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Lexikon

Drache

Andere Schreibweise: engl.: dragon

Konrad Huber

(erstellt: März 2016)

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1. Begriffliches

Das deutsche Wort „Drache“ (engl. / franz.: dragon) kommt vom griechischen δράκων (drákōn; „der starr, durchdringend Blickende“? [Etymologie unsicher]) und wird im Duden mit „geflügeltes, Feuer speiendes, echsenartiges Fabeltier [mit mehreren Köpfen]“ umschrieben. Die biblische Vorstellung von Drachen erhellt sich aus der mit δράκων verknüpften breiteren Begriffspalette, aus der in den Texten dazu entworfenen Bildwelt sowie aus den darin rezipierten, im Vergleich zur Bibel ungleich reichhaltiger entfalteten religionsgeschichtlichen Traditionen der Umwelt.

Im Neuen Testament begegnet δράκων insgesamt 13-mal, und zwar ausschließlich in der → Offenbarung des Johannes. Mit Ausnahme des metaphorischen Gebrauchs zur Charakterisierung des Redens „wie ein Drache“ in Apk 13,11 ist der Begriff stets Bezeichnung für den → Satan bzw. Teufel, der in visionärem Kontext der Apokalypse in der Figur eines furchterregenden Drachen agiert (Apk 12,3.4.7.9.13.16.17; Apk 13,2.4; Apk 16,13; Apk 20,2).

In der → Septuaginta findet sich der Begriff 36-mal und ist dort Wiedergabe verschiedener hebräischer Ausdrücke: תַּנִּין / tannîn („Langgestreckter?“ [Etymologie unsicher] / „Schlange“ / „Drache“; Ex 7,9.10.12; Dtn 32,33; Ps 74[73],13; Ps 91[90],13; Ps 148,7; Hi 7,12; Jes 27,1; Jer 51,34, Ez 29,3; Ez 32,2); לִוְיָתָן / liwjātān („Seeungeheuer“ / „Leviatan“; Ps 74[73],14; Ps 104[105],26; Hi 40,25; Jes 27,1); תַּן / tan („Schakal“; Mi 1,8; Jer 9,10; Klgl 4,3); נָחָשׁ / nāchāš („Schlange“; Hi 26,13; Am 9,3); כְּפִיר / kǝfîr („Junglöwe“; Hi 4,10; Hi 38,39); עַתּוּד / ‘attûd („Bock“; Jer 50[27],8); פֶּתֶן / pætæn („Giftnatter“; Hi 20,16). Außerdem wird der Ausdruck gebraucht in Est 1,1[5]; Est 10,3[4]; OdSal 2,23; PsSal 2,25; Weish 16,10; Sir 25,22 [nach Zählung der Lutherbibel]; ZusDan 2,22.25.27.28 (= Dan 14).

In Hi 3,8 steht für liwjātān („Leviatan“) im griechischen Text κῆτος / kḗtos („Seeungetüm“), ein Begriff, der sonst das hebräische רַהַב / rahab („Rahab“; Hi 9,13; Hi 26,12) wiedergibt oder auch das den Propheten → Jona verschlingende Meerestier bezeichnet (hebr. דָּג / דָּגָה / dāg / dāgāh; Jon 2,1.2.11; 3Makk 6,8; vgl. Mt 12,40). Die Bezeichnung δράκων findet sich für Rahab nicht.

Häufig (z.B. Einheitsübersetzung; Lutherbibel) mit „Drache“ übersetzt wird zudem an jenen Stellen, wo von fliegenden Schlangen die Rede ist: in Jes 14,29, wo vielleicht an dämonische Fabelwesen zu denken ist (griech. ὄφις / óphis), und in Jes 30,6, wo wahrscheinlich ohne mythischen Hintergrund eine gefährliche Wüstenschlangenart gemeint ist (griech. ἀσπίς / aspís; vgl. Num 21,6.8; Dtn 8,15). Im hebräischen Text steht an den genannten Stellen jeweils שָׂרָף / sārāf, jener Begriff, der in Jes 6,2.6 für die → Serafim, die mit sechs Flügeln ausgestatteten Schlangenwesen in unmittelbarer Nähe des himmlischen Thrones JHWHs (vgl. Apk 4,8), verwendet ist.

