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Lexikon

Chirbet el-Mšāš

Andere Schreibweise: Khirbet el-Meshash ; Ḫirbet el-Mšāš ; Ḫirbat al-Mušāš ; Tel Māśoś

Detlef Jericke

(erstellt: Okt. 2013)

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1. Lage und Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Chirbet el-Mšāš.

Die Chirbet el-Mšāš (neuhebr. Tel Māśoś; Koordinaten: 1476.0691; N 31° 12' 47'', E 34° 58' 00'') liegt im nördlichen Negev im Beerscheba-Tal (arab. Wādī es-Seba‘, neuhebr. Naḥal Be’er Ševa‘ ca. 15 km östlich der heutigen Stadt Be’er Ševa‘ (Abb. 2). Im trockenen und regenarmen östlichen Beerscheba-Tal (→ Beerscheba) war eine sesshafte Lebensweise nur möglich, wenn genügend Wasser zur Verfügung stand. Bei der Chirbet el-Mšāš befinden sich zwei ergiebige Wasserstellen, die zumindest im Altertum eine ausreichende Wasserversorgung sicherten. Da der Platz seit dem 8. Jh. n. Chr. nicht mehr besiedelt ist, sind die archäologischen Reste an der Oberfläche sichtbar. Sie verteilen sich auf drei Bereiche: (1) Südlich des Wādīs findet sich eine Umwallung aus der Mittelbronzezeit (18./17. Jh. v. Chr.); (2) nördlich des Wādīs liegt ein kleiner Siedlungshügel (arab. tell), der Reste aus der späten Eisenzeit II (7./6. Jh. v. Chr.) und aus spätbyzantinischer-frühislamischer Zeit (7./8. Jh. n. Chr.) erkennen lässt; (3) wiederum nördlich des Siedlungshügels befindet sich die eigentliche chirbe („Ruinenfeld“), die umfangreiche Überreste eines früheisenzeitlichen Großdorfs aus dem 12.-10. Jh. v. Chr. aufweist. Der Platz wurde in den Jahren 1972-1975 ausgegraben, wobei sich die Arbeiten auf die früheisenzeitliche Siedlung konzentrierten.

Der arabische Name Chirbet el-Mšāš meint „Ruinenfeld der Wasserstellen“ und bezieht sich somit auf die gute Wasserversorgung am Ort. Die rezente neuhebr. Namensform Tel Māśoś scheint eine am Namensklang der arabischen Bezeichnung angelehnte Bildung zu sein und bedeutet etwa „Siedlungshügel der Freude / des Jubels“ (vgl. Ps 48,3; Jes 24,8; Jes 32,13 u.ö.).

2. Identifikation

Aus: Jericke 1997, 233 Karte 7.4; © Deutscher Verein zur Erforschung Palästinas / Detlef Jericke

Abb. 2 Chirbet el-Mšāš im nördlichen Negev.

Die Siedlung der frühen Eisenzeit (12.-10. Jh. v. Chr.) ist mit einer Ausdehnung von ca. 220 x 200 m die größte ihrer Art, die bislang im südlichen Palästina freigelegt wurde. Daher wird sie mit verschiedenen Orten identifiziert, die in den alttestamentlichen Erzählungen zur Frühgeschichte Israels eine Rolle spielen und die nach dem Erzählzusammenhang im Negev liegen sollen. Eine eindeutige und breit akzeptierte Zuordnung ist jedoch nicht gelungen. Im Wesentlichen werden fünf alttestamentliche Orte für eine Gleichsetzung mit Chirbet el-Mšāš vorgeschlagen.

2.1. Horma

Die Gleichsetzung von Chirbet el-Mšāš mit → Horma wurde zunächst von den Ausgrabenden verteidigt (Aharoni u.a. 1973; Aharoni 1976), später jedoch relativiert (Fritz 1980; Fritz / Kempinski 1983, Band I, 236). Sie beruht auf zwei Beobachtungen:

(a) in ägyptischen Texten aus dem 19. und 18. Jh. v. Chr. ist der Orts- oder Landschaftsname ḥ3jm (Ächtungstexte E 1) bzw. ḥ3mj (Inschrift Ammenemes III) bezeugt (vgl. Gaß 2005, 48), der sprachlich der alttestamentlichen Namensform Horma ähnelt. Da die mittelbronzezeitliche Umwallung darauf hinweist, dass Chirbet el-Mšāš im 18./17. Jh. v. Chr. besiedelt war, könnte Horma hier gesucht werden. Die ägyptischen Texte geben jedoch keine verwertbaren Hinweise auf die Lage von ḥ3jm / ḥ3mj, so dass die Gleichsetzung mit einem Platz im Negev nicht zwingend erscheint.

