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Lexikon

Corpus Paulinum

1. Das Corpus Paulinum – Übersicht

→ Paulus pflegte eine rege briefliche Korrespondenz mit seinen Gemeindegründungen in → Thessalonich, → Korinth, → Philippi und → Galatien, nutzte das Medium → Brief aber auch, um mit der ihm noch unbekannten römischen Gemeinde eine missionsstrategische Liaison einzugehen. Mit dem Philemonbrief ist zudem ein Brief erhalten, der an eine Einzelperson gerichtet ist. Die Paulusbriefe erlauben für einen Zeitraum von etwa sechs bis zehn Jahren einen punktuellen Einblick in die Denkwelt und Persönlichkeit des Völkerapostels, in sein apostolisches Selbstverständnis und seine eindrucksvolle missionarische Aktivität. Zugleich markieren sie den „Beginn der christlichen Literatur und Theologie“ (Wischmeyer, 2012, 163). Im Prozess des Sammelns und Publizierens der neutestamentlichen Schriften wurden diese Briefe mit anderen, vermutlich aus der Schule des Paulus stammenden, zu einem Corpus Paulinum vereint und erlangten einen normativen Geltungsanspruch im Raum der Kirche.

1.1. Zum Bestand des Corpus Paulinum

In das Corpus Paulinum werden seit altkirchlicher Zeit insgesamt 14 Briefe des → Neuen Testaments eingereiht: → Römer, → 1. Korinther, → 2. Korinther, → Galater, → Epheser, → Philipper, → Kolosser, → 1. Thessalonicher, → 2. Thessalonicher, → 1. Timotheus,→ 2. Timotheus, → Titus, → Philemon, → Hebräer. Mit Ausnahme des Hebräerbriefs, der sich durch seinen Epilog (Hebr 13,20-25) in die Nähe des paulinischen Traditionsbereichs rückt, nennen die Präskripte der übrigen 13 Briefe Paulus ausdrücklich als Autor bzw. Mitautor (1Kor 1,1: Paulus und Sosthenes; 2Kor 1,1; Phil 1,1; Kol 1,1; Phlm 1,1: Paulus und Timotheus; 1Thess 1,1; 2Thess 1,1: Paulus, Silvanus und Timotheus). Im Zuge der kritischen Erforschung der Paulusbriefe drängten sich insbesondere zwei Fragen in den Vordergrund. Erstens: Welche Briefe des Corpus Paulinum wurden vom Apostel verfasst (orthonyme Briefe), und welche werden ihm lediglich zugeschrieben (pseudonyme Briefe) (2.1.)? Zweitens: Weisen die Briefe literarische Integrität auf oder wurden sie aus zwei oder gar mehreren (Teil-)Briefen zusammengesetzt (2.2.)? Darüber hinaus finden sich zum einen textinterne Hinweise auf verschollene „echte“ Paulusbriefe, und zum anderen haben wir Kenntnis von „apokryphen“ Paulusbriefen, die keinen Eingang ins Corpus Paulinum fanden (2.3.). Die einleitungswissenschaftlichen Annahmen zur Entstehungsfolge der Paulusbriefe gehen weit auseinander und belegen den hypothetischen Charakter sämtlicher Rekonstruktionsversuche der paulinischen Chronologie (2.4.).

1.2. Zur Überlieferung des Corpus Paulinum

Paulus schrieb seine Briefe aus aktuellem Anlass, in spezifischer Absicht und an einen bestimmten Adressatenkreis, doch verkennt man ihre Bedeutung, wenn man sie als bloße Gelegenheitsschreiben oder als Gebrauchsliteratur charakterisiert. Ihrem Wesen und ihrer Wirkung nach oszillieren sie zwischen „Augenblickskorrespondenz und Ewigkeitstexten“ (Hoegen-Roehls, 2013). Paulus hat seine Briefe sorgfältig aufgebaut, er bemüht sich um einen klaren Gedankengang, bedenkt mögliche Vorbehalte und Widerstände, erläutert Inhalt und gemeindepraktische Konsequenzen seines Evangeliums und wirkt regulativ auf das Gemeinderecht ein. Während er physisch abwesend ist, manifestieren die Briefe seine Gegenwart in den → Gemeinden (vgl. 1Kor 5). Seine Briefe erlangten schon zu seinen Lebzeiten eine Bedeutung, die über die jeweilige Gemeinde hinausreichte. Paulus selbst „beschwor“ die Adressaten des 1. Thessalonicherbriefs, den Brief „vor allen Brüdern und Schwestern“ zu lesen (1Thess 5,27), und er ging davon aus, dass der Galaterbrief in dem recht ausgedehnten Territorium der galatischen Gemeinden weitergereicht (Gal 1,2) und der 2. Korintherbrief nicht nur in Korinth, sondern in der ganzen Achaia gelesen wird (2Kor 1,2). Der Kolosserbrief deutet an, dass Briefe zwischen zwei Gemeinden ausgetauscht wurden (Kol 4,16), während die Adresse des 1. Korintherbriefs („alle, die den Namen unsres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort“ [1Kor 1,2; dazu s. 3.1.3.]) die Einbettung der Gemeinde samt ihren Problemen in eine „weltweite“ Ökumene anzeigt (Lindemann, 2003, 327). Mit seinem apostolischen Selbstverständnis, das sich nicht zuletzt in den genannten Notizen Ausdruck verschafft, hat Paulus selbst die Tür aufgestoßen zu einem Prozess des Sammelns und Publizierens und schließlich zur Kanonisierung (→ Kanon) seiner Briefe. Über die Anfänge der Paulusbriefsammlung (3.1.) besitzen wir jedoch keine Nachrichten. Wann wurde sie eingeleitet? Wer hat sie angestoßen? Mit welcher Absicht? Wie wirkte sich die Kompilation der Briefe auf ihre Textgestalt aus? Wurde aktiv in den Text eingegriffen? Im 2. Jh. lichtet sich der Nebel etwas, denn immerhin sind vier distinkte Listen mit den paulinischen Briefen überliefert: von → Markion und → Tertullian sowie im Canon Muratori und im Chester Beatty Papyrus II (3.2.).

2. Der Bestand des Corpus Paulinum

2.1. „Echte“ und „unechte“ Paulusbriefe

Die Echtheit von sechs Briefen, die „Paulus“ als Absender nennen, ist umstritten: Epheser, Kolosser, 2. Thessalonicher, 1. Timotheus, 2. Timotheus, Titus. Innerhalb dieser Reihe bilden die → Pastoralbriefe (= „Hirtenbriefe“) 1. Timotheus, 2. Timotheus und Titus eine eigenständige Gruppe (s. 2.1.3.), das sog. „Corpus Pastorale“. Ihre Orthonymie wird nur noch in der evangelikal geprägten Einleitungs- und Kommentarliteratur vertreten, während sie in der kritischen Forschung gelegentlich als „Tritopaulinen“ klassifiziert werden, um sie von den sog. „→ Deuteropaulinen“ (2. Thessalonicher, Kolosser, Epheser) zu unterscheiden. Die „Echtheit“ der umstrittenen Briefe des Corpus Paulinum, einschließlich des Hebräerbriefs, ist nun im Einzelnen zu diskutieren.