2. Altes Testament

2.1. Allgemein

Die → Septuaginta gebraucht δράκων für Lebewesen unterschiedlicher Art. Die Bandbreite reicht von → Schlangen über → Schakale, vielleicht sogar → Löwen, bis hin zu Meeresungeheuern und mythischen → Mischwesen, wobei eine eindeutige Festlegung oder Identifizierung mit bekannten Tierarten häufig nicht möglich ist und hinsichtlich der Meeresungetüme ein „natürliches“ Verständnis (z.B. Ps 148,7; vgl. Sir 43,27 [nach Zählung der Lutherbibel]) von mythischen Vorstellungen zu unterscheiden ist.

Schlangen sind gemeint im Kontext der Exoduserzählung bei der Verwandlung der Stäbe Aarons bzw. der ägyptischen Wahrsager (Ex 7,9.10.12; ein mythisch-symbolischer Hintergrund scheint mitzuschwingen). Dtn 32,33 vergleicht den Wein der Feinde Israels mit Schlangengift (vgl. OdSal 2,33). Um Giftschlangen geht es auch in Hi 20,16 und Weish 16,10. Ob in Ps 91[90],13, wo Schutz vor bedrohlichen Tieren bzw. Macht über sie das Thema ist, Schlangen oder Drachen gemeint sind, ist zumindest für die Septuagintaversion unklar. Offen bleibt auch die Bedeutung im sprichwörtlichen Kontext von Sir 25,22 [nach Zählung der Lutherbibel] (dort mit Löwen gemeinsam genannt). Der Aspekt des gefährlich Bedrohlichen verbindet jedenfalls alle diese Stellen und könnte die Verwendung des Begriffs δράκων / drákōn veranlasst haben. Das gilt so nicht für Jer 50[27],8, wo von Schlangen, die vor Schafen fliehen, die Rede ist und der hebräische Text gänzlich anders von (Leit-)Böcken (‘attûd) spricht.

An Schakale wird wahrscheinlich gedacht sein, wo das hebr. tan mit δράκων / drákōn wiedergegeben ist. Für Mi 1,8 und Klgl 4,3 legt das der Kontext nahe (Geheul; Säugen von Jungen), in Jer 9,10 kann freilich auch an Schlangen zu denken sein.

Von (jungen) Löwen ist in Hi 4,10 und Hi 38,39 im hebräischen Text die Rede. Ein entsprechendes Verständnis für δράκων / drákōn in der Septuagintaversion legt sich vom Kontext her durchaus nahe.

Häufig bezeichnet δράκων Meeresungeheuer allgemein (Ps 74[73],13; Ps 148,7; Hi 7,12) oder konkret den mythischen Meeresdrachen, auch → Leviatan genannt (Ps 74[73],14; Ps 104[103],26; Hi 26,13; Jes 27,1; evtl. Am 9,3). Ausgestattet mit mehreren Köpfen (Ps 74[73],13f), gleicht das weitere Aussehen entweder einer → Schlange (Jes 27,1; Am 9,3) oder, wie Hi 40,25 und die ausführliche Beschreibung in Hi 41 nahelegen, einem → Krokodil. Bemerkenswert ist, dass aus dem Maul des in Hi 41 beschriebenen Tieres Feuer und aus seinen Nasenlöchern Rauch hervorkommen (Hi 41,11-13).

Die Analogie zum Krokodil steht im Hintergrund, wenn in Ez 29,3 und Ez 32,2 der Ausdruck als Bild für den Pharao, den König Ägyptens, verwendet wird, der ungeachtet seiner Gefährlichkeit von Gott vernichtet wird.