(b) Mehrere alttestamentliche Texte nennen Horma im Zusammenhang mit → Arad (Num 21,1-3; Jos 12,14; Ri 1,16-17), einem Platz, der ca. 17 km östlich der Chirbet el-Mšāš auf dem Siedlungshügel von Tell ‘Arād liegt (Koordinaten: 1620.0767; N 31° 16' 50", E 35° 07' 34"; Abb. 2). In den genannten Texten könnte Horma jedoch auch ein symbolischer Name sein, der auf die Wurzel ḥrm „zerstören / verwüsten“ zurückgeht und die in den Texten erzählten Zerstörungsaktionen veranschaulicht.

Gegen die Gleichsetzung von Chirbet el-Mšāš mit Horma wird oft eingewandt, dass der Platz in der Zeit, als vermeintlich die alttestamentlichen Texte zu Horma entstanden (10.-6. Jh. v. Chr.), weitgehend unbesiedelt war. Abgesehen davon, dass eine zuverlässige Datierung alttestamentlicher Texte selten möglich ist, spricht auch die intensive Besiedlung der Chirbe im 7./6. v. Chr. gegen diesen Einwand (s.u. 3.4.). Substantieller sind die Vorbehalte, die aufgrund der Lageangaben in den siedlungsgeographischen Texten des Josuabuchs vorgebracht werden. Horma ist hier jeweils in Nachbarschaft zu Ziklag genannt (Jos 15,30-31; Jos 19,4-5). Ziklag wird im nordwestlichen Negev am Übergang zur Schefela und zur Küstenebene gesucht und meist mit Tell eš-Šerī‘a (neuhebr. Tel Sera‘; Koordinaten: 1196.0889; N 31° 23' 26.79'', E 34° 40' 45.70'') gleichgesetzt (Abb. 2). Daher sollte Horma nicht im östlichen Negev, sondern weiter nordwestlich liegen, vielleicht auf Tell el-Chuwēlife (neuhebr. Tel Ḥalîf; Koordinaten: 1373.0879; N 31° 22' 58'', E 34° 51' 57'') ca. 17 km nördlich des heutigen Be’er Ševa‘ (Na’aman 1980; Jericke 1997, 210-211.263; Abb. 2).

2.2. Ziklag

Wenig Zustimmung hat der Vorschlag gefunden, Chirbet el-Mšāš mit → Ziklag zu identifizieren (Crüsemann 1973). Nach den alttestamentlichen Textbelegen sollte Ziklag im westlichen Negev am Übergang zum Philistergebiet liegen, da der Philisterfürst von Gat den Ort → David überlässt (1Sam 27). Die Gleichsetzung von Ziklag mit Tell eš-Šerī‘a (s.o.) ist daher gut begründet und breit akzeptiert.

2.3. Stadt Amaleks

Alternativ zur Identifikation mit Horma wird mehrfach vorgeschlagen, die „Stadt Amaleks“ (1Sam 15,5) mit Chirbet el-Mšāš gleichzusetzen (Kochavi 1980; Herzog 1984; Finkelstein 1988a, 45f.). Die → Amalekiter sind nach alttestamentlicher Überlieferung eine nomadische Gruppe mit einem Aktionsradius, der von der Arabischen Halbinsel bis an die Grenzen Ägyptens reicht (1Sam 15,7; vgl. Ex 17). Der schwierig zu deutende Name „Stadt Amaleks“ könnte auf einen festen Stützpunkt der Amalekiter hinweisen. Ob ein solcher im nordöstlichen Negev zu suchen ist, bleibt offen. Aus historischer Sicht könnten die Amalekiter zu den Gruppen gehört haben, die seit dem 8./7. Jh. v. Chr. in den Randzonen östlich und südlich von Palästina agierten und in Keilschrifttexten dieser Zeit als „Araber“ bezeugt sind. Da die Chirbet el-Mšāš im 8. und frühen 7. Jh. v. Chr. nicht besiedelt war, ist ein Zusammenhang mit diesen „arabischen“ Gruppen und daher auch mit der „Stadt Amaleks“ unsicher. Kontrovers wird auch diskutiert, ob der Ausdruck „Stadt“ (hebr. ‘îr) eine befestigte Anlage mit Stadtmauern und Toren voraussetzt. Sollte dies des Fall sein, scheidet Chirbet el-Mšāš für eine Gleichsetzung mit der „Stadt Amaleks“ von vornherein aus, da solche Befestigungswerke nicht bezeugt sind (s.u. 3.3.).

