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Lexikon

Chirbet Raddana

Andere Schreibweise: Chirbet Raddāne ; Chirbat Raddāna

Klaus Koenen

(erstellt: Febr. 2014)

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1. Lage und Identifizierung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Chirbet Raddana.

Chirbet Raddana befindet sich am nordwestlichen Ortsrand von Ramalla, ca. 800m nördlich des zentralen al-Manara-Platzes und 500m westlich des Arafat-Mausoleums auf einem markanten, nach Westen gerichteten Sporn, auf dem es an drei Seiten von Abhängen umgeben ist (Koordinaten 1693.1466; N 31° 54' 45'', E 35° 12' 12''; 871m über N.N.; Luftaufnahmen: Finkelstein / Lederman, 356f). Der Ort mit weitem Ausblick verfügt über Quellen im nördlichen und südlichen Tal. Die → Chirbe ist seit einigen Jahren fast ganz überbaut, nur in Areal T, dem westlichsten Punkt, sind noch geringe Mauerreste und Gruben eines eisenzeitlichen Dorfes zu erkennen. Eine Identifizierung mit einem biblischen Ort ist nicht möglich.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (erstellt auf Basis der Zeichnung von Dalman, 65)

Abb. 2 Karte zur Umgebung von Chirbet Raddana.

Allerdings wurden einige Vorschläge zur Identifikation gemacht:

1. Beerot: Für die Identifizierung mit Beerot hat man angeführt, dass dieser Ort der gibeonitischen Tetrapolis (→ Gibeon, → Kefira, → Beerot, → Kirjat-Jearim; Jos 9,17) nach 2Sam 4,2f. in Davidischer Zeit von seinen Bewohnern verlassen worden ist, wie es für Chirbet Raddana am Ende der Eisenzeit I zutrifft (Callaway / Cooley, 10). Abgesehen davon, dass dies kein Spezifikum für einen Ort dieser Zeit darstellt, spricht gegen die Gleichsetzung, dass Esr 2,25 = Neh 7,29 eine spätere Besiedlung voraussetzt und dass auch die Beerot erwähnende Städteliste Jos 18,25 frühestens in der Königszeit entstanden ist, somit kaum vorstaatliche Verhältnisse spiegelt.

2. Atrot-Addar: Aharoni (133-135) schlägt Atrot-Addar vor, da dieses nach Jos 16,5; Jos 18,13 als Grenzpunkt zwischen Ephraim und Benjamin auf einer Linie von → Bethel nach Unter-Bet-Horon liegt, wie es für Chirbet Raddana zutrifft. Die Grenze würde dann gerader verlaufen als bei der verbreiteten Identifizierung von Atrot-Addar mit dem 4km südlich gelegenen Chirbet ‘Aṭṭāra (Koordinaten: 1707.1430; N 31° 52' 38'', E 35° 13' 04''; südlich am Fuß von Tell en-Naṣbe, → Mizpa). Hier ergibt sich jedoch wieder das Problem, dass die genannten Belegstellen frühestens aus der Königszeit stammen und kaum vorstaatliche Verhältnisse spiegeln.

3. Ramatajim-Zofim: Diana Edelman (56) identifiziert Chirbet Raddana mit Ramatajim-Zofim, der abgekürzt → Rama genannten Heimatstadt → Samuels (1Sam 1,1.19). Wenn → Saul auf der Suche nach seinen Eselinnen Samuel in einer Stadt im Land Zof antrifft (1Sam 9,5f.), setze die Erzählung – selbst wenn Samuel erst sekundär hineingewachsen sein sollte – voraus, dass es sich bei der Stadt um Ramatajim handle. Auf dem Heimweg von dort kommt Saul am Grab → Rahels vorbei (1Sam 10,2). Dieses lag nach Gen 35,16-20 an der Grenze Benjamins am Weg von → Bethel nach → Efrata, womit entgegen späterer Glossierung nicht Bethlehem-Efrata gemeint sei, sondern Efrata bei → Kirjat-Jearim (Ps 132,6). Von den Wegen, die Bethel mit diesem Efrata verbinden, komme angesichts des bei der Lokalisierung des Grabes in der Gegend von Bethlehem vorausgesetzten Vergessens der ursprünglichen Grabstätte keine Hauptstrecke, sondern nur eine unbedeutende Nebenstrecke in Betracht, und zwar die noch im 19. Jh. belegte und in älteren Karten verzeichnete (Dalman, 64) direkte Route über Rās eṭ-Ṭāhūne, Chirbet Raddana und durch das flache Wādī ed-Dēr nach el Ǧib (→ Gibeon) und ‘Ēn-Nebī Samwīl. Da die Grenze Benjamins an der Kante des Plateaus der Wasserscheide zu suchen sei, habe sich das Grab Rahels in der Gegend des heutigen Rāfāt befunden. Wenn Saul nun auf seinem Heimweg dieses Grab passierte, habe er eben diese Route genommen. Als Ort der Eisenzeit I biete sich dann, da Rās eṭ-ṬāhūneZemarajim sei, Chirbet Raddana für die Identifikation mit Ramatajim an. Auch wenn die topographischen Verhältnisse (Anhöhe mit Quellen im Tal) der Beschreibung in 1Sam 9,11 entsprechen und der Name Rama in Ramallā erhalten sein kann, bleibt der Vorschlag äußerst hypothetisch, da sich kaum belegen lässt, dass Gen 35 ein Efrata bei Kirjat-Jearim meint und bei Jakobs Weg tatsächlich an die genannte Route zu denken ist. Weitere Argumente gegen diese These s. → Rama.

