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Lexikon

Dibon

Andere Schreibweise: Diban ; Dhiban ; Dhibon

Friedbert Ninow

(erstellt: Mai 2006)

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1. Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Dibon.

Der Ortsname Dibon (דיבון / דיבן) bedeutet „Trauer / Verschmachten“. Die LXX transliteriert Δαιβων (daibōn). Nach Num 32,34 lag der Ort im Gebiet des Stammes Gad (→ Stämme Israels). Deswegen wurde er auch Dibon-Gad genannt – vielleicht zur Unterscheidung von einer gleichnamigen Stadt im südlichen Juda (zwischen → Hebron / Kirjat-Arba und Kabzeel / Jekabzeel; vgl. Neh 11,25).

2. Lage und Identifizierung

© Friedbert Ninow; Foto 2007

Abb. 2 Tall Ḏībān

Der antike, etwa 5 Hektar große Ruinenhügel von Dibon (Tall Ḏībān) liegt 65 km südlich von Jordaniens Hauptstadt Amman unmittelbar nordwestlich der modernen Stadt Ḏībān (Koordinaten: 2380.1012; N 31° 30' 07'', E 35° 46' 35''). An ihm führte in der Antike die wichtige „Straße der Könige“ vorbei, die das Ostjordanland in nord-südlicher Richtung durchzog. Der Ort befindet sich 20 km östlich des Toten Meeres auf einem Plateau mit dem Wādī Wālā [Wadi Wala] im Norden und dem Wādī el-Mōǧib [Wadi el-Mogib], dem biblischen Arnon, im Süden (vgl. Num 21,13; Dtn 2,36). Bis auf die östliche Seite des Siedlungshügels, die durch Erosion abgeflacht ist, bieten die umliegenden Täler und Bodensenken einen natürlichen Schutz. Dibon hat keine natürliche Wasserquelle; die Bewohner waren darauf angewiesen, das Regenwasser in Zisternen zu sammeln (→ Wasserversorgung).

Die Identifikation des Siedlungshügels von Ḏībān mit Dibon ist schon früh auf Grund der Ähnlichkeit des modernen Namens der arabischen Stadt gemacht worden. Der Fund einer monumentalen Inschrift des moabitischen Königs → Mescha durch den elsässischen Missionar Frederick Augustus Klein im Jahr 1868 hat die Identifikation von Dibon bestätigt. Die früheste Erwähnung Dibons findet sich vermutlich in der Palästina-Liste → Thutmosis III. (1479-1425 v. Chr.). → Eusebius identifiziert Dibon in seinem Onomastikon mit einer „sehr großen“ Stadt in der Nähe des Arnon (Klostermann, 76; Text Kirchenväter 3).

3. Biblische Überlieferung

Auf ihrem Weg aus Ägypten durch das Ostjordanland eroberten die Israeliten das Gebiet des Amoriterkönigs → Sihon nördlich des Arnon (Num 21,21-31). Nach Num 32,34 sind Dibon und weitere Städte von dem Stamm Gad gebaut worden. Bei der endgültigen Verteilung des Landes wurde die Gegend östlich des Toten Meeres jedoch dem Stamm Ruben zugesprochen (Jos 13,15-23), während der Stamm Gad das Land östlich des Jordan zwischen dem See Genezareth und dem Nordende des Toten Meeres einnahm (Jos 13,24-28). Vermutlich haben Mitglieder des Stammes Gad schon früh verschiedene Städte für sich aufgebaut, deren Gebiet aber später zum Stamm Ruben gerechnet wurde. Noch im 9. Jh. vermerkt der moabitische König Mescha auf seiner Stele, dass „die Männer von Gad seit alters im Lande“ gelebt haben.

Während der Richterzeit (→ Eisenzeit I) wurde Israel verschiedentlich durch moabitische und ammonitische Kräfte aus dem Gebiet östlich des Toten Meeres bedrängt (Ri 3,12-30; Ri 11); David kämpfte gegen die → Moabiter und forderte Tributzahlungen von ihnen (2Sam 8,2). Vermutlich erlangte Moab seine Unabhängigkeit wieder, als sich die nördlichen Stämme nach dem Tode Salomos absonderten. Die → Mescha-Stele berichtet, dass der israelitische König → Omri nach einem erfolgreichen Feldzug gegen Moab das Land nördlich des Arnon unter seine Kontrolle gebracht hatte. Nach dem Tode → Ahabs revoltierte Mescha und richtete in Dibon seine neue Hauptstadt ein. Aus 2Kön 10,32-33 wird ersichtlich, dass → Hasaël, König von Damaskus, das Gebiet Israels östlich des Jordan bis zum Arnon besetzte; ein Hinweis darauf, dass dem Einfluss Moabs auf das Territorium nördlich des Arnon schon bald Widerstand entgegen gesetzt wurde.

