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Lexikon

Bucht von Bet-Schean

Klaus Koenen

(erstellt: Okt. 2016)

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1. Lage

1.1. Grenzen

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Bucht von Bet-Schean.

Zwischen dem mittelpalästinischen und dem galiläischen Bergland reihen sich von West nach Ost drei Täler aneinander: die Bucht von Akko am Mittelmeer (→ Akko; Koordinaten: 158.258; N 32° 55' 17'', E 35° 05' 15''), die Jesreel-Ebene (→ Jesreel; Koordinaten: 1810.2182; N 32° 33' 28'', E 35° 19' 45'') und die Bucht von Bet-Schean (→ Bet-Schean, Koordinaten: 1977.2124; N 32° 30' 15'', E 35° 30' 10''). Letztere wird im Osten durch den Jordan begrenzt, im Norden durch das Hochplateau des Ǧebel ed-Daḥī / Ramot Issachar (Koordinaten: 1838.2249; N 32° 36' 53'', E 35° 21' 43''), im Südwesten durch die deutlich höheren → Gilboa-Berge und im Westen durch die Wasserscheide, die zwischen Jesreel und dem 6 km weiter nördlich gelegenen → Schunem (arab. Sūlam; Koordinaten: 1819.2235; N 32° 36' 25'', E 35° 20' 05'') nur 100 m über NN liegt. Die Bucht bildet damit ein stumpfes, ungefähr gleichschenkliges Dreieck, dessen leicht nach innen gebogene Basisseite sich an die Gilboa-Berge angrenzend über gut 25 km von Nordwesten nach Südosten erstreckt.

1.2. Untergliederung

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

Abb. 2 Blick auf die Bucht von Bet-Schean von den Gilboa-Bergen aus.

Von West nach Ost bietet die Bucht vier Terrassen mit je eigener Bodenart. Sie senkt sich dabei von 100 m über NN auf 290 m unter NN. 1) Die oberste Stufe, die längliche Harod-Ebene (arab. Ǧālūd-Ebene), durch die der gleichnamige Fluss Richtung Jordan fließt, besteht aus porösem Kalktuff (Travertin) und reicht von der Wasserscheide bis zum Rücksprung der Gilboa-Berge bei Bet-Alfa (Koordinaten: 1905.2136; N 32° 31' 01'', E 35° 25' 43''). Sie bildet ein wannenförmiges Tal, dessen Tiefpunkt von 50 m über NN im Westen auf 100 m unter NN im Osten absinkt. Über dem Kalktuff finden sich unterschiedliche Böden. Die braune, mäßig fruchtbare Erde im Süd-Teil der Ebene ist von den Gilboa-Bergen angeschwemmt, die fruchtbare, braunschwarze Erde im Nord-Teil dagegen von den Basalthöhen des Ǧebel ed-Daḥī.

2) Östlich von Bet-Alfa geht die oberste Terrasse fast unmerklich in die zweite Stufe über, die tellerflache Ebene von Bet-Schean, die aus weißgrauem Kalksinter besteht und sich nur geringfügig nach Osten absenkt (auf 110 m unter NN).

3) Die dritte Stufe der Bucht, die Jordanhochterrasse, wird in Aufnahme der arabischen Bezeichnung (el-Ġōr) Ghor genannt. Sie liegt 80-90 m unter der Kalksinterebene und senkt sich nach Osten sanft weiter ab auf 250 m unter NN. Der steile Absturz zu dieser Stufe ist südöstlich von Bet-Schean besonders deutlich, verwischt sich nach Süden immer mehr und entwickelt sich südlich von Sede Trumot zu einem gleichmäßigen Abstieg. Wie in der ganzen Jordanebene ist das Gestein blendend weiß, feinkörnig, salzig und mit Gips durchsetzt.

4) In den Ghor schneidet sich die schmale Jordanniederterrasse, die Jordanaue (Gaon [< גְּאוֹן הַיַּרְדֵּן gə’ôn hajjarden „Stolz des Jordan“, Jer 12,5 u.ö.]; arab. ez-Zōr), das heutige Flussbett, das der Jordan durch Erosion gebildet hat. Es ist ca. 2 km breit und liegt noch etwa 30-40 m tiefer (290 m unter NN).