2. Geschichte

© public domain; Foto: Klaus Koenen, 2001

Abb. 3 Blick von Chirbet Raddana nach Süden.

Nachdem Bauarbeiten erste Funde zu Tage gefördert hatten, wurde 1969 eine Notgrabung durchgeführt, 1970-74 folgten weitere Kampagnen. Drei Zeiten haben in Chirbet Raddana ihre Spuren hinterlassen. Von der Frühbronzezeit I und der byzantinischen Zeit zeugen nur einige Scherben. Besiedelt war der Ort nur in der Eisenzeit I, wohl gleichzeitig mit dem ca. 5km östlich gelegenen Dorf et-Tell (Koordinaten: 1747.1472; N 31° 55' 00'', E 35° 15' 40''; → Ai) und dem ca. 10km südöstlich gelegenen Ort Chirbet ed-Dawwāra (→ Chirbet ed-Dawwāra; Koordinaten: 1777.1415; N 31° 51' 56'', E 35° 17' 30''). Alle drei Orte sind nach der Eisenzeit I nicht wieder besiedelt worden (vgl. Callaway, 1984; Finkelstein / Piasetzky, 50.53-58).

Die genaue Datierung des Ortes ist strittig. Nach Callaway (1993, 1253) wurde der Ort schon in der Frühen Eisenzeit I gegründet und existierte von 1200-1050 v. Chr. Lederman (74) setzt das Dorf erst später an, nämlich von der Mitte des 11. Jh.s bis in die frühe Eisenzeit IIA, die traditionell an den Anfang des 10. Jh.s und nach der Low Chronology in die zweite Hälfte des 10. Jh.s datiert wird (vgl. Finkelstein 2007, 110). Nach Finkelstein (2013, 38.40) zeugt Chirbet Raddana mit anderen Orten nördlich von Jerusalem, die durch eine Kasemattenmauer befestigt waren (z.B. Tell el-Fūl [→ Gibea]; → Gibeon; Tell en-Naṣbe [→ Mizpa]; Chirbet ed-Dawwāra [→ Chirbet ed-Dawwāra]; et-Tell [→ Ai]; → Bethel), von den Anfängen des nordisraelitischen Territorialstaates und damit von dem Königtums Sauls, das nicht vor → David und → Salomo, sondern erst in der zweiten Hälfte des 10. Jh.s anzusetzen sei und dem der Feldzug → Scheschonqs ein Ende bereitet habe, um Sauls Expansion in die Ebenen zu stoppen; diese Überlegungen lassen sich jedoch nicht hinreichend begründen.

Auf bislang unbewohntem Gebiet entstand ein für die → Eisenzeit I typisches einfaches, nur 0,8ha großes Dorf (vgl. → Ai Str. IX-X). Ob dieses von einer Mauer umgeben war, ist unklar. Man hat nämlich nur ein kurzes Mauerstück gefunden, doch kann das daran liegen, dass der Randbereich des Ortes bei den Grabungen kaum erfasst wurde. Von den sechs zu Beginn der Grabung sichtbaren Steinhaufen sind nur drei ausgegraben worden. Es fanden sich separate Gebäudekomplexe, die jeweils 2-3 Dreiraumhäuser mit Anbauten und je eigenen Feuerstellen umfassten. In den Gebäuden hatte man an den Mauern einige Bänke, die entweder aus Steinen oder durch Abschlagen des Felsen in der Raummitte gebildet waren. Unterschiede in der Größe und Ausführung der Häuser (mit und ohne Pfeilerreihen, mit und ohne Querraum) lassen eine soziale Hierarchie erkennen oder sind in ihren unterschiedlichen Funktionen begründet (vgl. Zwingenberger, 274). Mehrere glockenförmige Zisternen waren für die Wasserversorgung wohl wichtiger als die entfernteren Quellen. Die Terrassierung des Hügels und zahlreiche Steinwerkzeuge zur Getreideverarbeitung sowie Knochen von Schafen und Ziegen zeigen die landwirtschaftliche Prägung des Ortes. Umbauten und neue Fußböden deuten auf zwei Siedlungsphasen. Aufgegeben wurde das Dorf noch während der Eisenzeit I. Die vielen vollständigen Gefäße und das Vorhandensein von Krügen in den Vorratsgruben mögen dafür sprechen, dass der Ort von den Bewohnern fluchtartig verlassen worden ist.