Jer 51[28],34 gebraucht δράκων in bildhafter Wendung für → Nebukadnezar, den König von Babel, bzw. sein Vorgehen gegen Israel. In PsSal 2,25 ist der Begriff Umschreibung für eine namentlich nicht benannte feindliche Herrschergestalt (wohl Anspielung an → Pompeius). In Est 1,1[5] und Est 10,3[4] werden → Mordechai und → Haman in einem Traumbild als zwei Drachen geschaut.

Die Erzählung von Bel und der Drachenschlange in Erweiterung des Danielbuches (ZusDan 2; → Bel und Drache) spricht von einem Drachen, der von den Babyloniern als heiliges Tier verehrt wird und nach der Zerstörung des Götzenstandbildes → Bel (= Marduk) schließlich von → Daniel getötet wird (vgl. Jer 51[28],44). Welcher Art dieses Tier ist (heilige Schlange?), bleibt unklar.

2.2. Meeresungeheuer / Drachenwesen

Die mit δράκων bezeichneten Meeresungeheuer gelten als Teil der → Schöpfung Gottes (Ps 148,7). Das geht auch aus Gen 1,21 hervor, wo die → Septuaginta das hebräische tannîn allerdings anders als sonst mit κῆτος / kḗtos („Seeungetüm“; von Luther mit „Walfische“ übersetzt) wiedergibt (vgl. Sir 43,27 [nach Zählung der Lutherbibel]; Dan 3,79; Od 8,79; Jon 2,1.11).

Der mythische Meeresdrache → Leviatan ist davon nicht ausgenommen, kann wie die übrige → Schöpfung zum Lob Gottes aufgefordert (Ps 104[103],26) und in Am 9,3 sogar als ein potenzielles Werkzeug Gottes im endzeitlichen → Gerichtsgeschehen vorgestellt werden. Als Symbol der Chaosmacht aber wird neben seiner Gefährlichkeit – analog zum außerbiblischen Mythos vom Kampf mit dem Chaosdrachen (s.u.) – vor allem die Vernichtung dieses mehrköpfigen, schlangen- oder echsenartigen Meeresungeheuers durch Gott thematisiert. Dabei ist einerseits davon die Rede, dass JHWH die Bestie schon in mythischer Vorzeit definitiv überwunden und ihre Köpfe zerschmettert hat (Ps 74[73],13f; vgl. Jes 51,9 MT) oder, zeitlos ausgedrückt, seine Souveränität und Schöpfermacht dadurch erweist, dass er das permanent tut (Hi 26,13; vgl. Nah 1,8). Die Tötung Leviatans, der in diesem Zusammenhang auch als „flüchtige“ und „gewundene“ Schlange charakterisiert wird, kann andererseits auch als Ereignis der Endzeit vorgestellt sein, das durch das schlagkräftige Schwert Gottes erst vollzogen wird (Jes 27,1), sodass die bedrohliche Existenz Leviatans gegenwärtig noch greifbar ist und magisch beschworen werden kann (Hi 3,8).

Ähnlich ist für → Rahab, ein mit Leviatan vergleichbares und religionsgeschichtlich als nachexilische Adaption eng verwandtes Seeungetüm der israelitisch-jüdischen Tradition, die Rede davon, dass es im Zuge der Schöpfung und als Zeichen des göttlichen Heilswillens von JHWH getötet wird (Ps 89[88],11; Hi 26,12). In Jes 51,9f wird die urzeitliche Vernichtung von → Rahab in einem Atemzug mit dem → Exodusgeschehen genannt und so der Durchzug durch das Meer in mythisches Licht gerückt. Ps 87[86],4 und Jes 30,7 identifizieren Rahab ausdrücklich mit → Ägypten. Das liegt auf einer Linie mit jenen Stellen, an denen der → Pharao (Ez 29,3; Ez 32,2) bzw. der babylonische König Nebukadnezar (Jer 51[28],34) mit dem Meeresungeheuer (tannîn), also Leviatan, verglichen werden, um bildhaft auf für Israel bedrohliche und bedrückende, reale politische Größen, Fremdherrscher und Machtverhältnisse anzuspielen (vgl. PsSal 2,25).

