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Lexikon

Dedan

Ernst Axel Knauf

(erstellt: Sept. 2015)

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1. Lage und Erforschung

 © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Dedan.

Dedan (hebräisch דְּדָן Dədān, arabisch Dadanu, heute al-‘Ulā) ist eine Oasenstadt im Nordwesten der arabischen Halbinsel (Koordinaten: N 26° 40' 04'', E 37° 54' 39''), die spätestens seit der Mitte des 8. Jh.s v. Chr. ein Zentrum des Karawanenhandels darstellte und einst Mittelpunkt des antike Reiches Lihyan war. Zwischen Dedan und Yaṯrib (heute al-Madīna) erstreckt sich das relativ fruchtbare Wādī l-Qurā, kurz vor Dedan verengt sich die nach Norden führende Straße zwischen einer Fels- und einer Lava-Formation, vor der ein Karawanenweg nach → Tema und weiter nach → Mesopotamien abzweigt. Relief und Hydrologie machen den Ort, dessen Ruinen (el-Ḫrēbe / al-Ḫuraiba) sich an den Felsen im Nordosten schmiegen (ca. 20 Hektar; Parr u.a. 1969, 204-214), zu einer wichtigen Station der Weihrauchstraße und später der Pilgerstraße von Syrien und Ägypten nach Mekka.

Die Stadt al-‘Ulā wurde in den 70er Jahren des 19. Jh.s von Ch.M. Doughty besucht und beschrieben (Doughty 1936, I 180-204; Planskizze 188), der sowohl die Ruinen als auch Felsgräber und Inschriften bemerkte. 1890 identifizierte der Geograph und Arabienreisende Eduard Glaser die Ruinen mit dem antiken Dedan. Die bedeutendste Aufnahme der dortigen Epigraphik ist den Jerusalemer Dominikaner-Patres A. Jaussen und R. Savignac 1907-1910 zu verdanken (Jaussen / Savignac 1914). Seit den letzten Jahren führt die saudi-arabische Antikenverwaltung dort Ausgrabungen durch.

2. Geschichte

Eine selbstständige politische Größe war Dedan spätestens seit dem ausgehenden 7. Jh. v. Chr. (Jer 25,23). Eine archaische lihyanitische Inschrift nennt einen „König von Dedan“, der nach der Paläographie eher dem 7. als dem 6. oder 5. Jh. v. Chr. zuzuweisen ist. Zwischen 597 und 553 v. Chr. könnte Dedan → edomitisch gewesen sein (vgl. Ez 25,13), 552-543 v. Chr. gehörte es zu den arabischen Eroberungen → Nabonids. Auf die Eroberung Dedans im Anschluss an die neubabylonische Okkupation Edoms spielt wohl Jer 49,8 an. „Kriege“ zwischen Tema und Dedan nennen altnordarabische Inschriften aus der Umgebung von Tema, die aus dem 6. und 5. Jh. v. Chr. stammen (Weippert 2010, 440-450); bei diesen „Kriegen“ muss es sich aber nicht um mehr als um Viehdiebstähle und Karawanenüberfälle gehandelt haben.

Nach dem Abzug Nabonids, spätestens aber im 5. Jh. v. Chr., regierten in Dedan die Könige von Liḥyān neben einem persischen „Statthalter“ (fḥt < peḥā’; → Provinz), neben dem der Oberscheich der Kedrener (→ Kedar), kein anderer als der aus Neh 2 und 6 bekannte „Araber Geschem“ in der Oase von Dedan Einfluss ausübte, wie aus einer lihyanischen Inschrift hervorgeht:

„Nūrān bin Ḥāḍir hat sich aufgeschrieben in den Tagen des Guśam bin Śahr und des Abd, Statthalters von Dedan, unter der Regie[rung des NN, Königs von Liḥyān]“ (Jaussen-Savignac 349).

Ein großer Teil der lihyanischen Inschriften dokumentiert Wasserbauarbeiten und Wasserrechte. Dedan praktizierte ein sonst nur aus dem späteren Persien bekanntes System der Bewässerung mit unterirdischen Bewässerungskanälen, was Wasserverlust durch Verdunstung entgegenwirkte und die landwirtschaftliche Produktivität der Oase weiter steigerte. Zwischen 557 und 554 v. Chr. nennt eine sabäische Inschrift Dedan als Ziel einer Handelskarawane neben Gaza und den „Städten Judäas“ (Bron / Lemaire).

