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Lexikon

Corrodi, Heinrich

(1752-1793)

Martin Mulzer

(erstellt: März 2016)

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1. Leben

(Hans) Heinrich Corrodi wurde am 31. Juli 1752 als Sohn des reformierten Theologen Hans Jakob Corrodi (1719-1784) und seiner Frau Susanne Kambli (1721-1772) in Zürich geboren. Von der mystisch-pietistischen Einstellung des Vaters wandte sich der Sohn ab. Er besuchte die höheren Schulen seiner Heimatstadt, wo Johann Jakob Steinbrüchel (1729-1796) sein Lehrer war. 1775 wurde er zum Verbi Divini Minister ordiniert. Nach weiterführenden Studien in Leipzig und in Halle bei Johann Salomo Semler (1725-1791) erhielt Corrodi 1786 die Professur für Sittenlehre und Naturrecht am Collegium Humanitatis in Zürich. Dort starb er unverheiratet am 13. September 1793.

2. Einordnung

Der vielseitig interessierte Heinrich Corrodi gilt als bedeutender Vertreter der Schweizer Aufklärungstheologie. Er verfasste eine Widerlegung des jüdischen und christlichen Chiliasmus (3 Teile in 4 Bänden, 1781-1783) und einen Abriss der biblischen Kanongeschichte (2 Bände, 1792; → Kanon). In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Beyträge zur Beförderung des vernünftigen Denkens in der Religion“ (18 Hefte, 1780-1794) veröffentlichte er auch bibelwissenschaftliche Aufsätze.

3. Kanon des Alten Testaments

Wie sein Lehrer Semler („Abhandlung von freier Untersuchung des Canon“, 4 Bd., 1771-1775; vgl. Lüder 1995, 122-179) wandte sich Corrodi dem biblischen Kanon zu. Anders als z.B. → Johann Gottfried Eichhorn (1752-1827) rechnet er mit einer längeren Entstehungsgeschichte des Alten Testaments und einem größeren Anteil jüngerer Bestandteile. Dies gilt insbesondere für den Pentateuch (vgl. Kanon 1792, I, 60). Jüngere Schriften sind z.B. die Bücher → Ester (persisch) und → Daniel (makkabäisch), jüngere Buchteile z.B. Ez 38-39 (hellenistisch) und Ez 40-48 (nachexilisch) (vgl. Kanon 1792, I, 64-106; zu Dan vgl. Koch 2003, 349.351). Der jüdische Kanon wurde „durch nach und nach entstandene Schriften vermehrt“ (Kanon 1792, I, 180f.) und erst um die Zeitenwende durch die Pharisäer in Auseinandersetzung mit rivalisierenden Gruppierungen festgelegt (vgl. Kanon 1792, I, 38.108f.113). Er enthielt göttliche Offenbarungen und Erzählungen über die Geschichte des Volkes (vgl. Kanon 1792, I, 10-15.180).

4. Kanon des Neuen Testaments

In den verschiedenen Zentren des Christentums fanden zunächst unterschiedliche Schriften Anerkennung. Ab dem 2. Jh. n. Chr. wurden die lokalen Sammlungen festgelegt und bis zum 4. Jh. n. Chr. weitgehend vereinheitlicht. Noch im 7. Jh. n. Chr. sind einzelne Abweichungen feststellbar (vgl. Kanon 1792, II, 394-403). Corrodi plädiert für Entscheidungsfreiheit hinsichtlich des Kanons: „Man nehme die Bücher des neutestamentlichen Kanons an, wenn man ja Gründe sie anzunehmen findet; aber man nehme sie mit Ueberzeugung aus hinlänglichen Gründen an“ (Kanon 1792, II, 403). Der Offenbarung des Johannes steht er wegen ihrer chiliastischen Vorstellungen kritisch gegenüber: „Vom Geist der christlichen Liebe findet sich keine Spur darin“ (Kanon 1792, II, 305; vgl. auch Chiliasmus 1781-1783, II, 230f.303). Den → Jakobusbrief schätzt er als Zeugnis eines weder spekulativen und noch vom frommen Gefühl bestimmten Christentums. Er gehöre „zu den vortrefflichsten Schriften des neuen Testaments“; in ihm werde „ächte, reine, unschwärmerische Moral gelehrt“ (Kanon 1792, II, 266). Er entsprach in besonderer Weise Corrodis religiöser Einstellung.

5. Synoptische Evangelien

Corrodi nahm ein syrisches, d.h. aramäisches Urevangelium an. Daraus entstanden das Markus- und das Lukasevangelium sowie das Matthäusevangelium als veränderte Abschrift des Markusevangeliums. Ihre spätere Gestalt enthielten die synoptischen Evangelien durch die Aufnahme von weiteren Überlieferungen (vgl. Beyträge 9 [1786] 60-76). Die matthäische Bergpredigt hält Corrodi z.B. für eine „Sammlung allerley bei verschiedenen Gelegenheiten [scil. von Jesus] vorgebrachter Sittenlehre“ (Beyträge 9 [1786] 69; vgl. Kanon 1792, II, 147; Görg 1994, 15-17). Später bestimmt Corrodi wie Semler das Urevangelium als Ur-Matthäus (vgl. Kanon 1792, II, 149-156).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, Leipzig 1818-1889
  • Allgemeine Deutsche Biographie, München 1875-1912
  • Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, 3. Aufl., Leipzig 1896-1913
  • Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz, Neuerburg 1921-1934
  • Neue Deutsche Biographie, Berlin 1953ff.
  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Historisches Lexikon der Schweiz, Basel 2002-2014
  • Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (im Internet: http://www.bautz.de/bbkl/)

2. Werke (in Auswahl)

(vgl. zur Bibliographie Meusel 1803, II, 177f.)