In der frühjüdischen → Apokalyptik wird Leviatan bereits in der Urzeit bzw. bei der Schöpfung in die Tiefen des Meeres verwiesen und zusammen mit → Behemot, einem ebenso monströs vorgestellten Ungeheuer, das in der Wüste östlich von → Eden lebt – die Beschreibung in Hi 40,15-24 lässt demgegenüber deutlich an ein Nilpferd denken –, bis zum Ende der Zeiten aufbewahrt, um schließlich als Nahrung für die Auserwählten und Gerechten zu dienen (äthHen 60,7-10.24; vgl. 4Esr 6,49-52; syrBar 29,3-4; ApkAbr 21,6). Die rabbinische Überlieferung (→ rabbinische Literatur) greift diese Vorstellung auf (z.B. Baba Batra 74a).

Gelten Leviatan und Rahab biblisch als Drachenwesen und Chaosungeheuer, ist das für den im Alten Testament nur in Hi 40f, in der späteren Tradition zumeist aber gemeinsam mit Leviatan erwähnten Behemot nicht in dieser Deutlichkeit gegeben. Verfehlt wäre es jedenfalls, das Seeungetüm, das auf Geheiß JHWHs den → Propheten Jona verschlingt und schließlich unversehrt wieder ausspeit (Jon 2,1-11), als Drachen zu verstehen. Und auch bei den furchterregenden Mischwesen in Dan 7 ist nicht an Drachen im eigentlichen Sinn zu denken, sondern allgemein von apokalyptischen Ungeheuern die Rede.

3. Mythologie

In den einschlägigen Texten des Alten Testaments finden verschiedene Traditionen der altorientalischen Mythologie über Drachenwesen und über den Drachenkampf ihren Niederschlag. Analoge Vorstellungen sind breit auch in der griechischen Mythologie bezeugt. Zumeist und anders etwa als in Ostasien sind in diesen mythologischen Traditionen Drachen negativ konnotiert.

Schlangenartige, aber auch löwenähnliche Drachen begegnen ikonographisch und literarisch in der altorientalischen und ägyptischen Kultur schon ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. als Begleiter von Göttern und Wächter diverser Heiligtümer und insbesondere als Verkörperung der Chaosmächte und in Gestalt der dämonischen Urbestie. Mit Letzteren verbindet sich der in verschiedenster Ausgestaltung und unterschiedlicher Besetzung bezeugte Mythos des Drachenkampfes, wonach ein die Schöpfungs- und Weltordnung bedrohendes (Meeres-)Ungeheuer als personifiziertes → Böses von einer Gottheit bekämpft, bezwungen und getötet oder zumindest gebändigt wird. In vielen Schöpfungsmythen ist die Tötung des Chaosungeheuers Voraussetzung für die Erschaffung von → Himmel und Erde. Die allen noch so großen widerständigen Kräften überlegene Vollmacht der jeweiligen Gottheit und der daran geknüpfte Ursprung und / oder stabile Bestand des Kosmos sollen damit sinnenfällig erwiesen und in mythisch-religiös überhöhter Form garantiert werden.

Babylonische Texte schildern den Kampf des Gottes → Marduk gegen die drachenartige Meeresgottheit → Tiamat. Nachdem er Tiamat getötet hat, erschafft Marduk aus ihrem Leichnam das geordnete Universum (→ Enuma Elisch, Taf. IV,35-135 [TUAT.NF 8, 107-111]).

Ugaritische Quellen überliefern den Kampf des Wettergottes Haddu / Hadad / Adad (→ Adad) bzw. → Baal gegen den Meeresgott. Im Kampf tötet Baal den Meeresgott → Yammu (KTU 1.2 IV.11-32 [TUAT.NF 8, 201f]) bzw. die siebenköpfige Drachenschlange Lotan (lītānu; KTU 1.5 I.1-3.27-30 [TUAT.NF 8, 224f]). In einem ugaritischen Text ist der Göttin → Anat der Sieg über Yammu und die hier Tunnanu genannte „sich windende Schlange […] mit den sieben Köpfen“ zugeschrieben (KTU 1.3 III.38-42 [TUAT.NF 8, 206]).