2.4. Geschur

Auf schwachen Füßen steht auch der Vorschlag, die Chirbet el-Mšāš mit → Geschur gleichzusetzen (Edelman 1988). Geschur bzw. das „Gebiet der Geschuriter“ sollte nach 2Sam 15,8 „in Aram“, also im nördlichen Ostjordanland liegen. Meist wird Geschur östlich des Sees Gennesaret gesucht. Lediglich 1Sam 27,8 könnte Geschuriter im Süden Palästinas voraussetzen. Ob daraus die Existenz eines Ortes Geschur im Negev abzuleiten ist, erscheint fraglich.

2.5. Molada

Sollten die früheisenzeitlichen Siedler der Chirbet el-Mšāš nach Aufgabe der Siedlung im 10. Jh. v. Chr. in die befestigte städtische Anlage des ca. 4 km weiter östlich gelegenen Siedlungsplatzes Tell el-Milḥ (neuhebr. Tel Malḥatā; Koordinaten 1525.0696; N 31° 13' 01'', E 35° 01' 33''; vgl. Abb. 2) umgezogen sein (s.u. 3.3.3.), so könnte der Name Molada, der vielleicht die alttestamentliche Bezeichnung von Tell el-Milḥ war, zuvor auch der Ortsname der Chirbet el-Mšāš gewesen sein. Beide Annahmen, sowohl die Umsiedlung von Chirbet el-Mšāš nach Tell el-Milḥ als auch die Gleichsetzung von Tell el-Milḥ mit Molada, sind jedoch nicht sicher nachzuweisen.

Als Fazit ist festzuhalten, dass es bislang nicht gelungen ist, den alten Namen der Chirbet el-Mšāš zuverlässig zu bestimmen.

3. Geschichte

Da der biblische Name von Chirbet el-Mšāš nicht bekannt ist und somit keine zuverlässigen schriftlichen Zeugnisse vorliegen, ist die Geschichte des Orts allein aus den archäologischen Befunden zu beschreiben.

3.1. Prähistorische Zeit

Die ältesten Reste, die unter den Ruinen der früheisenzeitlichen Siedlung gefunden wurden, stammen aus dem Chalkolithikum (4. Jt. v. Chr.). Sie gehören zur „Beerscheba-Kultur“, die an mehreren Plätzen westlich und östlich der heutigen Stadt Be’er Ševa‘ nachgewiesen ist.

3.2. Bronzezeit

Nach dem Chalkolithikum wurde der Platz erst wieder kurzfristig in der Mittelbronzezeit II (18./17. Jh. v. Chr.) genutzt. Aus dieser Zeit stammt eine Umwallung, die südlich des Wādīs liegt und auf etwa 200 m Länge erkennbar ist. Über die Art der mittelbronzezeitlichen Besiedlung ist wenig bekannt, da in diesem Bereich nicht intensiv gegraben wurde.

3.3. Eisenzeit I (12.-10. Jh. v. Chr.)

Die wichtigste Phase in der Geschichte von Chirbet el-Mšāš scheint die Eisenzeit I (12.-10. Jh. v. Chr.) zu sein. Aus dieser Epoche wurde eine ca. 220 x 200 m große Siedlung freigelegt, die als „Großdorf“ bezeichnet werden kann, da sie nicht befestigt war, aber die durchschnittliche Größe der zeitgenössischen Siedlungen im Negev und im palästinischen Bergland überschreitet. Die Ausgrabungen zeigen, dass sich die Bebauung während der ca. zweihundertjährigen Nutzung mehrfach änderte.

3.3.1. Stratum III (12. Jh. v. Chr.)

Die ältesten Spuren aus dem 12. Jh. v. Chr. (Stratum IIIB) zeigen lediglich Fußböden und Gruben, deren Funktion unklar ist. Sie könnten als Wohn-, Vorrats- oder Abfallgruben gedient haben. Möglicherweise wurde der Platz in dieser Zeit nur saisonal von nomadischen Gruppen genutzt.

