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Lexikon

Ebal

Hans Volker Kieweler

(erstellt: März 2007; letzte Änderung: Nov. 2012)

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1. Die Lage des Ebal

© Siegfried Kreuzer, Foto 1986

Abb. 1 Der Ebal vom Garizim aus gesehen.

Der Berg Ebal, Ǧebel Islāmīje (Koordinaten: 175.182; N 32° 13' 59'', E 35° 16' 23''; 938 m hoch), liegt nordwestlich von → Sichem, nördlich des Passes, der von Sichem nach Westen führt und an dessen Südseite sich der Berg → Garizim befindet. Er liegt damit an zentraler Stelle in Samaria, wo sich bei Sichem eine Ost-West-Straße und die Höhenstraße kreuzen, die eine wichtige Nordsüd-Verbindung darstellt.

In dieser Ebene zu Füßen bzw. zwischen den beiden Berge Ebal und Garizim lag nicht nur das alte Sichem, sondern auch die römische Neugründung Neapolis, von der sich Nablus, der arabische Name, des Ortes ableitet. Dieses Gebiet war das Zentrum der → Samaritaner.

2. Der Ebal im Alten Testament

Die beiden Berge Garizim und Ebal spielen in Israels Erzählung von seiner Frühgeschichte eine Rolle. Zwischen ihnen versammelte → Josua bald nach dem Übergang über den Jordan (Jos 8,30-35) auf Anordnung des Mose die zwölf Stämme Israels, um das Volk zu segnen und den Fluch zu sprechen (Dtn 27,1ff.11ff), wobei in Dtn 11,29 der Berg Garizim ausdrücklich für den Segen genannt wird). Dabei sollten sich die Stämme Simeon, Levi, Juda, Issaschar, Joseph und Benjamin am Garizim als der Seite des Segens aufstellen, und die Stämme Ruben, Gad, Asser, Sebulon, Dan und Naftali am Ebal als der Seite des Fluchs. Die rechte Seite ist die Seite des Segens, die linke die Seite des Fluchs (vgl. Gen 48,19; bei der üblichen Orientierung nach Osten liegt der Garizim rechts, also auf der Seite des Segens).

Infolge ihres späteren religiös-politischen Gegensatzes versuchten die Juden, den Samaritanern die beiden Berge abzusprechen, indem sie behaupteten, Ebal und Garizim lägen nicht in Samaria, sondern am Jordan in Gilgal. Diese Sicht findet sich schon in Dtn 11,30, einem erläuternden Zusatz zu Dtn 11,29, in dem sich wohl schon die beginnende Trennung von Juden und Samaritanern spiegelt. In ähnlicher Weise wird in 4QJosa der von Josua errichtete Altar anscheinend in Gilgal am Jordan lokalisiert.

Im masoretischen Text von Dtn 27,4-9 wird der Ebal hervorgehoben. Im samaritanischen Pentateuch – aber auch in der → Vetus Latina – steht jedoch statt des Ebal der Garizim. Der samaritanische Text und die Vetus Latina bewahren hier wohl die ursprüngliche Lesart von Dtn 27,4, während der masoretische Text Dtn 27 vermutlich vom Ort des auf dem Garizim errichteten samaritanischen Tempels trennen will und deshalb hier den Ebal nennt.

Nach Jos 8,30-35 hat Josua auf dem Berg Ebal ein Altar erbaut und erfolgte dort eine Abschrift und die Verkündigung des Gesetzes. Dieser Text macht wahrscheinlich, dass der Ebal auch kultische Funktion gehabt hat. Der auf dem Ebal gefundene und ausgegrabene Siedlungsplatz el-Burnaṭ (s.u.) weist in diese Richtung.

3. Ein Heiligtum auf dem Ebal – der archäologische Befund

Zeichnung nach: Zertal, 1993, 375

Abb. 2 Übersichtsplan von el-Burnaṭ am Nordhang des Ebal.