Die ägyptische Mythologie kennt den Gott → Horus und den schlangen- oder krokodilsgestaltigen → Seth, vor dem die schwangere → Isis, die Mutter des Horus, vor dessen Geburt fliehen musste, als Kontrahenten des Drachenkampfes (ANET 14-17) und ähnlich den Gott → Re als Sieger über die Riesenschlange → Apophis (ANET 6f bzw. 11f).

Unter den zahlreichen Drachenkämpfen der griechischen Mythologie ist jener des Apollo gegen die Drachenschlange Python, die zuvor die mit Apollo und Artemis schwangere Leto verfolgte, bedeutsam als Gründungsmythos des delphischen Orakels. Hervorzuheben sind außerdem der Kampf des Zeus gegen Typhon, ein schreckliches Ungeheuer mit hundert Schlangen- und Drachenköpfen, ebenso der Kampf des in den Olymp aufgenommenen Heroen Herakles gegen die vielköpfige Hydra.

In späteren Überlieferungssträngen agiert zumeist nicht mehr die Gottheit selbst, sondern ein Repräsentant der Gottheit (z.B. Held; → Engel) im Kampf gegen das Drachenwesen.

4. Neues Testament

Der Ausdruck δράκων konzentriert sich im Neuen Testament auf insgesamt drei Textabschnitte in der → Offenbarung des Johannes, in denen der → Satan / Teufel so bezeichnet bzw. in der Gestalt eines Drachen präsentiert wird: in der dreiteiligen Vision von Apk 12 und der damit eng verbundenen Vision der beiden Tiere (Apk 13), im Kontext der sechsten Schalenvision (Apk 16,12-16) und schließlich im Rahmen der Schilderung der endzeitlich endgültigen Überwindung des Satans in Apk 20,1-10. In umschreibender Weise heißt es außerdem vom zweiten Tier in Apk 13, dem „Tier von der Erde“, vom Festland, dass es zwar „wie ein Lamm“ aussieht (der Begriff → Lamm [ἀρνίον / arníon] ist in der Apokalypse sonst ausschließlich für → Christus gebraucht), dass es aber „wie ein Drache“ redet (Apk 13,11), in seinem Sprechen also sein wahres, teuflisches Wesen zu erkennen gibt (in Apk 16,13; Apk 19,20; Apk 20,10 wird dieses Tier „Pseudoprophet“ genannt; → Antichrist).

4.1. Apk 12-13 – Zeichen am Himmel, Sturz auf die Erde und Kampf gegen das Volk Gottes

Apk 12,1-17 inszeniert zunächst das Erscheinen von zwei großen Zeichen am → Himmel: einer mit himmlischen Attributen ausgestatteten Frauengestalt und eines Drachen als deren Gegenspieler (Apk 12,1-6). Es folgen die Erzählung vom Sturz des Drachen und seiner Gefolgschaft auf die Erde (Apk 12,7-12) und die nicht minder dramatische Schilderung der Verfolgung der Frau durch den Drachen im Anschluss daran (Apk 12,13-17). In apokalyptisch zugespitzter, bildhaft-visionärer Form sind das Wesen und Geschick des Gottesvolkes (Frau), das Christusereignis (Geburt und Entrückung des Kindes der Frau) und das Wirken und die Wirksamkeit des Satans, der gottfeindlichen Macht schlechthin (Drache), in ihrem spannungsvollen Verhältnis zueinander Gegenstand dieser Textsequenz.

