch Bernstein (vgl. die Übersetzungen) wurden erwogen. Die bei Plinius (XXXVII, 13) genannte Eigenschaft von daraus hergestellten Spinnwirteln, Blätter oder Fäden anzuziehen (Pyroelektrizität), lässt zunächst an Bernstein denken; mangels archäologischer Belege im Vorderen Orient ist vielleicht gelber Feuerstein wahrscheinlicher, der bei Hitze ähnliche Eigenschaften haben kann.

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Abb. 6 Siegel aus Achat (Ende 8./7. Jh.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

8) שׁבו šəvô (Ex 28,19; Ex 39,12): Das mesopotamische Lehnwort bezeichnet im Akkadischen (šubû) Chalzedon – ein Gestein, das je nach vorhandenen Metalloxiden als Karneol, Jaspis oder Achat bestimmt wird. Letzteres findet sich in den alten Übersetzungen – vielfältige Färbungen und Muster sind hier möglich (Plinius nennt acht Varietäten).

9) אחלמה ’achlāmāh (Ex 28,19; Ex 39,12): Auch dieser Stein ist nur im Buch Exodus belegt; sein Name kommt aus dem Ägyptischen und bezeichnet dort den roten bzw. rotbraunen Jaspis. Dagegen haben die alten Übersetzungen und Quellen hier den (violetten bzw. rotweinfarbenen) Amethyst – angesichts der leichten Unterscheidbarkeit der beiden Steine gibt es keinen Grund, diese Identifikation anzuzweifeln.

10) תרשׁישׁ taršîš (Ex 28,20; Ex 39,13; Ez 1,16; Ez 10,9; Ez 28,13; Hhld 5,14; Dan 10,6): Dieser Stein wurde nach seinem Herkunftsort (in Spanien) benannt. In den alten Übersetzungen und bei Flavius Josephus wird er als Chrysolith (griech. „Goldstein“) bestimmt. Dieser ist nicht mit dem heutigen Chrysolith identisch, sondern mit dem gelben Topas (Goldtopas, Citrin) zu identifizieren, von dem größere Mengen in Spanien gefunden wurden.

11) שׁהם šoham (Gen 2,12; Ex 25,7, Ex 28,9.20; Ex 35,9.27; Ex 39,6.13; Ez 28,13; Hi 28,16; 1Chr 29,2): Dieser relativ häufig genannte und wohl auch verbreitete, aber auch wertvolle Stein wird in den alten Übersetzungen und bei Flavius Josephus mit βηρύλλιον / βηρύλλος „Beryll“ wiedergegeben (vgl. auch die LXX von Gen 2,12: „lauchgrüner Stein“). Eventuell handelt es sich um einen Smaragd als besonders reinen und intensiv grünen Beryll.

12) ישׁפה jåšpeh (Ex 28,20; Ex 39,13; Ez 28,13): Der Name hat sich im heutigen Jaspis erhalten, aktuell versteht man darunter allerdings einen körnig ausgebildeten Chalzedon mit vielen Farbvarianten. Die alten Übersetzungen sprechen von Onyx, einem schwarz-weiß gestreiften Chalzedon. Plinius erwähnt beim Onyx „viele bunte Adern“, sodass eher von einem farbigen (nicht roten, evtl. blauen) Chalzedon (oder einem ähnlich gefärbten Achat?) auszugehen ist.

Die Herkunft der verschiedenen Steine ist ein Hinweis auf Handelsbeziehungen (und die finanziellen Möglichkeiten der Oberschicht) Palästinas. Aus dem syrischen und ostjordanischen Raum stammen Malachit, Feuerstein, Jade, Achat, Amethyst, von der arabischen Halbinsel und vom Sinai Karneol, Malachit, Chalzedon, aus Ägypten Karneol, Chrysolith, Achat, Smaragd. Auf dem Landweg von Norden wurden Karneol (Iran), Lapislazuli (Afghanistan) und Jaspis (Türkei) transportiert, auf dem Seeweg Achat (Zypern) und Goldtopas (Spanien). Laut Plinius kommen viele Steine hoher Qualität aus Indien.

2.2 Symbolik

Edelsteine symbolisieren göttlichen Glanz sowie höchste Reinheit und Heiligkeit. Priesterliche und königliche Gewänder sind mit Edelsteinen besetzt, um ihre Träger entsprechend auszuzeichnen. Auch in der bildlichen Rede symbolisieren Edelsteine Kostbarkeit und → Schönheit (des Geliebten Hhld 5,14, vgl. Klgl 4,7; der Frommen im Gericht Sach 9,16), aber auch Härte und Beständigkeit des göttlichen Gerichts (Jer 17,1), des Propheten (Ez 3,9) oder des verstockten Herzens (Sach 7,12). Schließlich sind Edelsteine auch Teil der Schau Gottes (Ex 24,10; Ez 1,16.22.26; Ez 10,1.9), und der Glanz des Paradieses (Gen 2,12; vgl. Ez 28,13-16) strahlt weiter in der Stadt Gottes am Ende der Zeit (Jes 54,11-12).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Bild-Recherche BIBEL+ORIENT Datenbank Online

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff
  • Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff.
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Encyclopaedia Judaica, 2. Aufl., Detroit 2007
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001

2. Weitere Literatur

  • Gathmann, Stefan, Im Fall gespiegelt. Der Abschluss der Tyrus-Sprüche in Ez 28,1-19 (ATS 86), St. Ottilien 2008 (Exkurs: Die mögliche Identifizierung der Edelsteine, 536-542)
  • Keel, Othmar, Corpus der Stempelsiegel-Amulette aus Palästina, Israel. Von den Anfängen bis zur Perserzeit, Einleitung (OBO.SA 10), Freiburg (Schweiz) u.a. 1995 (IV.A.4. Material)
  • Zwickel, Wolfgang (Hg.), Edelsteine in der Bibel, Mainz 2002
  • Zwickel, Wolfgang, Edelsteine – ein internationales Handelsprodukt, Welt und Umwelt der Bibel 58 (2010), 72-75

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