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Lexikon

Demetrios

Andere Schreibweise: Demetrius

Ulrike Mittmann

(erstellt: Sept. 2010)

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1. Verfasser

Demetrios (Ende 3. Jh. v. Chr.) ist der erste namentlich bekannte, griechisch schreibende jüdische Autor. Seiner Bildung und literarischen Prägung nach wurzelt er tief in der hellenistischen Kultur. Die Ausrichtung der biblischen Chronologie auf das ptolemäische Königtum lässt eine ägyptische Herkunft des Autors vermuten. Er zeigt sich beeinflusst von den im Alexandrien seiner Zeit aufblühenden literarischen Wissenschaften, insbesondere der Philologie und der Chronographie, und wendet ihre Prinzipien inhaltlich und formal auf die jüdischen Geschichtstraditionen an. Dabei fällt auf, dass in seinem Werk nichts von der kulturellen Ambivalenz zu spüren ist, welche die Schriften späterer griechisch schreibender Autoren so nachhaltig prägt, die dem übermächtigen griechischen Einfluss mit dem Mittel der Überhöhung der jüdischen Tradition und Rückführung der griechischen Zivilisation auf das kulturschaffende Wirken der eigenen Heroen entgegentreten (→ Eupolemos, Kleodemos Malchas, Artapanos, Pseudo-Eupolemos). Die fortdauernde Diskussion um die Klassifikation des Demetrios als Exeget oder Chronograph weist auf den literaturgeschichtlichen Doppelcharakter seines Werkes, geht aber letztlich an den Voraussetzungen für einen frühjüdischen Schriftsteller vorbei, der Geschichtsschreibung gar nicht anders denn als Exeget betreiben konnte; gleichzeitig ignoriert sie, im Blick auf den Kultureinfluss, die auch auf griechischer Seite bestehende Verquickung der Wissenschaftszweige und die gerade in der wissenschaftlichen Spezialisierung zutage tretende Tendenz zur Universalgelehrsamkeit. Nicht ausreichend gewürdigt wurde bislang auch das theologische Anliegen des Demetrios, dem es darum geht, den geschichtlichen Standort und die geschichtliche Zukunft seines Volkes theologisch auszuloten. Die Chronographie hat in diesem Zusammenhang eine rein heuristische Funktion. Sie ist gewissermaßen die historische Hilfsdisziplin, welche – im Blick auf die erwartete Vollendung der Geschichte – die wissenschaftlichen Mittel für die Gewinnung eschatologischer Erkenntnisse an die Hand gibt. So wird man der schriftstellerischen Individualität des Demetrios am ehesten gerecht, wenn man anerkennt, dass er die wissenschaftlichen Möglichkeiten der griechischen Kultur, soweit sie ihm als Nichtgriechen zugänglich waren, umfassend zu nutzen verstand, um sie in den Dienst der Erforschung der jüdischen Traditionen zu stellen, denen sein hauptsächliches Interesse galt.