2.1.1. Der Epheserbrief

Der → Epheserbrief wird in der Bibelwissenschaft gewöhnlich als deuteropaulinisches Schreiben betrachtet. Seinem Anspruch nach wurde er von Paulus (Eph 1,1) aus der Gefangenschaft geschrieben, doch unterscheidet ihn u.a. der schwebend-assoziative, wortreiche und liturgische Stil und eine kaum greifbare Gemeindesituation markant von den unumstrittenen Paulusbriefen. Theologisch ragt insbesondere das räumliche Weltbild des Autors heraus, in dessen Rahmen er seine Christologie des erhöhten Herrschers und seine kosmische Ekklesiologie stellt. Dass der Kolosserbrief dem Verfasser des Epheserbriefs literarisch als Vorlage diente, wird aufgrund von makrostrukturellen, thematischen und terminologischen Übereinstimmungen gemeinhin angenommen. Textkritisch bereitet die Adressatenangabe „in Ephesus“ Schwierigkeiten, da sie in etlichen wichtigen Handschriften fehlt, z.B. in P46 (ca. 200 n. Chr.; s. 3.2.3.) und in den ursprünglichen Lesarten des → Codex Sinaiticus (א) (Mitte 4. Jh.) und des → Codex Vaticanus (B) (Mitte 4. Jh.). Markion kannte das Schreiben wohl als Brief „an die Laodicener“ (s. 3.2.1.). Es legt sich nahe, dass der Epheserbrief ein Zirkularschreiben an kleinasiatische Gemeinden darstellt und mit dem Anspruch auftrat, in zeitlos gültiger und verbindlicher Weise die paulinische Theologie komprimiert darzubieten. Insofern wäre er „als das theologische Vermächtnis der Paulusschule“ und als (vorläufige) Summe der Theologie des Corpus Paulinum anzusprechen (Gese, 1997, 275).

2.1.2. Der Kolosserbrief und der 2. Thessalonicherbrief

Uneinheitlich diskutiert wird in der historisch-kritischen Forschung nach wie vor die Autorschaft des → Kolosserbriefs und des → 2. Thessalonicherbriefs. Reichen die vielbeschworenen Wandlungen im paulinischen Denken (vgl. Schnelle, 1989) so weit, dass in ihrer Fluchtlinie die theologischen Eigentümlichkeiten der beiden Briefe noch verortet werden können? Können die kosmische Christologie (Kol 1,15-20) des Kolosserbriefs, seine Ekklesiologie – Christus als „das Haupt des Leibes, der Kirche“ (Kol 1,18) – oder die Gattung der Haustafeln (Kol 3,18-4,1) noch der fluiden und anpassungsfähigen Theologie des Apostels zugerechnet werden oder handelt es sich um eigenständige Weiterführungen? Hebt die Rede von einer bereits vollzogenen → Auferstehung (Kol 2,12; Kol 3,1) den eschatologischen Vorbehalt des paulinischen Denkens auf oder kann auch Paulus den Aspekt der gegenwärtigen Teilhabe an der Auferstehungswirklichkeit hervorheben (vgl. Röm 6,13)? Sodann: Spricht aus den strukturellen und thematischen Parallelen der beiden Thessalonicherbriefe derselbe Verfasser oder das Ansinnen eines späteren Autors, die paulinische Disposition und Darstellungsweise zu imitieren (vgl. z.B. 1Thess 1,2 und 2Thess 1,3; 1Thess 2,13 und 2Thess 2,13; 1Thess 3,11-13 und 2Thess 2,16-17)? Handelt es sich bei der Bearbeitung der Parusieproblematik im 2. Thessalonicherbrief um eine nachträgliche Präzisierung aus der Feder des Paulus oder um eine sekundäre Kommentierung bzw. Korrektur der unmittelbaren → Parusieerwartung des 1. Thessalonicherbriefs (vgl. 1Thess 4,15-17 mit 2Thess 2,3-12)?

Die Diskussion wird in absehbarer Zeit nicht zum Stillstand kommen. Ein Blick in die bedeutendsten Gesamtentwürfe zur paulinischen Theologie der letzten Jahre belegt das zunehmende Auseinanderdriften der deutschsprachigen und englischsprachigen Forschungstraditionen (vgl. auch die jeweilige Tendenz der beiden Sammelbände Frey u.a. [Hg.], 2009 und Porter / Fewster [Hg.], 2013). Michael Wolter (2011, 6) und Udo Schnelle (2014, 18f) repräsentieren den kritischen Konsens der deutschsprachigen Forschung, der zum sicheren Grundstock der authentischen Briefe nur Römer, 1. Korinther, 2. Korinther, Galater, Philipper, 1. Thessalonicher und Philemon zählt. Die übrigen Briefe des Corpus Paulinum stehen dieser Sichtweise zufolge in einem mehr oder minder großen theologischen Abstand zu den unumstrittenen Paulusbriefen, dass sich ihre Pseudonymität nahelege oder als gesichert gelten könne. Demgegenüber hält James Dunn (1998, 13 Anm. 39) den 2. Thessalonicherbrief für eine Schrift des Paulus und platziert den Kolosserbrief am Rand der authentischen Paulusbriefe: Möglicherweise wurde er von Timotheus mit Zustimmung des Paulus verfasst (vgl. Kol 4,18). Noch optimistischer ist N.T. Wright (2013, 61), der den Kolosserbrief sans phrase zu den Paulusbriefen rechnet und den Epheserbrief wie den 2. Thessalonicherbrief als höchstwahrscheinlich paulinisch ansieht. Sogar der 2. Timotheus atme den Geist des Paulus. Die kritische Position der deutschsprachigen Forschung sei historisch unzureichend begründet und stehe noch immer im Schlagschatten der liberalen Hyperkritik. Wie auch immer man die jeweiligen einleitungswissenschaftlichen Zugänge beurteilt, so haben sie zweifellos gravierende Konsequenzen für die Frage nach dem Profil der paulinischen Theologie.

2.1.3. Die Pastoralbriefe

In der Erforschung der → Pastoralbriefe herrschte lange Zeit ein Konsens, demzufolge die drei Briefe als bewusst geschaffenes, intentional zusammengehöriges Briefcorpus zu verstehen sind. Wegweisend waren in der deutschsprachigen Forschung die Studien von Peter Trummer. Er gelangte zur Auffassung, dass die Pastoralbriefe nicht nur als individuelle pseudepigraphe Paulusbriefe entstanden sind, sondern als „pseudepigraphes Corpus pastorale konzipiert“ wurden (Trummer, 1981, 123). Nach dieser Theorie bezieht sich das Corpus Pastorale bewusst auf ein sich im Wachsen befindliches Corpus Paulinum. Seine Entstehungsgeschichte stehe in unmittelbarem Zusammenhang mit einer Neuherausgabe des Corpus Paulinum. Michael Theobald (2013, 393) formuliert die These so: „Wahrscheinlich wurde das Corpus Pastorale von seinem Autor an seine ihm vorgegebene und in seinem Umkreis bekannte Paulusbriefsammlung angehängt und dann zusammen mit den anerkannten (authentischen) Briefen des Paulus auf einem Codex in Umlauf gebracht.“ Die Frage nach dem Umfang und der Reihenfolge der vorliegenden Paulusbriefe müsse jedoch letztlich offenbleiben. In jüngster Zeit wird die Kritik an einer unzureichenden Differenzierung zwischen den einzelnen Pastoralbriefen lauter: Der Theorie eines Corpus Pastorale als eines geschlossenen, einheitlich konzipierten Briefcorpus wird ein Plädoyer für die Wahrnehmung der Briefe in ihrer internen Relation und inneren Dynamik entgegengestellt. Die drei Briefe, von Heinrich Julius Holtzmann klassisch als „unzertrennliche Drillinge“ ins Bild gesetzt, werden nunmehr vereinzelt (vgl. Herzer, 2004; Engelmann, 2012). Von den neueren Forschungsentwicklungen ist auch die Zuordnung von Corpus Paulinum und Corpus Pastorale betroffen. Denn sie stellen in Frage, dass die Komposition der Pastoralbriefe als Corpus mit der Sammlung und Tradierung der Paulusbriefe als Corpus kanongeschichtlich verknüpft ist.

