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Lexikon

Demut (AT)

Johannes Bremer

(erstellt: Okt. 2015)

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1. Definition

Das deutsche Wort „Demut“ kommt von dem althochdeutschen Wort diemuoti, das sich aus dionōn „dienen“ sowie muoti „Mut“ zusammensetzt und die Grundhaltung eines Dienenden bezeichnet. Anders als im griechisch-antiken Verständnis bezeichnet Demut im nicht-profanen Gebrauch innerhalb des Alten Testaments die positiv konnotierte Grundhaltung einer bewussten und absoluten Anerkennung der Angewiesenheit auf Gott oder Mitmenschen samt der Beugung unter deren Willen.

2. Semantik

Demut wird im Alten Testament durch folgende Verbwurzeln ausgedrückt:

כנע kn‘;

שׁפל špl (samt Derivat: שָׁפֵל šāfel);

ענה ‘nh II (samt Derivaten: wesentlich die Nomen עֳנִי ‘ånî sowie עֲנָוָה ‘ănāwāh bzw. עַנְוָה ‘anwāh, selten: עֱנוּת ‘änût und תַּעֲנִית ta‘ǎnît und die Adjektive עָנִי ‘ānî und עָנָו ‘ānāw);

דלל dll II (samt Derivaten: דַּלָּה dallāh und דַּל dal).

ענה ‘nh II und דלל dll II verursachen die Schwierigkeit, „Demut“ klar von „Armut“ (→ Armut / Arme) im Alten Testament abzugrenzen. Die → Septuaginta übersetzt das Adjektiv der verschiedenen Wurzeln meist mit πραΰς praús „demütig“ und vor allem ταπεινός tapeinós „demütig“; die Verben werden meist mit einer Form von ταπεινόω tapeinóō wiedergegeben.

2.1. כנע kn‘. Verben der Wurzel כנע kn‘ sind im Alten Testament 36-mal belegt, und zwar nur im Nif. „gedemütigt werden / sich demütigen“ sowie „niedergeworfen werden“ und im Hif. „jemanden demütigen“ (Lev 26,41; Ri 3,30; Ri 8,28; 1Sam 7,13; 1Kön 21,29; Ps 106,42; Ps 107,12; Jes 25,5 u.ö.). Dabei überwiegt der theologische Gebrauch der Wurzel deutlich gegenüber dem profanen.

2.2. שׁפל špl und Derivate. שׁפל špl tritt im Alten Testament 28-mal als Verbwurzel auf, davon 10-mal im Qal in der Grundbedeutung „niedrig sein“ zum Ausdruck eines Zustandes (Jes 2,9.11.17; Pred 12,4 u.ö.) und 18-mal im Hif. in der kausativen Bedeutung „niedrig machen“; das Adjektiv שָׁפֵל šāfel taucht 18-mal durchgängig zur Beschreibung eines entsprechenden Zustandes auf (2Sam 6,22; Ps 18,28; Jes 57,15 u.ö.). Als Nomen überwiegt der Terminus שְׁפֵלָה šəfelāh „Schefela“ zur geographischen Bezeichnung des Gebietes zwischen Bergland und Küstenstreifen (Dtn 1,7; Jos 9,1; Jos 10,40 u.ö.). Zwei Drittel aller Belege beschreiben eine von Gott an Menschen oder von Menschen an sich selbst vollzogene oder zu vollziehende Erniedrigung. Diese wird wie bei כנע kn‘ im Gegensatz zum profanen Gebrauch stets positiv verstanden. Am häufigsten tritt שׁפל špl samt Derivaten in der → Prophetie auf (33 Belege), davon alleine 19-mal im → Jesajabuch (Jes 2,9.11.12.17; Jes 5,15; Jes 10,33; Jes 13,11; Jes 25,11.12; Jes 26,5; Jes 29,4; Jes 32,19; Jes 40,4; Jes 57,9.15).