Im Jahre 1980 wurde bei einem Survey des Stammesgebietes von Manasse am Nordosthang des Berges Ebal ein Siedlungsplatz der frühen → Eisenzeit I entdeckt, der im Arabischen als el-Burnaṭ bekannt ist (Koordinaten: 1773.1829; N 32° 14' 22'', E 35° 17' 14''; 800 Meter über N.N.). Er liegt auf einem lang gestreckten Bergrücken in nur mühsam zugänglichem Terrain, weit entfernt von einer Straße, und bietet einen wunderbaren Ausblick nach Norden und Osten, d.h. über das östliche Samaria und Nachal Tirza (Wādī Fār‘a), jedoch ist Tell Balāṭa, das alte Sichem, das nördlich am Fuß des Berges Ebal liegt, von dort aus nicht sichtbar.

© Siegfried Kreuzer, Foto 1986

Abb. 3 Der innere Bereich der Anlage von el-Burnaṭ.

Im Zuge des Surveys wurden 12 Siedlungsplätze auf dem Berg Ebal entdeckt. Von diesen stammt nur el-Burnaṭ aus der Eisenzeit. Der Ort besteht aus einem Siedlungsplatz, der von zwei Mauern umgeben ist. Die äußere Umfassung ist ca. 250 m lang und umfasst ca. 1,7 Hektar. Der Eingang lag wahrscheinlich auf der von den Gebäuden entfernteren und etwas niedriger gelegenen Südost-Seite. Die innere Fläche war etwa 75 m lang, umfasste ca. 0,5 Hektar und war ähnlich einem in der Mitte zusammengedrückten Oval geformt. Sie liegt in der Nordwest-Ecke der Gesamtfläche, wobei etwa die Hälfte der Umgrenzung von der äußeren Umfassungsmauer gebildet wird.

Während der äußere Bereich keine Gebäude enthielt, wurden im inneren zwei Siedlungsschichten identifiziert. Die ältere (Stratum 2) wurde auf Grund der Keramik und von Kleinfunden (2 Skarabäen, ein Siegel) auf 1240 - 1200 v. Chr. datiert, die jüngere (Stratum 1) auf 1200 - 1140 v. Chr. Die beiden Schichten waren nicht durch eine Brandschicht getrennt und auch für das Ende der Besiedlung war keine gewaltsame Ursache oder Feuer zu erkennen.

© Siegfried Kreuzer, Foto 1986

Abb. 4 Blick auf den sog. Altar; in der Mitte im Vordergrund die hinaufführende Rampe.

Im Bereich A wurde ein Hauptgebäude ausgegraben, nach Westen anschließend befand sich ein Hof. Das zentrale Gebäude der älteren Schicht war direkt auf dem gewachsenen Felsen errichtet. In seiner Mitte gab es eine steinerne Ablagefläche. Darauf und über den ganzen Boden verstreut fand sich eine Mischung aus Asche und verschiedenen, meist verbrannten Tierknochen. Außerhalb des Gebäudes gab es ebenfalls Tierknochen und anscheinend mehrere Feuerplätze. Westlich des Hofes fand sich im Bereich B ein Haus von der Art eines Vierraumhauses, das eines der ältesten Exemplare dieses Typs wäre (und das als Indiz für Errichtung durch Israeliten interpretiert wird). Während das Gebäude im Bereich A als Heiligtum / Opferstätte gedeutet wurde, scheint das Haus im Bereich B das Wohnhaus des betreuenden Personals gewesen zu sein.

© Siegfried Kreuzer, Foto 1986

Abb. 5 Blick in einen der inneren Bereiche des sog. Altars, in dem sich Knochen- und Ascheschichten befanden.

In der jüngeren Phase wurde im Bereich A genau über dem älteren Gebäude ein größeres mit 9 x 7 m errichtet und in vier Schichten abwechselnd mit Erde und Stein sowie mit Knochen, Scherben und Asche aus der unmittelbaren Umgebung aufgefüllt. Die Füllung erreichte anscheinend die Höhe der Mauer (ca. 3 m). An diesen zentralen Bereich waren zwei ummauerte Höfe angebaut, sowie eine Rampe, die auf den zentralen Bereich führte. In der Umgebung fanden sich Vertiefungen im Boden sowie darin befestigte Tonkrüge verschiedener Art. In diesen Installationen waren, vermutlich als Votivgaben, bronzene Figuren und Schmuck deponiert.