Der Drache wird als ein großes und feuerrotes (πυρρός / pyrrós; vgl. Jes 14,29 MT) Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und sieben Diademen auf seinen Köpfen eingeführt und damit als äußerst machtvoll und gefährlich zugleich beschrieben (Apk 12,3). Die Anzahl der Köpfe und Hörner erinnert an die Traumvision der vier aus dem Meer heraufsteigenden Untiere in Dan 7,2-8, noch deutlicher ist dieser Bezug mit seiner symbolischen Transparenz auf konkrete Weltreiche hin freilich für die spiegelbildliche Entsprechung des Drachen im „Tier aus dem Meer“ von Apk 13,1-10 gegeben. Illustration und Demonstration der außerordentlichen, übernatürlichen und zerstörerischen Macht des Drachen ist es, wenn er mit seinem Schwanz ein Drittel der → Sterne vom Himmel wegfegt und auf die Erde schleudert (Apk 12,4; vgl. Dan 8,10). Als solche steigert es die Bedrohlichkeit des Drachen, dessen unmittelbare Absicht es ist, das Kind zu verschlingen, das die von Wehen geplagte Frau im Begriff ist zu gebären.

In Apk 12,9 wird der Drache als „alte Schlange“ (ὄφις / óphis; vgl. Apk 12,14f) bezeichnet und namentlich mit dem → „Teufel“ (διάβολος / diábolos) und dem → „Satan“ (σατανᾶς / satanás; „Widersacher“) identifiziert (so auch in Apk 20,2). Ein Bedeutungsunterschied der beiden Begriffe ist schon in der Septuaginta, die das hebräische שָּׂטָן / sātān in der Regel mit διάβολος übersetzt und nur in 1Kön 11,14 (vgl. Sir 21,30 [nach Zählung der Lutherbibel]) mit σατάν / satán wiedergibt, nicht erkennbar. Die Gleichsetzung der Paradiesesschlange (→ Paradies) mit dem Teufel ist in Gen 3 nicht zu finden, ist aber in der → außerkanonischen und rabbinischen Literatur belegt (vgl. Aune, 696f) und andeutungsweise auch in Weish 2,24 und Röm 16,20 greifbar. Primäre Tätigkeit des Drachens ist es nach Apk 12,9, die ganze Welt zu verführen (πλανάω / planáō; vgl. Apk 20,3.8.10). Apk 12,10 nennt den Teufel außerdem auch den „Ankläger“ (κατήγωρ / katḗgōr) und spricht davon, dass er „unsere Brüder“, die Christen auf Erden, Tag und Nacht vor Gott „anklagt“ (vgl. Hi 1,6-12; Hi 2,1-7; Sach 3,1).

Mit Wasser in Verbindung gebracht wird der Drache in Apk 12,15f, wo die Rede davon ist, dass die Schlange aus ihrem Maul einen Wasserstrom ausspeit und diesen der vor ihr fliehenden Frau hinterher schleudert, um sie fortzuspülen. In Apk 12,18 tritt der Drache zudem an das Ufer des Meeres.

Kommen schon in der Charakterisierung des Drachen geläufige Bildelemente aus der altorientalischen und biblischen Überlieferung zum Tragen, so lässt auch der konkret erzählte Geschehensablauf in einzelnen Aspekten Einfluss durch verschiedene mythologische Traditionen erkennen.

Die Entrückung des messianisch konnotierten Kindes zum Thron Gottes unmittelbar nach der Geburt (Apk 12,5) setzt den endzeitlichen Entscheidungskampf mit dem Satan in Gang. Als Drachenkampf inszeniert, tritt im Himmel → Michael, der in alttestamentlich-frühjüdischer Vorstellung als Schutzpatron des → Gottesvolkes gilt (Dan 10,13.20f; Dan 12,1), zusammen mit seinen → Engeln gegen den Drachen und dessen Engelsheer an. Ohne Schilderung des Kampfes wird der Sturz der gottfeindlichen Mächte auf die Erde konstatiert (Apk 12,9) und mit einem hymnischen Lobpreis Gottes und seines Gesalbten (→ Messias) besungen (Apk 12,10-12). Der Satanssturz (vgl. Lk 10,18; Joh 12,31; vgl. auch äthHen 9-10) wird als Zeichen der göttlichen Rettung, des definitiven Sieges und des damit bereits erfolgten Herrschaftsantritts Gottes proklamiert, seine Ursache wird in der Lebenshingabe → Jesu („durch das Blut des Lammes“) und im standhaften Christuszeugnis der Glaubenden verortet.