2. Werk

2.1. Inhalt

Von Demetrios sind als Zitat aus Alexander Polyhistors Werk „Über die Juden“ bei → Euseb von Cäsarea (F 1-5: Praeparatio evangelica IX 19,4; 21,1-19; 29,1-3.15.16c) und aus unbekannter Quelle bei Clemens von Alexandrien (F 6: Stromata I 141,1-2; Bibliothek der Kirchenväter) sechs Fragmente geschichtlich-exegetischen Inhalts erhalten. Ihr thematischer Schwerpunkt liegt auf der Vätergeschichte und der Mosezeit. Im Vordergrund stehen → Abraham (F 1), aus dessen Vita allerdings nur die Opferung → Isaaks (Gen 22) erhalten ist, und → Jakob (F 2), der in seiner Rolle als Stammvater des Zwölf-Stämme-Verbandes herausgehoben wird. Chronologisch akribisch berichtet Demetrios von der Flucht zu → Laban (Gen 27,41-28,8), der Geburt der zwölf Kinder einschließlich → Dinas (Gen 29,31-30,24), dem Auszug aus Haran (Gen 31,17f), der Umbenennung Jakobs in „Israel“ beim Kampf mit dem Engel Gottes (Gen 32,24b-32), der Schändung Dinas (Gen 34), der Geburt Benjamins (Gen 35,16-19) und schließlich der Rückkehr zu Isaak (Gen 35,27). Es folgt eine knappe Zusammenfassung der → Josefsgeschichte (Gen 37,2.28; Gen 41,39-41.47-51; Gen 43,31f), die in der Umsiedlung der Jakobsfamilie nach Ägypten gipfelt (Gen 46,1-7) und mit der bis zu → Aaron und → Mose weitergeführten Genealogie endet. Mit dem Auftreten des Mose beginnt ein zweiter großer Abschnitt in der Schrift des Demetrios. Erhalten ist der Bericht von der Flucht des Mose nach → Midian und seiner Heirat mit → Zippora (Ex 2,15-21), deren Stammbaum in genealogischer Angleichung an den des Mose bis auf Abraham zurückgeführt wird (F 3), außerdem eine Sequenz (F 4) über den Aufenthalt Israels am Bitterwasser von → Mara und in Elim (Ex 15,22-27) sowie ein Stück, in dem die Frage nach der Bewaffnung der Israeliten in der Wüste (Ex 13,18; Ex 17,8-13) diskutiert wird (F 5).

Die Darstellung der Ereignisse ist, nach dem Vorbild der hellenistischen Chronographie, vom Bemühen um die Systematisierung des Geschichtsverlaufs getragen. Nicht sicher zu beantworten ist die Frage nach der thematischen Zusammengehörigkeit des sechsten, von Clemens Alexandrinus als Teil einer Schrift „Über die Könige in Judäa“ überlieferten Fragments, das in nur wenigen Sätzen den Bogen vom Ende des Nordreiches (722 v. Chr.) über die Einnahme Jerusalems durch Nebukadnezar und die Exilierung der Südstämme (587 v. Chr.) bis zu Ptolemaios IV. (222/1-204 v. Chr.) spannt.

2.2. Titel

Während Euseb von Cäsarea, vermutlich aufgrund fehlender Angaben bei Alexander Polyhistor, die ihm vorliegenden Texte des Demetrios ohne Nennung des Werkes zitiert, aus dem sie stammen, findet sich bei Clemens von Alexandrien der Titel „Über die Könige in Judäa“ (Περὶ τῶν ἐν τῇ Ιουδαία βασιλέων; Stromata I 141,1). Da Clemens im Gesamtzusammenhang seiner Ausführungen über die Chronologie der Geschichte Israels auch auf das textlich umfangreicher erhaltene Geschichtswerk des Eupolemos als ein „ähnliches Werk“ (ὅμοια πραγματεία) verweist (Stromata I 141,1), ist zu vermuten, dass die Übereinstimmungen zwischen beiden Autoren sich nicht nur auf ihr gemeinsames chronographisches Interesse erstreckten, sondern auch auf die Thematik als solche. Es ist also auch unabhängig vom Titel davon auszugehen, dass das Geschichtswerk des Demetrios einen Überblick über die Königszeit Israels enthielt. Der Titel selbst ist gewissermaßen von Demetrios zu Eupolemos gewandert, da die Forschung den ursprünglich für Demetrios überlieferten Titel wegen der von Clemens beschworenen Ähnlichkeit der Werke auch für die Schrift des Eupolemos übernommen hat. Letztere berichtet über den Beginn des Königtums in Israel, den Tempelbau unter Salomo und die Einnahme Jerusalems durch Nebukadnezar, wird aber von Euseb als Abhandlung über die Prophetie Elias gekennzeichnet (Praeparatio evangelica IX 30,1). Dass Demetrios in seinem vermutlich auf die Königszeit konzentrierten Geschichtswerk auch die Väter- und Mosegeschichten behandelte, entspricht der historischen Konvention (Eupolemos [Praeparatio evangelica IX 26,1; 30,1]; Justus von Tiberias [Jacoby, FGH III C 2, 695-699, Nr. 734]; vgl. → Philo, De vita Mosis 2,292).

