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Lexikon

Domitian

Dana Mahr

(erstellt: Mai 2011)

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1. Leben

1.1. Domitian unter Vespasian und Titus

Titus Flavius Domitianus wurde am 24. Oktober 51 als zweiter Sohn des → Vespasian und der Flavia Domitilla in Rom geboren.

Das Vierkaiserjahr (69), aus dem sein Vater als erster Kaiser der Flavier hervorgehen sollte, überlebte der junge Domitian durch eine listenreiche Flucht vom brennenden Kapitol (Morgan). Nach den Schilderungen der antiken Geschichtsschreibung konnte er den Ring der die Flavier belagernden Vitellianer in der Verkleidung eines Isispriesters verlassen (Tacitus, Historien 3,74,1; Cassius Dio 65,17,2; vgl. Sueon, Domitian 1,2).

Während der Herrschaftsperioden seines Vaters (69-79) und seines älteren Bruders → Titus (79-81) hatte Domitian nur wenig politischen Einfluss und kaum nennenswerte militärische Aufgaben. Dennoch wurde er, als Titus im September 81 starb, sowohl vom Militär als auch vom Senat als legitimer Nachfolger anerkannt (Cassius Dio 66,26,3). Noch im gleichen Monat wurde ihm, als dem dritten Flavier, die höchste Amtsgewalt verliehen (Southern).

1.2. Pragmatische Grenzpolitik

Mit Regierungsantritt galt Domitians Hauptsorge der Germanengefahr am Rhein. Im Jahr 83 erlangte er einen entscheidenden Sieg über das Volk der Chatten, feierte einen Triumph und erhielt den Beinamen Germanicus (Frontin strat. 2,11,7). Im darauffolgenden Jahr wandelte er die ehedem als Militärbezirke gelisteten römischen Einflussgebiete in Germanien in die Provinzen Ober- und Niedergermanien (Germania superior und Germania inferior) um. Im Winter 85 / 86 drang das Volk der Daker in die von Rom beherrschten Donaugebiete vor. Zwischen 85 und 89 führte Domitian die sogenannten Donaukriege gegen die Daker. Im Jahr 85 war er persönlich in Moesien anwesend (Sueton, Domitian 6,1; Cassius Dio 67,6,1ff.) und feierte ein Jahr später einen erneuten Triumphzug in Rom. Weniger gut entwickelten sich die sogenannten Donaukriege (85-92) gegen die Daker und Sarmaten. Sie endeten – nach mehreren Niederlagen – mit den Friedensschlüssen von 89 und 92 n. Chr. (Christ). Insgesamt betrieb Domitian eine pragmatische, nicht expansive Grenzpolitik, zu der auch die Beendigung der Besetzung Britanniens gehörte. Trotz dieses grenzpolitischen Realismus, von dem noch seine Nachfolger profitieren, entwickelte sich in Rom eine starke Opposition gegen den Princeps (Christ). Dies ist im Zusammenhang mit Domitians Innenpolitik zu sehen.

1.3. Autokratische Auslegung des Principas

Photographie aus dem Bestand des British Museum (AN657696001). Property of the British Museum, all rigths reserved.

Abb. 1 Goldmünze aus dem Jahr 73 n. Chr.; Dargestellt ist Domitian; Inschrift: CAES AVG F DOMITIAN COS II.

Bereits im Jahr 85 übernahm Domitian eine ständige Zensur (censor perpetuus). Mit ihr verfügte er über ein rechtliches Instrument, mit dem er umfassend in die Zusammensetzung des Senats eingreifen konnte – und es anscheinend auch tat. Durch diese konsequente Umwandlung des Principats in ein autokratisches Regime geriet Domitian zusehends bei der senatorischen Elite in Misskredit. Hierfür sorgte auch die an hellenistische Potentaten erinnernde Praxis sich als Herr und Gott (dominus et deus) verehren zu lassen (vgl. Sueton, Domitian 4,1; Joh 20,28; kritisch: Witulski, 32-36).

Diejenigen der Führungselite, die sich dem Kaiserkult anschlossen oder zumindest nicht widersetzten, wurden gefördert. So z. B. der Historiker Tacitus und der spätere Kaiser → Trajan. Wer sich dem Kult u.a. mit politischen und religiösen oder philosophischen Argumenten widersetzte, lief Gefahr, Domitians Missfallen zu erregen. Schon 87 gab es aus senatorischen Kreisen Verschwörungen gegen Domitian. Diesen begegnete der Kaiser mit Verbannungen und Hinrichtungen (Cassius Dio 67,31,1).

Der Saturninusaufstand des Jahres 89 kann als Initialereignis für eine breite Opposition gegen Domitian gesehen werden (Pfeiffer). Nach dessen erfolgreicher Niederschlagung begann im Jahr 93 die staatliche Verfolgung der Stoiker (Tacitus, Agricola 45).

