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Lexikon

Döderlein, Johann Christoph

(1746-1792)

Martin Mulzer

(erstellt: Dez. 2009)

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1. Leben

Johann Christoph Döderlein wurde am 20. Januar 1746 als Sohn des evangelischen Pfarrers Johann Georg Döderlein und der Bürgermeisterstochter Adriane Sybille Rücker in der freien Reichsstadt Windsheim (heute: Bad Windsheim in Mittelfranken, Bayern) geboren. Er studierte ab 1764 an der nürnbergischen Universität Altdorf, wurde 1766 Diakon in Windsheim und 1772 Professor der Theologie und Diakon in Altdorf. 1782 wurde er als Nachfolger von Ernst Jacob Danov an die Universität Jena berufen und daselbst 1784 zum Geheimen Kirchenrat ernannt. Im WS 1784/85 und im WS 1790/91 bekleidete er das Amt des (Pro-)Rektors. Seine erste Frau, Rosina Maria Merklein, verlor er im März 1787 (erhalten ist ein gedrucktes Grabgedicht Döderleins). Aus der zweiten Ehe mit Rosine Eleonore Eckard (1770-1832, Tochter von Johann Ludwig [von] Eckard, Professor der Rechte in Jena; in zweiter Ehe war sie verheiratet mit dem Religionsphilosophen Friedrich Immanuel Niethammer) entstammte sein Sohn Johann Ludwig Christoph Wilhelm von Döderlein (1791-1863, geadelt 1861), ein bedeutender klassischer Philologe an der Universität Erlangen (vgl. auch NDB 4,15). Das letzte Lebensjahr Johann Christoph Döderleins, 1792, war von studentischen Unruhen in Jena überschattet, für deren Beilegung er sich einsetzte (vgl. Wilson 2004). Döderlein starb am 2. Dezember 1792 in Jena.

2. Deuterojesaja-Hypothese

Bleibende Bedeutung erlangte Döderlein durch die Begründung der → Deuterojesaja-Hypothese, das heißt die Zuschreibung von Jes 40ff. an einen exilischen Verfasser (zur späteren Abtrennung → Tritojesajas s. → Duhm). Diese sprach er behutsam formulierend erstmals 1781 in seinem eigenen Rezensionsjournal „Auserlesene Theologische Bibliothek“ (Bd. 1, Teil 11, S. 832) aus: „Noch ließe sich fragen: ob es nicht sehr glaublich sey, daß dieser ganze Abschnitt erst während des Babylonischen Exils sey niedergeschrieben worden?“.

In der 3. Auflage seines lateinischen Jesajakommentars 1789 führt er die Überlegung weiter: „Quare consentaneum videtur, orationem vel potius librum posteriorem a Capite XL, ad serius, Esaia, aevum referre, atque sub finem exilii ab anonymo quodam, vel homonymo antiquo vate, compositum profiteri. Quod quidem nullo periculo, multo autem commodo statuitur.“ (S.XV) „Und deshalb scheint es sinnvoll, dass die Rede oder vielmehr das hintere Buch vom Kapitel 40 ab sich auf eine spätere Zeit als Jesaja bezieht und gegen Ende des Exils von einem Anonymus oder einem dem alten Prophet gleichnamigen (Verfasser) zusammengestellt wurde. Dies wird also ohne jede Gefahr, ja sogar sehr zweckmäßig angenommen.“

Zuvor hatte 1783 → Johann Gottfried Eichhorn (1752-1827) in seiner „Einleitung in das Alte Testament“ (Bd. 3, 1783, 84ff.), den 1781 von Döderlein geäußerten Gedanken breiter aufgenommen, ohne seinen Vorgänger zu nennen: „… ie öfter ich die Orakel vom 40sten bis 52sten Kapitel Jesaias lese, desto weniger will es mir einleuchten, daß sie vor dem babylonischen Exil abgefaßt seyn sollen … In der genannten Reihe von Orakeln (Jes XL-LII) ist überall das babylonische Exilium die Scene; der Dichter spricht, als lebte er im Exil, als spräche er zu Exulanten, welche bei der Zögerung ihrer Wiederkehr ins Vaterland schon verzweifeln, ob auch die Verheißungen ihrer alten Propheten in Erfüllung gehen würden. Sollte nicht der Verfasser der darinn enthaltenen tröstlichen Verheißungen im Exil selbst gelebt haben?“ (Zitat nach Smend 1989, 31, der auch auf die Abhängigkeit Eichhorns von Döderlein hinweist).