Die nicht unproblematische Bezeichnung „Tritopaulinen“ für die Paulusbriefe soll anzeigen, dass die Pastoralbriefe nicht nur auf die „Protopaulinen“, sondern auch auf die „Deuteropaulinen“ zurückblicken. Ihr „unpaulinischer“ Eindruck entsteht u.a. durch die Adressierung an Einzelpersonen (Timotheus und Titus; vgl. aber den Philemonbrief) und durch ihr Anliegen, das Anvertraute gegen häretische Einflüsse abzuschirmen (gegen Marcion?, so Campbell, 2014, 392-403) und die christliche Identität angesichts veränderter äußerer Bedingungen zu stärken. In ihrem Zentrum steht die aktualisierende Bewahrung der Tradition.

2.1.4. Der Hebräerbrief

Die kanongeschichtliche Einordnung des → Hebräerbriefs durchlief eine wechselvolle Geschichte. Während schon → Origenes bemerkte, dass der Hebräerbrief „in seiner sprachlichen Form [im Vergleich zu Paulus] ein besseres Griechisch aufweist“ (bei Euseb, hist. eccl. 6,25,11) und → Tertullian ihn dem → Barnabas zuschrieb (s. 3.2.4.), hielt sich noch bis ins 19. Jh. die Auffassung, er sei vom Apostel Paulus verfasst. Der rationalistische Theologe H.E.G. Paulus resümierte: „Des Paulinischen ist so viel, daß, man rathe, auf welchen Pauliner man will, man endlich auf Paulus selbst wieder zurückkommen muß“ (Paulus, 1833, XXXVI). Der Eindruck des „paulinischen“ Charakters des Hebräerbriefs entsteht durch thematische und argumentative Querbezüge, am deutlichsten aber durch den Schlussteil der Briefs (Hebr 13,20-25), der sich an das paulinische Briefformular anlehnt und den Paulusmitarbeiter → Timotheus nennt. Die Frage, ob das Postskript vom Verfasser des Schreibens oder von fremder Hand stammt, wird uneinheitlich beantwortet. Stilistisch wirkt es deplatziert, doch überlieferungsgeschichtlich spricht nichts für die Annahme seines sekundären Charakters. In seiner kanonischen Gestalt jedenfalls weist der Hebräerbrief (anders als die pseudopaulinischen Briefe) Paulus nicht ausdrücklich als Verfasser aus und will offensichtlich nicht seine auktoriale Autorität beanspruchen. Er stellt aber eine Nähe zur Paulustradition und vermittels der Erwähnung des Timotheus auch zur Person des Paulus her. Nur mit großer Zurückhaltung sollte im Fall des Hebräerbriefs von (impliziter) Pseudepigraphie gesprochen werden. Wenig spricht für die Vermutung, dass er als pseudepigraphisches Testament des Paulus und als Verständnishilfe für das Corpus Paulinum insgesamt geschaffen wurde (Rothschild, 2009).

2.1.5. Fazit

Die Diskussion um die „Echtheit“ der paulinischen Briefe wird international nach wie vor kontrovers geführt (vgl. Schliesser, 2016). Individuelle Entscheidungen für und wider die Echtheit eines Briefes sind nicht zuletzt beeinflusst von theologischen und dogmatischen Vorannahmen oder auch von der Zugehörigkeit zu bestimmten Forschungstraditionen (vgl. die Übersicht bei 2.4.). Methodisch anfechtbar ist ein Vorgehen, das auf der Basis der unumstrittenen Paulusbriefe eine geschlossene und stabile paulinische Theologie rekonstruiert und, davon ausgehend, alles vermeintlich Überständige abtrennt, ob dies nun einzelne Verse oder Abschnitte (s. 3.1.3.) oder ganze Briefe sind. In der gegenwärtigen Diskussion herrscht ein Ungleichgewicht im Blick darauf, wie Hypothesen zur Pseudonymität von Paulusbriefen einerseits und Briefteilungshypothesen anderseits bewertet werden: Dem theologisch begründeten Verdacht der Inkohärenz des Corpus Paulinum als überlieferter literarischer Einheit steht die literaturwissenschaftlich und -geschichtlich begründete Annahme der Kohärenz und Integrität des überlieferten Einzelbriefs gegenüber (s. 2.2.). Nicht zu Unrecht wird hin und wieder ein „Appell zur Enttheologisierung der Literarkritik“ laut (Haacker, 2009, 226). Jedenfalls sind theologische Wertung und Autorenfrage strikt zu trennen: Auch ein mutmaßlich „unechter“ Paulusbrief wie der Epheserbrief oder die Pastoralbriefe haben theologisch Relevantes zu sagen (vgl. exemplarisch Zimmermann, 2003).

2.2. „Geteilte“ Briefe?

Anlass zu Briefteilungen geben u.a. die zwangsläufig subjektive Wahrnehmung von literarischen Zäsuren, stilistischen Brüchen, künstlichen Nahtstellen, Unterbrechungen oder Sprüngen im Gedankengang, unvermittelten thematischen Akzentverschiebungen, theologischen Widersprüchen, Wechseln im Ton usw.

Schon → Johann Salomo Semler (1725-1791) kam in seiner berühmten „Abhandlung von freier Untersuchung des Canon“ zur Einsicht, dass wir keinen paulinischen Brief im Original besitzen, sondern nur in Form kirchlicher Vorlesungsschriften, die „aus einem Aneinanderreihen oder einem Ineinanderarbeiten von verschiedenen Briefen entstanden sind“ (so das Referat bei Schweitzer, 1911, 5). Semler war der erste, der etwa die Kapitel Röm 16 und 2Kor 9 sowie 2Kor 12,14-13,13 aus ihren jeweiligen kanonischen Zusammenhängen herauslöste und als separate Schreiben deklarierte. Mit Verweis auf kanongeschichtliche Prozesse argumentierte Johannes Weiß im Jahr 1900: „Wir können uns nicht energisch genug mit dem Gedanken durchdringen, daß wir weit entfernt sind, irgendwie das Original Paulinischer Briefe zu besitzen. Wir haben nur ein Buch, welches im 2. Jahrhundert, meinetwegen auch schon früher, ‚herausgegeben‘ ist, ein Buch, in welchem sicher echte Paulinische Briefe, aber vielleicht doch auch wohl Pseudepigraphen aufgenommen sind. Über die Entstehung dieses Buches wissen wir nichts“ (Weiß, 1900, 125f; vgl. Schmithals, 2004 [1996], 107f). Den Gipfel der literarkritischen Operationen an den Paulusbriefen markieren die Arbeiten von Walter Schmithals, der sich ausdrücklich in die Linie von Semler und Weiß stellt. Allein in der kanonischen Korintherkorrespondenz erblickt Schmithals eine Zusammenstellung von insgesamt 13 Einzelbriefen, die von einem Herausgeber redaktionell bearbeitet wurden (Schmithals, 1988, 19f; s. 3.1.1.). Im englischen Sprachraum konnten Teilungshypothesen nie in dem Maße Fuß fassen, wie dies in der deutschsprachigen Forschung der Fall war und teilweise ist.