In Stratum IIIA (spätes 12. Jh. v. Chr.) beginnt die Bebauung mit festen Gebäuden, die meist dem Typus des Pfeilerhauses (→ Haus) folgen, bei dem verschiedene Räume – häufig drei oder vier Räume – durch Steinpfeiler voneinander abgetrennt sind. Dieser Haustyp ist über die gesamte Eisenzeit (12.-6. Jh. v. Chr.) in den palästinischen Bergländern und in den wüstenhaften Randzonen dieser Bergländer verbreitet und wird oft vereinfacht als „Vier-Raum-Haus“ bezeichnet.

3.3.2. Stratum II (11. Jh. v. Chr.)

Aus: Jericke 1997, 188 Fig. 26; © Deutscher Verein zur Erforschung Palästinas / Detlef Jericke

Abb. 3 Chirbet el-Mšāš, Gesamtplan der Anlage in der Eisenzeit I (Stratum II, 11. Jh. v. Chr.).

Am besten dokumentiert ist die Bebauung von Stratum II (11. Jh. v. Chr.). Sie besteht in der Hauptsache aus Pfeilerhäusern von unterschiedlichem Grundriss, die aneinander gebaut waren und, soweit erkennbar, ein Oval mit einem maximalen Durchmesser von ca. 220 m bildeten (Abb. 3).

Die Hauseingänge lagen zur Außenseite (Abb. 4). Das Oval von Häusern hatte demnach keine Schutzfunktion für die Siedlung. Vielmehr war sichergestellt, dass die um die Siedlung liegenden Felder und Viehweiden leicht erreichbar waren. Zum Teil war auch das Innere der Siedlung bebaut. Hier finden sich größere und stärker gegliederte Gebäude als an der Außenseite. Einige dieser Häuser weisen Einrichtungen zur Metallverarbeitung auf.

Aus: Jericke 1997, 193 Fig. 28; © Deutscher Verein zur Erforschung Palästinas / Detlef Jericke

Abb. 4 Chirbet el-Mšāš, Areal A, Stratum II (11. Jh. v. Chr.).

Insofern zeigt sich bereits eine Differenzierung der sozialen Struktur. An der Außenseite der Siedlung wohnten die Menschen, die landwirtschaftlich tätig waren und damit die tägliche Versorgung der Bevölkerung sicherten. Im Inneren der Anlage ließen sich spezialisierte Metall-Handwerker nieder (Abb. 4).

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 1994)

Abb. 5 Chirbet el-Mšāš.

Aus Kupferfunden kann erschlossen werden, dass in Chirbet el-Mšāš im 11. Jh. v. Chr. Kupfer verarbeitet wurde. Der Rohstoff wurde vermutlich aus den Minen der Araba-Senke in den nördlichen Negev gebracht. Die Keramikfunde aus Stratum II weisen auf weitverzweigte Kontakte der Siedler von Chirbet el-Mšāš vom arabischen Raum bis an die Mittelmeerküste Palästinas und Phöniziens. Von daher ist zu folgern, dass der Ort im 11. Jh. v. Chr. ein wichtiger Stützpunkt auf dem Handelsweg von Arabien zum Mittelmeer war (→ Handel; → Karawane), möglicherweise der Hauptort eines regionalen, teilautonomen Territoriums, eines „chiefdoms“, dessen Name uns nicht bekannt ist (s.o. 2.; → Negev 3.6. und 3.7.). Die Siedler waren am Handel mit Kupferprodukten auf dieser Ost-West-Route beteiligt. Gleichzeitig war die Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten für den täglichen Bedarf sichergestellt. Die ökonomische Basis stand demnach auf zwei Füßen, dem Handel und der Landwirtschaft.