2.3. ענה ‘nh II und Derivate. Auch die Verbwurzel ענה ‘nh II und ihre Derivate kommen im Alten Testament wie in seiner Umwelt in religiösen und profanen Kontexten vor. Zu zählen sind 79 Verbformen, die meisten davon im Pi. (Gen 16,5; Dtn 22,24; Ps 35,13; Ps 89,26 u.ö.), 45 Nomen und 96 Adjektive, die auf ענה ‘nh II zurückzuführen sind (Gen 16,11; Gen 29,32; 1Sam 1,11; Neh 9,9; Hi 10,15; Hi 24,4.9.14; Hi 29,12; Ps 9,13.14.19; Ps 10,2.9.12; Ps 44,25; Ps 74,19; Ps 107,10.41; Spr 3,34; Spr 14,21; Spr 15,15; Jes 3,14.15; Jes 41,17 u.ö.). Ihre Vorkommen sind nahezu über das gesamte Alte Testament verteilt, wobei sie in den Geschichtserzählungen vermindert und in den Schriften, insbesondere → Psalmen, → Hiob und → Sprüche, verstärkt auftreten. Die unterschiedlichen Belege verweisen durchgängig auf einen negativ besetzten Vorstellungs- und Erfahrungsbereich. Das regelmäßig und meistgebrauchte Pi. der Verben verweist auf die Anwendung physischer und psychischer Gewalt zur Statusminderung eines Menschen (im Sinne von „unterdrücken / erniedrigen / vergewaltigen / demütigen“). Das Nomen עֳנִי ‘ånî verweist auf ein JHWH anrührendes Elend, die Nomen עֲנָוָה ‘ănāwāh bzw. עַנְוָה ‘anwāh auf einen Zustand oder eine Eigenschaft. Durchweg ist zwischen einem primär materiell-sozialen und einem primär kultisch-religiösen Verständnis zu unterscheiden. Dies gilt auch für die Adjektive עָנִי ‘ānî und עָנָו ‘ānāw. Eine Differenzierung, die dem einen eine primär materiell-soziale und dem anderen eine primär religiös-spirituelle Bedeutung zuspricht, hat sich als unmöglich erwiesen. Damit ist auch keine generelle Differenzierung zwischen „Demut“ und „Armut“ möglich (s.u. zu 3.).

2.4. דלל dll II und Derivate. Häufiger als die insgesamt nur 7-mal belegte Verbwurzel דלל dll II, die spirantische Ausformung זלל zll und das Derivat דַּלָּה dallāh (5-mal) ist mit 48 Belegen das Adjektiv דַּל dal. Die Mehrheit von insgesamt 39 Belegen findet sich in poetischen Kontexten (1Sam 2,8; Spr 10,15; Spr 14,31; Spr 19,4 u.ö.), dabei meist im Sprüchebuch (15 Belege). In den Psalmen sind Wurzel und Derivate hingegen selten (5 Belege: Ps 41,2; Ps 72,13; Ps 82,3.4; Ps 113,7). Noch stärker als bei der Wurzel ענה ‘nh II samt ihren Derivaten fällt bei דַּל dal die Abgrenzung zu einer materiell-sozialen Bedeutung schwer. Insofern kann es nur bedingt als semantische Basis für „Demut“ gelten.

2.5. πραΰς praús und ταπεινός tapeinós. πραΰς praús ist in der → Septuaginta im Sinne von „sanftmütig / freundlich / mild“ zu verstehen, hat also ein Handeln im Blick (Zef 3,12; Sach 9,9; Jes 26,6; Ps 24,9 u.ö.). Das Adjektiv tritt hier insgesamt 17-mal auf; an 12 Stellen als Übersetzung der Derivate von ענה ‘nh II. Weit häufiger, 67-mal, übersetzt die Septuaginta hebräische Begriffe für Demut bzw. Demütigung mit ταπεινός tapeinós, das gegenüber πραΰς praús eher passivisch im Sinne von „niedrig / demütig“ gebraucht wird (Lev 27,8; 1Sam 18,23; Jes 2,11 u.ö.). 165-mal übersetzt sie eines der genannten hebräischen Verben mit einer Form von ταπεινόω tapeinóō. Die Wurzel ταπειν- tapein- gibt verschiedene hebräische Wurzeln, jedoch meist ענה ‘nh II wieder. Insbesondere ταπεινός tapeinós kommt eine Bedeutung bei der Weiterentwicklung des Demutsverständnisses im Judentum und Christentum zu (s.u. zu 6.). Es ist auch der Hauptbegriff für „Demut“ im Neuen Testament.

3. Abgrenzung zu „Armut“

Insbesondere bei den Wurzeln ענה ‘nh II und דלל dll II bleibt häufig unklar, ob sie primär materiell-sozial → „Armut“ oder religiös-spirituell „Demut“ bedeuten, eine Frage, die insbesondere in der Auslegung von → Psalmen erörtert wird. Konkret wird beispielsweise diskutiert, ob עָנִי ‘ānî „arm“, עָנָו ‘ānāw dagegen „demütig“ bedeutet (vgl. dazu bes. Rahlfs, Causse, Birkeland, Kuschke, Berges / Hoppe, Bremer u.a.). Diese These wird den Texten jedoch nicht gerecht und ist somit nicht haltbar. Nach einer anderen Sicht ist die materielle Bedeutung vorexilisch, die spirituelle dagegen erst nachexilisch anzusetzen (vgl. R. Kittel u.a.; → Exil / Exilszeit). Doch auch diese These wird heute mehrheitlich abgelehnt; eine Klärung der Bedeutung ist nur im Einzelfall möglich. Es ist jedoch anzunehmen, dass sich ein religiös-spirituelles Verständnis im Sinne von „Demut“ aus einem materiell-sozialen Verständnis im Sinne von „Armut“ entwickelt hat (s.u. zu 5.).