In den Völkersprüchen Jesajas und Jeremias gegen Moab (Jes 15; Jer 48) wird deutlich, dass Dibon und andere Städte nördlich des Arnon (wie z.B. → Heschbon, → Aroer, Nebo, → Madeba) zum Gebiet Moabs gerechnet wurden. In dieser Zeit der assyrischen und babylonischen Expansion waren die ostjordanischen Staaten diesen Großreichen tributpflichtig geworden. Moab wurde vermutlich unter → Nebukadnezar Teil des babylonischen Reiches.

4. Archäologischer Befund

© Friedbert Ninow; Foto 2007

Abb. 3 Die Südost-Ecke von Tall Ḏībān.

Die archäologische Exploration von Tall Ḏībān wurde (abgesehen von den kurzen Besuchen früherer Forschungsreisender wie R.E. Brünnow und A. von Domaszewski, A. Musil oder N. Glueck) von den American Schools of Oriental Research aufgenommen. In den Jahren 1950-53 und 1955-56 untersuchten Fred Winnett, William Reed und Douglas Tushingham vor allem den südlichen Bereich des Siedlungshügels. Drei weitere Kampagnen (1955-56, 1965) unter der Leitung von William Morton konzentrierten sich auf die Akropolis und die nördlichen Areale. Die Antikenverwaltung von Jordanien begann 2002 ein neues Grabungs- und Restaurationsprogramm; seit 2004 werden diese Arbeiten durch ein neues Grabungsprojekt ergänzt, das von B. Routledge, B. Porter und D. Steen geleitet wird. Die Grabungsergebnisse haben gezeigt, dass Tall Ḏībān von der Frühbronzezeit bis in die frühe osmanische Epoche (15. / 16. Jh.) mit Unterbrechungen besiedelt gewesen ist.

4.1. Die Frühbronzezeit (3200-2000 v. Chr.)

Frühbronzezeitliche Funde sind vor allem im nördlichen Teil des Siedlungshügels gemacht worden. Dort vermuten die Ausgräber auch die Reste eines Tores mit Befestigungsanlagen. Weitere Keramikfunde in anderen Bereichen der Grabung weisen auf eine bedeutende Besiedlung in der Frühbronzezeit. Für die Mittel- und Spätbronzezeit (2000-1200 v. Chr.) lassen sich keine Besiedlungsspuren nachweisen.

4.2. Die Eisenzeit (1200-580)

Für die frühe Eisenzeit (→ Eisenzeit I) ist eine ganze Reihe von öffentlichen Bauten im Bereich der Akropolis bezeugt; hier ist vor allem ein großer Bau hervorzuheben, der als Heiligtum interpretiert worden ist. Funde (wie z.B. ein Räucherständer) unterstreichen die Interpretation dieses Gebäudes. In den nördlichen und östlichen Grabungsarealen wurden ein Tor, Getreidesilos und verschiedene Fundamentmauern größerer Gebäude freigelegt.

Das wesentliche Material aus der späteren Eisenzeit stammt aus dem südlichen Teil von Tall Ḏībān, vornehmlich aus dem Bereich der Befestigungsanlagen. Die Ausgräber haben im Wesentlichen drei Bauphasen unterschieden: Aus der ersten Bauphase (9. Jh. v. Chr.) stammen Teile der Umfassungsmauer und Reste eines administrativen Gebäudekomplexes. Diese baulichen Aktivitäten werden dem moabitischen König Mescha zugeordnet, der zu dieser Zeit seinen Einflussbereich nach Norden ausdehnen und Dibon zu seiner Hauptstadt machen konnte und weiter ausbaute. Der wichtigste Fund aus dieser Phase ist die Mescha-Stele, auf der Mescha seine erfolgreiche Konfrontation mit Israel festhält (vgl. besonders Z. 21-24; Text → Mescha; siehe 2Kön 3). Nach Meschas Worten baute er eine Festung im südlichen Teil von Dibon und errichtete dort ein Heiligtum für den moabitischen Nationalgott → Kemosch. Während der zweiten Bauphase (spätes 8. Jh. v. Chr.) sind die Befestigungsanlagen verstärkt und ausgebaut worden. Moab war zu dieser Zeit ein Vasall Assyriens und erlebte eine Zeit der Prosperität. Zeugnisse der dritten Bauphase (7. Jh. v. Chr.) sind vor allem im nordöstlichen und südlichen Bereich erhalten geblieben. Hier wurden ebenfalls die Stadtmauern durch massive Stützmauern weiter ausgebaut (bis zu 10 m dick). Diese Bauphase wird im Zusammenhang des Kampfes Moabs gegen arabische Wüstenstämme gedeutet. Sie dauerte bis zur Zerstörung Dibons durch Nebukadnezar (582 v. Chr.) an.

Während der Eisenzeit wurde eine extensive Nekropolis in den nordöstlichen Abhängen des nahen Wadi unterhalten. Eine Reihe von Kammergräbern sind hier über Generationen hinweg genutzt worden (→ Grab). Ein Grab enthielt einen Tonsarkophag mit einem anthropomorph gestalteten Deckel.

4.3. Nabatäische Epoche

© Friedbert Ninow; Foto 2007

Abb. 4 Mauer an der Südost-Ecke des Tells (von vorn).