2.3. Quellen

Alleinige Quelle für die Darstellung der jüdischen Väter- und Königszeit ist die LXX, auf deren Chronologie Demetrios sich in seinen Geschichtsberechnungen stützt und deren Wortlaut er seinen exegetischen Überlegungen zugrunde legt. Dass Demetrios sich darüber hinaus mit den griechischen und vielleicht auch den orientalischen chronographischen Traditionen (→ Manetho, Αἰγυπτιακά; → Berossos, Βαβυλωνιακά; Jacoby, FGH III C 1, 5-112; 364-395) seiner Zeit auseinandergesetzt hat, ist aus formalen Gründen vorauszusetzen. Eine direkte Verwendung griechischer Quellen ist allerdings nicht nachzuweisen.

3. Theologie

Das Werk des Demetrios unterliegt einer doppelten Systematik, einer chronologischen und einer genealogischen. Die entsprechenden Erzählstränge sind miteinander verschränkt und lassen in dieser Verschränkung den geschichtlichen Weg Israels als einen heilsgeschichtlichen Prozess erscheinen, der – nach Vernichtung und Zerstreuung – in der endzeitlichen Restitution des Zwölf-Stämme-Volkes mündet.

3.1. Israels Vergangenheit im Licht der Chronologie

Das chronologische System wird erkennbar in der in nahezu allen Fragmenten gehäuften Verwendung des Exodus- und damit verbunden des Exilmotivs zur Fixierung historischer Zeiträume: Aufbruch Abrahams von Haran in Mesopotamien nach Kanaan (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,16.18), Flucht Jakobs von Kanaan nach Haran (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,1f.19), Auszug aus Haran und Rückkehr nach Kanaan (F 1: Praeparatio evangelica IX 21,7), Zug Jakobs und seiner Söhne nach Ägypten (F 1: Praeparatio evangelica IX 21,17f), Flucht Moses nach Midian (F 3: Praeparatio evangelica IX 29,1), Exodus der Israeliten aus Ägypten (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,19), Exilierung der Nordstämme (F 6: Stromata I 141,1f), Exilierung der Südstämme (ebd.). Diese Fixierung der Geschichte anhand des stetigen Landeswechsels der Vätergeneration ist, obwohl sie sachlich dem biblischen Bericht folgt, um so auffälliger, als Demetrios sich in der weiteren Ausgestaltung des Erzählmaterials durch erzählerische Knappheit und Motivarmut auszeichnet. So erscheint das Leben der Väter, insbesondere das des Stammvaters „Israel“ (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,7), der seine Heimat zweimal verlassen muss, zur Exils- bzw. Exodusexistenz stilisiert. Die Wanderschaft des Volkes impliziert den steten Kontakt mit den Völkern und Kulturen der Umwelt, allen voran den Assyrern und Babyloniern (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,1f.18f; F 6: Stromata I 141,1f) sowie den Ägyptern (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,11-13.17-19), aber auch den Griechen, die am Schluss in Gestalt Ptolemaios’ IV. ins Bild treten (F 6: Stromata I 141,2). Diese Stilisierung Israels als eines wandernden Volkes ist ein theologischer Reflex der Diasporaexistenz des Autors, der sein Leben fern dem Mutterland als göttlich verordnet zu legitimieren, ja zu würdigen weiß, da er in großer geistiger Aufgeschlossenheit aus dem Reichtum der griechischen Kultur schöpft. Sie ist aber auch Reflex der Sehnsucht nach der Heimat und einer Existenz im Verband des eigenen Volkes. Die aus dieser Spannung erwachsende eschatologische Frage, ob und wann Gott sein Volk sammeln und wiederherstellen werde, beantwortet Demetrios in exegetisch diffiziler Auseinandersetzung mit der in den Geschichtsbüchern ganz unterschiedlich durchgeführten Ordnung des aus Jakob hervorgehenden Zwölf-Stämme-Volkes. Dabei wird ihm der Wandel dieser Ordnung zum Hinweis auf den Heilsplan Gottes, der sich am Ende der Zeit in der Vernichtung des in Israel wohnenden Bösen realisiert.