3.3.3. Stratum I (10. Jh. v. Chr.)

Die letzte Phase der früheisenzeitlichen Besiedlung (Stratum I, 10. Jh. v. Chr.) ist von zwei Faktoren geprägt. Zum Einen wurden am Eingang zur Siedlung Gebäude errichtet, die andeutungsweise festungsartigen Charakter hatten. Zum Anderen sind keine Funde mehr belegt, die auf Metallverarbeitung oder auf weitverzweigte Kontakte hindeuten, wie sie für Stratum II nachzuweisen sind. Im 10. Jh. v. Chr. scheint demnach das Sicherheitsbedürfnis gewachsen zu sein. Gleichzeitig gingen die Handelsbeziehungen, die eine entscheidende ökonomische Basis für die florierende Siedlung im 11. Jh. v. Chr. bildeten, verloren. Zwangsläufig wurde die Siedlung im Lauf des 10. Jh.s v. Chr. aufgegeben. Im ausgehenden 10. und im 9. Jh. v. Chr. entstanden im Beerscheba-Tal neue befestigte Anlagen, die zum Teil städtischen bzw. kleinstädtischen Charakter hatten (Tell es-Seba‘ / Beerscheba, Tell el-Milḥ, Tell ‘Arād). Mitunter wird vermutet, dass die Siedler von Chirbet el-Mšāš in diese Orte, insbesondere in die Siedlung auf dem nur ca. 4 km weiter östlich gelegenen Tell el-Milḥ, umzogen. Für eine solche Annahme könnte die Beobachtung sprechen, dass auch in der Mittelbronzezeit II eine zeitliche Abfolge von befestigten Anlagen zunächst auf der Chirbet el-Mšāš (18./17. Jh. v. Chr.; s.o. 3.2.) und anschließend auf Tell el-Milḥ (17./16. Jh.v. Chr.) festzustellen ist. Allerdings ist sowohl für die Mittelbronzezeit als auch für das 10. Jh. v. Chr. die Annahme einer Umsiedlung von Chirbet el-Mšāš auf Tell el-Milḥ lediglich eine Vermutung.

3.3.4. Interpretation der Befunde aus der Eisenzeit I

Nach den Ausgrabungen auf der Chirbet el-Mšāš wurden die Befunde der früheisenzeitlichen Siedlung zunächst als Paradigma der viel diskutierten Landnahme der Israeliten, die am Ende des 2. Jt.s v. Chr. stattgefunden haben soll, diskutiert. Dabei sollte insbesondere die Annahme untermauert werden, dass die Israeliten vor ihrer Sesshaftwerdung als Nomaden in den an Palästina angrenzenden Wüstengebieten lebten. Auf den ersten Blick könnten der Übergang von saisonaler zu dauerhafter Siedlungstätigkeit in Stratum III und das in Stratum II zunehmende Maß an sesshafter Kultur sowie an sozialer Differenzierung eine solche These belegen. Zudem galten die Pfeilerhäuser als typisch „israelitische“ Gebäude. Nachdem solche Gebäude jedoch auch in Gebieten nachgewiesen wurden, die sicherlich nicht zum Siedlungsgebiet der Israeliten oder zumindest der Gruppen gehörten, die im 1. Jt. v. Chr. in der Größe „Israel“ aufgingen, musste diese These fallen gelassen werden. Die früheisenzeitliche Siedlung auf der Chirbet el-Mšāš ist vielmehr im Rahmen der sozialen und ökonomischen Umbrüche in der südlichen Levante am Ende des 2. Jt.s v. Chr. zu verstehen. Die Stadtkultur an der Mittelmeerküste, in der Jesreelebene und im Jordantal verfiel, in der Arabasenke gaben die ägyptischen Pharaonen allmählich den Kupferabbau auf. Gruppen von Nomaden, Bauern und Handwerkern, die bis dahin im Bereich der Städte an der Mittelmeerküste oder in der Araba ihren Lebensunterhalt gefunden hatten, mussten sich nach neuen ökonomischen Möglichkeiten umsehen. Sie gründeten Siedlungen in zuvor unbesiedelten Regionen wie dem palästinischen Bergland oder dem nördlichen Negev. Die Chirbet el-Mšāš entwickelte sich dabei aus einfachen Anfängen schnell zu einer der größten Anlagen dieser Art. In der Siedlung fanden vermutlich ehemalige Nomaden und Bauern aus der Küstenebene ebenso Aufnahme wie Metallhandwerker aus der Araba. Lediglich ungefähre Vorstellungen von diesen Siedlungsprozessen haben sich in den alttestamentlichen Überlieferungen enthalten, die verschiedene Gruppen wie → Amalek, Jerachmeel, → Ismael oder die → Keniter als Bewohner des → Negev erwähnen (Gen 16; Gen 21; 1Sam 27; 1Sam 30). Die Lage von Chirbet el-Mšāš an einer in Ost-West-Richtung verlaufenden Verkehrsverbindung beförderte den Aufschwung der Siedlung im 11. Jh. v. Chr. Als gegen Ende des 10. Jh.s. v. Chr. und im 9. Jh. v. Chr. eine neue Urbanisierung in Palästina, v.a. auch in den Bergländern, einsetzte, wurden die meisten der im 12. oder 11. Jh. v. Chr. neu gegründeten offenen Siedlungen, darunter eben auch das Großdorf von Chirbet el-Mšāš, zugunsten einer städtischen Lebensweise aufgegeben (→ Eisenzeit I).