Den Höhepunkt der domitianischen Auseinandersetzung mit den Eliten markiert das Jahr 95, in dem der Kaiser seine Gattin Domitia in die Verbannung schickte und seinen Vetter Flavius Clemens hinrichten ließ (vgl. Syme). Die ältere Forschung nimmt aufgrund eines Hinweises auf „jüdische Lebensformen“ in Cassius Dio 67,14,1-2 an, dass es sich bei beiden um Christen handelte. Die Übersetzung des Cassius Dio von Otto Veh (2007) legt dies sprachgewaltig dar (Veh).

„Zu dieser Zeit wurde die Straße von Sinuessa nach Puteoli mit Steinen gepflastert. Und im gleichen Jahr ließ Domitian neben vielen anderen den Konsul Flavius Clemens hinrichten, obwohl er sein Vetter war und Flavia Domitilla, ebenfalls eine Verwandte des Kaisers, zur Frau hatte.

Beiden wurde Atheismus zum Vorwurf gemacht, weshalb auch viele andere, die sich in jüdische Lebensformen hineintreiben ließen, Verurteilung erfuhren. Einige von ihnen wurden hingerichtet, andere nur ihres Vermögens beraubt; Domitilla mußte lediglich in die Verbannung nach Pandataria gehen.“

Die rezente althistorische Forschung steht dieser Ansicht indifferent gegenüber (vgl. Southern und Pfeiffer). Nach diesen Ereignissen schottete sich Domitian weitgehend von der Außenwelt ab und fiel im September 96 einer Verschwörung zum Opfer, an der auch seine Frau beteiligt gewesen sein soll (vgl. Sueton, Domitian 17). Schon kurz nach Domitians Tod verhängte der Senat die sog. damnatio memoriae (Verdammung des Andenkens) über den gescheiterten Princeps.

2. Domitian und das Christentum

In der frühen christlichen Kirche hat sich in den ersten Jahrhunderten die Tradition herausgebildet, diejenigen Kaiser, die in der Geschichtsschreibung der senatorischen Eliten als ungerecht beschrieben wurden (iniusti imperatores) als Christenverfolger aufzufassen (insecutores Christi) (Pfeiffer). Dies gilt auch für Domitian.

Instruktiv hierfür sind einige Passagen bei → Eusebius. Im siebzehnten Kapitel des dritten Buches seiner Kirchengeschichte (Eusebius, Kirchengeschichte 3,17) verschränkt der Autor beide Motive. Zunächst beschreibt er – in Analogie zu Cassius Dio und Sueton – wie sich Domitian am Leben und Vermögen der edelsten und einflussreichsten Männer und Frauen Roms verging. Dieser Hass – so Eusebius weiter – entlud sich schließlich auch gegenüber der jungen Kirche und führte zur systematischen Verfolgung. Domitian wird somit zum zweiten großen Verfolger der Christen nach → Nero stilisiert. Sein Tod wurde in dieser Sichtweise als gerechte → Strafe Gottes interpretiert.

Diese Bewertung korrespondiert mit einer selbstlegitimierenden Geschichtspraxis des im dritten und vierten Jahrhundert n. Chr. um Einfluss ringenden Christentums. Hierzu gehörte u.a. die Sichtweise, dass sich einzelne Mitglieder der römischen Elite schon sehr früh dem Christentum zugewandt hätten, wie etwa Domitians Vetter Flavius Clemens (Pfeiffer). In den Quellen ist dies nicht nachweisbar. Gleiches gilt für die Behauptung einer systematischen Christenverfolgung unter Domitian. Weder der → erste Clemensbrief (1Clem 1,1) noch die → Offenbarung des Johannes (Apk 13) sind diesbezüglich so eindeutig wie es einige ForscherInnen annehmen. Einzuräumen ist jedoch, dass sich die Lage der Christen in Kleinasien (asia minor) unter Domitian verschlechtert hatte. Als Hinweis hierfür kann die Korrelation der Einrichtung des vierten provinzialen Kaiserkultes (belegt durch 13 erhaltene Weihinschriften) mit der frühchristlichen Frömmigkeitspraxis der Kultverweigerung angesehen werden (vgl. Witulski 53-77; Klein).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Klein, R., 1999, Art. Domitian, Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Bd. 2, 936-937

2. Weitere Literatur

  • Christ, K., 2006, Die römische Kaiserzeit, dritte aktualisierte Auflage, München
  • Morgan, G., 2006, 69 A. D. The year of four emperors, Oxford
  • Pfeiffer, S., 2009, Die Zeit der Flavier. Vespasian – Titus – Domitian, Darmstadt
  • Southern, P., 1997, Domitian: Tragic Tyrant, London
  • Syme, R., 1983, Domitian: The Last Year, Chiron 13, 121-146
  • Witulski, T., 22010, Kaiserkult in Kleinasien. Die Entwicklung der kultisch-religiösen Kaiserverehrung in der römischen Provinz Asia von Augustus bis Antoninus Pius, Göttingen
  • Veh, O., 2007, Cassius Dio, Römische Geschichte, Band 5, Epitome der Bücher 61-80, Düsseldorf

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Goldmünze aus dem Jahr 73 n. Chr.; Dargestellt ist Domitian; Inschrift: CAES AVG F DOMITIAN COS II. Photographie aus dem Bestand des British Museum (AN657696001). Property of the British Museum, all rigths reserved.
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