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Lexikon

Bildworte / Bildreden / Bildersprache (NT)

Ruben Zimmermann

(erstellt: Okt. 2012)

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1. Der allgemeine Sprachgebrauch

Die Begriffe „Bildwort“, „Bildreden“ oder „Bildersprache“ finden sich häufig in bibelwissenschaftlichen Veröffentlichungen. Man meint mit ihnen theoriearme und allgemein verständliche Begriffe gefunden haben, die den biblischen Sprachgebrauch von figurativen, übertragenen Sprachformen charakterisieren. Wie ein künstlerisches „Bild“ mehr darstellt als eine Ansammlung von Farbpigmenten auf Leinwand, nämlich auf etwas Dargestelltes und Imaginatives verweist, so können auch sachfremde Anschauungsbereiche für religiöse Aussagen verwendet werden. Entsprechend handelt es sich bei der Übertragung der Familienrolle „Vater“ auf Gott (vgl. Ps 103,13; Mt 6,9) oder des Tieres „Schaf“ auf Gläubige (Ps 23,1; Joh 10,1-18) um eine bildliche Rede. Ein solcher sprachlicher Übertragungsvorgang von Bedeutung wird sprachwissenschaftlich seit der Antike als „Metapher“ (griech. metapherein heißt „übertragen“) bezeichnet (vgl. Aristoteles, Arist. Poet. 1457b: „Die Metapher ist die Übertragung eines fremden Wortes“). So wurde kritisch in Frage gestellt, ob es für die exegetische Fachsprache sinnvoll ist, an den unspezifischen Komposita „Bildwort“ und „Bildrede“ festzuhalten und nicht präziser von „Metapher“ zu sprechen. Dies gilt umso mehr als nicht jede übertragene Rede ‚bildlich‘ anschaulich ist, sondern auch Abstrakta einschließen kann (z.B. die → Ich-bin-Worte zu „Leben“, Joh 14,6 oder → „A und O“, Apk 21,6), die Vielfalt figurativer Sprachformen (Allegorie, Symbol, Mythos etc.) damit verwischt wird, die sprachlichen Einheiten „-wort“ und „-rede“ nicht klar erfasst werden und letztlich der Begriff „Bild“ bezogen auf ein Sprachphänomen selbst eine Metapher ist, die sich der Präzision entzieht (vgl. Boehm 1995).

2. Gibt es die Gattung „Bildwort“?

Die Beliebtheit des Begriffs „Bildwort“ im exegetischen Sprachgebrauch ist auf → Rudolf Bultmanns formgeschichtliche Untersuchung „Geschichte der synoptischen Tradition“ (1921) zurückzuführen. Darin untergliedert Bultmann den Redestoff der synoptischen Evangelien in die beiden Großgruppen „A. Apophthegmata“ und „B. Herrenworte“, letztere werden in fünf Untergruppen ausdifferenziert (1. Logien, 2. Prophetische und apokalyptische Worte, 3. Gesetzesworte und Gemeinderegeln, 4. Ich-Worte und 5. → Gleichnisse und Verwandtes). Bultmann führt in der fünften Gruppe drei kleinere Formen an: „Vergleich“, „Metapher“ und „Bildworte“. Während sich der „korrekte Vergleich“ durch die Vergleichspartikel (so – wie) auszeichne (vgl. etwa Mt 10,16: „Ich sende Euch wie Schafe unter Wölfe. Seid nun klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“), könnten die anderen beiden Formen als abgekürzte Vergleiche betrachtet werden. Beim Bildwort, das häufig unter den Meschalim des Alten Testaments anzutreffen sei, werde „Bild und Sache ohne Vergleichspartikel nebeneinandergestellt“ (Bultmann 1995, 181). Bultmann unterscheidet zwischen eingliedrigen Bildworten (in der eigenartigen Reihenfolge: Mt 5,14 [Bergstadt]; Mt 3,10 [Der unfruchtbare Baum kommt ins Feuer]; Lk 5,39 [Der alte Wein]; Mk 2,17 [Arzt und Kranke]; Mk 2,19 [Fasten an der Hochzeit]; Mt 24,28 [Aas und Adler]; Lk 4,23 [Arzt, heile dich selbst], ebd.) und doppelgliedrigen, denen ein Parallelismus membrorum zu Grunde liegt (Lk 6,44b [Feigen und Trauben]; Mt 10,24 [Schüler und Sklave]; Mk 2,21f. [Flicken und Wein]; Mk 3,24f. [entzweites Reich und Haus]; Mt 7,9f. [Bitte um Brot und Fisch]; Mt 12,30 [Für und Wider, Sammeln und Zerstreuen], ebd. 181f.). Einige Bildworte könnten laut ihm noch weiter ausgesponnen werden und auch die Verwendung eines antithetischen Parallelismus der Glieder zeigen (Lk 6,39 [blinder Blindenführer]; Lk 6,43f. [Baum und Frucht]; Lk 14,34f. [Salz]; Mk 3,27 [Plünderung des Starken]; Mk 4,21 [Licht], vgl. a.a.O., 182). Die Kürze der Bildworte fordere besonders einleitende und abschließende Zusätze der Redaktion heraus, so dass die Einfügung in den Zusammenhang des Evangeliums verhindere, die „konkrete Bedeutung, die sie nach der Absicht Jesu (oder der Gemeinde) hatten“ (a.a.O., 182f.), zu rekonstruieren.