In der Abfolge der Besiedlungsphasen (Mittelbronzezeit II, Eisenzeit I, späte Eisenzeit II) unterscheidet sich die Chirbet el-Mšāš von der Siedlungsgeschichte des zentralen Negev, wo v.a. Siedlungsplätze aus der Mittelbronzezeit I und aus der frühen oder späten Eisenzeit II bezeugt sind. Dagegen entspricht die Siedlungsgeschichte von Chirbet el-Mšāš in vielen Punkten derjenigen des küstennahen nordwestlichen Negev. Auch diese Beobachtung unterstreicht, dass die Geschichte des Platzes nicht im Rahmen einer Sesshaftwerdung von aus der Wüste kommenden Nomaden, sondern aus seiner Lage an einer Ost-West-Verbindung zu verstehen ist.

3.4. Eisenzeit II

Nach einer Siedlungsunterbrechung von etwa drei Jahrhunderten wurde die relativ gut mit Wasser versorgte und verkehrsgünstig gelegene Chirbet el-Mšāš noch einmal am Ende der Eisenzeit II (7./6. Jh. v. Chr.) genutzt. Nach den ersten Publikationen der Ausgrabungsergebnisse schien es so, dass sich die späteisenzeitliche Bebauung auf den relativ kleinen Tell (ca. 50 x 30 m) südlich der Chirbe beschränkte. Auf dem Tell stand ein befestigtes rechteckiges Gebäude. Nachuntersuchungen ergaben jedoch, dass in fast allen Arealen der Chirbe neben den früheisenzeitlichen auch späteisenzeitliche Reste zu verzeichnen sind. Die Anlage des 7./6. Jh.s v. Chr. erstreckte sich somit vermutlich über ein größeres Areal als die früheisenzeitliche Siedlung und umfasste sowohl den Bereich der Chirbe als auch den Tell. Leider sind die späteisenzeitlichen Befunde nicht so gut dokumentiert wie die Überreste der Eisenzeit I. Möglicherweise handelte es sich bei der Anlage des 7./6. Jh.s v. Chr. um eine Straßenstation mit angrenzender Siedlung. Das Beerscheba-Tal war in dieser Zeit dicht besiedelt. Dieser Befund wird meist so gedeutet, dass hier ein Teilstück des internationalen Handelswegs von Arabien ans Mittelmeer verlief (vgl. Art. Negev, Abschnitt 3.7).

3.5. Spätbyzantinisch-frühislamische Zeit (7./8. Jh. n. Chr.)

Dass die vergleichsweise günstigen Siedlungsvoraussetzungen auf der Chirbet el-Mšāš im 7./8. Jh. n. Chr. noch einmal genutzt wurden, als im Bereich des Tell ein Kloster errichtet wurde, verwundert nicht, da insbesondere die Epoche der frühen Kirche einen zuvor und danach nicht wieder erreichten Höhepunkt der Siedlungsgeschichte des Negev darstellt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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2. Weitere Literatur

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Chirbet el-Mšāš. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Chirbet el-Mšāš im nördlichen Negev. Aus: Jericke 1997, 233 Karte 7.4; © Deutscher Verein zur Erforschung Palästinas / Detlef Jericke
  • Abb. 3 Chirbet el-Mšāš, Gesamtplan der Anlage in der Eisenzeit I (Stratum II, 11. Jh. v. Chr.). Aus: Jericke 1997, 188 Fig. 26; © Deutscher Verein zur Erforschung Palästinas / Detlef Jericke
  • Abb. 4 Chirbet el-Mšāš, Areal A, Stratum II (11. Jh. v. Chr.). Aus: Jericke 1997, 193 Fig. 28; © Deutscher Verein zur Erforschung Palästinas / Detlef Jericke
  • Abb. 5 Chirbet el-Mšāš. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 1994)
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