Spätestens im 4. Jh., nachdem infolge der wiedererlangten ägyptischen Selbstständigkeit die persische Herrschaft in Nordarabien und mit ihr das Monopol der Sabäer (→ Saba) im Weihrauchhandel sowie der Großstamm der Kedar untergegangen waren, ließ sich in Dedan eine minäische Handelskolonie nieder, die den Handel mit Ägypten, dem syrischen Raum und der Ägäis abwickelte und deren Angehörige Frauen aus Dedan und den umliegenden Stämmen, Gebieten und Städten (wie Gaza, Moab, Ammon und Kedar) heirateten. Diese Ehen wurden in der minäischen Hauptstadt Ma‘īn dokumentiert (in den sogenannten „Hierodulenlisten von Ma‘īn“, die trotz dieser Bezeichnung nichts mit Tempelsklavinnen zu tun haben).

Auch im 3. Jh. v. Chr. blieben die Beziehungen Dedans zu Ägypten stabil, der Name „Ptolemaios“ wurde als „Talmay“ im 3. Jh. von einem lihyanischen König getragen. Den Niedergang Dedans und der minäischen Kolonie seit dem Beginn des 2. Jh.s v. Chr. dürften der Verlust von → Gaza und Koilesyrien an die → Seleukiden 202-199 v. Chr. ausgelöst und die Wirren im zerfallenden Seleukidenreich verstärkt haben. Nutznießer der Situation waren die Nabatäer, die Ende des 2. Jh.s v. Chr. die Kontrolle über das Nordende der Weihrauchstraße gewannen und sich mit dem Stamm der Salamäer verbündeten. Deren Zentrum Hegra (al-Ḥiǧr, seit dem Mittelalter auch Madā’in Ṣāliḥ „Stadt des Ṣāliḥ“ genannt nach dem im Koran erwähnten Propheten Ṣāliḥ, der nach Sure 15,80 [Text Koran] in Hegra abgewiesenen worden sein soll), ca. 15 km nördlich von Dedan, löste vom 1. Jh. v. Chr. bis ins 3. Jh. n. Chr. Dedan als regionale Metropole ab. Im 6. Jh. n. Chr. waren, wie der Koran in dieser Sure zeigt, auch Hegra und seine ehemaligen Bewohner für die Araber nur noch, wie die biblischen Geschichten, Teil einer Propheten-Legende aus grauer Vorzeit.

3. In der Bibel

Mit 12 Belegen ist Dedan in der Bibel so prominent wie → Megiddo.

3.1. In der Tora erscheint es im priesterschriftlichen Bestand der Völkertafel in Gen 10,7 (= 1Chr 1,9) als „Sohn“ von Ragma (רַעְמָה Ra‘māh, altsüdarabisch Rgmt, seit der Spätantike Naǧrān) mit dem „Bruder“ Saba (שְׁבָא Šǝvā’), der zugleich unter der Namensform סְבָא Sǝvā’ ein Bruder von Ragma und damit ein Onkel von Dedan ist (die verschiedenen hebräischen Namensformen für „Saba“ erklären sich aus dem Schicksal des zugrundeliegenden Sibilanten s1 in den alten süd- und nordarabischen Sprachen; heute šīn im Hebräischen und sīn im Arabischen). Die Völkertafel der → Priesterschrift geht auf eine geographische Liste aus dem → Jerusalemer Schulbetrieb des 7. Jh.s v. Chr. zurück, die bis zur Tora-Schlussredaktion erweitert wurde (Knauf 1989, 61-65). Zur Grundschicht gehört Gen 10,7a, wobei mit Sabta (< Schabaka) und Sabtecha (< Schebitku) die ersten beiden Pharaonen der 25., nubischen Dynastie, die ganz Ägypten beherrscht haben, in die Listen geraten sind (721 / 710 - 707 v. Chr. und 707-690 v. Chr. nach Kahn 2001). Gen 10,7b könnte eine Erweiterung des 6. Jh.s bilden.