  • (anonym) Beyträge zur Beförderung des vernünftigen Denkens in der Religion, 18 Hefte, Heft 1-11: Frankfurt Leipzig 1780-1788; Heft 12-18: Winterthur (H. Steiner u. Co.) 1789-1794
  • (anonym) Kritische Geschichte des Chiliasmus, 3 Teile in 4 Bd., Frankfurt Leipzig 1781-1783; 2. Aufl. mit Verfasserangabe und Untertitel: Oder der Meynungen über das Tausendjährige Reich Christi, Zürich (Orell, Geßner, Füßli u. Co.) [1794]
  • (anonym) Freymüthige Versuche über verschiedene in Theologie und biblische Kritik einschlagende Materien, Berlin Stettin (F. Nicolai) 1783
  • (anonym) Versuch einer Beleuchtung der Geschichte des Jüdischen und Christlichen Bibelkanons, 2 Bd., Halle (Curts Wittwe) 1792

3. Sekundärliteratur

  • Aner, K., Die Theologie der Lessingzeit, Halle a.d. Saale 1929
  • Berner, E., Im Zeichen von Vernunft und Christentum. Die Zürcher Landschulreform im ausgehenden 18. Jahrhundert (Beiträge zur Historischen Bildungsforschung 40), Weimar / Wien 2010
  • Görg, M., Heinrich Corrodi und die Anfänge der historisch-kritischen Arbeit am Neuen Testament, BN 73 (1994), 13-17
  • Koch, K., Europabewußtsein und Danielrezeption zwischen 1648 und 1848, in: M. Delgado u.a. (Hgg.), Europa, Tausendjähriges Reich und Neue Welt. Zwei Jahrtausende Geschichte und Utopie in der Rezeption des Danielbuches (Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte 1), Freiburg (Schweiz) / Stuttgart 2003, 326-383
  • Kohler, D., Eschatologie und Soteriologie in der Dichtung. Johann Caspar Lavater im Wettstreit mit Klopstock und Herder, Frühe Neuzeit 192, Berlin u.a. 2015
  • Kohler, D., Der Zürcher Chiliasmus im Kreis von Johann Caspar Lavater und dessen Bekämpfung durch Heinrich Corrodi, in: A. Beutel / M. Nooke (Hgg.), Religion und Aufklärung. Akten des Ersten Internationalen Kongresses zur Erforschung der Aufklärungstheologie. Münster, 30. März bis 2. April 2014, Tübingen 2016, 539-549
  • Kraus, H.-J., Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments, 2. Aufl. Neukirchen-Vluyn 1969
  • Lüder, A., Historie und Dogmatik. Ein Beitrag zur Genese und Entfaltung von Johann Salomo Semlers Verständnis des Alten Testaments (BZAW 233), Berlin / New York 1995
  • Maurer, R., Zum Andenken an Heinrich Corrodi, Neue Beyträge zur Beförderung des vernünftigen Denkens 1 (1801), 1-77
  • Meister, L., Nekrolog von Heinrich Corrodi, Prof. des Naturrechtes und der Sittenlehre auf dem Gymnasium in Zürich, [Zürich] 1793
  • Meusel, J.G., Lexikon der vom Jahr 1750 bis 1800 verstorbenen teutschen Schriftsteller, Bd. 2, Leipzig 1803
  • Wernle, P., Der schweizerische Protestantismus im XVIII. Jahrhundert, Bd. 2 Die Aufklärungsbewegung in der Schweiz, Tübingen 1924
  • Zurbuchen, S., Die Zürcher Popularphilosophie: Heinrich Corrodi und Leonhard Meister, in: H. Holzhey / S. Zurbuchen (Hgg.), Alte Löcher – neue Blicke. Zürich im 18. Jahrhundert. Aussen- und Innenperspektiven, Zürich 1997, 329-343 (= Popularphilosophie zwischen Fanatismus und Atheismus. Heinrich Corrodi und Leonhard Meister über die Zukunft der Aufklärung, in: Dies., Patriotismus und Kosmopolitismus. Die Schweizer Aufklärung zwischen Tradition und Moderne, Zürich 2003, 133-148)
  • Zurbuchen, S., Heinrich Corrodi’s Critical History of Chiliasm [1781-1783], in: J.C. Laursen (Hg.), Histories of Heresy in Early Modern Europe. For, Against, and Beyond Persecution and Toleration, New York / Basingstoke, Hampshire 2002, 189-203

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