1.3. Klima

In der Bucht von Bet-Schean herrschen extreme klimatische Verhältnisse. Der Sommer ist sehr heiß (Mai-Sept. etwa 38° tägl.), und der Winter bietet oft Nachtfrost, der den Anbau subtropischer Pflanzen unmöglich macht. Die Niederschlagsmenge nimmt innerhalb der Bucht von West nach Ost kontinuierlich ab.

1.4. Bewässerung

Der Reichtum der Bucht sind die etwa 40 zum Teil ganzjährig fließenden Quellen mit En Harod (arab. ‛Ēn Ǧālūd, Koordinaten: 1836.2174; N 32° 32' 59'', E 35° 21' 19'') als der größten. Sie liefern im Jahr ca. 130 Mio. m3 Wasser, das zur Hälfte jedoch brackig ist. Am Hang der Gilboa-Kette entspringen die Quellen einer 100 m dicken Schicht aus weißen, weichen, schwach wasserhaltigen Kalken. Obwohl sie im Sommer versiegen können, sind sie ein wichtiger Grund für die Besiedlung und Bebauung der steilen Berghänge, von der byzantinische Dorfruinen und viele byzantinische Weinpressen zeugen.

1.5. Straßenverbindungen

Bet-Schean bildete in der Antike, obwohl abseits der großen Transitstrecken gelegen, einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Eine Querstraße durch die Ebenen von Jesreel und Bet-Schean verband die Küstenstraße (Via Maris in mittelalterlicher Terminologie) mit der transjordanischen Königsstraße (römisch: Via Nova Traiana) und kreuzte bei Bet-Schean die Jordanstraße (→ Handel; → Karawane). Zudem hatte man von hier über das Wādī l-Chašne (Koordinaten: 188.197; N 32° 21' 56'', E 35° 24' 00''; → Besek) einen leichten Aufstieg ins samarische Bergland nach → Sichem und weiter nach → Jerusalem.

Die Straßen in der Bucht mieden die Sümpfe. So verlief die wichtige Verbindung Richtung Westen in der Eisenzeit von Bet-Schean nach Jesreel an der Süd-Seite der Harod-Ebene (Dorsey, 110-112; T 7). Dafür spricht die Kette der eisenzeitlichen Ortslagen:

In römischer Zeit verlief die durch Meilensteine gut belegte West-Straße dagegen von Skythopolis (Name Bet-Scheans in römischer Zeit) aus zunächst 3 Meilen in der Mitte des Tals nach Westen, bog dann aber 1 Meile nach Norden, um schließlich an der Nord-Seite der Ebene weiter nach Westen bis → Megiddo zu führen (TAVO B V 18). Sie war – wie überhaupt die römischen Straßen nach Skythopolis – ausgebaut, um den Weg der in Palästina stationierten Legionen nach Osten zu erleichtern. In türkischer Zeit verlief die Straße wieder an der Süd-Seite des Tals.

Nach Osten lassen eisenzeitliche Ortslagen drei Wege von Bet-Schean und Tel Rechov zu verschiedenen Furten des → Jordan erkennen (Dorsey, 111f.114f; T 7a-c; T 9a-c; The Archaeological Survey of Israel).

1) Von Bet-Schean aus:

a) Von Bet-Schean ging eine nördliche Route an Tell el-Barta‘ / Tel Huga (Koordinaten: 2005.2136; N 32° 30' 55'', E 35° 32' 14'' FB, MB II, EZ, byz.) vorbei und am Nord-Ufer des Harod entlang nach Machadat ‘Abara, der Furt, die zumindest später die wichtigste in der Gegend von Bet-Schean war.

b) Der mittlere Weg verlief fast direkt nach Osten über Tell el-Maliha / Tel Eschtori (Koordinaten: 1994.2113; N 32° 29' 43'', E 35° 31' 24''; Steinzeit, FB I, MB II, SB, EZ I und II, pers., hell.) nach Tell eḏ-Ḏijaba (Koordinaten: 2038.2108; N 32° 29' 21'', E 35° 34' 06''; Steinzeit, Chalk., FB I, byz.). Eine alternative Route mag über Tel Nimrud (Koordinaten: 2023.2100; N 32° 29' 03'', E 35° 33' 11''; Steinzeit, FB, IB, MB II, SB, EZ I, pers., hell., röm., byz.) zum Jordan gegangen sein.

