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Lexikon

Chanukkafest

Antje Yael Deusel

(erstellt: Juli 2016)

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1. Begriffserklärung und geschichtlicher Hintergrund

Foto: Rabb. Dr. A. Yael Deusel (2015)

Abb. 1 Chanukkia am achten Abend von Chanukka.

Das Wort „Chanukka“ bedeutet allgemein „Einweihung“. Es bezieht sich hier konkret auf die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem zur Zeit des Makkabäer-Aufstandes (→ Makkabäer). Zwar war mit der Rückeroberung des Tempels aus heidnischer Hand und seiner anschließenden Reinigung von Götzenbildern und anderen Reminiszenzen an die seleukidischen Herrscher (→ Seleukiden) im Jahr 165 v.d.Z. der Krieg noch nicht zu Ende. Doch stellt dieses historische Ereignis ein starkes Symbol dar für den Kampf um die Wiedererlangung einer politischen Unabhängigkeit des Volkes Israel und seines Landes. Chanukka ist ein achttägiges Lichterfest, beginnend am 25. Kislew, also im Winter, in der dunklen Jahreszeit, auch dies beinhaltet ein kraftvolles Symbol.

Chanukka hatte zunächst eher einen politischen Hintergrund; man dankte dem Ewigen für das Wunder des militärischen Sieges über die hellenistische Fremdherrschaft. Dieses Motiv wurde unter der nachfolgenden römischen Besatzung des Landes notgedrungen allmählich dahingehend verändert, dass nun vordergründig ein anderes Wunder, nämlich die Legende vom Ölkrüglein, als Anlass für das Lichterfest beschrieben wurde, weil man keinen Verdacht erwecken wollte, die Feiernden könnten womöglich einen Umsturz gegen die jetzigen römischen Fremdherrscher planen.

Die Ölkrug-Legende: Zum Entzünden der Menora im Tempel durfte nur besonders reines Olivenöl verwendet werden, zu dessen Herstellung acht Tage notwendig waren. Das so gewonnene Öl wurde in Krügen aufbewahrt, deren Verschluss mit dem Siegel des Hohepriesters versehen war. Als die Makkabäer nun den Tempel aus heidnischer Hand zurückerobert hatten und daran gingen, ihn zu reinigen und für den Tempeldienst des Ewigen wieder benutzbar zu machen, wollten sie auch die siebenarmige Menora (→ Leuchter) wieder entzünden. Sie fanden allerdings nur einen einzigen kleinen Krug mit Öl, an dem das Siegel des Hohepriesters noch intakt war. Die Ölmenge war ausreichend dafür, die Flammen des Leuchters für einen einzigen Tag brennen zu lassen. Man beriet, was zu tun sei. Die einen meinten, man solle so schnell wie möglich das Gebot des Ewigen befolgen und daher die Menora sofort entzünden, auch wenn hernach der Leuchter sieben Tage lang nicht mit Öl gespeist werden könne. Die anderen plädierten dafür, zuerst neues Öl zu pressen und den Leuchter erst mit dem achten Tag zu entzünden. Nicht von ungefähr setzte sich die erstere Ansicht, die der Glaubenseiferer durch. Schließlich war der (innerjüdische) Kampf um jüdische Glaubenstreue versus hellenistische Assimilation ein wichtiger Aspekt des Makkabäeraufstandes gewesen. Man entzündete also sofort den Leuchter mit dem Öl für einen Tag, und siehe, die Flammen auf dem Leuchter verloschen nicht, sondern brannten volle acht Tage, solange, bis man neues reines Öl hergestellt hatte.

2. Chanukka in der Liturgie

Sowohl am Werktag als auch am Schabbat wird jeweils im Abend- (Ma‘ariv), Morgen- (Schacharit), und Nachmittagsgebet (Mincha) in der → Amida eine Einschaltung vorgenommen, am Schabbat und am Neumondstag (Rosch Chodesch) zusätzlich in der Mussaf-Amida. Die Einschaltung besteht aus zwei Teilen, dem „Al ha-nissim“ (Allgemeiner Dank für wunderbare Errettung, wird auch an Purim gebetet) und dem „Bimej Matitjahu“ („In den Tagen Matitjahus“, einem spezifischen Dank für Chanukka, der auch die Beschreibung der Tempelreinigung enthält).

Im täglichen Morgengebet wird im Anschluss an die Amida das → Hallel gebetet, bestehend aus den Ps 113-118, eingeleitet und beendet durch eine speziell auf das Hallel, das Preisen des Ewigen, bezogene Bracha.