4. Verwendung

4.1. Selbstdemütigung

„Selbstdemütigungen“ treten im Alten Testament in Verbindung mit Enthaltungen, wie etwa → Fasten oder anderen Bußübungen (→ Buße), auf (Lev 16,29.31; Lev 23,27.29.32; Lev 26,41; Num 29,7; Num 30,14; Ps 35,13; Esr 8,21; Jdt 4,9; Sir 2,17 [Lutherbibel: Sir 2,21]; Sir 7,17 [Lutherbibel: Sir 7,19] u.ö.). Verwendung finden hier im Hebräischen vornehmlich die Wurzeln ענה ‘nh II und כנע kn‘. Diese Demütigungen von Menschen gegenüber sich selbst sind stets gerichtet auf die Empathie Gottes und seine anschließende Hilfe. 1Kön 21,27-29 etwa bezeugen ein Verschieben des Strafvollzuges durch Gott, weil (כִּי ) → Ahab sich gedemütigt hat (vgl. auch 2Chr 34,27; ähnlich: 2Kön 22,19 u.ö.). Jes 58,3.5 u.a. betonen die Verbindung der Selbstdemütigung mit sittlicher Umkehr (→ Umkehr / Reue).

Vornehmlich mit dem Adjektiv עָנִי ‘ānî finden sich z.B. in den Psalmen zahlreiche Selbstcharakterisierungen des Beters, bei denen eine primär materiell-soziale Dimension des Terminus zurücktritt. Auch sie richten sich stets auf die Empathie Gottes (Ps 25,16; Ps 31,8; Ps 40,18; Ps 69,30; Ps 70,6; Ps 79,8; Ps 86,1; Ps 109,22; Ps 116,6.10; Ps 119,50.67.71.75.92.107.153; Ps 142,7).

4.2. Zwischenmenschliche Demütigung

In zwischenmenschlichem Verhalten vermag ein Mensch andere Menschen zu demütigen (Gen 16,6.9; Ex 22,22 u.ö.); Frauen werden vergewaltigt (Gen 34,2; Dtn 22,24; 2Sam 13,12; Ez 22,11 u.ö.), gedemütigt wird in kriegerischen Auseinandersetzungen, wie etwa die Völker von Assur und Eber in Num 24 oder Midian vor den Kindern Israels in Ri 8 (Num 24,24; Ri 8,28; Ri 11,33; 1Sam 7,13; 1Chr 18,1; Neh 9,24 u.ö.). Ein Einzelner vermag gedemütigt zu werden (Jes 53,7 u.ö.) oder ein Volk (Gen 15,13; Ps 94,5 u.ö.); gedemütigt werden Arme und Schwache (Ps 94,6; Spr 22,22 u.ö.). Z.B. im → Buch der Sprüche wird Demut selbst zum Thema gemacht, wenn es etwa heißt, dass vor der Ehre Demut steht. Hierbei steht Demut innerhalb eines → Tun-Ergehen-Zusammenhangs (Spr 15,33; Spr 18,12; Spr 22,4).

4.3. Demut vor Gott

Von besonderer theologischer Bedeutung ist die Demut des Menschen vor Gott. Alle Aussagen der Selbstdemütigung des Menschen (s.o. zu 4.1.) zielen hin auf eine Demut vor Gott; ebendies gilt auch für Aussagen zur Demut innerhalb des weisheitlichen Tun-Ergehen-Zusammenhangs (s.o. zu 4.2.). Demut meint dabei eine Grundhaltung des Menschen vor Gott. Der Mensch bekundet Gott seine unbedingte Angewiesenheit auf ihn und hofft auf seine Empathie in Wort und Handeln. Den Aussagen der Texte zufolge zeigt Gott eine besondere Nähe zu den Demütigen. Diese wird vor allem in den Psalmen (Ps 22,25; Ps 34,7; Ps 35,10; Ps 74,19.21 u.ö.) und Jesaja (Jes 10,2; Jes 14,32; Jes 41,17; Jes 49,13; Jes 57,15; Jes 66,2 u.ö.) bezeugt (vgl. aber ebenso Hi 34,28; Zef 3,12 u.ö.).