c) Die südliche Strecke führte über Tell el-Manšija / Tel Nissa (Koordinaten: 1989.2106; N 32° 29' 19'', E 35° 31' 05''; Steinzeit, Chalk., FB I, SB, EZ I und II, röm., byz.) und Tell eš-Šēch es-Semad / Tel Zemed (Koordinaten: 1995.2094; N 32° 28' 40'', E 35° 31' 26''; FB I; SB; EZ I und II, hell., byz.) zu Furten bei Tell el-Karantina / Tel Karpas (Koordinaten: 2029.2082; N 32° 27' 59'', E 35° 33' 37''; Steinzeit, FB, IB, MB II, SB, EZ I und II, hell, röm., byz.), Tell eš-Šēch Dawud / Tel Artal (Koordinaten: 2030.2077; N 32° 27' 45'', E 35° 33' 40''; Chalk., FB I, IB, MB II, SB, EZ I und II, hell., röm., byz.) und Tell el-Qitaf / Tel Qataf (Koordinaten: 2026.2077; N 32° 27' 42'', E 35° 33' 27''; FB, IB, MB II, SB, EZ I und II, hell., byz.).

2) Von Tel Rechov aus:

a) Zur Furt Abū Naǧ führt der nördliche Weg über den Jordan. Er geht über Tell er Ra‘jan / Tel Ro‘e (Koordinaten: 1992.2050; N 32° 26' 17'', E 35° 31' 14''; IB, MB II, SB I und II, EZ I und II), Tell Abū Faraǧ / Tel Menorah (Koordinaten: 1995.2036; N 32° 25' 33'', E 35° 31' 27''; Steinzeit, FB I, IB, SB, EZ I und II, hell., röm., byz.) sowie Tirat Zevi (1998.2031; N 32° 25' 20'', E 35° 31' 38''; FB I und II, IB, EZ I, byz.) und erreicht die Furt bei Tell el-Ǧamma‘in / Tel Gema‘ (Koordinaten: 2025.2017; N 32° 24' 30.7'', E 35° 33' 23''; Steinzeit, Chalk., FB I und II, MB II, SB, EZ I und II, röm., byz.).

b) Der mittlere Weg verläuft zunächst nach Süden, ehe er nach Südosten biegt. Über Tulūl eṯ-Ṯaum / Tel Te’umim (Koordinaten: 1968.2055; N 32° 26' 32'', E 35° 29' 39''; Steinzeit, FB I und II, MB II, SB, EZ I und II, hell., röm.) und Tell er-Raḏġa / Tel Salem (Koordinaten: 1998.2008; N 32° 23' 58'', E 35° 31' 36''; FB I, MB II, SB, EZ I und II, hell., röm., byz.) gelangt man zu den beiden Furten bei Tell Abū Sūs (Koordinaten: 2030.1978; N 32° 22' 25'', E 35° 33' 40''; zur Identifikation mit Abel Mehola → Abel in Ortsnamen).

c) Die südliche Strecke geht über Tell Maqhuz / Tel Malqoach (Koordinaten: 1966.2012; N 32° 24' 14'', E 35° 29' 34''; Chalk., FB I, MB II, SB, EZ I und II, hell., röm., byz.) und Tell el-Ḥamme (→ Tell el-Ḥamme; Koordinaten: 1974.1977; N 32° 22' 25.1'', E 35° 30' 01.6'') nach Chirbet es-Sākūt (Koordinaten: 2017.1968; N 32° 21' 55'', E 35° 32' 46''; EZ I und II; byz.) zu den beiden Furten Machadat eš-Šerar und Machadat Fetal es-Sufah.


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Abb. 3 Römische Meilensteine in den Feldern des Kibbuz Ma’oz Chajim.

Für die römische Zeit wird der Verlauf der Straße, die von Skythopolis (Bet-Schean) nach → Pella führte, von Meilensteinen angezeigt. Der zweite Meilenstein bestand aus einer Gruppe von fünf Steinen, die bei Tell el-Manšija / Tel Nissa lagen (Koordinaten: 1989.2106; N 32° 29' 19'', E 35° 31' 05''). Eine Meile weiter östlich wurden die nächsten Meilensteine gefunden (Umm el-Amdān [„Mutter der Säulen“]; Koordinaten: N 32° 29' 02'', E 35° 31' 57''). Der vierte, eine Gruppe von fünf Steinen, zwei davon mit Inschrift, stand in den Feldern des Kibbuz Ma‘oz Chajim. Drei dieser Steine sind heute 200 m westlich des Fundorts (ebenfalls Umm el-Amdān genannt; Koordinaten: N 32° 28' 34'', E 35° 32' 58'') unter einer Palmengruppe aufgestellt.