Die Rede vom „Bildwort“ blieb dann auch in der nachfolgenden Gleichnisforschung beliebt: So bezeichnete W. Harnisch damit die Restklasse aller Gleichnistexte, die nicht der Form der dramatischen Gleichniserzählungen (Parabeln) oder narrativer Miniaturstücke entsprechen. „Ausgezeichnete Stilcharaktere (der Bildworte) sind Prägnanz der Sprache, Knappheit der Formulierung, Verwendung des parallelismus membrorum und Selbständigkeit des sentenzhaft Gesagten“ (Harnisch 106). Auch K. Erlemann hielt innerhalb einer Reihe von „Grundformen“ (wie z.B. Exemplum, Chiffre, Metonymie, vgl. Erlemann 1999, 63-75) am „Bildwort“ fest und definierte es als „diejenige Form gleichnishafter Sprache, die gewissermaßen zwischen Metapher und Gleichnis angesiedelt ist. Das sind Texte (…), die zwar die Metapher als Baustein verwenden, aber keine dramaturgische Entfaltung mit szenischer und zeitlicher Strukturierung aufweisen“ (a.a.O., 70).

So einleuchtend diese ‚Definitionen‘ auf den ersten Blick sein mögen, so wenig sind sie jedoch tragfähig im Blick auf den quellensprachlichen Befund und die wissenschaftssprachliche Klarheit. Innerhalb der antiken Texte findet sich im reichen Repertoire der Termini für uneigentliche Redeformen (s.u.) kein Quellenbegriff, der sich mit „Bildwort“ übersetzen ließe (wie etwa εἰκονολόγος - eikonologos, am ehesten noch παροιμία paroimia, dazu Zimmermann 2004, 30-44, die aber eher mit der Parabel- oder Rätselrede korreliert, vgl. Poplutz 2006, 103-120). Die von Bultmann als „Bildworte“ klassifizierten Texte werden von den neutestamentlichen Autoren z.T. explizit als παραβολή (Parabel) eingeleitet (z.B. Mk 3,23; Lk 4,23; 5,36; 6,39). Aber auch in wissenschaftssprachlicher Hinsicht zeigt die Begriffsverwendung Widersprüche: Eine genaue Abgrenzung zwischen Bildwort und Metapher gelingt schon Bultmann nicht, denn rein formal wird die gleiche Definition gegeben. „Auch die Metapher ist ein abgekürzter Vergleich, bei dem die Vergleichungspartikel fehlt“ (Bultmann 1995, 183). Er betont denn auch ausdrücklich die Verwandtschaft, ferner spricht er vom metaphorischen Gebrauch der Bildworte durch die Evangelisten oder von Texten, die „zwischen einem Bildwort und einer Metapher spielen (…)“ (Bultmann 1995, 183 zu Mt 7,6). Bezeichnenderweise trifft für Harnisch gerade die Definition, die A. Jülicher generell für die Gleichnisrede postuliert hatte, auf das Bildwort zu (Harnisch 2001, 105). Harnisch selbst gesteht zu, dass „die formkritische Aufgabe weitaus weniger leicht lösbar als die Beschreibung der Parabelgattung“ (ebd.) sei. Eine ganz ähnliche Problematik weist auch der Abgrenzungsversuch von Erlemann auf. Auch für ihn sind Bildworte Texte, „die gewissermaßen zwischen Metapher und Gleichnis angesiedelt (sind …), die sich weder eindeutig der einen noch der anderen Kategorie zuordnen lassen“ (Erlemann 1999, 70). Auch für ihn zeichnen sich diese Texte durch Defizite aus, indem sie „keine dramaturgische Entfaltung mit szenischer und zeitlicher Strukturierung“ (ebd.) aufweisen. Allerdings widersprechen die von Erlemann konkret genannten Beispiele selbst dieser Einschätzung: So wird im Gleichnis vom Splitter und Balken ausdrücklich zwischen der ersten Szene des Sehens (Mt 7,3) und einer weiteren der wörtlichen Rede (Mt 7,4) unterschieden, im anschließenden Appell wird der Vorgang des Herausziehens des Holzstücks noch einmal in zwei weitere Szenen (zuerst – dann, vgl. Mt 7,5) untergliedert. In Mt 13,52 teilt ein Hausherr Neues und Altes aus einem Schatz aus – kaum vorstellbar, dass er das gleichzeitig tut. Das Salzwort spricht von einer dreifachen Handlungssequenz: von der Salzanalyse, vom Hinauswerfen und vom Zertreten durch Menschen (Mt 5,13). Schließlich werden in den Gleichnissen von Flicken und Wein jeweils zwei Szenen (Nähen – Zerreißen; Einfüllen – Zerreißen) ausgeführt (Mk 2,21f.).