Die ganze Anlage wurde vom Ausgräber A. Zertal nicht nur als Heiligtum identifiziert, sondern konkret als der von Israeliten unter Josua bei der Landnahme am Berg Ebal errichtete Altar. Dann wäre dieser Altar ein Beleg für die Historizität von Jos 8,30f. Ein gravierendes Problem ist allerdings, dass die Stelle von Sichem aus nicht sichtbar ist. In etwas andere Richtung ging N. Na‘aman, der die Anlage mit dem Tempel des El-Berit in Sichem (Ri 9,46; Luther: „Baal-Berit“) identifizierte. Allerdings steht dieser Identifikation ebenfalls entgegen, dass dieses Heiligtum von Sichem ein gutes Stück entfernt und von dort aus nicht zu sehen ist. Andere betrachten das Gebäude nicht als Altar, sondern nur als Wachturm (A. Kempinski). Allerdings sprechen die große Menge von verbrannten Tierknochen und Asche sowie die Feuerstellen und die verschiedenen Fundobjekte (→ Votivgaben) doch eher für eine kultische Anlage.

So handelt es sich doch wahrscheinlich um ein Heiligtum mit einem anschließenden Versammlungsbereich und / oder Bereich für die Übernachtung der Besucher. Ob das Heiligtum aber mit den frühen Israeliten in Verbindung zu bringen ist oder gar den in Jos 8,30-35 erwähnten Altar darstellt, ist fraglich. Nicht zuletzt ist auch die archäologische Interpretation des zentralen Objekts in der jüngeren Phase als (sehr großer) Altar unsicher.

4. Der Ebal in späteren Zeiten

Aus der persischen und hellenistischen Zeit gibt es (außer den erwähnten biblischen Texten, die zum Teil in diese Zeit gehören) keine speziellen Nachrichten über den Berg Ebal. Die eigentliche religiöse Bedeutung war mit dem gegenüber liegenden Berg Garizim verbunden.

Wahrscheinlich in hellenistischer Zeit, konkret in der Zeit des Bruchs zwischen Jerusalem und Samaria durch die hasmonäischen Könige um 120 v. Chr. (→ Hasmonäer), wurde die oben erwähnte Textänderung in Dtn 27,4-9 durchgeführt.

Josephus referiert in Antiquitates IV 305-308 und Antiquitates V, 68-70 die Beschreibungen von Dtn 27,4f. bzw. Jos 8,30-35, und zwar mit der interessanten Variante, dass der Altar nach IV 305 „nicht weit von der Stadt der Sikimiter, zwischen [den] zwei Bergen“ Garizim und Ebal errichtet war, während V, 68 sowohl Sikim [=Sichem] als auch den Ebal als Ort des Altars nennt (Text gr. und lat. Autoren).

Nach dem jüdischen Krieg, schon 72 n. Chr. gegründete Titus – wohl wegen der Bedeutung der Ortslage – die Stadt Sichem als Flavia Neapolis neu. Die Stadt überflügelte bald Sebaste, das alte Samaria. Die neue römische Stadt wuchs bis an und auf die Hänge von Ebal und Garizim. Es gibt aber keine speziellen Nachrichten über den Ebal.

In der rabbinischen Literatur wird der Berg Ebal im Babylonischen Talmud im Traktat Sota VII (= 32a; 33b; 36a+b; 37a+b; Traktat von der Ehebruchsverdächtigen) sowie im Traktat Schabbat V (= 55b; Text Talmud) im Zusammenhang von unterschiedlichen Bezugnahmen auf die Ereignisse von Dtn 27 erwähnt.