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Abb. 4 Römischer Meilenstein der Straße von Bet-Schean nach Pella.

Der fünfte Meilenstein, eine Gruppe von fünf Steinen, wurde weiter östlich in den Feldern gefunden (Koordinaten: N 32° 28' 34'', E 35° 33' 36''), befindet sich heute aber im Kibbuz Ma‘oz Chajim im Vorgarten eines kleinen Museums mit Funden aus allen Epochen. Einer der Steine trägt eine Inschrift, die eine Datierung in das Jahr 210/211 n. Chr. erlaubt: [Imp(eratori) C]aes(ari) / [L(ucio) Sept(imio) Sev]ero Pio / [Aug(usto) Ar]a(bico) Adi(abenico) Par(thico) Bre(tannico) / [Max(imo) et] M(arco) Aure(lio) / [Antonio Pi]o Aug(usto) / / [ἀπὸ Σκυ]θοπόλε(ως) (Text).

2. Biblische Erwähnungen

Nach Jos 17,11-12 gehörte die Bucht von Bet-Schean dem Stamm Issachar, während die Stadt → Bet-Schean in diesem Gebiet eine Insel bildete, die dem Stamm Manasse gehören sollte, der sie jedoch nicht erobern konnte.

Ri 7,1 nennt die Quelle En Harod, die wohl mit der Quelle ‛Ēn Ǧālūd zu identifizieren ist (vgl. Gaß, 280), welche bei Gid‘ona am West-Rand der Harod-Ebene liegt (Koordinaten: 1836.2174; N 32° 32' 59'', E 35° 21' 19''). Ihr Wasser speist den Harod und fließt nach Osten in den Jordan. Nach Ri 7,1 lagerte → Gideons Heer bei dieser Quelle, südlich des Berges → More (wohl Ǧebel ed-Daḥī; Koordinaten: 1838.2249; N 32° 36' 53'', E 35° 21' 43''), während die feindlichen → Midianiter ihr Lager nördlich und damit jenseits dieses Berges in der Ebene aufgeschlagen hatten (vgl. Gaß, 281-283). Gegen die Lokalisierung von Gideons Lager bei En Harod spricht allerdings, dass das Lager nach Ri 7,8-9 oberhalb des midianitischen Lagers gelegen zu haben scheint. Doch mag der Eindruck dadurch entstehen, dass Gideon über den Bergzug More ziehen musste und insofern von einem höheren Ort ins midianitische Lager herabging. Zu der Lokalisierung bei En Harod kann es jedoch auch im Laufe der Überlieferung gekommen sein, vielleicht um eines Wortspiels willen (Ri 7,3: חרד ḥrd „zittern“; vgl. Ri 8,12), vielleicht weil die Episode von der Auslese der Soldaten durch eine Trinkprobe (Ri 7,4ff) die Lokalisierung an einer großen Wasserstelle nahelegte.

3. Geschichte

Die Bucht von Bet-Schean ist die einzige größere Fläche des Jordantals, die schon vor dem 20. Jh. n. Chr. fruchtbar gemacht und bewohnt werden konnte. Die Besiedlung beginnt bereits in der Steinzeit. Im Neolithikum gab es in der Bucht eine Fülle von kleinen Siedlungen (z.B. Tell es-Saf / Tel Zaf [Koordinaten: 2025.2015; N 32° 24' 23'', E 35° 33' 20''; Hamadijah [Koordinaten: 1999.2141; N 32° 31' 14'', E 35° 31' 46'']). Auch in der Bronze- und Eisenzeit lagen hier viele unbefestigte Orte, mit → Bet-Schean und → Tel Rechov sogar zwei große Städte.

In römisch-byzantinischer Zeit gab es in der Bucht ausgedehnte Be- und Entwässerungsanlagen, von denen jedoch nur noch sehr wenig zu sehen ist. In den Feldern von Mesillot kann man Reste des Aquädukts finden, das das Wasser der Quelle ‘Ēn el-Mdu’a / En Moda (Koordinaten: 1928.2099; N 32° 28' 45'', E 35° 27' 21'') nach Skythopolis transportierte.