3.2. Israels Zukunft im Licht der Genealogie

Dass Demetrios seine eschatologische Erwartung aus der besonderen Konstitution Israels als eines der Zwölfzahl der Jakobsöhne entsprechenden Zwölf-Stämme-Verbandes gewinnt, zeigt die dreifache tabellarische Erfassung der Kinder Jakobs in seinem Werk (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,3-5; 21,8; 21,17-18a). Dabei bezieht sich Demetrios erzählerisch auf Gen 29,31-30,24, weicht in der Ordnung der Jakobsöhne aber signifikant von seiner Vorlage ab. Die auffälligste Änderung ist die Hintanstellung Dans als letzter Sohn Leas (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,5) und im Weiteren die völlige Tilgung Dans aus der Reihe der Jakobsöhne. Dan wird ersetzt durch Dina (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,8.17). Die Änderung der Sohnesfolge bewirkt eine Verschiebung auch in der Sohnesreihe der Lea und Rahel zugeordneten Mägde. Und schließlich identifiziert Demetrios → Silpa, gegen das Zeugnis von Gen 30,9, nicht als Magd → Leas, sondern als Magd → Rahels.

Was in der Forschung lange Zeit als Ergebnis fehlerhafter Textüberlieferung erklärt und mit Hilfe von Konjekturen und Ergänzungen wieder „richtig gestellt“ wurde, erweist sich im Licht der im Frühjudentum mit Dan verbundenen Endzeiterwartungen als bewusste Änderung der Genesisvorlage. Denn Dan galt als Sinnbild eines mit den Göttern der heidnischen Umwelt paktierenden Judentums. Er war derjenige Stammvater, der wegen seiner Abtrünnigkeit die standesgemäße Zugehörigkeit zum Zwölf-Stämme-Verband verwirkt hatte.

Diese negative Sicht Dans entwickelte sich aus der Identifizierung Dans mit der → Schlange im Jakobssegen Gen 49,17, d.h. mit demjenigen Tier, das in frühjüdischer Zeit als Sinnbild der gegengöttlichen Macht mit → Satan gleichgesetzt werden konnte. Das Bild verband sich mit der Vorstellung vom immerwährenden Götzendienst Dans nach Ri 18,20 und Am 8,14 (vgl. TestDan 5,4f; Vita Prophetarum 3,17; → Testament der 12 Patriarchen; → Vitae Prophetarum). Aus der Kombination der Motivkreise entstand die Überzeugung, dass Dan sich – zum Schaden des gesamten Volkes Israel – Satan bzw. Beliar überantwortet habe (TestDan 5,6; vgl. auch TestDan 1,7; 3,6; 4,7; 5,1; 6,1). Die nicht enden wollende Exilexistenz Israels erscheint in diesem Zusammenhang als Strafe Gottes für den Frevel Dans (Vitae Prophetarum 3,19). Von hier war es nur ein kleiner Schritt zur eschatologischen Überhöhung des mit Dan verbundenen Schreckensszenarios. Sie geschah auf der Grundlage der Weissagung Jeremias, dass die durch Schlangen ins Werk gesetzte Vernichtung des Gottesvolkes und Jerusalems von Dan ausgehen werde (Jer 8,16f). Die Johannesapokalypse überträgt die Schreckenserwartung ins Bild des endzeitlichen Kampfes der Schlange gegen Gott und seinen Christus (Apk 12). Der Sieg über die Schlange gipfelt in der heilvollen Restitution der zwölf Stämme Israels unter Ausschluss Dans (Apk 7,4-8).

