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Lexikon

Dina

Andere Schreibweise: Dinah (engl.)

Maria Häusl

(erstellt: Febr. 2008)

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Dina ist die in Gen 30,21, Gen 34 und Gen 46,15 erwähnte Tochter von → Lea und → Jakob. Ansonsten ist der Name, der von seiner Bildung her für Männer und Frauen verwendet werden könnte, weder alttestamentlich noch epigraphisch belegt.

1. Name

Der Name דִּינָה „Dina“ leitet sich vom hebräischen Wortstamm דין dîn „Recht schaffen“ ab. Er ist morphologisch als Nominalform mit suffigiertem Morphem -a einzustufen (Richter, 49.81) und könnte als Nomen mit der Bedeutung „Gericht“ verstanden werden. Vom gleichen Wortstamm דין sind auch folgende Personennamen abzuleiten: Abidan „Ab hat Recht verschafft“ (Num 1,11, Num 2,22, Num 7,60.65, Num 10,24) → Daniel „El hat Recht verschafft“ (1Chr 3,1, Esr 8,2, Neh 10,7, Dan 1,6-12,9, Ez 14,14.20, Ez 28,3) und die Kurzform → Dan „(X) hat Recht verschafft“. Der zuletzt genannte Name bezeichnet einen israelitischen Stamm sowie einen Sohn von Jakob und → Rahel, der ihr durch ihre Sklavin → Bilha geboren wird.

Aufschlussreich für die von דין abgeleiteten Personennamen ist die in Gen 30,6 von der noch kinderlosen Rahel gegebene Namensbegründung für ihren Sohn Dan, Gott habe ihre Bitte gehört, ihr Recht verschafft und ihr einen Sohn geschenkt (Rechenmacher, 91). Die von Verben der Rechtsprechung abgeleiteten Personennamen haben die Konstellation im Blick, dass eine Gottheit einen Rechtsstreit für eine/n unschuldig Bedrängte/n führt (→ Gericht Gottes) und wollen die Aussage machen, dass „die Gottheit uns (der kinderlosen und insofern unschuldig bedrängten Familie = Namensgeber) Recht verschafft hat (durch die Geburt des Kindes = Namensträger)“ (Rechenmacher, 90f.).

Ob der Name Dina auf die in Gen 34 erzählten Ereignisse anspielt und deshalb als sprechender Name wie etwa die Namen in der → Rutnovelle zu lesen ist, ist eher fraglich, da eine analoge Deutung der übrigen Personennamen in Gen 34 nicht möglich ist (gegen Noth, 10 und Stamm, 127).

2. Dina als Tochter

Gen 30,21 berichtet, dass Lea nach ihren acht Söhnen eine Tochter gebar und ihr den Namen Dina gab. Sie ist das letze Kind Leas. In den genealogischen Listen der Kinder Jakobs ist Dina nur in der Liste Gen 46,5-27 in Gen 46,15 erwähnt. Diese Liste kann als agnatischer Stammbaum Jakobs, der nur die männlichen Nachkommen zählt, und als Übersiedlungsliste gelesen werden. Die Bearbeitung als Übersiedlungsliste ist dabei bestrebt, "gezielt Frauen zu betonen, damit klar wird, daß bereits ein ‚Volk‘ (also Männer, Frauen und Kinder) nach Ägypten zog“ (Fischer, 1994, 55). So erwähnt die Einleitung Gen 46,5-7 auch Frauen, Töchter und Enkelinnen, und außer Dina in Gen 46,14 werden in Gen 46,10 eine kanaanitische Schwiegertochter Jakobs und Mutter des Schaul, in Gen 46,17 eine Enkelin Jakobs und Tochter Assers namens Serach sowie in Gen 46,20Josefs Ehefrau → Asenat aufgeführt.

In Gen 35,22b-26, dem zweiten zu Jakob überlieferten Stammbaum, fehlt Dina ebenso wie im Jakobssegen Gen 49 und in Gen 32,23. Entsprechend resümiert I. Fischer die Bedeutung von Frauen in genealogischen Texten des Alten Testaments. Während Müttern eine große Bedeutung beigemessen wird, bezeugen die Texte die „völlige Bedeutungslosigkeit der weiblichen Nachkommenschaft, der Töchter. Wenn in drei Generationen der Verheißungslinie nur eine einzige Tochter erwähnt ist [i.e. Dina], spricht das für sich, bedeutet aber keineswegs, daß es ausschließlich Geburten von Knaben gab. Die Erwähnung von Söhnen und Töchtern in den Übersiedlungsnotizen Gen 36.46 deutet dies auch an“ (Fischer,1994, 71).

3. Dinas Schicksal in Gen 34

Als handelnde Figur tritt Dina nur in der Erzählung Gen 34 auf. Die dem Text zugrundeliegende Story erzählt, dass Dina zu den Töchtern des Landes geht und sie von → Sichem vergewaltigt wird, der sie anschließend aber heiraten will. Als Bedingung hierfür fordern die Brüder Dinas, dass sich Sichem und alle Männer seiner Stadt beschneiden lassen (→ Beschneidung). Die beiden Söhne Jakobs, Simeon und Levi, nutzen dann aber das Wundfieber der Männer, um die Stadt zu überfallen, alles zu plündern und ihre Schwester zurückzuholen.