Wein scheint in römisch-byzantinischer Zeit das wichtigste Produkt der Bucht gewesen zu sein. Weinberge überzogen die angrenzenden Hänge, und so wurden hier meist bei römisch-byzantinischen Orten Dutzende von Weinpressen gefunden. In byzantinischer Zeit war die Bucht so dicht besiedelt, dass auch schlechtes Land bewirtschaftet werden musste. Die Pressen waren nicht groß und reichten nur für kleinere Weinberge. Lediglich die Presse von Bet ha-Schitta, 8 km nordwestlich von Bet-Schean, gehörte zu einem großen Landgut oder war öffentlich zugänglich. Möglicherweise gehörte auch Herodes zu den Abnehmern des Weins. Er kam nämlich u.a. deshalb zu seinem Reichtum, weil er Wein und Öl über Caesarea drei Wochen schneller in Rom abliefern konnte als andere Händler.

Noch bis ins Mittelalter finden sich literarische Zeugnisse über eine blühende tropische Landwirtschaft. Die Bucht war berühmt z.B. für guten Wein, Zuckerrohr, Reis, Datteln und Dibs (eingedickter Dattelsaft, der noch heute in Palästina unter diesem Namen zum Süßen verwendet wird). Die Pilgerin Etheria schwärmte: „Auf dieser Reise sah ich am Ufer des Jordans ein sehr schönes und liebliches Tal, reich an Weingärten und Bäumen, weil es dort viele und sehr gute Gewässer gab.“ (Peregrinatio 13,2 in: Donner, 110). Rabbi Simeon ben Lachisch meinte, dass der Eingang zum Paradies, so er sich denn im Land Israel befinden sollte, in der Bucht von Bet-Schean zu suchen sei. Auch arabische Schreiber rühmen die Fruchtbarkeit der Bucht, die vielen Palmen, den Reis, der für ganz Jordanien und Palästina reicht, und den Flachs, aus dem man die besten Matten ganz Syriens machen könne (Le Strange, 410f).

Allerdings weiß man auch um die Probleme des Ortes. Nach Al-Maqdosi (985 n. Chr.) ist das Wasser sehr schlecht und verursacht schwere Verdauungsprobleme. Sehr drastisch formuliert der arabische Geograph Yāqūt ar-Rūmī (1179-1229 n. Chr.): „Baisan leidet an der Pest und ist sehr heiß. Die Bevölkerung ist dunkelhäutig und hat wollene Haare wegen der Hitze. Beisan wurde wegen der vielen Palmen bewundert, doch ich – obwohl ich sehr oft dort war – sah nie mehr als zwei, und diese waren erst noch von der Sorte, die nur alle zwei Jahre Frucht trägt. Die Leute sagen, dies ist ein Zeichen, daß der Antichrist, Al Dajjal, kommt.“ (Le Strange, 411).

Im 14. Jh. gab es in Beisan noch eine jüdische Gemeinde, und Rabbi Eschtori haParchi verfasste hier 1322 (oder 1314) das erste Werk über die Geographie Palästinas in hebräischer Sprache. Um 1400 errichteten moslemische Bewohner auf Tell el-Ḥoṣn eine Moschee. Danach war die Bucht bis ins 20. Jh. nur ein unbewohntes, malariaverseuchtes Sumpfgebiet.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

Abb. 5 Zum heutigen Bewässerungssystem in der Bucht von Bet-Schean gehören Kanäle, die Wasser mit unterschiedlichem Salzgehalt führen.

Zu neuem Leben erwachte sie erst wieder mit dem Bau der Bahnlinie Haifa-Damaskus über Bet-Schean (1903), der Gründung von elf Kibbuzim in den Jahren 1936-1946 und der Einführung eines neuen Bewässerungssystems nach 1948. In diesem System wird das Wasser aller Quellen unabhängig vom Salzgehalt zunächst in zentrale Mischstationen geleitet, dort auf verschiedene Grade des Salzgehaltes gemischt, um dann je nach Salzgehalt unterschiedlichen Zwecken zugeführt zu werden. Deswegen sieht man – z.B. im östlichen Abschnitt von Str. 669 – mehrere Kanäle parallel verlaufen. Das salzigste Wasser ist gut für die Fischteiche, die heute das Bild der Bucht bestimmen. Je nach Salzempfindlichkeit folgen Dattelpalmen, Tomaten, Baumwolle etc. (Karmon, 137-140). Neben der Fisch- und Ackerwirtschaft spielt heute die Haltung von Rindern und Puten eine große Rolle.