Mit der Ausdehnung des nabatäischen Königreiches erlebte Dibon eine neue Phase der Besiedlung. Die Ausgräber fanden Reste eines Stadttores und eines Tempels im südöstlichen Bereich des Grabungshügels. Die Größe und Ausdehnung der Fundamentmauern sowie Fragmente von Säulen, Sockeln und Gesimsen lassen Ähnlichkeiten mit Tempeln in Petra erkennen.

© Friedbert Ninow; Foto 2007

Abb. 5 Mauer an der Südost-Ecke des Tells (im Profil).

Erbaut wurde das Heiligtum zu Beginn des 1. Jh. n. Chr. unter König Aretas IV. Vermutlich wurde der Tempel im Zuge der römischen Eroberung des Ostjordanlandes (106 n. Chr.) aufgegeben. Weitere Funde aus dieser Epoche bestehen u.a. aus einer → Münze Areats’ IV. und Resten eines Aquädukts. Die Nabatäer nutzten ihre Fähigkeiten im Wassermanagement, um das kostbare Nass zu sammeln und in die Stadt zu bringen.

4.4. Römische, byzantinische und arabische Epoche

Zu den wichtigen Funden der römischen Epoche gehören zwei Inschriften; die eine wird in das Jahr 201 n. Chr. datiert und bezieht sich auf die Etablierung eines römischen Militärpostens, der die Hauptverbindung des Ostjordanlandes in nord-südlicher Richtung, die Via Nova Traiana, bewachen sollte. Eine weitere Inschrift, die in das Jahr 245 / 246 n. Chr. datiert wird, erwähnt einen römischen Gouverneur, Claudius Capitolinus. Ein Bad-Komplex und Umfassungsmauern werden in diese Zeit datiert.

Dibon scheint an der generellen Prosperität des → Ostjordanlandes partizipiert zu haben (6. / 7. Jh.). Großzügige öffentliche Anlagen und Bäder sowie zwei Kirchengebäude werden in die byzantinische Epoche datiert. Verschiedene Grabfunde geben einen Einblick in das Privatleben von Christen aus dieser Zeit.

Mit der islamischen Eroberung tauchen neue Mauerstrukturen auf. Ein Gebäudekomplex mit Räumen aus Gewölben wird als Sitz eines lokalen Oberhauptes interpretiert. Zu dieser Zeit hatte die Stadt auch wieder eine Umfassungsmauer. Numismatische Hinweise weisen auf eine abbasidische Besiedlung im 8. und 9. Jh. hin. Eine Blüte erlebte die Stadt während der ayyubidischen und frühen mamlukischen Epoche (12. / 13. Jh.). Während dieser Zeit bedeckte eine große agrarische Ansiedlung den Siedlungshügel.

Nomadische Familien siedelten sich in den 1950er Jahren auf einem Nachbarhügel an und gründeten die arabische Stadt Ḏībān. Dabei nutzen sie die alten Ruinen als Steinbruch. Die heutige Bevölkerung zählt ca. 17.000 Einwohner.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jerusalem 1993
  • The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Near East, Oxford / New York 1997
  • Archaeological Encyclopedia of the Holy Land, New York / London 2001

2. Weitere Literatur

  • Dearman, A. (Hg.), 1989, Studies in the Mesha Inscription and Moab, Atlanta, GA
  • Klosermann, E. (Hg.), 1966, Eusebius: Das Onomastikon der biblischen Ortsnamen, Hildesheim
  • Porter, B. u.a., 2007, „The Power of Place: The Dhiban Community through the Ages” in: Th.E. Levy u.a. (Hgg.), Crossing Jordan: North American Contributions to the Archaeology of Jordan, London, 315-322
  • Tushingham, A.D., 1972, The Excavations at Dibon (Dhībân) in Moab: The Third Campaign, 1952-53 (Annual of the American Schools of Oriental Research, 40), Cambridge, MA
  • Tushingham, A.D., 1990, Dhībān Reconsidered: King Mesha and His Works, ADAJ 34, 183-191
  • Tushingham, A.D. / Pedrette, P.H., 1995, „Mesha’s Citadel Complex (Qarhoh) at Dhībān, Jordan” in: Studies in the History and Archaeology of Jordan, Bd. 5, Amman, 151-159
  • Winnett, F. / Reed, W.L., 1964, The Excavations at Dibon (Dhībân) in Moab: The First Campaign, 1950-51, and the Second Campaign, 1952 (Annual of the American Schools of Oriental Research, 36/37), New Haven

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Dibon. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Tall Ḏībān © Friedbert Ninow; Foto 2007
  • Abb. 3 Die Südost-Ecke von Tall Ḏībān. © Friedbert Ninow; Foto 2007
  • Abb. 4 Mauer an der Südost-Ecke des Tells (von vorn). © Friedbert Ninow; Foto 2007
  • Abb. 5 Mauer an der Südost-Ecke des Tells (im Profil). © Friedbert Ninow; Foto 2007
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