An allen Tagen von Chanukka wird aus der Tora vorgelesen, nach folgender Ordnung, und mit jeweils drei Aufrufen. Nur am sechsten Tag sind es vier Aufrufe, für Chanukka und für den jüdischen Neumondstag (Rosch Chodesch):

Erster Tag Chanukka: Num 6,22-7,17;

Zweiter Tag Chanukka: Num 7,18-29;

Dritter Tag Chanukka: Num 7,24-35;

Vierter Tag Chanukka: Num 7,30-41;

Fünfter Tag Chanukka: Num 7,36-47;

Sechster Tag Chanukka: Für Rosch Chodesch: Num 28,1-15, für Chanukka: Num 7,42-47 (aus einer zweiten Torarolle, die an diesem Tag zusätzlich ausgehoben wird);

Siebter Tag Chanukka: Num 7,48-53;

Achter Tag Chanukka: Num 7,54-8,4.

3. Chanukka als häusliche Feier

An jedem der acht Abende von Chanukka werden Lichter gezündet, beginnend am Vorabend des 25. Kislew, jeden Abend eines mehr, bis am achten Abend schließlich acht Lichter brennen. Hierbei dient jeweils eine Kerze, der so genannte Schamasch („Diener“), als Anzünder und wird nicht mitgezählt. Der zum Fest gehörige neunarmige Leuchter heißt Chanukkia. Auf ihm können die acht Kerzen des Festes und der Schamasch als neunte Kerze aufgesteckt werden, wobei die Halterung für den Schamasch oft ein wenig getrennt von den acht übrigen Kerzenhalterungen angebracht ist. Vor dem Anzünden der Kerzen werden zwei Brachot gesprochen, nämlich „Der uns befohlen hat, das Chanukka-Licht anzuzünden“ und „Der unseren Vätern Wunder geschehen ließ, in jenen Tagen, zu dieser Zeit“. Am ersten Abend kommt noch eine dritte Bracha hinzu, das „Schehechejanu“. Nach dem Anzünden der Lichter wird eine weitere Bracha gesprochen, die den Dank für Gottes Hilfe und wunderbaren Errettung aus der Hand der Feinde zum Ausdruck bringt. Gleichzeitig ist in der Bracha die Ermahnung erhalten, dass diese Lichter als heilig gelten und sie deshalb nur angeschaut, nicht aber als Lichtquelle zum Lesen oder zum Anzünden von Feuer benutzt werden dürfen. Nur der Schamasch darf für solche profanen Zwecke verwendet werden, nachdem man die Kerzen auf der Chanukkia damit entzündet hat.

Die Chanukkia soll ins Fenster gestellt werden, so dass man ihr Licht von außen, von der Straße her, wahrnehmen kann; so verkündet sie die freudige Botschaft von Chanukka allen Passanten. Aus diesem Grund werden die Lichter der Chanukkia (früher als Öllämpchen, heute als Kerzen) möglichst bald nach dem Dunkelwerden entzündet, damit noch möglichst viele Menschen, die draußen unterwegs sind, sie sehen können.

Obwohl eine Frau die Chanukkia für alle Haushaltsmitglieder entzünden kann, ist es Brauch, dass jedes Mitglied einer Familie die Lichter auf seiner eigenen Chanukkia entzündet. Bereits im Kindergarten basteln die Kinder daher Chanukkiot. Man lässt die Kerzen an jedem Abend vollständig herunterbrennen. Die heute für die Chanukkiot im Handel erhältlichen Kerzen brennen etwa ein bis zwei Stunden. Die erste Kerze, am ersten Abend, wird ganz rechts auf den Leuchter gesteckt und mit dem Schamasch angezündet. An den folgenden Tagen werden die Kerzen, immer eine mehr, von rechts nach links aufgesteckt, aber von links nach rechts angezündet. Am Schabbat werden erst die Chanukkalichter angezündet, dann die Schabbatkerzen; am Schabbatausgang erfolgt erst die Havdala und dann das Entzünden der Chanukkakerzen.

Nach dem Anzünden der Kerzen ist es üblich, noch gemeinsam Chanukka-Lieder zu singen, insbesondere die „Chanukka-Hymne“ Maos Zur („Fels unserer Hilfe“), die verschiedene Situationen der Errettung des Jüdischen Volkes durch die Hilfe des Ewigen aufzählt. Kinder erhalten Chanukka-Geld; weitere Geschenke (wie zum christlichen Weihnachtsfest) waren ursprünglich nicht vorgesehen. Es hat sich diesbezüglich aber, v.a. inmitten christlicher Umgebungsgesellschaft, allmählich ein Wandel eingestellt, und die Kinder bekommen am fünften Tag (wenn das Licht die Dunkelheit überwiegt, d.h. wenn mehr als die Hälfte der Kerzen brennen) doch kleine Geschenke.