Besondere Funde sind neben diversen Bronze- und wenigen Eisenwerkzeugen (Messer und ein Pflugblatt; → Pflug), von deren Verwendung auch die dachstützenden Steinpfeiler zeugen, ein Krughenkel mit der Inschrift ’ḥl (’aḥil[ūd]; ’aḥl[āj]) oder ’ḥr (’aḥir[am]) sowie die Scherbe einer Terrine mit ca. 20 Griffen und zwei im oberen Bereich angebrachten, beieinander liegenden Löchern, welche innen mit Köpfen von Stieren (und / oder Löwen) dekoriert sind, die zur Gefäßmitte blicken und durch deren rund aufgerissenen Mund man eine Flüssigkeit – vielleicht zur Libation – einfließen lassen konnte (Callaway / Cooley, 15-19).

Die Datierung der Henkelinschrift, von der nur zwei Buchstaben gut lesbar sind, ist strittig: Nach Cross / Freedman (22) ist sie paläographisch um 1200, nach Aharoni (132f) um 1300 anzusetzen. Da der Ort nach dem Keramikbefund jedoch erst später besiedelt war, wollen Callaway (1993, 1254) und Finkelstein (2007, 112) auch die Inschrift entsprechend später ansetzen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Aharoni, Y., Khirbet Raddana and Its Inscription, IEJ 21 (1971), 130-135
  • Callaway, J.A., Khirbet Raddana (el-Bire), IEJ 20 (1970), 230-232
  • Callaway, J.A., Chronique archéologique. Khirbet Raddana, RB 81 (1974), 91-94
  • Callaway, J.A., A Visit with Ahilud. A Revealing Look at Village Life when Israel First Settled the Promised Land, BAR 9/5 (1983), 42-53
  • Callaway, J.A., Village Subsistence at Ai and Raddana in Iron Age I, in: H.O. Thompson (Hg.), The Answers Lie Below (FS L.E.Toombs), Lanham 1984, 51-66
  • Callaway, J.A., Art. Raddana, Khirbet, in: The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jerusalem 1993, 1253f
  • Callaway, J.A. / Cooley, R.E., A Salvage Excavation at Raddana, in Bireh, BASOR 201 (1971), 9-19
  • Cooley, R.E., Four Seasons of Excavations at Khirbet Raddana, NEASB N.F. 5 (1975), 5-20
  • Cross, F.M. / Freedman, D.N., An Inscribed Jar Handle from Raddana, BASOR 201 (1971), 19-22
  • Dalman, G., Die Nordstraße Jerusalems, PJB 21 (1925), 58-89
  • Edelman; D., Saul’s Journey through Mt. Ephraim and Samuel’s Ramah, ZDPV 104 (1988), 44-58
  • Finkelstein, I., The Archaeology of the Israelite Settlement, Jerusalem 1988, 67-69
  • Finkelstein, I., Iron Age I Khirbet et-Tell and Khirbet Raddana. Methodological Lessons, in: S. White Crawford (Hg.), „Up to the Gates of Ekron“. Essays on the Archaeology and History of the Eastern Mediterranean (FS S. Gitin), Jerusalem 2007, 107-113
  • Finkelstein, I., The Forgotten Kingdom. The Archaeology and History of Northern Israel (SBL.ANEM 5), Atlanta 2013
  • Finkelstein, I. / Lederman, Z. (Hgg.), Highlands of Many Cultures. The Southern Samaria Survey (Monograph Series of the Institute of Archaeology Tel Aviv University 14), Jerusalem 1997, 356f
  • Finkelstein, I. / Magen, Y. (Hgg.), Archaeological Survey of the Hill Country of Benjamin, Jerusalem 1993, Nr. 69
  • Finkelstein, I. / Piasetzky, E., The Iron I-IIA in the Highlands and Beyond: 14C Anchors, Pottery Phases and The Shoshenq I Campaign, Levant 38 (2006), 45-61
  • Fritz, V., Die Entstehung Israels im 12. und 11. Jahrhundert v. Chr. (Biblische Enzyklopädie 2), Stuttgart / Berlin / Köln 1996, 82.87.91
  • Lederman, Z., An Early Iron Age Village at Khirbet Raddana. The Excavations of Joseph A. Callaway, Ph.D. Harvard University 1999
  • Yeivin, S., Miscellanea Epigraphica I-IV. I. The Ostracon from Khirbet Raddana, Museum Ha’aretz Tel-Aviv Bulletin 14 (1972), 79-83
  • Zwingenberger, U., Dorfkultur der frühen Eisenzeit in Mittelpalästina (OBO 180), Fribourg / Göttingen 2001, 141-144.176f.209-214.271-275.302-304.364f.405-409.438-448.467f.519-525

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Chirbet Raddana. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Karte zur Umgebung von Chirbet Raddana.

    © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (erstellt auf Basis der Zeichnung von Dalman, 65)

  • Abb. 3 Blick von Chirbet Raddana nach Süden. © public domain; Foto: Klaus Koenen, 2001

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