In der Liste der Ketura-Söhne (→ Ketura), die nach dem sprechenden Namen („Räucherwerk“) der dritten Frau → Abrahams eine Reihe westarabischer Stämme und Städte enthält, stammt Dedan dagegen von Jokschan ab, ist aber ebenfalls ein Bruder von Saba (Gen 25,3 = 1Chr 1,32). Die Minäer und ihre Kolonie sind noch nicht im Blick. Die beiden Belege für Dedan aus der Tora könnten auf eine sabäische Vorgängerin der minäischen Kolonie hindeuten, die im 7. bis 5. Jh. v. Chr. (unterbrochen von Nabonids Intervention) anzusetzen wäre. Für deren Existenz schon Ende des 8. Jh.s spricht die kurze Reaktionszeit der Sabäer auf die Eroberung Gazas durch → Tiglat-Pileser III. (734 v. Chr.; der König will den Tribut der Sabäer noch in Gaza empfangen haben, wo er sich nach dessen Eroberung allenfalls wenige Wochen aufhielt), doch fehlen für die Existenz einer solchen Vorgängerkolonie bislang handfeste epigraphische und archäologische Indizien. So lassen sich diese beiden Belege besser erklären als Reflex auf die Einbindung Dedans in den sabäisch kontrollierten Handel auf der Weihrauchstraße bis ins 5. Jh. v. Chr. Die „Söhne Dedans“ nach Gen 25,3 (Aschurim, Letuschim und Lëummim) sind rätselhaft; bei den Aschurim kann man allenfalls an „Syrer“ denken, die sich in Dedan als Händler niedergelassen haben. In sehr gebrochener Weise reflektiert der Vers die Multikulturalität in der Oase im 5. Jh., wie sie durch die Inschrift Jaussen-Savignac 349 dokumentiert wird (s.o. 2.).

3.2. In den Prophetenbüchern wird Dedan von allen drei „großen“ Propheten erwähnt. Das „Orakel über das Beduinen[-Land] (עֲרָב ‘ărāv)“ (Jes 21,13-17) folgt auf die „Orakel über die Meeres-Steppe (Jes 21,1-10) und „Orakel von Duma“ (Jes 21,11-12). Während das erste den Fall → Babylons feiert, verbindet das zweite den Namen einer weiteren nordarabischen Oasenstadt, die im 7. und 6. Jh. bedeutend war, mit → Seïr. Die Aufforderungen an die Karawanen der Dedaniter, in der Steppe Zuflucht zu suchen (weil die Städte erobert sind?) (Jes 21,13), und besonders, den Flüchtlingen von Tema mit Wasser entgegenzugehen (Jes 21,14), verbinden das dritte Orakel in Jes 21 recht eindeutig mit dem Feldzug → Nabonids von 553 v. Chr. Dem arabischen Abenteuer ging die Eroberung → Edoms voraus (wird darauf in Jes 21,11-12 angespielt?), und der „Fall Babylons“ Jes 21,1-10 könnte eine Interpretation des Aufbruchs Nabonids in die arabische Bedeutungslosigkeit darstellen, insbesondere, weil damit die Feier des babylonischen Neujahrsfestes, das für die dortige Staats- und Weltordnung von höchster Bedeutung war, unmöglich gemacht wurde (vgl. Jes 21,9b – anderenfalls müsste dieser Halbvers bis 484 v. Chr. warten, um erfüllt zu werden, da 539 den babylonischen Göttern und ihren Tempeln nur Gutes geschah). Der Fall von → Kedar, der sich Jes 21,16-17 und in Prosa an das Dedan-Tema-Orakel anschließt, kommentiert den Umsturz in Arabien zu Beginn des 4. Jh.s v. Chr. (s.o.).

Die Erwähnung von Dedan unter allen in Jerusalem bekannten Staaten, die 604 v. Chr. noch nicht babylonisch waren, in Jer 25,23, ist (wahrscheinlich in geschichtstheologischer Rückschau) durch Jer 25,1 in das erste Jahr → Nebukadnezars II. datiert, das am 1. Nisan 604 begann. Jer 25,17-26 dokumentiert eine weltpolitische Konstellation, die nach 539, besonders nach 525, bedeutungslos war. Die in Jer 25,23 mitangesprochenen „Leute mit abgeschnittenen Haar-Rändern“ sind die Proto-Beduinen des 8. bis 1. Jh.s v. Chr. (Knauf 1983), die zwischen den genannten Städten und Landschaften lebten. Die Erwähnung von Dedan im Edom-Orakel Jer 49,7-22 (Jer 49,7) reflektiert wieder den Nabonid-Feldzug von 553 v. Chr.

Mit vier Belegen, von denen einer freilich wohl zu streichen ist, hat „Dedan“ die höchste Frequenz im → Ezechielbuch. Zu streichen ist wohl Ez 27,15; die „Dedaniter“ sind neben den „Inseln“ (der Ägäis) deplatziert und kommen in der Liste der Handelspartner von → Tyrus Ez 27,12-25 in Ez 27,20 an der richtigen Stelle nach Damaskus und vor Beduinen und Kedar. Nach dem Vorbild der דֹּדָנִים Dodānîm Gen 10,4 (1Chr 1,7 רוֹדָנִים Rôdānîm) werden sie gerne in „Leute aus Rhodos“ geändert; das ist im Fall der Bǝnê Dǝdān aber graphisch schwierig, so dass sich hier eher die Lesung *Bǝnê Jāwān „Ionier“ empfiehlt.