Gen 34 hat in den letzten fünf Jahren eine rege Auslegung erfahren (Bader, Clark, Fleishman, Graetz, Kelso, Noble, Scholz, van Wolde). Ich will mich im Folgenden auf die narrative Beschreibung Dinas und der mit ihr verknüpften Motive konzentrieren.

Dinas Beitrag zur Handlung beschränkt sich darauf, dass sie ausgeht (יצא), um die Töchter des Landes zu sehen (ראה) (Gen 34,1). In der weiteren Erzählung ist sie zwar noch präsent, weil sich alle Handlungen und Gespräche um sie drehen, ihr Schicksal wird jedoch „völlig ausgeblendet“, ihr Opferstatus festgeschrieben (Fischer, 2000, 136f.). Denn sie bleibt stumm bei der Vergewaltigung, bei der Verhandlung um eine Eheschließung und bei der Herausführung aus dem Haus des Vergewaltigers. Ihre einzige Handlung, die ihr eine gewisse Autonomie in dem ansonsten von Männern dominierten Kontext zugesteht, erfährt zudem eine zweifach negative Bewertung. „Dinas Ausgehen ist negativ bewertet, wenn es mit dem Zugehen auf die ‚Töchter des Landes‘ verbunden wird. Das Kollektiv der Töchter des Landes steht ansonsten in der Genesis nur im Kontext von Heiratsverboten, sodaß ihre Suche ‚nach weiblicher Gesellschaft‘ nicht neutral ist, sondern Dina in ein negatives Licht stellt.“ (Müllner, 343; vgl. Gen 27,46). Wenn Dinas autonomer Handlung unmittelbar der sexuelle Gewaltakt folgt, erscheint er zudem „als Strafe für diesen Akt der Autonomie“ (Müllner, 343). Dieses Muster des „blaming the victim“, das gerade im Kontext sexueller Gewalt vielfach anzutreffen ist, wird in Textauslegungen oftmals unkritisch verstärkt, indem beispielsweise auch das Verb יצא als Hinweis auf ein promiskuitives Verhalten Dinas interpretiert wird (vgl. Graetz, 306-317). Zugleich wird in Auslegungen die sexuelle Gewalthandlung an Dina marginalisiert oder gar als Vergewaltigung geleugnet (vgl. die kritische Diskussion von Scholz und Clark). Auf die Differenz des heutigen Begriffs der Vergewaltigung und des altorientalisch-patriarchalen Verständnisses kann hier nicht eingegangen werden. Die Abfolge der Verben in Gen 34,2 muss jedoch eindeutig im Sinne einer sexuellen Gewalthandlung verstanden werden, denn das Verb לקח „nehmen“ benennt eine gewaltsame Handlung, das Verb שׁכב „schlafen mit“ bezeichnet den Geschlechtsverkehr und das Verb ענה im D-Stamm bewertet „den vollzogenen Geschlechtsverkehr als asoziales Verhalten Sichems“ (Müllner, 266). Müllner stellt dabei klar heraus, dass ענה im D-Stamm nicht den Geschlechtsverkehr gegen den Willen einer Frau bezeichnet, sondern „in einem sexualisierten Kontext als negative Wertung des sexuellen Aktes“ zu verstehen, und etwa mit „entrechten“ wiederzugeben ist (Müllner 268).

Die weitere Erzählung ist bestimmt von den Handlungen männlicher Protagonisten: von Sichem, der Dina heiraten will (vgl. die gesetzlichen Regelungen im Falle der Vergewaltigung einer Jungfrau in den atl. Rechtskorpora Ex 22,15f und Dtn 22,23-29) und der bereit ist, sich und die Männer der Stadt beschneiden zu lassen; und von den Brüdern Dinas, die die Beschneidung als List einsetzen und Rache nehmen für die Vergewaltigung ihrer Schwester. Diese Handlungsentwicklung geht mit markanten nominalen Beschreibungen Dinas einher. So wird Dina in Gen 34,1 genealogisch als Tochter Leas und nicht als Tochter Jakobs vorgestellt. Damit markiert die Geschlechtergrenze die Grenze zur Gewalt, zum Opferstatus und zur männlichen Perspektive. Denn im späteren Text wird Dina, deren Name noch fünfmal fällt (Gen 34,3.5.11.25.26), entweder als Tochter Jakobs (Gen 34,3.5.7.19) oder als Schwester Simeons und Levis (Gen 34,13.14.27.31) benannt. Sichem, der sie heiraten will, bezeichnet sie als ילדה „Mädchen“ (Gen 34,4), und ihre Brüder, die Rache nehmen, bezeichnen die Handlung an ihr als טמא „Verunreinigung“ (Gen 34,27) oder als „zur Hure machen“ (Gen 34,31).

