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Lexikon

Dreschen und worfeln

Klaus Koenen

(erstellt: Mai 2007; letzte Änderung: Jan. 2008)

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1. Dreschen in der Landwirtschaft

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Rinder dreschen mit ihren Hufen.

Nach der Ernte wurde das zu Garben gebundene Getreide mit Seilen, Körben oder Netzen auf Lasttieren befestigt, seltener in Wagen geladen und zur → Tenne gebracht (Am 2,13, Neh 13,15). Wenn dabei eine Garbe auf dem Feld versehentlich liegen gelassen worden war, sollte sie nach Dtn 24,19 den Armen gehören. Auf der Tenne (גּוֹרֶן gôræn) wurde das Getreide in den Sommermonaten Mai – Juli (Dan 2,35) gedroschen und geworfelt, um die Körner von den Ähren zu trennen und die Halme zu zerkleinern. Die Tenne war ein felsiger oder fest gestampfter, ebener Platz (Jer 51,33), der bei Städten in der Nähe des Tores liegen konnte (1Kön 22,10). Wichtig war, dass sie östlich des Ortes lag, damit der im Sommer in Palästina vorherrschende Westwind die Spreu beim Worfeln nicht in den Ort wehte. Tennen konnten Privatbesitz sein (2Sam 6,6; 2Sam 24,16), gehörten aber in der Regel der Gemeinschaft (1Kön 22,10), so dass ihre Benutzung allen Bauern zustand und von lokalen Autoritäten geregelt wurde.

Es gab mehrere Methoden zu dreschen:

1) Gewürze und kleine Mengen von Getreide hat man mit einfachen Stöcken – Dreschflegel kannte man nicht – ausgeschlagen, wofür das Hebräische ein eigenes Wort kennt (חבט ḥbṭ; Ri 6,11; Jes 28,7; Rut 2,17).

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 Rinder ziehen eine Dreschplatte.

2) Bei größeren Mengen hat man das Getreide ausgebreitet und → Rinder oder → Esel – trotz Jes 28,28 wohl kaum → Pferde – mit ihren harten Hufen im Kreis darüber laufen lassen, damit sie die Körner austreten. Mi 4,13 setzt diese Art des Dreschens voraus. Sie erklärt auch das in vielen semitischen Sprachen belegte Verb דושׁ dwš, denn es bedeutet „niedertrampeln“ und dann speziell „dreschen“. Für die Tiere war dies eine leichte und angenehme Arbeit (Hos 10,11; Jer 50,11?), zumal man ihnen dabei nach Dtn 25,4 das Maul nicht verbinden durfte, sie also fressen konnten.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2006)

Abb. 3 Dreschplatte (20. Jh.).

3) Nicht nur auf das Lösen der Körner, sondern auch auf das Zerschneiden des Strohs zielen Dreschplatten, von denen wir nicht wissen, wann sie in Palästina aufgekommen sind. Da sie aus Holz gemacht waren, sind uns keine Reste erhalten und wir können ihr Aussehen nur aus den Geräten erschließen, die bis ins 20. Jh. in Palästina in Gebrauch waren. Nach diesen Analogien bestanden sie aus einer Holzplatte, die aus zwei oder drei Brettern bestand und vorne nach oben gekrümmt war. In ihre Unterseite waren zum Zerschneiden der Halme scharfe Basalt- oder Feuersteine bzw. – ab der Eisenzeit II – Eisenklingen eingelassen. Diese Platten wurden von Zugtieren stunden- oder tagelang im Kreis gezogen, während der Bauer als Gewicht auf ihnen stand und die Tiere mit einem sog. Ochsenstecken antrieb sowie ein Gefäß bereit hielt, um gegebenenfalls die Exkremente der Tiere aufzufangen.

© public domain (Foto: Ludwig Koenen, 1964)

Abb. 4 Dreschschlitten (Ägypten; 20. Jh.).

Eine zweite Person wurde benötigt, um das Getreide mit einer langen Wendegabel immer wieder zu drehen. Das Hebräische kennt zwei Begriffe für Dreschplatten, מוֹרַג môrag (Jes 41,15; 2Sam 24,22) und חָרוּץ ḥārûṣ (Jes 28,27; Jes 41,15?; Am 1,3; Hi 41,22). Vielleicht meint מוֹרַג môrag eine Dreschplatte mit Steinklingen, חָרוּץ ḥārûṣ eine mit Eisenklingen (Am 1,3).

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Abb. 5 Holzgabel (Palästina; 20. Jh.).

Möglich ist aber auch, dass חָרוּץ ḥārûṣ nicht eine Dreschplatte, sondern einen Dreschschlitten bezeichnet. Dies ist ein in gleicher Weise von einem Rind oder Esel gezogener Schlitten, zwischen dessen hölzernen Kufen an zwei oder drei Achsen jeweils mindestens zwei dicke, ebenfalls hölzerne Scheibenräder saßen, die durch Einritzungen das scharfkantige Profil von Zahnrädern hatten. Die These, dass es dieses im 20. Jh. in Palästina verwendete Gerät schon im antiken Israel gab, kann sich immerhin auf Jes 28,27-28 berufen, wo von חָרוּץ ḥārûṣ in Parallele zu einem Wagenrad und von einem dreschenden Rad die Rede ist, sowie auf die LXX-Übersetzung von Jes 41,15 („ich habe dich wie neue, scharfe Dreschwagenräder gemacht“), die derartige Schlitten zumindest für ihre Zeit belegt.