Die Auslassung bzw. Deklassierung Dans in der Liste der Jakobnachkommen bei Demetrios entspricht dem negativen Urteil über Dan in der Tradition. Die religiöse Fremdorientierung Dans begründet für Demetrios den Ausschluss aus der durch Jakob konstituierten Israelgemeinschaft. Das Bewusstsein religiöser und nationaler Exklusivität zeigt sich auch im angestrengten Bemühen des Autors, die in Num 12,1 dokumentierte Heirat Moses mit einer Äthiopierin in einem weit ausholenden genealogischen Beweisverfahren als innerjüdische Verbindung mit der Abrahamenkelin Zippora erscheinen zu lassen (F 3). Die implizite Forderung uneingeschränkter Gottestreue und Reinerhaltung des Glaubens tritt hier deutlich zutage als wichtiger Aspekt jüdischer Exilexistenz, gleichzeitig als Voraussetzung der endzeitlichen Restitution des Zwölf-Stämme-Volkes.

Das Ringen des Autors um die Wiederherstellung der zwölf Stämme Israels zeigt sich auch in der Neuordnung der Mägde und ihrer Kinder. Die Korrektur des Genesisberichts erfolgt über die Kennzeichnung Silpas als Magd Rahels (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,3), ohne dass im Gegenzug → Bilha Lea zugeordnet würde. Damit gelten die Söhne beider Mägde als Kinder Rahels. Mit dieser Neuordnung der Söhne Jakobs gegenüber dem Genesisbericht erreicht Demetrios ein ungefähres Gleichgewicht der Rahelsöhne gegenüber den Leasöhnen, da nun auf Seiten Rahels die leiblichen Söhne Josef und Benjamin neben den Mägdesöhnen Naftali, Gad und Asser zu stehen kommen, während Lea als Mutter Rubens, Simeons, Levis, Judas, Issachars, Sebulons und Dans erscheint. Da im Blick auf die Stämmesystematik Josef die Stämme Ephraim und Manasse repräsentiert (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,12), beläuft sich die Gesamtzahl der Stämme auf 13, von denen Demetrios 6 als Rahel-, 7 als Leastämme identifiziert. Die eschatologische Bedeutung der Neuordnung der Söhne Jakobs ergibt sich aus diesem Zahlenverhältnis. Denn weil Dan aus dem Stämmeverband ausgeschlossen wird, konstituiert das dadurch gewonnene Gleichgewicht der Stämme das vom Bösen gereinigte, ganzheitlich neu geformte Gottesvolk der Endzeit.

Das von Gen 29f. abweichende Arrangement der Israelstämme ist allerdings kein willkürlicher Akt eines frei spekulierenden Autors, sondern hat eine Vorlage in 1Chr 2,1f. Die Umgruppierung entspricht der innerbiblischen Traditionsentwicklung, innerhalb derer die Systematik der zwölf Stämme Israels steten Veränderungen unterworfen war. Dabei erscheinen besonders die „Mägdestämme“ als eine für Veränderung und Neuzuordnung offene Gruppe. Das Ordnungsprinzip der chronistischen Namensliste ist die Einteilung der Nachkommen Israels in drei Gruppen, die der traditionellen Einteilung in Lea-, Rahel- und Mägdestämme entsprechen. Die Leagruppe mit Dan in siebter Position führt das Feld an, gefolgt von den beiden Rahelsöhnen Josef und Benjamin, während die Mägdesöhne Nafthali, Gad und Asser als eine Gruppe den Schluss bilden.

© Ulrike Mittmann

Abb. 1 Das System der Israelstämme nach 1Chr 2,1f (in der Interpretation des Demetrios).