Chanukka ist bis heute kein kommerzialisiertes Fest wie z.B. Weihnachten. Dennoch ist eine Entwicklung zu beobachten, dass Kinder bisweilen an allen acht Tagen von Chanukka jeweils ein Geschenk bekommen, „damit sie sich nicht gegenüber christlichen Kindern benachteiligt fühlen“, weil diese zu Weihnachten Geschenke bekommen. Genau genommen läuft dies aber dem Charakter von Chanukka zuwider, war doch der Makkabäer-Aufstand innerjüdisch gegen eine Assimilation durch Übernahme von Bräuchen aus der nicht-jüdischen Gesellschaft gerichtet.

Zu den Minhagim (traditionellen Bräuchen) gehört das Essen von Speisen, die in Öl bzw. Fett gebacken werden, z.B. Latkes (Kartoffelreibekuchen) und Sufganiot (Krapfen), in Erinnerung an das Wunder des Ölkrügleins.

Nach dem Essen, im Birkat Hamason (Tischdank-Gebet), wird an allen Tagen von Chanukka eine Einschaltung vorgenommen analog der Einschaltung in der Amida („Al ha-nissim“ und „Bimej Matitjahu“, s.o.).

Ein beliebtes Spiel der Kinder an den Chanukka-Abenden ist das Spiel mit dem Drejdel, einem Kreisel mit vier Seiten. Jede der vier Seiten enthält einen hebräischen Buchstaben, nämlich Nun, Gimel, He und Schin, als Abkürzung für „Nes gadol haja scham“ (ein großes Wunder ist dort geschehen). In Israel ist das Schin für gewöhnlich durch ein Pe ersetzt: Nes gadol haja po – ein großes Wunder ist hier geschehen.

Moderne Kinderlieder zu Chanukka beziehen sich häufig auf die einzelnen Minhagim wie Drejdel und Latkes, ebenso auf Kerzen und Licht. Einige sind vom Inhalt her auch zionistisch ausgerichtet, wie z.B. „Ki tavo el Modi‘in“ (Wenn du nach Modi‘in kommst, bring einen Setzling mit und pflanze ihn dort in der Wüste), oder „Anu nos’im lappidot“ (Wir tragen Fackeln in die dunkle Nacht, wen es nach Licht verlangt, der komme zu uns). Dem gegenüber stehen Lieder mit religiösem Inhalt wie Maos Zur oder Texte aus der Liturgie, die zu einer Art Volkslied geworden sind, wie z.B. „Hanerot halalu“ (Diese Kerzen, die wir entzünden).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Ozar Dinim u-Minhagim, New York 1938
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Dictionary of Judaism in the Biblical Period. 450 B.C.E. to 600 C.E., New York 1996

2. Weitere Literatur

  • Aschkenasy, Jehuda u.a., Die jüdischen Feste, Uelzen 2010
  • Bodian, Arie (Hg.), 51 Schirej chagim le-Limor, o.O. 1991
  • Donin, Chajim Halevi, Jüdisches Leben, Jerusalem 1987
  • Ehrmann, Elieser L., Von Trauer zur Freude. Leitfäden und Texte zu den jüdischen Festen; neu hg. von Peter von der Osten-Sacken / Chaim Z. Rozwaski (Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum), Berlin 2012
  • Elbogen, Ismar, Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung, Frankfurt a.M. 1931
  • Ganzfried, Schelomo, Kizzur Schulchan Aruch, Band I und II, Basel 1988
  • Hammer, Reuven, Or Hadash, New York 2003
  • Lau, Israel M., Wie Juden leben. Glaube, Alltag, Feste, Gütersloh o.J.
  • Magonet, Jonathan / Homolka, Walter (Hgg.), Seder Ha-Tefilot I. Gebete für Schabbat, Wochentage und Pilgerfeste, Gütersloh 2010
  • Nachama, Andreas / Sievers, Jonah (Hgg.), Tefilot le-chol ha-schana. Jüdisches Gebetbuch Schabbat und Werktage, Gütersloh 2009
  • Scheuer, Joseph / Richter, Albert, Siddur Schma Kolenu, Basel 2009
  • Rothschild, Lothar u.a., Avoda sche-ba-lev. Der Gottesdienst des Herzens. Israelitisches Gebetbuch, Nürnberg 1968
  • Zwillenberg, Lutz O. (Üs.), Gottesdienst im Herzen / Avoda sche-ba-lev, Zürich 2003

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Chanukkia am achten Abend von Chanukka. Foto: Rabb. Dr. A. Yael Deusel (2015)

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