5. Zusammenfassung

Wenn die in el-Burnaṭ am Nordhang des Ebal gefundene Anlage wirklich ein Heiligtum war, dann hatte der Berg Ebal in der frühisraelitischen Zeit bzw. im 12. Jh. v. Chr. eine gewisse religiöse Bedeutung für die dort und in der Nähe wohnende Bevölkerung (möglicherweise Angehörige des Stammes Manasse). In der alttestamentlichen Überlieferung hat der Ebal Bedeutung durch seine Lage gegenüber dem Berg Garizim einerseits im Zusammenhang der in Dtn 27 berichteten Zeremonie mit Segen und Fluch, andererseits durch die in Jos 8,30-35 erwähnte Errichtung eines Altars am Berg Garizim.

Ob der Berg Ebal eine darüber hinausgehende neben oder gegenüber dem Garizim selbstständige religiöse Bedeutung hatte, ist allerdings fraglich. Seine eigenständige Erwähnung in Dtn 27,4-9 ist wahrscheinlich erst eine Textkorrektur aus frühjüdischer Zeit, als man aus Jerusalemer Perspektive die Heiligkeit des Ortes von dem den Samaritanern heiligen Berg Garizim wegverlagern wollte.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jeru­salem 1993
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000
  • Archaeological Encyclopedia of the Holy Land, New York / London 2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

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  • Kempinski, A., Joshua’s Altar – An Iron Age Watchtower, BAR 12 (1986), 42-49
  • Kreuzer, S., Vom Garizim zum Ebal. Erwägungen zur Geschichte und Textgeschichte sowie zu einem neuen Qumran-Text, in: U. Dahmen / J. Schnocks (Hgg.), Juda und Jerusalem in der Seleukidenzeit (FS H.-J. Fabry; BBB159), Göttingen 2010, 31-42
  • Mazar, A., Archaeology of the Land of the Bible 10,000 – 586 B.C.E, New York 1992, 348-350
  • Na’aman, N., The Tower of Schechem and Beth-El-Berith, Zion 51 (1985), 259-280 (Hebr.)
  • Noort, E., The Traditions of Ebal and Gerizim: Theological Positions in the Book of Joshua, in: M. Vervenne / J. Lust (Hgg.), Deuteronomy and Deuteronomic Literature (FS C.H.W. Brekelmans; BEThL 133), Leuven 1997, 161-180
  • Zertal, A., Mount Ebal, IEJ 34 (1984), 55-55
  • Zertal, A., Has Joshua’s altar been found on Mt. Ebal?, BAR 11 (1985), 26-43
  • Zertal, A., How Can Kempinski Be so Wrong!, BAR 12 (1986), 43-53
  • Zertal, A., An Early Iron Age Cultic Site on Mount Ebal: Excavation Seasons 1982-1987, Tel Aviv 14 (1987), 105-165
  • Zertal, A., Art. Ebal, Mount, NEAEHL I, Jerusalem 1993, 375-377
  • Zertal, A., The Manasseh Hill Country Survey, Bd. 1 The Shechem Syncline, Leiden / Boston 2004, 532-537
  • Zwickel, W., Der Tempelkult in Kanaan und Israel. Ein Beitrag zur Kultgeschichte Palästinas von der Mittelbronzezeit bis zum Untergang Judas (FAT 10), Tübingen 1994, 204ff

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Der Ebal vom Garizim aus gesehen. © Siegfried Kreuzer, Foto 1986
  • Abb. 2 Übersichtsplan von el-Burnaṭ am Nordhang des Ebal. Zeichnung nach: Zertal, 1993, 375
  • Abb. 3 Der innere Bereich der Anlage von el-Burnaṭ. © Siegfried Kreuzer, Foto 1986
  • Abb. 4 Blick auf den sog. Altar; in der Mitte im Vordergrund die hinaufführende Rampe. © Siegfried Kreuzer, Foto 1986
  • Abb. 5 Blick in einen der inneren Bereiche des sog. Altars, in dem sich Knochen- und Ascheschichten befanden. © Siegfried Kreuzer, Foto 1986
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