In der gegenwärtigen Paulusexegese zeichnet sich ein Trend ab, nach dem die Paulusbriefe als einheitliche Schreiben interpretiert werden. Im Hintergrund der Kehrtwende stehen methodische und literaturgeschichtliche Erwägungen: In der exegetischen Methodik (→ Exegese) setzt sich zunehmend der prinzipielle Vorrang der synchronen Betrachtung eines Textes durch. Es sei so lange von dessen literarischer Integrität auszugehen, solange nicht „die unbedingte Notwendigkeit von Teilungshypothesen“ besteht (Schnelle, 2013, 93). Die Briefe beanspruchen in ihrer vorliegenden Form literarische Integrität und präsentieren sich nicht als Werk eines Redaktors, sondern als Schreiben des Paulus. Zum anderen zeigt ein Vergleich mit Papyrusbriefen, dass die literarischen Phänomene, die zugunsten von Briefteilungen geltend gemacht werden, durchaus Parallelen in einheitlichen Briefen haben (Arzt-Grabner, 2013, 14). Darüber hinaus spricht ein Vergleich mit der Sammlung der (knapp 900!) Cicerobriefe für eine additive Aneinanderreihung einzelner Briefe ohne größere editorische Eingriffe (Klauck, 2003; Schmeller, 2004). Für die Annahme, dass ein Redaktor Brieftexte zerstückelte, die individuell gestalteten Präskripte und Postskripte tilgte, substantielle editorische Veränderungen vornahm und die so entstandenen Einzelfragmente nach bestimmten Kriterien wieder zusammensetzte, findet sich in der antiken Literaturgeschichte keine Analogie. Überdies müsste eine solche Redaktion sehr früh stattgefunden haben, denn in der Textüberlieferung hätte sie keine Spuren hinterlassen.

Im Zuge dieses Trends nimmt die Zahl der Exegetinnen und Exegeten stetig zu, die an der literarischen Integrität sämtlicher Paulusbriefe festhalten. Ein weitreichender Konsens steht freilich in der literarkritischen Frage nicht in Aussicht, denn die entsprechende Forschung bewegte sich schon immer „in einem wellenförmigen Auf und Ab“ (Schmithals, 2004 [1996], 107) und wird dies wohl auch weiter tun. Im Fokus werden dabei insbesondere der 2. Korintherbrief und der Philipperbrief stehen.

2.2.1. Der 2. Korintherbrief

Folgende Textwahrnehmungen zum → 2. Korintherbrief zogen Teilungshypothesen nach sich: unpaulinische Diktion und Argumentation in 2Kor 6,14-7,1 (s. 3.1.3.); Doppelungen in den Aussagen zur Kollekte in 2Kor 8 und 2Kor 9; die Unterbrechung des Reiseberichts 2Kor 2,1-3; 2Kor 7,5-16 durch die theologische Abhandlung 2Kor 2,14-7,4; die abrupte Verschärfung des Tons in 2Kor 10-13. Im Anschluss an Johann Salomo Semler hatte Adolf Hausrath (1870) die Kapitel 2Kor 10-13 aus dem 2. Korintherbrief herausgelöst und sie mit dem in 2Kor 2,4 erwähnten sog. „Tränenbrief“ identifiziert. Hausraths Vorschlag wurde breit rezipiert und ausgebaut und findet in modifizierter Form nach wie vor Zustimmung. In 2Kor 1-8 bzw. 2Kor 1-9 sehen viele einen „Versöhnungsbrief“, den sie chronologisch entweder vor oder nach dem „Tränenbrief“ platzieren. In den Kollektenmahnungen 2Kor 8 und 2Kor 9 hat man zudem zwei separate „Verwaltungsbriefe“ des Paulus erblickt (Betz, 1993). Eve-Marie Becker rechnet damit, dass Paulus vier bzw. fünf Teilbriefe verfasste (2Kor 1,1-7,4; 2Kor 7,5-16; 2Kor 8; 2Kor 9; 2Kor 10-13), die „recht bald nach Erhalt in Korinth abgeschrieben und dabei in Aneinanderreihung kompiliert“ wurden, indem man sie „von Wachs- oder Holztafeln auf umfangreichere Codizes“ übertrug (Becker, 2002, 101). Von den Paulusbriefen bietet sich der 2. Korintherbrief am ehesten für literarkritische Operationen an (Koch, 2014), und doch gibt es „eine (wachsende) Minderheit von Exeget/innen“, die die Einheitlichkeit des 2. Korintherbriefs vertritt (Schmeller, 2010, 25).

2.2.2. Der Philipperbrief

Im → Philipperbrief werden der Übergang zwischen Phil 3,1 und Phil 3,2 seit jeher als jäher stilistischer und atmosphärischer Bruch und der thematische Neueinsatz in Phil 4,10 als abrupt empfunden. Man hat daher die polemischen Teile des Philipperbriefes ab Phil 3,2 häufig einem „Kampfbrief“ zugewiesen und in Phil 4,10-20 Teile eines separaten „Dankesbriefs“ identifiziert. Hans Dieter Betz (2015, 134) schlug jüngst ein Szenario vor, nach dem Paulus seinem Freund Epaphroditus nicht nur den „Philipperbrief“, sondern auch zwei nicht-briefliche Dokumente mit auf den Weg gab: ein „autobiographisches Memorandum“ (Phil 3,1b-21) sowie eine „Quittung“ (Phil 4,10-20), mit der Paulus den Empfang der Hilfsgelder der Gemeinde bestätigte. Erst ein späterer Redaktor habe die beiden separaten Texte in den brieflichen Kontext eingefügt. Ein Blick in die neueste Kommentarliteratur zum Philipperbrief zeigt jedoch, dass die Neigung zur Zerlegung des Schreibens in zwei oder drei Fragmente merklich abgenommen hat.

2.2.3. Fazit

Die gegenwärtige Forschung steht Briefteilungshypothesen und insbesondere komplexen Verschachtelungsmodellen skeptisch gegenüber. Die Zurückhaltung ist so ausgeprägt, dass man gar „eine Trendwende wieder hin zu einem Revival von Teilungshypothesen prognostizieren darf“ (Vollenweider, 2015, 381). Doch selbst wenn sich in den kanonischen Briefen des Corpus Paulinum weitere Briefe und Brieffragmente verbergen sollten, präsentieren sich jene als einheitlich überlieferte Texte, die in der vorliegenden Gestalt zu verstehen und verständlich zu machen sind.

2.3. Verschollene und „apokryphe“ Paulusbriefe

Paulus schrieb mehr Briefe als die im Neuen Testament erhaltenen. Es besteht kein Zweifel, dass er der Macht des geschriebenen Wortes viel zutraute und wiederholt zur Feder griff bzw. zum Diktat ansetzte (vgl. Röm 16,22). Sogar seine korinthischen Gegner mussten zugestehen, dass seine Briefe „schwer wiegen und stark sind“ (2Kor 10,10). Hinweise auf weitere Paulusbriefe finden sich u.a. in 1Kor 5,9; 2Kor 2,4; 2Kor 10,9-10; Phil 3,1 (und Kol 4,16).

2.3.1. An die Korinther

In 1Kor 5,9 verweist Paulus auf seinen mutmaßlich ersten Brief an die Korinther („Vorbrief“), in dem er nicht nur – offensichtlich missverstandene – ethische Anweisungen gab (vgl. 1Kor 5,10-11), sondern wahrscheinlich auch die Spendensammlung für → Jerusalem angestoßen hatte, denn in 1Kor 16,1-4 erläutert er (erneut) die organisatorischen Details der Kollekte. Immer wieder wurden Teile des 1. oder 2. Korintherbriefs mit dem „Vorbrief“ identifiziert (z.B. 2Kor 6,14-7,1), jedoch ohne schlagende Beweisgründe. Der in 2Kor 2,4 (vgl. 2Kor 7,8) erwähnte „Tränenbrief“ (bzw. „Zwischenbrief“), den Paulus „aus großer Trübsal und Angst des Herzens unter vielen Tränen“ geschrieben hatte, wird von den einen außerhalb der überlieferten korinthischen Korrespondenz vermutet, von den anderen innerhalb und z.B. mit 2Kor 10-13 (Hausrath, 1870, u.a.), 2Kor 1,1-7,4 (Becker, 2002, 101) oder dem 1. Korintherbrief (vgl. Campbell, 2014, 74) identifiziert. Wahrscheinlich muss er als verloren gelten. Wie 2Kor 10,9-10 zeigt, hatte Paulus in der korinthischen Gemeinde den zweifelhaften Ruf, dass er in seinem persönlichen Auftreten und in seinen Ansprachen kraftlos wirke und nur durch seine Briefe Eindruck hinterlasse. Der Plural „Briefe“ mag sich auf die bereits genannten Schreiben beziehen („Vorbrief“, 1. Korintherbrief, „Tränenbrief“), doch ist nicht auszuschließen, dass der Briefwechsel noch ausgedehnter war. Der apokryphe „→ 3. Korintherbrief“ verdankt sich der Annahme, dass die Korintherkorrespondenz breiter gewesen sein muss als es die kanonischen Briefe nahelegen. Er fand Eingang in einige lateinische und armenische Bibeln und war wahrscheinlich auch Teil des Corpus Paulinum des ersten syrischen Neuen Testaments, denn vom Kirchenvater Ephraem dem Syrer (4. Jh.) stammt ein Kommentar zum 3. Korintherbrief.