Zwar prinzipiell bereits entmachtet, kann der Drache auf Erden seine Macht noch ausüben. Sein Versuch allerdings, gegen die Frau vorzugehen, erweist sich in der Folge ebenfalls als erfolglos (Apk 12,13-16). Der Beistand Gottes und die Bewahrung des Gottesvolkes (als einer kollektiven Größe) kommen in mehreren, weitgehend an das Exodusgeschehen angelehnten Erzählmotiven (Adlerflügel, Ort in der Wüste, Nahrungsversorgung, Eingreifen der Natur) deutlich zum Ausdruck. Auch die Absicht des Drachen, seinen Kampf mit voller Wut gegen die übrigen Nachkommen der Frau, d.h. gegen die Christen auf Erden, zu führen (Apk 12,17), ist überschattet von der Gewissheit, dass seine Macht zeitlich begrenzt (Apk 12,12; vgl. Apk 12,6.14), der Kampf im Grunde von vornherein also aussichtslos ist.

Diesen Kampf führt der Drache nicht selbst, er bedient sich dafür irdischer Repräsentanten in Gestalt der beiden Tiere von Apk 13. Geradezu auf Geheiß des Drachen und als dessen spiegelbildliche Verkörperung entsteigt dem → Meer ein erstes, furchterregendes Untier, dem der Drache alle seine Macht überträgt, sodass sich die Menschen anbetend vor ihm und dem Tier niederwerfen (Apk 13,2-4.8). Diesem Tier, dessen wesentliche Eigenschaft Gotteslästerung ist, ist es gegeben, den unerbittlichen Kampf gegen die Christen auszuführen (Apk 13,7; Apk 17,14). In analoger Beziehung zum Drachen und zum Tier aus dem Meer steht auch das zweite Tier vom Festland (Apk 13,11-18), das mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dem ersten Tier zuarbeitet und die Menschen zur Anbetung des Tieres „verführt“ (πλανάω / planáō; Apk 13,14; Apk 19,20). Hinter beiden Akteuren steht der Drache, der → Satan, selbst. Das schweißt die beiden Tiere mit dem Drachen zu einer „satanischen Trias“ bzw. „satanischen Trinität“ zusammen. Der zeitgeschichtliche Bezug ist für die beiden Tiere unübersehbar (vgl. auch Apk 17-18). Das erste Tier ist Metapher für das Imperium Romanum bzw. den → römischen Kaiser und dessen religiös überhöhten Herrschaftsanspruch, das zweite Tier ist Metapher für die Propagandisten des → Kaiserkults, die unmittelbar für die bedrängnisvolle Situation der → Gemeinden der → Apokalypse verantwortlich sind. Entsprechend vielschichtig und tiefgreifend gestaltet sich der paränetische Akzent der visionären Inszenierung des Drachen und seiner beiden Agenten in Apk 12-13.

4.2. Apk 16,12-16 – Dämonen im Dienst des Drachen

Im Kontext der sechsten Schalenvision (Apk 16,12-16) ist unter anderem davon die Rede, dass aus dem Maul des Drachen und der beiden Tiere drei unreine Geister (→ Dämonen) herauskommen, die wie Frösche (→ Frosch) aussehen und Wunderzeichen wirken. „Nach persischer Vorstellung sind Frösche Repräsentanten und Diener des Ahriman, des Gottes der Finsternis“ (Giesen, 357). Neben einer Anspielung auf die Exoduserzählung (Ex 7,26-8,11) schwingt vor dem Hintergrund metaphorischer Konnotationen in zeitgenössischer antiker Literatur im Bild der Frösche zudem wohl auch ein ironisch abwertender Unterton mit (vgl. Witetschek). Die drei Dämonenwesen agieren als Boten und führen die Könige der ganzen Erde, die gesamte gottferne Welt, an dem als → Harmagedon bezeichneten Ort zusammen zum endzeitlichen Kampf gegen Gott „am großen Tag Gottes, des Allherrschers“ (Apk 16,14; vgl. Apk 19,11-21). Darin sind auch diese Dämonen Symbol der verführerischen Agitation des Drachen bzw. der satanischen Trias insgesamt. Das Motiv vom „Tag Gottes“ (→ Tag Jahwes; vgl. Apk 6,17; 2Petr 3,12) impliziert zugleich die Gewissheit des definitiven Sieges Gottes (vgl. Jo 2,11.31).

