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Lexikon

Diebstahl / Stehlen (AT)

Anton Cuffari

(erstellt: Febr. 2008)

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1. Definition

Diebstahl (Stehlen) meint im Unterschied zu (a) gewaltsamem und offenem → Raub (vgl. Ex 22,1f.; 2Sam 12,12), (b) Mundraub (vgl. u.a. Dtn 23,25f.) und © Erbeutung im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen (vgl. Num 31,11ff.; Dtn 13,17; Jos 8,1ff.; 1Sam 4,10f.; 1Sam 30,17f.; 2Sam 8,7ff.; → Krieg) das heimliche Entwenden von fremdem Eigentum (→ Besitz), wenngleich eine eindeutige Abgrenzung nicht in allen Fällen möglich ist (vgl. u.a. Ob 5).

2. Begriff

Das hebräische Verb גנב (gānav; davon dt. „Ganove“) mit der Grundbedeutung „stehlen / entfernen / täuschen“ begegnet im Alten Testament 36-mal und bezeichnet bis auf wenige Ausnahmen (u.a. Hi 21,18; Hi 27,20; 2Sam 19,4.42; 2Sam 21,11f.; 2Kön 11,2) eine sündhafte und verbrecherische, gegen Volksgemeinschaft und Gott gerichtete Handlungsweise. 18-mal wird גנב in substantivierter Form verwendet und einmal als Partizip.

An einigen wenigen Stellen kann auch לקח (lāqach) „nehmen / fassen / ergreifen“ Diebstahl oder Raub meinen (u.a. Ri 17,2; Ri 18,17f.24; Jos 7,11).

3. Sanktion, Bestrafung, Erstattung

Während in älterer Zeit sowohl das babylonische als auch das hethitische und assyrische Strafrecht für Sachdiebstahl drakonische Strafen wie → Todesstrafe, Verstümmelungen oder bis zu dreißigfache Erstattung des Gestohlenen vorsahen, wurde Diebstahl im → Recht Israels eher milde beurteilt.

(1) Die Todesstrafe sah das alttestamentliche Recht allein für den Diebstahl von Menschen vor (Ex 21,16; Dtn 24,7). Nur bei nächtlichem Einbruch blieb die Tötung des eingedrungenen Diebes wegen anzunehmender Notwehr straffrei (Ex 21,1f.).

(2) Bei Sachdiebstahl wurden Ersatz- und Bußleistungen festgelegt; so hatte der Dieb das Zweifache des gestohlenen Wertgegenstandes zu ersetzen (Ex 22,3.8).

(3) Bei Viehdiebstahl musste ebenfalls der doppelte Wert zurückerstattet werden. War das Tier bei der Rückgabe allerdings nicht mehr unversehrt, hatte der Dieb eine höhere Ersatzleistung zu erbringen (Ex 21,37-22,6): vierfache Erstattung bei Kleinvieh, fünffache bei Großvieh. Wurde in Verwahrung gegebenes Vieh durch Unachtsamkeit oder Nachlässigkeit gestohlen, musste es der Hüter dem Eigentümer erstatten (Ex 22,11).

Unmittelbarer Mundverzehr in fremden Getreidefeldern und Weinbergen wurde nicht als Diebstahl angesehen (Dtn 23,25f.).

Grundsätzlich bestand jedoch die Möglichkeit, einen Dieb in die → Schuldknechtschaft zu verkaufen, wenn er keinerlei Vermögen besaß (Ex 22,2).

4. Moralische Beurteilung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Achan hatte einen kostbaren babylonischen Mantel (d.h. einen künstlerisch gestalteten Umhang) und eine Stange Gold nicht zum Banngut gegeben (Jos 7,21).

Das Diebstahlverbot stellt einen elementaren, für die biblischen Menschen aller Zeit gültigen Rechtsgrundsatz dar. Als sündhafte und verbrecherische, gegen Volksgemeinschaft und Gott gerichtete Handlungsweise wird Diebstahl paradigmatisch in der Erzählung von → Achans Diebstahl (Jos 7,1-26) beschrieben und zusammen mit → Mord, → Ehebruch und → Lüge in Jer 7,9 und Hos 4,2 in einer Reihe aufgeführt sowie von → Dekalog (Ex 20,15; Dtn 5,19) und → Heiligkeitsgesetz (Lev 19,11) ausdrücklich verboten. Allein die personifizierte Torheit sieht im Diebstahl allgemein nichts Verwerfliches: „Süß ist gestohlenes Wasser, heimlich entwendetes Brot schmeckt lecker“ (Spr 9,17). Nach dem Alten Testament besteht die ethische Pflicht, gestohlenes Gut an den Eigentümer zurückzugeben bzw. ihn zu entschädigen.

Das alttestamentliche Diebstahlverbot findet im Neuen Testament seine Bestätigung (Mt 19,17; Mk 10,19; Lk 18,20; Lk 19,8; Röm 13,9; 1Kor 6,10; Eph 4,28; 1Petr 4,15).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Paulys Realencyclopädie, Stuttgart, 1893-1978
  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979)
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, München / Zürich 1978-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Der Neue Pauly, Stuttgart / Weimar 1996-2003
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Handbuch theologischer Grundbegriffe des Alten und Neuen Testaments, Darmstadt 2006

2. Weitere Literatur

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  • Carasik, M., 1999, To See a Sound: A Deuteronomic Rereading of Exodus 20:15, Prooftexts 19, 257-264
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  • Chinitz, J., 1999, The Ten and the Torah, JBQ 27, 186-191
  • Dohmen, C., 2004, Exodus 19-40 (HThKAT), Freiburg
  • Frevel, C., u.a. (Hgg.), 2005, Die Zehn Worte (QD 212), Freiburg
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  • Hossfeld, F.L., 1982, Der Dekalog (OBO 45), Freiburg (Schweiz) / Göttingen
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  • Scharbert, J., 1989, Exodus (NEB 24), Würzburg
  • Schmidt, W.H., 1993, Die Zehn Gebote im Rahmen alttestamentlicher Ethik (EdF 281), Darmstadt
  • Schwienhorst-Schönberger, L., 1990, Das Bundesbuch (Ex 20,22-23,33). Studien zu seiner Theologie und Entstehung (BZAW 188), Berlin / New York
  • Schwienhorst-Schönberger, L., 2000, Die Zehn Gebote – Der Freiheit eine Form geben, WUB 17, 9-15
  • Veijola, T., 2000, Moses Erben (BWANT 149), Stuttgart u.a.
  • Veijola, T., 2004, Das fünfte Buch Mose. Deuteronomium 1,1-16,17 (ATD 8), Göttingen

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Achan hatte einen kostbaren babylonischen Mantel (d.h. einen künstlerisch gestalteten Umhang) und eine Stange Gold nicht zum Banngut gegeben (Jos 7,21). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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