2.3.2. An die Philipper

In Phil 3,1 sehen manche Auslegerinnen und Ausleger einen Hinweis auf frühere Briefe an die Philipper: „Dass ich euch immer dasselbe schreibe, verdrießt mich nicht…“ Schon der erste Zeuge des → Philipperbriefs, Polykarp von Smyrna, mag aus der Notiz den Schluss gezogen haben, dass die Philipper mehrere Briefe von Paulus erhielten (Polyk 3,2: „er [Paulus] schrieb euch aus der Ferne Briefe“). Alternativ rührt die Pluralform „Briefe“ bei Polykarp daher, dass er die Paulusbriefsammlung an einen weiteren Adressatenkreis und damit auch an die Philipper gerichtet sah. Es fällt schwer anzunehmen, dass Polykarp im kanonischen Philipperbrief eine Kompilation von mehreren Einzelbriefen erblickte (vgl. 2.2.2.), denn im weiteren Verlauf seines Schreibens geht er offensichtlich nur von einem Philipperbrief aus (Polyk 11,3).

2.3.3. An die Laodicener

Wer den Kolosserbrief als authentisches Paulusschreiben ansieht, entnimmt aus dem Briefschluss (Kol 4,16) die Existenz eines weiteren verschollenen Briefes, des sog. „Laodicenerbriefs“. Schon immer haben solche Leerstellen in der Frühgeschichte des Christentums die Phantasie beflügelt, und so verwundert es nicht, dass bald ein pseudopaulinischer „Laodicenerbrief“ im Umlauf war. Im Canon Muratori (vermutlich Ende 2. Jh.) wird der Brief erwähnt, doch zusammen mit einem sonst unbekannten Brief des Paulus an die Alexandriner als markionitische Fälschung zurückgewiesen. Die Sachlage verkompliziert sich noch durch den Umstand, dass Markion nach Ausweis Tertullians den Epheserbrief als Brief „nach Laodicea“ bezeichnet hat (s. 3.2.1.). Der ins 6. Jh. zu datierende Codex Fuldensis, einer der wichtigsten Zeugen der Vulgata, und viele weitere Vulgatahandschriften enthalten einen lateinischen „Laodicenerbrief“, der aber wohl nicht mit dem im Canon Muratori genannten identisch ist. Er ist recht anspruchslos aus Zitaten und Floskeln der Paulusbriefe zusammengestückelt. Nichtsdestotrotz besaß der Brief im Mittelalter kanonische Geltung und wurde selbstverständlich zum Corpus Paulinum gezählt, bis Erasmus seinen apostolischen Ursprung nachhaltig bestritt.

2.3.4. Briefwechsel zwischen Seneca und Paulus

Ein Unikum ist der → Briefwechsel zwischen Seneca und Paulus, der insgesamt 14 Briefe umfasst und in der zweiten Hälfte des 4. Jh. entstanden ist. Im Hintergrund der Brieffiktion steht der Gedanke, dass der in → Rom weilende große Apostel mit dem berühmtesten zeitgenössischen Philosophen in Kontakt gestanden haben muss, zumal Paulus nach dem Bericht der → Apostelgeschichte (Apg 18,12-17) mit Senecas älterem Bruder Gallio bekannt war. Durch den freundschaftlichen Austausch mit Paulus wird Seneca nah an den christlichen Glauben herangerückt, er ist – wie dies schon Tertullian (De anima 20,1) auf den Punkt brachte – saepe noster („oft einer von uns“). Wiederum war es die humanistische Kritik, die dem jahrhundertelang akzeptierten Echtheitsanspruch den Boden entzog. In der Tat sind die Briefe stilistisch dürftig und inhaltlich trivial, ohne Bezug zu Paulus’ Theologie und Senecas Philosophie (vgl. Fürst u.a. [Hg.], 2006]).

2.4. Reihenfolge, Abfassungszeit und -ort der Paulusbriefe

In der Erforschung des Corpus Paulinum spielt neben der Klärung seines Bestandes auch die hypothetische Rekonstruktion der geschichtlichen Reihenfolge der einzelnen Briefe eine zentrale Rolle. Sie gibt Auskunft über die Formung und Konturierung der paulinischen Theologie. Freilich entstanden alle Paulusbriefe in einem Zeitraum von nur ca. sechs bis zehn Jahren, ein im Vergleich zur Gesamtdauer des paulinischen Wirkens schmales Zeitfenster. Die Einordnung des Galaterbriefs ist von besonderer Bedeutung, denn hiervon hängt ab, wie die Genese der paulinischen → Rechtfertigungslehre historisch zu einzustufen und die Beweglichkeit des paulinischen Denkens einzuschätzen ist. Die ebenfalls umstrittene Datierung des Gefangenschaftsbriefs an die Philipper ist mit der Frage seines Abfassungsortes verknüpft: Wird Rom als Ort der Gefangenschaft angenommen, ist der Philipperbrief ein später, vielleicht der späteste Paulusbrief; schrieb Paulus aus einer (in den Quellen nicht belegten) ephesinischen Gefangenschaft (vgl. aber 2Kor 1,8; 1Kor 15,32), wäre er Mitte der Fünfzigerjahre entstanden. Erschwert wird die chronologische Einordnung des kanonischen Philipperbriefs, wenn eine Teilungshypothese vorausgesetzt wird. Der 1. Thessalonicherbrief wird fast einhellig als ältester Paulusbrief betrachtet, und der Römerbrief wird in den gängigen Einleitungswerken meist auf das Jahr 56 n. Chr. datiert, doch ist auch hier Zurückhaltung geboten (vgl. Wolter, 2014, 30: „jeder Winter [vgl. Apg 20,16] zwischen 54 und 59 ist möglich“). Methodisch stellt sich durchweg die Frage, ob und inwieweit die Angaben der Apostelgeschichte für den Rahmen der Pauluschronologie historisch auszuwerten sind. Wird der Rahmen der Apostelgeschichte für die Einordnung der Briefe vorausgesetzt wird, ergibt sich für den 1. Thessalonicher, 1.-2. Korinther und Römer eine relative klare Ansetzung, verzichtet man aus methodischen Gründen darauf, reduzieren sich die Anhaltspunkte. Die Ergebnisse der Forschung sind dementsprechend divergent.

Tabelle: Benjamin Schliesser.

Hypothetische Rekonstruktion der geschichtlichen Reihenfolge der einzelnen Briefe (Übersicht).

Die folgende Übersicht (Tabelle 1) bietet die Daten einer Auswahl an englischen und deutschen Standard-Einleitungswerken (ab dem Jahr 2008) sowie des Neuansatzes von Douglas Campbell (2014), dessen revisionistische Überlegungen den Hypothesencharakter aller Rekonstruktionen bestätigen.