Die so genannten ‚Bildworte‘ weisen aber nicht nur eine Szenenfolge auf, es werden auch Akteure der Handlung genannt (z. B. Brüder, Hausherr bzw. Arzt, Schüler – Lehrer), ja es kommt sogar zur wörtlichen Rede – alles Kriterien, die auch diese Texte als Erzähltexte ausweisen. Gewiss sind diese narrativen Elemente bisweilen auf ein Minimum reduziert, gleichwohl kann aus der Quantität kein Gattungskriterium abgeleitet werden. Die Länge bzw. hier Kürze der Texte kann nicht zum Gattungsmerkmal erhoben werden, da letztlich auch die so genannten Langparabeln in einem größeren literaturwissenschaftlichen Horizont betrachtet Erzählminiaturen bleiben.

Weder aus der Beschreibung von Defiziten noch aus der Zusammenfassung von Texten zu einer diffusen Restklasse kann aber der Anspruch einer eigenständigen Gattung abgeleitet werden. Alle unter dem Label „Bildwort“ zusammengeführten Texte sind Metaphern, zumal das Metaphernphänomen seit den Interaktionstheorien von Black und Ricoeur (vgl. Ricoeur 2004) nicht auf die Substitution eines Wortes reduziert werden kann, sondern immer schon einen Text umfasst (dazu Zimmermann 2000; 2009 mit Lit.). Viele der so genannten „Bildworte“ weisen darüber hinaus in ihrer narrativen, fiktiven, realistischen Gestalt und kontextuellen Einbettung Textmerkmale auf, die sie in eine Reihe mit anderen Parabeltexten stellen (siehe Zimmermann 2011, 409-419). In einem gattungsspezifischen Sinn sollte deshalb die Rede von einer eigenständigen Textsorte „Bildwort“ aufgegeben werden, da sie nicht zu einem präziseren Verständnis der biblischen Texte beiträgt.

3. Gibt es die Gattung „Bildrede“?

Von „Bildreden“ hatte zwar Bultmann nicht explizit gesprochen. Gleichwohl geht die Grundaufteilung der Jesustradition in „Erzählstoff“ und „Redestoff“ auf die frühere Formgeschichte (Dibelius, Bultmann) zurück und kann deshalb ebenso als Initial der Begriffsbildung und -verwendung von „Bildrede“ als Gattung sui generis betrachtet werden.