Im Edom-Orakel Ez 25,12-14 wird in Ez 25,13 angekündet, dass die Edomiter „von Teman bis nach Dedan durch das Schwert fallen sollen“. Dies ist der einzige Beleg dafür, dass Dedan 553 v. Chr. möglicherweise ein Vasall Edoms war. Minimalistischer, aber im Übereinklang mit den Daten zum Nabonid-Feldzug, besagt der Vers nur, dass der Untergang Edoms auch Dedan in Mitleidenschaft ziehen wird. Nach Ez 27,20 belieferte Dedan Tyrus mit Satteldecken bzw. Schabracken. Kamel-, Schaf- und Ziegenwolle waren wohl in der Tat in Arabien im Überfluss vorhanden. Im Gog-Orakel (→ Gog) Ez 38,10-13 werden in Ez 38,13 bekannte Händler von den anderen Rändern der Erde aufgeboten, um Gog wegen der Erfolglosigkeit seines Kriegszuges zu verspotten: aus dem fernen Westen → Tarsis, aus dem Südosten → Saba und Dedan, einmal mehr gepaart. Ez 30,13 deutet an, dass die Handels-Partnerschaft zwischen Saba und Dedan nach Nabonids Abzug wieder auflebte.

Die prophetischen Belege für Dedan gehören im Wesentlichen zur Kommentierung und Aufarbeitung des Nabonid-Feldzuges von 553 v. Chr., in mehr als einer Hinsicht eine Ungeheuerlichkeit, mit der die damalige Welt in Aufruhr versetzt wurde. Diese Texte belegen aber auch, dass der geographische Horizont Israels im 6. Jh. um einiges über Ägypten und Mesopotamien hinausreichte.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001

2. Weitere Literatur

  • Bron, F. / Lemaire, A., 2009, Nouvelle inscription sabéenne et le commerce en Transeuphratène, Transeuphratène 38, 11-29.
  • Doughty, Ch.M., 1888, Travels in Arabia Deserta, London (2. Aufl. 1921; 3. Aufl. 1936).
  • Fares, S., 2003, La chronologie des inscriptions dédanites et lihyânites d’al-’Ulâ. État de la question (Topoi Orient et Occident suppl. 4), 379-405.
  • Glaser, E., 1890, Skizze der Geschichte und Geographie Arabiens von den ältesten Zeiten bis zum Propheten Muhammad nebst einem Anhange zur Beleuchtung der Geschichte Abessyniens, München / Berlin.
  • Healey, J.F., 1993, The Nabataean Tomb Inscriptions of Mada’in Salih (JSS Suppl. 1), Oxford.
  • Jaussen, A. / Savignac, R., 1914, Mission archéologique en Arabie (Mars-Mai 1907), 2: El-‘Ela, d-Hégra a Teima, Harrah de Tabouk, Paris.
  • Kahn, D., 2001, The Inscription of King Sargon II of Assyria at Tang-i Var and the Chronology of Dynasty 25, Orientalia 70, 1-18.
  • Knauf, E.A., 1983, Supplementa Ismaelitica 5. Zur Haartracht der alten Araber, BN 22, 30-33.
  • Knauf, E.A., 2. Aufl. 1989, Ismael. Untersuchungen zur Geschichte Palästinas und Nordarabiens im 1. Jahrtausend v. Chr. (ADPV), Wiesbaden.
  • Knauf, E.A., 1990, The Persian Administration in Arabia, Transeuphratène 2, 201-217.
  • Parr, P.J. / Harding, G.L. / Dayton, J.E., 1969, Preliminary Survey in N.W. Arabia, 1968, Bulletin of the Institute of Archaeology 8, 193-242.
  • Parr, P.J. / Harding, G.L. / Dayton, J.E., 1970, Preliminary Survey in N.W. Arabia, 1968, Bulletin of the Institute of Archaeology 9, 23-61.
  • Parr, P.J. / Harding, G.L. / Dayton, J.E., 1997, Art. Dedan, in: The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Near East II, Oxford / New York, 133-134.
  • Sima, A., 1999, Die lihyanischen Inschriften von al-‘Uḏayb (Saudi-Arabien) (Epigraphische Forschungen auf der Arabischen Halbinsel 1), Rahden.
  • Sima, A., 2000, Zum antiken Namen der Stadt Dedan, BN 104, 42-47.
  • Weippert, M., 2010, Historisches Textbuch zum Alten Testament (GAT 10), Göttingen.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Dedan. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
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