Die kultische Wertung des (gewaltsamen) Geschlechtsverkehrs als Verunreinigung führt auf ein weiteres in der Erzählung verhandeltes Thema, nämlich auf die Frage, ob Israel Ehen mit den Bewohnern des Landes eingehen will bzw. soll. Der Unterschied der Volksgruppen wird dabei wie selbstverständlich an der Beschneidung festgemacht. Die Rache der Brüder verhindert jedoch eine Verschwägerung mit den Bewohnern des Landes, sie macht nicht einmal an der vollzogenen Beschneidung, der Erfüllung der Heiratsbedingung, halt. Damit gibt die Erzählung zwar eine faktische Antwort auf das Problem exogamer Ehen, sie wird jedoch eindeutig kritisiert (Gen 34,30) und ihr fehlt jegliche Begründung.

4. Dina in der Rezeption kanonischer Texte

Im kanonischen Kontext zeigt Gen 34 vielgestaltige Verknüpfungen. Die Thematik der sexuellen Gewalt führt zu Ri 19 und 2Sam 13. Das Motiv, dass ein fremder Herrscher eine Frau begehrt und sie in sein Haus nimmt, führt zu den → Preisgabeerzählungen Gen 12,10-20, Gen 20 und Gen 26,1-11. Im Segensspruch Jakobs in Gen 49,5-7 wird die Kritik an Simeons und Levis Verhalten verstärkt, sie erhalten Fluch statt Segen. Die Tat der Brüder kann aber auch als Ausführung der Bestimmungen von Ex 34,12-16 und Dtn 7,1-4 interpretiert werden, keine Verbindungen mit den Völkern des Landes einzugehen. In keinem der Texte ist allerdings das Schicksal Dinas von Interesse.

Völlig anders ist dies im Gebet der → Judit in Jdt 9,2-4. Auch wenn Dina nicht explizit genannt ist, ist ihr Schicksal Sinnbild für die bedrohte Stadt, das bedrohte Heiligtum und für die in gleicher Weise bedrohte Judit. Zugleich übernimmt Judit die positiv bewertete Rolle Simeons, die den gewalttätigen Angreifer tötet und die Bedrohung noch vor der Vergewaltigung abwendet (vgl. Schmitz, 223-317).

5. Dina in der jüdisch-hellenistischen Literatur

Gen 34 hat in der jüdisch-hellenistischen Literatur eine vielfältige Rezeption erfahren, wobei in unterschiedlicher Perspektive auch auf das Schicksal Dinas eingegangen wird (vgl. v.a. Standhartinger, 89-116). Theodotus (Frgm 3,17-19, → Eusebius, Praeparatio evangelica 9.22.3; Frgm. 4,7-11, Eusebius, Praeparatio evangelica 9,22.3; Text Kirchenväter 3) und Josephus (Antiquitates I.337-341; Text gr. und lat. Autoren) heben v.a. Dinas Vergangenheit als „gute Tochter aus einer vorbildlichen Familie“ und die Vergewaltigung hervor. Das am Motiv der Verunreinigung interessierte Testament Levis (TestLev 5,1-7; TestLev 6,1-9; → Testamente der 12 Patriarchen; Frühjüdische Schriften) und das → Jubiläenbuch (Jub 30,2-4.24f; Text Pseudepigraphen) „reduzieren die Darstellung der Figur Dinas auf eine Minimum“. Besonders das → Jubiläenbuch „rückt an die Stelle der Geschichte von der Vergewaltigung der Dina eine Paränese über Unreinheit“ (Standhartinger, 102f.). Dagegen zeigen → Philo (De Migratione Abrahami 223-225; Text Philo) und Pseudo-Philo (Liber Antiquitatum Biblicarum 8,7-11) Interesse an der Zukunft Dinas, die Darstellung ihres Schicksales nimmt breiten Raum ein. So weiß Pseudo-Philo wie auch das → Testament Hiobs (TestHiob 1,6; Text Pseudepigraphen) zu berichten, dass Dina die (zweite) Frau Hiobs wurde und sechs Töchter und vierzehn Söhne gebar (vgl. Sutter Rehmann, 465-473). Produktiv geht Josef und Asenat (JosAs 22-29; Text Pseudepigraphen) mit Gen 34 um, indem die zentralen Motive in die Erzählung eingeflochten werden.

Die reiche, aber unterschiedliche Rezeption der Dina-Gestalt in der jüdisch-hellenistischen Literatur zeigt eindrücklich, dass an und mit dieser Erzählung kontrovers über Gewalt gegen Frauen und über Frauenbilder diskutiert wurde (Standhartinger, 115f.).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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  • Fischer, I., 1994, Die Erzeltern Israels. Feministisch-theologische Studien zu Gen 12-36 (BZAW 222), Berlin u.a.
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  • Fleishmann, J., 2004, Shechem and Dinah – in the light of non-biblical and biblical sources, Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 116/1, 12-32
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