4.3. Apk 20,1-10 – Fesselung und endgültige Überwindung

Im Rahmen der breiter angelegten Schilderung des endzeitlichen Gerichts über die gottfeindlichen Mächte ist in Apk 20,1-3 davon die Rede, dass der Drache durch einen Engel überwältigt und zunächst für tausend Jahre gefesselt in den „Abyssos“ (ἄβυσσος / ábyssos), den Abgrund, eingeschlossen wird, einen Ort in der Unterwelt, an dem auch andere dämonische Mischwesen und das erste Tier lokalisiert werden (Apk 9,1.2.11; Apk 11,7; Apk 17,8; in der frühjüdischen Apokalyptik Gefängnis der Dämonen: äthHen 10,4-6; 18,11-16; 88,1). In der Septuaginta ist ἄβυσσος / ábyssos als Ort stets mit Wasser konnotiert (vgl. Dtn 8,7; Jes 51,10; Ps 104[103],6).

Die Vorstellung, dass der → Satan für tausend Jahre daran gehindert wird, mit seinem unheilvollen Tun („verführen“; Apk 20,3.7.10) den Menschen gefährlich zu werden, kennt zahlreiche, zum Teil sehr alte Parallelen (vgl. Jes 24,21-23; äthHen 21,6-10; Jub 10,5-7; TestLev 18,12). „Ein alter iranischer Mythos erzählt von der Schlange Azhi Dalaka, daß sie zunächst gefesselt wird, am Ende aber wieder losgelassen wird, um schließlich endgültig überwunden zu werden“ (Giesen, 430). Das damit eng verbundene Bild eines messianischen Zwischenreichs in der satansfreien Zeit, die Verheißung der tausendjährigen Herrschaft der treuen Christen mit Christus (Apk 20,4-6), hat in der Wirkungsgeschichte mannigfache Rezeption mit nicht selten fatalen Folgen gezeitigt (→ Tausendjähriges Reich / Chiliasmus / Millenarismus).

Apk 20,7-10 berichtet – erneut unter Einbeziehung auch mythischer Elemente – schließlich davon, dass der Drache nach Ablauf der tausend Jahre für kurze Zeit wieder freigelassen wird, um seine verführerische Aktivität fortzusetzen und die Völker der Erde, den Gog und den Magog (→ Gog / Magog; vgl. Ez 38f), zu einem letzten Ansturm gegen die Heilsgemeinde zu sammeln. Ehe diese aber ihr Vorhaben verwirklichen können, werden sie durch Feuer vom Himmel vernichtet (Apk 20,9). Der Drache selbst wird – wie schon vor ihm seine irdischen Vasallen, die beiden Tiere (Apk 19,20) – in den See von → Feuer und → Schwefel geworfen und dort in absoluter Gottferne („der zweite Tod“; vgl. Apk 20,14; Apk 21,8) auf ewig gequält werden. Die definitive Überwindung aller widergöttlichen Feinde ist damit auf dramatische Weise erzählerisch auf die Spitze geführt. Allem äußeren Anschein zum Trotz trägt der Satan samt all seinen Helfershelfern und Anhängern am Ende nicht den Sieg davon, sondern wird jenes Geschick erfahren, das ihm aufgrund des heil- und machtvollen Eingreifens Gottes im Christusereignis im Grunde bereits von Anfang an (Apk 12,12) beschieden ist.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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2. Weitere Literatur

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