Döderleins Verdienst besteht darin, den prophetischen Ausspruch mit der Situation der Adressaten verbunden zu haben. Der prophetische Autor spricht so, dass er von den Zeitgenossen verstanden werden kann. Er macht keine dunklen Andeutungen über eine ferne Zukunft. Wenn sich ein Text wie Jes 40ff. eindeutig auf die Exilssituation bezieht, dann muss er auch einem exilischen Autor zugeschrieben werden. Die Bezeichnung „Deuterojesaja“ für den exilischen Autor geht nicht auf Döderlein, sondern erst auf → Bernhard Duhm (1847-1928) zurück (vgl. Berges 2008, 32). Der heutigen exegetischen Diskussion ist die Rückführung von Jes 40-55 auf einen individuellen Autor „Deuterojesaja“ fraglich geworden (vgl. z.B. Höffken 2004; Berges 2008, 26-47 [zu Döderlein S.31f.]). Für die exilisch verfassten Texte in Jes 40-55* ist die Bezeichnung „deuterojesajanisch“ bei aller Diskussion von Textumfang und Zugehörigkeit immer noch angemessen.

3. Alttestamentler und Theologe

Döderlein gilt als Vertreter der Neologie (Aufklärungstheologie). Sein wissenschaftliches Interesse galt vorrangig dem Alten Testament, aber auch der protestantischen Glaubenslehre und Ethik (vgl. dazu Leder 1965, 206-235; Beutel 2009, 141).

Als Exeget wirkte Döderlein durch den bereits erwähnten lateinischen Jesajakommentar in drei Auflagen, der bei seinem Erscheinen einen „Jesajastreit“ auslöste (vgl. dazu Leder 1965, 170-173), durch kommentierte deutsche Übersetzungen zum Sprüchebuch, zu Kohelet und zum Hohen Lied, durch Beiträge in den von ihm herausgegebenen Zeitschriften „Auserlesene theologische Bibliothek“ (1780-1792) sowie „Theologisches Journal“ (1792) und durch die Herausgabe und Ergänzung der „Annotationes in Vetus Testamentum“ des Hugo Grotius (1583-1645), in die er nach dem Tod von Georg Johann Ludwig Vogel (1742-1776) eingetreten war (vgl. dazu Graf Reventlow 1997, III, 225). Mit seinen „Antifragmenten“ schuf er eine Erwiderung aus der Perspektive der Neologie auf die anonymen (von Hermann Samuel Reimarus [1694-1768] verfassten und von Gotthold Ephraim Lessing [1729-1781] herausgegebenen) Wolfenbütteler Fragmente.

Döderlein ist darin ein Vorläufer moderner Exegese, dass er eine literarische Abhängigkeit von biblischen Texten und eine Beteiligung mehrerer Autoren aus unterschiedlichen Zeiten an einem biblischen Buch für möglich hält. Letzteres gilt etwa nicht nur für das → Jesajabuch, sondern auch für die → Psalmen und das → Sprüchebuch: „Wie bey der Sammlung der Psalmen auch Gedichte von spätern Verfassern hinzugekommen sind, so wurden wegen der Verwandtschaft der Materie auch Denksprüche andrer, vielleicht späterer, weisen Männer der Sammlung von Salomos Sentenzen beygefügt. Wer sie ihrem Stande, Amte, Zeitalter und andern äußerlichen Umständen nach sein mögen, weiß ich nicht.“ (Sprüche Salomons 1778, 136)

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Allgemeine Deutsche Biographie, München 1875-1912
  • Realencyclopädie für protestantische Theologie und Kirche, Leipzig 1896-1913
  • Deutsches Literatur-Lexikon, 2. Aufl., Bern 1947-1958
  • Neue Deutsche Biographie, Berlin 1953ff. (Atk. zu Johann Ludwig Christoph Wilhelm von Döderlein)
  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1963
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001 (Atk. Jesaja)
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Hamm 1975ff (im Internet)