4.4. Gott als Demütigender

Ebenso wie Gott eine besondere Empathie für Demütige aufweist, zeigt er sich als Demütigender gegen die Menschen. Dies kann positiv oder negativ gemeint sein und sich gegen Einzelne (Dtn 8,2.3.16; Ps 119,75 u.ö.) oder Gruppen richten, sogar gegen ganz Israel (1Kön 8,35; 1Kön 11,39; 2Chr 6,26; Ps 90,15; Ps 107,12.17 u.ö.). Das Ziel der Demütigung durch JHWH kann in der Umkehr des oder der Gedemütigten liegen (Ps 119,67.71.75.107 u.ö.). Die Demütigung von Feinden meint dagegen letztlich deren Vernichtung und steht meist im Kontext von Verheißungen (1Chr 17,10; Jes 25,5; Jdt 8,17 u.ö.).

5. Demut als Ideal

Weder für Demut, noch für das gedemütigt Werden lassen sich ausschließlich positive oder negative Beispiele finden. Weder das Demütigen von Mitmenschen (s.o. zu 4.2.), noch das Demütigen von Feinden durch Gott ist positiv konnotiert (s.o. zu 4.4.), außer im Kontext von Verheißungen. Hingegen sind Selbstdemütigungen (s.o. zu 4.1.) und Demut vor Gott (s.o. zu 4.3.) positiv konnotiert. Dieses Verständnis von Demut ist von dem Akt des Demütigens abzugrenzen. Wo Demut selbst zum Thema gemacht wird (Spr 15,33; Spr 18,12; Spr 22,4; Sir 1,27 [Lutherbibel: Sir 1,33] u.ö.), wird sie stets positiv, sogar als Ideal verstanden. Während ein gedemütigt Werden im Sinne eines Zustands negativ ist, ist eine demütige Gesinnung positiv. E. Jacob bezeichnet Demut sogar als „eine Grundhaltung der isr. Frömmigkeit“ (335). Als „sehr demütiger Mann“ wird in Num 12,3 (vgl. auch Sir 45,4) → Mose als Ideal eines Demütigen beschrieben. Auch dem verheißenen König von Sach 9,9 kommt das Attribut „demütig“ zu. Gott hat eine besondere Affinität zu den Demütigen, er erwählte sein eigenes Volk (→ Gottesvolk) aus der Demütigung. Die Erwählung von Demütigen durch JHWH (Ri 6,15; Jes 11,4; Jdt 9,11 u.ö.) hat schließlich zu der Überzeugung geführt, dass diese erstrebt werden kann und zum wahren Leben führt (Zef 2,3; Spr 22,4 u.ö.; vgl. Deselaers, 89-90). Nach P. Deselaers beschreibt Demut somit „nicht Beginn, sondern Ende eines Suchweges“ (90). Die Affinität JHWHs zu den „Demütigen“ bezeugen insbesondere die → Psalmen, wobei die semantische Schwierigkeit des Scheidens von Armut, die niemals ein Ideal darstellt, und Demut unbedingt zu beachten ist (s.o. zu 3., vgl. auch Ps 10,12.17; Ps 25,9; Ps 76,10; Ps 149,4 u.ö.). Die Semantik verdeutlicht dabei eine Entwicklung von Demut als Ideal aus einem materiell-sozialen Armutsverständnis heraus, das sich jedoch nicht, wie von R. Kittel vermutet, ab der exilischen Zeit, sondern erst später in weisheitlichen Texten (→ Weisheit) der hellenistischen Zeit vollzogen haben mag. Die Psalmen verdeutlichen, dass noch bis in die hellenistische Zeit hinein die semantische Grundlage primär auf materiell-soziale Armut bezogen ist. Die Entstehung und Redaktion des Psalmenbuches zeigt Entwicklungslinien, in denen unter anderem in Selbstbezeichnungen des Beters nicht mehr von materiell-sozialer Armut auszugehen ist. Noch in den Psalmen werden jedoch durchgehend weder Armut noch Demut als Ideal angesehen, bis gemäß Ps 149,4 die עֲנָוִים ‘ǎnāwîm mit Heil geschmückt werden.