3. Die Überlieferung des Corpus Paulinum

3.1. Anfänge der Paulusbriefsammlung

Die Anfänge der Sammlung und Edition der Paulusbriefe liegen im Dunkeln (vgl. den Forschungsüberblick bei Porter, 2004). Immerhin weiß bereits der Verfasser des 2. Petrusbriefs von einer Paulusbriefsammlung, wenn er seinen Adressaten gegenüber seine Kenntnis aller Briefe des Apostels bekundet (2Petr 3,16). Der Umfang der Sammlung wird aus der Bemerkung nicht ersichtlich, doch gilt sie aus der Sicht des Autors als abgeschlossen. Die Briefe sind offensichtlich in einer Sammeledition im Umlauf, werden wie das Alte Testament als „Schrift“ rezipiert und angeblich von den „Unwissenden und Leichtfertigen“ missbräuchlich für ihre Zwecke in Anspruch genommen. Die Aussage, Paulus habe seine Briefe „euch“ geschrieben (2Petr 3,15), setzt schon für die Abfassungszeit des 2. Petrusbriefs die Vorstellung einer allgemein-kirchlichen Adressierung der Paulusbriefe voraus. Die Datierung des 2. Petrusbriefs ist freilich höchst umstritten und reicht von den 60er Jahren des 1. Jh. (bei Orthonymität) bis ins Ende des 2. Jh. (bei Pseudonymität); am wahrscheinlichsten ist eine Abfassung um die Mitte des 2. Jh. (Frey, 2015, 186f).

Alle Versuche, sich näher an den Beginn von individuellen Sammlungen heranzutasten, bleiben im Bereich des Spekulativen. Diskutiert werden zwei Szenarien: Entweder legte Paulus selbst (oder einer seiner engen Mitarbeiter: Lukas, Timotheus, Onesimus, Tertius?) den Grundstein für die Briefkollektion und trug damit aktiv zu einer Herausbildung des Corpus Paulinum bei. Oder es waren von Paulus geprägte Gemeinden, die aus ihren Archiven die Originalbriefe zusammentrugen, sie untereinander austauschten, vervielfältigten und publizierten. Dass erst Markion (s. 3.2.1.) die Paulusbriefe zusammenstellte in der Absicht, das Alte Testament durch eine neue Schriftensammlung abzulösen (so Adolf von Harnack), ist auszuschließen.

3.1.1. Paulus als Initiator der Paulusbriefsammlung

Insbesondere die Darstellungsweise und Argumentation des → Römerbriefs lässt vermuten, dass Paulus Kopien oder zumindest Ausschnitte seiner Briefe zur Hand hatte. „Die engen Bezüge dieses Briefs zu den Korintherbriefen wären noch damit zu erklären, dass der Römerbrief eben in Korinth geschrieben wurde und Paulus seine Korintherbriefe im Gemeindearchiv vorfand und einsehen konnte. Ähnliche Bezüge bestehen aber auch zu Philipperbrief und Galaterbrief, von denen Paulus dann doch wohl Abschriften zur Hand hatte“ (Schmeller, 2004, 203). Dass er eine Sammlung seiner Briefe über den persönlichen Gebrauch hinaus angestoßen hat, wird u.a. von David Trobisch und Walter Schmithals angenommen.

David Trobisch vertritt die These, dass die Kompilation und Edition der Paulusbriefe nicht am Ende eines komplexen kanongeschichtlichen Prozesses steht, sondern von Paulus selbst initiiert wurde („Autorenrezension“). Während seines letzten Aufenthalts in → Ephesus habe Paulus aus seiner Korintherkorrespondenz den 1. Korintherbrief zusammengestellt, der auf ein überwältigendes Leserinteresse gestoßen sei (Trobisch, 1989, 129). Von der Sorge umgetrieben, dass die Kollekte in Jerusalem abgelehnt würde, habe er später seine Briefe an die Gemeinden in → Rom, → Korinth und → Galatien umgearbeitet und zusammen mit einem Begleitschreiben (Röm 16) nach Ephesus gesandt. Diese vier Schreiben seien als „literarische Einheit“ zu lesen und als „Ursammlung“ der Paulusbriefe zu verstehen (Trobisch, 1989, 128f; 1994, 93f). Walter Schmithals hält es für wahrscheinlich, dass alle authentischen Briefe des Corpus Paulinum während der dritten Missionsreise entstanden sind. Paulus habe Abschriften seiner Briefe in der Reihenfolge ihrer Entstehung in ein Kopialbuch eintragen lassen (Schmithals, 2004 [1996], 116f). Gegen Ende des 1. Jh. habe ein selbstbewusst agierender Herausgeber aus den mehr als 20 Schreiben des Paulus eine Sammlung von sieben Briefen geschaffen und dabei thematische Zusammenstellungen und Umstellungen vorgenommen sowie redaktionelle Notizen und Überleitungen ergänzt. Zu den Einschüben des Redaktors zählt Schmithals u.a. 1Kor 1,2b und Röm 16,25-27 (s. 3.1.3.) sowie inhaltlich anstößige Stellen wie 1Thess 2,14-16 oder Röm 13,1-7. Schmithals sieht sich sogar in der Lage, die zeitgeschichtlichen Umstände der Redaktion zu rekonstruieren: Sie fand statt zu einer Zeit, als die Christen am Ende des 1. Jh. „die Synagoge verlassen müssen, unter Verfolgungsdruck aus Synagoge und Staat geraten und apokalyptische Stimmungen wach werden“ (Schmithals 2004 [1996], 124).

Für eine vom Autor initiierte Briefsammlung böte die Sammlung der Cicerobriefe durch seinen Sekretär Tiro eine antike Analogie, doch ist fraglich, ob ein derartiges Vorgehen auch für die Paulusbriefe postuliert werden kann.

3.1.2. „Klein-Corpora“ in den Gemeindebibliotheken

Plausibler sind Theorien, nach denen die ersten, kleineren Paulusbriefsammlungen aus der zunächst unkoordinierten Einzelinitiative der Gemeinden in Korinth, Philippi, Thessalonich, Rom oder Ephesus entstanden. Für die Mitte des 2. Jh. belegt der 2. Petrusbrief die Existenz einer „abgeschlossenen“ Sammlung (2Petr 3,15-16). Auch Polykarp (gest. um 150 n. Chr.) weiß um die paulinische Korrespondenz mit den Philippern und zitiert aus weiteren Paulusbriefen. Für → Ignatius von Antiochien (gest. um 115 n. Chr.) ist eine literarische Bekanntschaft zumindest mit dem 1. Korintherbrief anzunehmen. Die Aufforderung des Clemens von Rom (um 100 n. Chr.) an die Korinther, in dem „Brief des seligen Apostels Paulus“ (= 1. Korintherbrief) über die Streitparteien nachzulesen (1Clem 47,1), belegt das Vorhandensein einer Briefkopie in Rom und des Originals (oder einer Abschrift) in der korinthischen Gemeindebibliothek mehr als 40 Jahre nach Abfassung des Schreibens. Der Kolosserbrief soll auch in der Gemeinde von → Laodizea gelesen werden und umgekehrt der → Laodicenerbrief in → Kolossä (Kol 4,16); gegebenenfalls spiegelt sich darin eine Gepflogenheit der Gemeinden. Auch der → Galaterbrief wäre wohl verschollen, wenn nicht eine Abschrift in einer anderen Gemeinde aufbewahrt worden wäre, denn von den ursprünglichen Adressaten verliert sich schon bald jede Spur. Motiviert wurden Teilsammlungen der Paulusbriefe in nachapostolischer Zeit, um mit ihrer Hilfe eine Brücke zu schlagen in die normative Frühzeit, um angesichts gegenwärtiger Probleme in den archivierten Briefen apostolischen Rat zu suchen und um das Erbe des Apostels der Nachwelt zu erhalten.