4. Einige Ortslagen

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Abb. 6 Blick auf die Gilboa-Berge von Tel Josef aus.

Tell eš-Šēch Hasan / Tel Josef (Koordinaten: 1882.2152; N 32° 31' 52'', E 35°24' 13''). Nach dem Keramikbefund war der Tell in Steinzeit und Chalkolithikum, in der Frühen, Mittleren und Späten Bronzezeit sowie in Eisenzeit I und II, aber auch in späteren Zeiten besiedelt. Zu sehen sind nur geringe Mauerreste.

200 m westlich des Tells fanden sich Reste eines vorgeschichtlichen Ortes. Zum neolithischen Str. III gehören mehrere Gruppen von rechteckigen Häusern, deren Lehmziegelmauern auf Steinlagen gesetzt waren. Das ebenfalls neolithische Str. II ist nur an einigen Stellen vertreten, gleichfalls mit rechteckigen Bauten. Das frühchalkolithische Str. I ist von Rundbauten mit Fußböden aus kleinen Steinen geprägt. Keramik und Flintwerkzeuge stammen aus allen drei Epochen.

120 m östlich des Tells fanden sich Scherben und dürftige Reste eines Fußbodens aus der Mittelbronzezeit I.

150 m östlich des Tells stieß man auf einen großen Friedhof mit ca. 150 Gräbern der Mittelbronzezeit IIA, von denen 10 ausgegraben wurden. Jedes dieser Gräber enthielt nur einen Toten in Hockerstellung. Zu den Grabbeigaben gehörten verschiedene Gefäße, Waffen, nämlich Speerspitzen und ein Dolch, sowie Tierknochen.

Westlich des Tells wurde nur ein Grab gefunden, das vielleicht zu einem weiteren Friedhof gehörte. In ihm lagen u.a. eine Basaltschale mit drei Füßen und ein Kultständer.

Die Neolithische und chalkolithische Siedlung Tell es-Saf / Tel Zaf. Der Tell befindet sich direkt am Jordan auf zwei niedrigen Hügeln, die auf einer Ost-West-Achse nebeneinander liegen und durch einen Sattel verbunden sind, über den heute eine Straße führt (Koordinaten: 2025.2015; N 32° 24' 23'', E 35° 33' 20''; 280 m unter NN). Auf dem Tell wurden mehrfach Grabungen durchgeführt: 1978-1980 von Ram Gophna, 2004-2007 von Yosef Garfinkel und seit 2013 von Danny Rosenberg. Von einer neolithischen Besiedlung des 6. Jt.s (Str. II) zeugen nur einige Scherben und Lehmziegel aus zwei Gruben. Wesentlich mehr ist von der späteren frühchalkolithischen Siedlung des 5. Jt.s erhalten, die aus verstreut stehenden Hausgruppen bestand und → Bet-Schean Str. XVIII entspricht. In einer stellenweise über 2 m dicken Schicht fanden sich Reste von Lehmziegelbauten aus mindestens zwei Phasen, Flintsteine für unterschiedliche Zwecke, eine Tierfigurine, ein Siegelabdruck und Scherben verschiedenartiger lokaler Keramik. Diese ist beispielsweise mit eingedrückten Seilmustern oder mit roter und schwarzer geometrischer Bemalung dekoriert (z.B. Dreiecke und Rauten mit Netzmuster). Knochen von Schweinen, Ziegen, Schafen und Rindern sowie vereinzelt von Gazellen und Tauben, aber auch Spuren von Feigen, Oliven, verschiedenen Getreidearten und Hülsenfrüchten lassen den Speiseplan der Menschen erkennen. Zu den neuen Grabungen s. Tel Tsaf Research Project.

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Abb. 7 Gräber des Friedhofs von En ha-Naziv.