2. Worfeln in der Landwirtschaft

© public domain (Foto: Ludwig Koenen, 1964)

Abb. 6 Worfeln (Ägypten; 20. Jh.).

Nachdem man das Getreide beim Dreschen lange genug zerkleinert hatte, wurde es geworfelt (זרה zrh), um seine einzelnen Teile mit Hilfe des Windes nach ihrem Gewicht zu trennen. In einem ersten gröberen Durchgang wurde es mit einer hölzernen Wurfgabel (מִזְרֶה mizræh; Jes 30,24; Jer 15,7), in einem zweiten feineren Durchgang (ברר brr „reinigen“; Jer 4,11) mit einer ebenfalls hölzernen Wurfschaufel (רַחַת raḥat; Jes 30,24) in die Luft geworfen. Die relativ schweren Körner fielen direkt wieder zu Boden, während der Wind die groben Strohstoppeln wenige Meter weit und das feinere Häcksel etwas weiter wehte. Für diese Arbeit benötigte man einen gleichmäßigen, nicht zu starken Wind (Jer 4,11f). Deswegen musste die Arbeit gegebenenfalls nachts im Mondlicht durchgeführt werden (Rut 3,2). Nach mehrfachem Durchworfeln hatte man am Ende drei Haufen (עֲרֵמָה ‘ǎremāh), einen von Körnern (בַּר bar), einen von Strohstoppeln (קַשׁ qaš), die man zum Anzünden von Feuer und zur Herstellung von Lehmziegeln benötigte, und einen von Häcksel (תֶּבֶן tævæn), das als Tierfutter und ebenfalls zur Lehmziegelherstellung verwendet wurde. Die ganz feine, wertlose Spreu (מוֹץ môṣ) verwehte der Wind (Hos 13,3).

© public domain (Foto: Ludwig Koenen, 1964)

Abb. 7 Sieben (Ägypten; 20. Jh.).

In einem letzten Reinigungsgang wurden die Körner gesiebt, um Samen von Unkraut, kleine Steinchen etc. auszusondern. Danach wurden sie bis zum Mahlen in Vorratskrügen oder Silos gelagert.

3. Dreschen und worfeln bildlich

Im übertragenen Sinne spricht das Alte Testament davon, dass Menschen gedroschen bzw. mit einer Dreschplatte zermalmt werden, und meint damit eine besonders brutale Vernichtung, ohne dass eine bestimmte Art der Vernichtung im Blick wäre (Ri 8,7; 2Kön 13,7; Jes 21,10; Jes 25,10). Völkern wird vorgeworfen, andere Völker mit Dreschplatten gedroschen zu haben (Am 1,3). In Israel klagt man, gedroschen worden zu sein (Jes 63,18, lies דּוֹשׁוּ dôšû), aber Israel wird auch verheißen, zu einer machtvollen Dreschplatte zu werden, der nichts im Weg steht (Jes 41,15). Das Bild von Tieren, die mit ihren Hufen dreschen, steht im Hintergrund von Mi 4,13. Die Israeliten sollen harte Hufe erhalten, um die anderen Völker zu zertreten.

Auch Gott kann als Bauer auftreten, der die Völker drischt (Hab 3,12). In Jes 27,12 hat חבט ḥbṭ „mit einem Stock dreschen“ eine positive Bedeutung: Jahwe wird die Ähren ausklopfen, um an die wertvollen Körner zu gelangen bzw. die zerstreuten Israeliten zu sammeln und damit zu retten (vgl. Mi 4,12).

Auch das Worfeln (זרה zrh) kann ein Bild der Vernichtung sein (Jer 51,2 cj.). Das Würmchen Israel wird sogar Berge dreschen und worfeln, so dass der Wind sie verweht (Jes 41,16). In Jer 15,7 erscheint Jahwe als Bauer, der sein Volk worfelt und damit vernichtet. In der Predigt Johannes’ des Täufers ist das Worfeln ein Bild für das Endgericht, bei dem die Spreu vom Weizen getrennt wird (Mt 3,12; Lk 3,17).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich 1991-2001

2. Weitere Literatur

  • Borowski, O., 1987, Agriculture in Iron Age Israel, Winona Lake, 62-65
  • Dalman, G., 1933, Arbeit und Sitte in Palästina, Bd. III, Gütersloh, 67-139 (Nachdruck Hildesheim u.a. 1987)
  • Reider, J., 1952, Etymological Studies in Biblical Hebrew, VT 2, 113-130, 116f

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Rinder dreschen mit ihren Hufen. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Rinder ziehen eine Dreschplatte. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 3 Dreschplatte (20. Jh.). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2006)
  • Abb. 4 Dreschschlitten (Ägypten; 20. Jh.). © public domain (Foto: Ludwig Koenen, 1964)
  • Abb. 5 Holzgabel (Palästina; 20. Jh.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 6 Worfeln (Ägypten; 20. Jh.). © public domain (Foto: Ludwig Koenen, 1964)
  • Abb. 7 Sieben (Ägypten; 20. Jh.). © public domain (Foto: Ludwig Koenen, 1964)

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