Kurt Aland rechnet damit, dass die Briefe „zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsbewußtseins“ (Aland, 1979, 350) immer auch an Nachbargemeinden weitergereicht wurden und so zu lokalen Teilsammlungen unterschiedlichen Umfangs („Klein-Corpora“) zusammenwuchsen. Rufschädigende Briefe wie der „Tränenbrief“ wurden nicht weitergegeben und gingen verloren. Aus den „Klein-Corpora“ entstanden sukzessive eine Reihe von „Ur-Corpora“, die sich aus dem allen Gemeinsamen und dem jeweiligen Sonderbestand einer Gemeinde zusammensetzten. Nach und nach wurden die „Ur-Corpora“ durch das „Gesamt-Corpus“ verdrängt, in das noch fehlende Briefe angefügt wurden und in dem die Anordnung der Briefe anfangs noch fluide war (Aland, 1979, 335f). Weniger wahrscheinlich und mit dem Zeugnis von P46 und dem Canon Muratori kaum vereinbar ist die Annahme einer geradlinigen Entwicklung in drei Etappen, wie sie von Gerd Theißen in die Diskussion eingebracht wurde (2007, 137-143). Am Anfang habe mit dem Römerbrief, den Korintherbriefen und dem Galaterbrief eine in Korinth besorgte „Ursammlung“ gestanden, an die sich in einem zweiten Schritt in Ephesus ein erster Anhang (Epheser, Philipper, Kolosser, 1. / 2. Thessalonicher, Philemon) und dann die Pastoralbriefe angliederten. Von Ephesus habe der Weg des Corpus Paulinum in den Osten nach Antiochien geführt.

3.1.3. Redaktionelle Bearbeitungen

Nach fast einhelliger Überzeugung der Paulusforschung drangen im Prozess des Sammelns, Vervielfältigens und Verbreitens der Briefe sekundäre Zusätze in den Textbestand ein. Der Umfang redaktioneller Eingriffe ist strittig. Zu den Passagen, die auf die Hand eines Redaktors bzw. Glossators zurückgehen können, werden u.a. die folgenden gezählt: Die Doxologie Röm 16,25-27 am Schluss des Römerbriefs erweist sich textkritisch als sehr problematisch, da die Passage in der handschriftlichen Überlieferung an ganz verschiedenen Stellen platziert ist (z.B. nach Röm 14,23 und nach Röm 15,33 [P46]). Häufig wird angenommen, dass hier in nachpaulinischer Zeit im Zuge einer Paulusbriefsammlung ein würdiger, feierlicher Abschluss des vorliegenden Corpus Paulinum geschaffen wurde. Kein anderer Paulusbrief nämlich endet mit einer Doxologie. Mit Röm 16,25-27 korrespondiert nach Auffassung mancher Exegetinnen und Exegeten die „ökumenische“ Adresse in 1Kor 1,2, derzufolge der Brief an alle Jesusanhänger „an jedem Ort“ gerichtet ist. Regelmäßig werden auch theologisch und literarisch als sperrig empfundene Verse für sekundär erachtet, darunter 1Thess 2,14-16 (antijüdische Polemik), 1Kor 14,34-35 („unpaulinische“ Anweisung), 2Kor 6,14-7,1 („unpaulinische“ Spracheigentümlichkeiten), Röm 7,25b (sentenziöser und zugleich verfälschender Charakter), Röm 13,1-7 (opportunistische Anpassung an die Staatsmacht), Röm 16,17-20a (Unterbrechung der Grußbestellungen) (vgl. Walker, 2001; klassisch Bultmann, 1967 [1947]). Allen Hypothesen zu redaktionellen Bearbeitungen, Interpolationen und Glossen ist entgegenzuhalten, dass sie sich nicht auf den Befund der handschriftlichen Überlieferung berufen können. Methodisch muss das Primat der Integrität eines Textes gelten.

3.1.4. Fazit

Es legt sich nahe, dass die Anfänge der Paulusbriefsammlung in den paulinischen Gemeinden zu suchen sind. Auch wenn Paulus selbst wohl Abschriften seiner Briefe besaß, waren es die von Paulus gegründeten bzw. geprägten Gemeinden, die sich um eine Vervielfältigung und Verbreitung seiner Briefe bemühten. Die so in gewisser Zufälligkeit entstandenen Kleinsammlungen wurden im Lauf der Zeit immer weiter angereichert und zu umfangreicheren Corpora zusammengefasst. Wann, von wem und wo der Prozess der Vereinheitlichung in die Wege geleitet wurde und in welchem Ausmaß es zu redaktionellen Eingriffen kam, ist nicht zu sagen. Jedenfalls können markant voneinander abweichende Corpora nicht für längere Zeit an verschiedenen Orten existiert haben.

3.2. Frühgeschichte des Corpus Paulinum

Tabelle: Benjamin Schliesser.

Altkirchliche Ordnungen des Corpus Paulinum im Vergleich.

Während die ersten einhundert Jahre des Sammelns und Publizierens der Paulusbriefe nur schlaglichtartige Einblicke erlauben, gewinnt das Bild im 2. Jh. klarere Konturen. Vier Zeugnisse für das Corpus Paulinum sind erhalten: Marcion, der Canon Muratori, der Chester Beatty Papyrus II (P46) und Tertullian. Sie bieten folgende Ordnungen der paulinischen Briefe (Tabelle 2).

3.2.1. Markion

Die Einlassungen Tertullians (Tertullian, Adv. Marc. 5,2-21; vgl. Epiphanius, Adv. Haer. 42,9,4) gegen den aus Sinope am → Schwarzen Meer stammenden Reeder → Markion (gest. um 160 n. Chr.) belegen für die Mitte des 2. Jh. erstmals die Existenz einer Paulusbriefsammlung (der sog. „Apostolos“). Als wohlhabender, vorzüglich vernetzter Unternehmer war Markion offensichtlich in der Lage, zehn Paulusbriefe für seine private Sammlung zu akquirieren. Am Ende mag seine Paulusbibliothek besser ausgestattet gewesen sein als die der römischen Gemeinden (Becker, 2012, 261). In Tertullians nicht nachprüfbarer Liste zu Markions Corpus Paulinum steht an erster Stelle der Galaterbrief, gefolgt von den beiden Korintherbriefen und dem Römerbrief. Den Epheserbrief hat Markion nach Tertullian dreist als Laodicenerbrief deklariert. Der Hebräerbrief und die Pastoralbriefe wurden offensichtlich nicht in den markionitischen Kanon aufgenommen, was im Fall der Pastoralbriefe auch Tertullian verwundert (Tertullian, Adv. Marc. 5,21). Für die Stellung des Galaterbriefs an der Spitze ist Markion daher der erste Zeuge; ob er auch ihr Schöpfer ist (so von Harnack, 1925, 208), muss offenbleiben. Jedenfalls korrespondiert die Kopfstellung des Briefs mit Markions antijüdischen Tendenzen und dogmatischen Vorlieben (Scherbenske, 2013, 84): Von judaisierenden „Zusätzen“ bereinigt bietet der Galaterbrief eine Grundlage für Markions „Religionsprinzip“ der Entgegensetzung von → Gesetz und → Evangelium. Ein durchsichtiges Ordnungsschema des Gesamtkorpus ist nicht zu erkennen. Gedacht wurde einerseits an eine chronologisch orientierte Anordnung (Frede, 1964, 165f), andererseits an eine dogmatisch motivierte Voranstellung des Galaterbriefs, an den dann die übrigen Briefe der Länge nach angefügt wurden (Dahl, 1961, 47; die Korinther- und Thessalonicherbriefe zählen als stichometrische Einheiten).