Der Friedhof bei En ha-Naziv. 3 km südlich von Bet-Schean (Tell el-Höṣn) liegt im Bereich des Kibbuz En ha-Naziv, der 1946 von deutschen Juden gegründet wurde, der Friedhof Qanat el- Ǧa‘ar. Er erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung über 250 m und in West-Ost-Richtung über den ganzen ca. 250 m langen Abstieg zum Ghor, der sich von 140 auf 180 m unter NN senkt (Koordinaten: 1975-1977.2090-2093; N 32° 28' 34'', E 35° 30' 24''). Nach ersten Grabungen 1953 wurden in den 70er und 80er Jahren weit über 300 Gräber registriert und zum Teil freigelegt (noch gut zu erkennen besonders am Süd-Rand des Geländes). Sie stammen aus der Frühbronzezeit I, der Frühbronze-Mittelbronze-Zwischenzeit, der Spätbronzezeit II und allen Epochen von der Eisenzeit I bis zur frührömischen Zeit. Der weiche Stein im abschüssigen Gelände eignete sich gut zum Bau von Grabhöhlen. Unklar ist, zu welcher Stadt der Friedhof gehörte. Von Bet-Schean und Tel Rechov ist er relativ weit entfernt, außerdem besaßen beide einen eigenen Friedhof. Auf dem Friedhof lassen sich bei großer Variationsbreite vier Grundtypen von Gräbern unterscheiden (→ Grab).

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Abb. 8 Grabkammer des Friedhofs von En ha-Naziv.

1) Die Felskammergräber der Frühbronzezeit I bestanden meist aus einer nicht sehr tief gelegenen runden Kammer, deren Durchmesser bis zu 3 m betrug und in die man wohl über eine Rampe gelangte. Diese Rampen sind jedoch ebenso wie die Decken zerstört. Nur einige Gräber hatten zwei runde oder halbrunde Kammern, die durch einen Schacht miteinander verbunden waren.

2) Aus der Frühbronze-Mittelbronze-Zwischenzeit stammen über 50 Gräber, die zum Teil in der Spätbronzezeit II und Eisenzeit I wiederverwendet worden sind. Ein Schacht führte steil in die Tiefe und durch eine Öffnung betrat man eine meist runde oder ovale Grabkammer von unterschiedlicher Größe. Eine zweite Öffnung führte zuweilen in eine zweite Kammer. Die Öffnungen wurden meist mit einem großen Stein verschlossen. Über ihnen war häufig eine Nische, in der wohl ein Gefäß stand. In den Kammern befanden sich ähnliche Nischen für Öllampen.

3) Von der Spätbronzezeit II bis in persische Zeit baute man die Gräber etwas anders. Ein rechteckiger Schacht ging nach wie vor senkrecht in die Erde, die Öffnung an seiner Breitseite führte aber über eine Stufe in die tiefer gelegene Kammer, die jetzt länglich war. Die Öffnung wurde von einem Stein verschlossen.

4) In persischer Zeit kommen die Grabengräber auf, die in hellenistisch-römischer Zeit verbreitet sind. In den Fels wurde eine rechteckige, längliche Vertiefung geschlagen, die in der oberen Hälfte verbreitert wurde, so dass rechts und links eine Ablage entstand und sich im Querschnitt ein T-förmiges Profil ergab. Auf die Ablage kamen flache, rechteckige Steine, um das Grab zu verschließen. Zu den neuen Grabungen s. Excavations and Survey in Israel 2010, 2013, 2014.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jerusalem 1993 / Suppl. 2008
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2. Weitere Literatur

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  • Le Strange, Palestine under the Moslems. A Description of Syria and the Holy Land from A.D. 650 to 1500. Translated from the Works of the Mediaeval Arab Geographers, London 1890
  • Levy, S. / Edelstein, G., Cinq annees de fouilles a Tel ‘Amal (Nir David), RB 79 (1972), 325-367
  • Shamir, O., Tel ‘Amal: Loomweights, HA-ESI 125 (2013), im Internet (Zugriff: 17.9.2016)

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Bucht von Bet-Schean. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Blick auf die Bucht von Bet-Schean von den Gilboa-Bergen aus. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)
  • Abb. 3 Römische Meilensteine in den Feldern des Kibbuz Ma’oz Chajim. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)
  • Abb. 4 Römischer Meilenstein der Straße von Bet-Schean nach Pella. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)
  • Abb. 5 Zum heutigen Bewässerungssystem in der Bucht von Bet-Schean gehören Kanäle, die Wasser mit unterschiedlichem Salzgehalt führen. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)
  • Abb. 6 Blick auf die Gilboa-Berge von Tel Josef aus. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)
  • Abb. 7 Gräber des Friedhofs von En ha-Naziv. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)
  • Abb. 8 Grabkammer des Friedhofs von En ha-Naziv. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)
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