6. Ausblick auf Entwicklungen im Judentum und Christentum

Die bereits im Alten Testament zu findende positive Konnotation der Demut wird in → Qumran sowie in → Talmud und → Midrasch weiter ausgebaut. In Qumran gehört Demut zu den Grundgeboten der Bundesregel (1QS II,24; 1QS IV,3-5 u.ö.). Wie Langmut, Klugheit und Weisheit zählt Demut zu den Tugenden. Ein solches Verständnis wird in weisheitlichen Texten des Alten Testaments (insbesondere → Sprüche, → Sirach) bezeugt, wo Demut selbst zum Thema gemacht wird. Auch in Midrasch und Talmud gehört Demut zu den Hauptattributen des Frommen und zählt zu den 48 Tugenden, durch die man die Tora erwerben kann (Mischna-Traktat Avot 6,5). Gott liebt besonders den Demütigen (Babylonischer Talmud, Traktat Eruvin 13b und 54,a sowie Traktat Hullin 89a u.ö.; Text Talmud).

Für das Neue Testament wurde auf den Hauptbegriff ταπεινός tapeinós bereits verwiesen (s.o. zu 2.5.). Wie im Alten Testament hat ταπεινός tapeinós anders als in profaner Literatur fast immer eine positive Bedeutung und gilt als Tugend des Frommen. Die innerhalb des Alten Testaments beobachtete Entwicklung des Demutsbegriffs, die sich in den Qumranschriften und in Talmud und Midrasch fortsetzt, lässt sich auch im Neuen Testament beobachten. Dort wird Demut auf Christus selbst bezogen (Joh 4,34; Phil 2,6-11 u.ö.), der auf weltliche Attribute verzichtet, um den Menschen gegenüber Demut zu erweisen (Mt 20,28 u.ö.). In den Evangelien wird Demut als Lebensmaxime beschrieben: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht.“ (Mt 23,12; Lk 14,11; Lk 18,14; vgl. auch die Aussage des Magnifikat Lk 1,48). Die Demut Christi wird von Paulus unter anderem als Vorbild für die Demut der Christen dargestellt (Phil 2,5 u.ö.). Sie möge sich im Verhältnis des Menschen zu Gott (1Kor 4,7 u.ö.) wie zum Mitmenschen (Röm 9,3 u.ö.) zeigen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 5. Aufl., München / Zürich 1994-1995
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Bibeltheologisches Wörterbuch, Graz 1994
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt 2006
  • Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009
  • Theologisches Wörterbuch zu den Qumrantexten, Stuttgart 2011ff

2. Weitere Literatur

  • Berges, U. / Hoppe, R., 2009, Arm und reich (NEB Themen 10), Würzburg
  • Birkeland, H., 1933, ʻAni und ʻAnāw in den Psalmen (SNVAO.HF 2), Oslo 1933
  • Bremer, J., 2016, Wo Gott sich auf die Armen einlässt. Der sozio-ökonomische Hintergrund der achämenidischen Provinz Yəhūd und seine Implikationen für die Armentheologie des Psalters (BBB 174), Göttingen
  • Causse, A., 1922, Les „pauvres“ d’Israël (Prophètes, psalmistes, messianistes) (EHPhR 3), Straßburg / Paris
  • Deselaers, P., Art. Demut. I. Biblisch, in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Band III, Freiburg i.Br. 1995, 89-90
  • Gelin, A., 1953, Les pauvres de Yahvé (TeDi 14), 2. Aufl., Paris
  • Jacob, E., Art. Demut, in: Biblisch-historisches Handwörterbuch, Bd. 1, Göttingen 1962, 335
  • Kittel, R., 1929, Die Psalmen (KAT VIII), 6. Aufl., Leipzig (Exkurs „Armut“ 284-288)
  • Kraus, H.-J., 1989, Theologie der Psalmen (BK.AT XV/3), 2. Aufl., Neukirchen-Vluyn
  • Kraus, H.-J., 2003, Psalmen 1. Teilband. Psalmen 1-59, 7. Aufl., Neukirchen-Vluyn (Exkurs „Armut“ 82-83)
  • Kuschke, A., 1939, Arm und reich im Alten Testament mit besonderer Berücksichtigung der nachexilischen Zeit, ZAW 57, 31-57
  • Melzer, F., 1973, Entstehung und Wirksamkeit des christozentrischen Wortschatzes im Deutschen, dargelegt an dem Wort Demut, in: Th. Michels / A. Paus (Hgg.), Sprache und Sprachverständnis in religiöser Rede, Salzburg / München, 203-210
  • Ploeg, J. van der, 1950, Les pauvres d’Israël et leur piété, OTS 7, 236-270
  • Rahlfs, A., 1892, ‘āni und ‘ānāw in den Psalmen, Göttingen
  • Wengst, K., 1987, Demut. Solidarität der Gedemütigten, München
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