Die Stellung Dans, der nach Gen 30,5f eigentlich ein Sohn Bilhas ist und daher als Rahelnachkomme gilt, am Ende der Liste der Leasöhne ist von Demetrios ganz offensichtlich als Zeichen der Lea-Zugehörigkeit Dans verstanden und in diesem Sinne interpretatorisch verwertet worden. Denn er gewinnt durch die Identifikation Dans als Sohn der Lea (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,5) eine ganz neue heilsgeschichtliche Systematik. Zu ihren Voraussetzungen gehört auch die gemeinschaftliche Klassifikation aller Jakobnachkommen, die den Rahelsöhnen nach- und damit zugeordnet sind, als Nennsöhne der Rahel, wofür die Chronikliste durchaus offen war, da sie die äußerliche Zusammengehörigkeit bestimmter Stämme durch die Anordnung der Namen nur andeutete. Die Bezeichnung Silpas als Magd Rahels (F 2: Praeparatio evangelica IX 21,3) ist vor dem Hintergrund von 1Chr 2,1f nur konsequent und liegt auf einer Linie mit der Kennzeichnung Dans als Sohn Leas. So entsteht nach der Ausgrenzung Dans aus dem Zwölf-Stämme-Verband ein ganzheitliches Bild von zweimal sechs Stämmen.

Dieses Bild eines ins Gleichgewicht gekommenen und damit heilen Israel scheint auch in F 6 als Ideal hindurch, wo Demetrios auf die Exilierung Israels zunächst durch die Assyrer, dann durch die Babylonier zu sprechen kommt. Hier werden für die Stunde des Gerichts zunächst noch dreizehn Stämme benannt. Von ihnen werden zehn Stämme – fünf Lea- und fünf Rahelstämme – von den Assyrern in die Verbannung geführt, während drei – Juda, Benjamin und Levi – zunächst noch im Land bleiben. Sie entgehen der späteren Exilierung nicht, repräsentieren aber denjenigen Teil des Volkes, der historisch zurückgekehrt ist und seiner heilsgeschichtlichen Wiederherstellung durch die „verloren gegangenen“ Nordreichstämme harrt. Hier, am Ende des Geschichtsüberblicks, wird deutlich, warum es notwendig zur heilsgeschichtlichen Ausgrenzung Dans kommen musste: Nur durch die Ausgrenzung desjenigen Stammes, auf dem die israelitische Gesamtschuld der Abkehr von Gott lastete, konnte die Zwölfzahl der Stämme restituiert und das Volk zu einer heilvollen Ganzheit geführt werden.

3.3. Der historische Rahmen

Im theologischen Ringen des Demetrios um den von Zertrennung und Fremdlingschaft geprägten Weg Israels bis hin zur eschatologischen Wiederherstellung des Volkes offenbart sich das Grundproblem jüdischer Diasporaexistenz in der Antike: die nationale Separation und die Bewahrung jüdischer Identität fern dem Mutterland. Wie dringlich der Autor die Frage zu beantworten sucht, ob und wann Israel nach Gottes Willen wieder als freies und geeintes Volk existieren würde, zeigt die akribische Aufarbeitung und eschatologische Auswertung der in den Geschichtstraditionen unterschiedlichen Systeme der Stämme Israels als Grundlage eines Gesamtüberblicks über Israels Geschichte. Demetrios erscheint hier als Repräsentant eines sich seiner Erwählung und seiner Verschuldung gleichermaßen bewussten Volkes, das im 3. Jh. v. Chr. auch im Mutterland der ptolemäischen Fremdherrschaft unterworfen war und somit als Ganzes der theokratischen Souveränität ermangelte. Der negative Bezug auf Dan als Sinnbild für Israels Verschuldung und Abkehr von Gott ist daher nicht allein im Diasporakontext zu deuten, sondern im geschichtlichen Gesamtkontext einer politisch versklavten Nation, deren äußere Versehrtheit für Demetrios der Spiegel innerer Heillosigkeit und daher Zeichen des Gerichts ist.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Das System der Israelstämme nach 1Chr 2,1f (in der Interpretation des Demetrios). © Ulrike Mittmann
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