3.2.2. Canon Muratori

Der Canon Muratori, der entgegen neuerer Spätdatierungen ins 4. Jh. wohl ans Ende des 2. Jh. zu datieren ist (Verheyden, 2003), ordnet sieben paulinische Briefe nach ihrer mutmaßlichen Entstehungsabfolge an. Nach der Regel seines „Vorgängers“ Johannes habe Paulus nur an sieben Kirchen mit Namensnennung geschrieben: „an die Korinther der erste (Brief), an die Epheser der zweite, an die Philipper der dritte, an die Kolosser der vierte, an die Galater der fünfte, an die Thessalonicher der sechste, an die Römer der siebente“ (Z. 50-54). Der 1. Korintherbrief führt die Liste vielleicht auch in kirchenpolitischer Abzielung an, denn er mahnt zur Wahrung der Einheit und zur Abwehr von Spaltungen (vgl. 1Clem 47,1-4). Mit der Siebenzahl soll angezeigt werden, dass die Briefe universal gültig und auf dem ganzen Erdkreis verbreitet sind. Auf die Liste folgt der Hinweis, dass die Korinther und die Thessalonicher zu ihrer Zurechtweisung jeweils einen weiteren Brief erhielten. Die vier übrigen Briefe an Philemon, Titus und Timotheus wurden „aus Zuneigung und Liebe (geschrieben)“ und sind „im Ansehen der katholischen Kirche für die Ordnung der kirchlichen Lehre für heilig erklärt worden“ (Z. 59-63). Hingegen seien mit den Briefen an die Laodicener und Alexandriner auch pseudonyme Paulusbriefe im Umlauf „für die Häresie des Markion“ (Z. 65). Solche Briefe in die katholische Kirche aufzunehmen würde bedeuten, Galle mit Honig zu mischen. Umstritten ist in der Forschung, ob die Liste des Canon Muratori in einer größeren Kirchenregion Geltung hatte oder lediglich eine individuelle Sammlung darstellt.

3.2.3. Chester Beatty Papyrus II (P46)

Der älteste erhaltene Textzeuge des Corpus Paulinum ist der Chester Beatty Papyrus II (Papyrus 46 = P46), der auf Grundlage seiner paläographischen Eigenarten wohl in einen Zeitraum von 175 bis 225 n. Chr. datiert wird (bzw. 150 bis 250; vgl. Barker, 2011). Seine Entdeckung und nachfolgende Publikation in den 1930er Jahren wurde als Sensation gefeiert. Der Papyrus ist unvollständig erhalten und weist alterungsbedingte Schäden auf. Er enthält die als paulinisch geltenden Briefe in folgender Reihenfolge: Römer (ab Röm 5,17), Hebräer, 1. Korinther, 2. Korinther, Epheser, Galater, Philipper, Kolosser und 1 Thessalonicher. Die verlorengegangenen sieben Blätter am Anfang enthielten die ersten Kapitel des Römerbriefs, die sechs oder sieben Blätter am Ende bieten nicht ausreichend Platz für die übrigen Briefe des Corpus Paulinum. Es ist anzunehmen, dass sie vom 2. Thessalonicherbrief und evtl. vom Philemonbrief belegt wurden, während die Pastoralbriefe aller Wahrscheinlichkeit nach nicht Teil der Sammlung waren (anders Duff, 1998). Sichere Rückschlüsse sind aber nicht möglich. Auffällig ist nicht nur der Einschluss des Hebräerbriefs ins Corpus Paulinum, sondern auch seine Einreihung direkt hinter den Römerbrief (vgl. aus späterer Zeit die Minuskeln 103 [11. Jh.], 455 [13./14. Jh.], 1961 [14. Jh.] u.a.; Aland, 1979, 346). Diese Reihenfolge ist offensichtlich nicht (nur) dem Ordnungsprinzip des Umfangs geschuldet, denn der 1. Korintherbrief ist länger als der Hebräerbrief und nach einigen stichometrischen Zählungen auch länger als der Römerbrief (so im Katalog des Codex Claromontanus = D 06). Die herausgehobene Position des Römerbriefs ist auf seine theologische und ökumenische Bedeutung zurückzuführen, und die unmittelbare Nachbarschaft des Hebräerbriefs mag als Reminiszenz an die römische Gemeinde als Traditionssitz des Schreibens zu werten sein (vgl. Backhaus, 2009 [1993], 39), kann aber auch inhaltliche und / oder überlieferungsgeschichtliche Gründe haben.

3.2.4. Tertullian

→ Tertullian (gest. 220 n. Chr.) stellt in seinem Verzeichnis der Paulusbriefe die beiden Korintherbriefe an den Anfang und den Römerbrief ans Ende. In seinen antihäretischen Schriften bedenkt er eingehend das Prinzip der → Apostolizität und kommt an zwei Stellen auf die apostolischen Gemeinden zu sprechen, in welchen noch die Autographen der Paulusbriefe vorgelesen werden: „Ist für dich Achaja am nächsten gelegen, dann hast du Korinth. Wenn du nicht weit von Makedonien entfernt bist, hast du Philippi. Wenn du dich nach Asien begeben kannst, hast du Ephesos. Wenn du aber in der Nähe Italiens wohnst, hast du Rom: Von dort leitet sich auch unsere Autorität her“ (Tertullian, Praescr. Haer. 36,2). Der Galaterbrief blieb wohl deshalb unerwähnt, weil die Empfängergemeinde nicht mehr existierte und den Brief folglich nicht mehr im Original lesen konnte (Aland, 1979, 328). In einer Liste, die Tertullian etwa ein Jahrzehnt später in seiner Schrift gegen Markion aufnahm, wird er jedoch verzeichnet: „Lasst uns nachsehen, welche Milch die Korinther von Paulus tranken, nach welcher Glaubensregel die Galater zurechtgewiesen wurden, was die Philipper, die Thessalonicher, die Epheser lesen, was ganz in unserer Nähe die Römer sagen“ (Tertullian, Adv. Marc. 4,5,1). Dass Tertullian auch die übrigen Paulusbriefe samt den Pastoralbriefen (vielleicht aber nicht den Kolosserbrief) kannte, ergibt sich aus seiner breiten Kommentierung des markionitischen Corpus Paulinum (Tertullian, Adv. Marc. 5,2-21; s. 3.2.1.). Den Hebräerbrief schrieb Tertullian dem Paulusmitarbeiter Barnabas zu (Tertullian, Pud. 20). Unklar ist, ob das Prinzip der Anordnung in den Listen Tertullians einem geographischen Kriterium folgt oder ob er der tatsächlichen Reihenfolge in den ihm vorliegenden Handschriften entspricht.

3.2.5. Fazit

Die Frühgeschichte der Paulusbriefsammlung bietet ein komplexes Bild: Umfang, Anordnung und Verbreitung der Briefe waren im 2. Jh. durchaus uneinheitlich. Die Reihenfolge und damit auch die Gewichtung der einzelnen Briefe waren sowohl von inneren Kriterien (Dogmatik, Kirchenpolitik) wie auch von äußeren Kriterien (Länge, Chronologie, evtl. Geographie) bestimmt. Im Laufe der Zeit setzte sich zunehmend ein Ordnungsprinzip durch, nach dem die kürzeren Briefe den längeren und die Briefe an Einzelpersonen den Gemeindebriefen folgten. In den bedeutenden Majuskeln des 4. und 5. Jh. und in den meisten Minuskeln festigt sich die Voranstellung des Römerbriefs und damit auch seine theologische Vorrang-Stellung. Der Codex Sinaiticus, der älteste erhaltene Pergamentcodex, enthält alle 14 Briefe des Corpus Paulinum in der heute geläufigen Reihenfolge, mit Ausnahme des Hebräerbriefs, der nach dem 2. Thessalonicherbrief und vor den Pastoralbriefen steht. Eine identische Anordnung bietet der kanongeschichtlich äußerst bedeutsame 39. Osterfestbrief des Athanasius aus dem Jahr 367 n. Chr. Ab dieser Zeit kann der 14 Briefe umfassende Kanon des Corpus Paulinum als abgeschlossen gelten.

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