2. Werke (in Auswahl)

  • Curarum exegeticarum et criticarum in quaedam Vetus Testamenti oracula specimen, Altdorf Nürnberg 1770
  • Esaias ex recensione textus hebraei ad fidem codd. quorundam mss et versionum antiquarum latine vertit notasque varii argumenti subiecit, Altdorf 1775 (2. Aufl. 1780; 3. Aufl. 1789)
  • Sprüche Salomons neu übersetzt mit kurzen erläuternden Anmerkungen, Altdorf (Lorenz Schüpfel) 1778 (Nürnberg [Georg Peter Monath] 2. Aufl. 1782; 3. Aufl. 1786)
  • Fragmente und Antifragmente. Einige von Herrn Lessing herausgegebene Fragmente abgedruckt mit Betrachtungen darüber, 2 Bände, Nürnberg [Johann Georg Lochnersche Buchhandlung] 1778.1779 (2. Aufl. Nürnberg [E.C. Grattenauerische Buchhandlung] 1788)
  • Scholia in libros Veteris Testamenti Poeticos, Jobum, Psalmos, et tres Salomonis, Halle 1779
  • Auserlesene Theologische Bibliothek, 4 Bände, Leipzig 1780-1787/1792
  • Institutio theologi christiani in capitibus religionis theoreticis nostris temporibus accomendata, 2 Bände, Altdorf [Schüpfel] 1780-1782 (2. Aufl. Altdorf Nürnberg [Monath und Kußler] 1782-1783; 3. Aufl. 1784; 4. Aufl. 1787; 5. Aufl. 1791; 6. Aufl. 1797, bearbeitet von Christian Gottfried Junge) (dt. Ausgabe: Christlicher Religionsunterricht nach den Bedürfnissen unserer Zeit, 12 Bände, Nürnberg Altdorf 1785ff. [Bd.6-12 hrsg. von Christian Gottfried Junge])
  • Salomons Prediger und hohes Lied. Neu übersetzt mit kurzen erläuternden Anmerkungen, Jena (Cuno) 1784 (2. Aufl. Jena [Christ. Heinrich Cuno’s Erben] 1792)
  • Opuscula Theologica, Jena (Christ .Heinrich Cuno’s Erben) 1789
  • Theologisches Journal, Bd.1, Nürnberg / Jena 1792
  • Döderlein, J.C. [/ Vogel, G.J.L.] (Hgg.), Hugonis Grotii Annotationes in Vetus Testamentum emendatius edidit brevibus complurimum locorum dilucidationibus auxit, Bd.2 und 3, Halle/S. 1776

3. Sekundärliteratur

  • Aner, K., Die Theologie der Lessingzeit, Halle/S. 1929, Ndr. Hildesheim 1964
  • Berges, U., Jesaja 40-48 (HThKAT), Freiburg i. Br. u.a. 2008
  • Beutel, A., Kirchengeschichte im Zeitalter der Aufklärung. Ein Kompendium (UTB 3180), Göttingen 2009
  • Heussi, K., Geschichte der Theologischen Fakultät zu Jena, Weimar 1954
  • Höffken, P., Jesaja. Der Stand der theologischen Diskussion, Darmstadt 2004
  • Leder, K., Universität Altdorf. Zur Theologie der Aufklärung in Franken. Die theologische Fakultät in Altdorf 1750-1809 (Schriftenreihe der Altnürnberger Landschaft 14), Nürnberg 1965
  • Mulzer, M., Döderlein und Deuterojesaja, BN 66 (1993), 15-22
  • Pester, Th., Die Rektoren / Prorektoren der Universität Jena 1548/49-2008 (im Internet [Stand 26.11.2009])
  • Reventlow, H. Graf, Epochen der Bibelauslegung, Band III, Renaissance, Reformation, Humanismus, München 1997
  • Rohls, J., Protestantische Theologie der Neuzeit, Band I, Die Voraussetzungen und das 19. Jahrhundert, Tübingen 1997
  • Smend, R., Deutsche Alttestamentler in drei Jahrhunderten, Göttingen 1989
  • Smend, R., Lowth in Deutschland, in: ders., Epochen der Bibelkritik. Gesammelte Studien, Bd. 3 (BEvTh 109), München 1991, 43-62
  • Wilson, W.D. (Hg.), Goethes Weimar und die Französische Revolution. Dokumente der Kriegsjahre, Köln u.a. 2004
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