Im → Johannesevangelium finden sich nun nicht nur vermehrt und längere „Reden Jesu“ (vgl. Dodd 1963, 50-64.430; Beutler 1984, 2549f.; Theobald 2002, 21-58), sie zeichnen sich auch durch die häufige Verwendung von Metaphern und ‚Bildelementen‘ aus (Theobald 2002, 581). Entsprechend hat sich in der Fachliteratur insbesondere der deutschsprachigen Johannesforschung der Begriff „Bildreden“ eingebürgert. Man versteht darunter die Zusammenstellung bzw. Ausweitung einzelner „Bildworte“ zu einem größeren Bildkomplex innerhalb des Redestoffs Jesu. Als klassische Bildreden werden dann Joh 10,1-18 (vom guten Hirten) und Joh 15,1-8 (vom Weinstock) benannt (vgl. Schulz 1960, 103-107.114-119; Becker 1999, 149-178; Theobald 2002, 353-379; 401-418), Theobald bezeichnet darüber hinaus auch Joh 5,35 und Joh 12,35f. als „Bildreden“; Joh 4,35f. als „metaphorische Rede“ (a.a.O., 419f.).

Wiederum stellt sich die Frage, ob diese Begriffs- und Gattungsbildung anhand der Quellentexte, dem antiken Diskurs sowie der gegenwärtigen Wissenschaftskultur sinnvoll ist. Die etymologischen Wurzeln des Begriffs „Bildrede“ könnten auf Platon zurückgehen. Im Dialog Phaidros kritisiert Platon mit dem Neologismus εἰκονολογία (eikonologia) die sophistische Redetechnik des Polos, eines Schülers des Gorgias, bzw. eine an Bildern überreiche Rede überhaupt (Plat. Phdr. 267c: „Wie aber sollen wir die Wort-Sammlung des Polos vortragen, wie die Doppelrederei, die Spruchreden und Bildreden und den Erwerb des Wohlklangs der Likymnischen Wörter, die er jenem geschenkt hat?“, vgl. auch Plat. Phdr. 269b: βραχυλογιῶν τε καὶ εἰκονολογιῶν – Kurzreden und Bildreden); allerdings findet der Begriff keine weitere Resonanz im griechischen Sprachraum (Einzelheiten dazu Zimmermann 2004, 286). Wenn Plutarch im Auftakt seines Dialogs über das Daimonion des Sokrates (De genio Socratis) den Ausdruck eines „im Bild geredeten Wortes“ (Plut. De gen. Socr. 575 B1: λόγος ἐν εἰκόνι λελεγμένος) verwendet, der mit „Bildersprache“ bzw. „Darlegung im Bild“ (Hirsch-Luipold 2002, 1) übersetzt werden kann, dann geht es um Bildlichkeit als konstitutives Charakteristikum der Sprache und des Denkens überhaupt. Von einer Gattungsbezeichnung kann deshalb weder bei Platon und Plutarch noch für die Antike überhaupt die Rede sein. Stattdessen muss man Bildlichkeit als stilistisches Gestaltungsmittel jeder Rede anerkennen, was bereits Aristoteles in seiner Rhetorik ausführlich dargestellt hat (Arist. Rhet. III, dazu auch Eisenhut 1994, 82f.).

Die Bildlichkeit der Sprache wird innerhalb der antiken Rhetorik vor allem als ein Aspekt der sprachlichen Gestaltung (elocutio) der Rede betrachtet und dabei unter die Kategorie des sprachlichen Schmucks (ornatus) eingeordnet (vgl. Göttert 1998, 25-74, bes. 39f.). Auch wenn die Verselbstständigung bestimmter schmückender Stilmittel (vgl. die Listen des Herennius oder die abwertende mittelalterliche Bezeichnung als flores rhetorici) immer wieder Anlass für Kritik waren, gilt es prinzipiell festzuhalten, dass aufgrund der für die Antike vorausgesetzten engen Verbindung von Form und Inhalt der ornatus nicht nur ein verzichtbares Beiwerk oder eine effektvolle Verkleidung darstellte, sondern als Steigerung der Gedanken betrachtet wurde. Der bildhafte Glanz einer oratio sollte die Rede ‚lichtvoll‘, d.h. ‚einleuchtend‘, machen. Eine entsprechende Hochschätzung der Bildersprache lässt sich auch bei Plutarch nachweisen. „Die Sprache der Bilder ist die dem Menschen angemessene Sprachform, weil eine unmittelbare Einsicht in die Wahrheiten der noetischen Welt dem menschlichen Denken verschlossen bleiben muss“ (Hirsch-Luipold 2002, 286). Ästhetischer Wert und erkenntnistheoretische Funktion der Bildersprache bedingen sich für Plutarch aufgrund des Bildcharakters der Welt somit wechselseitig.

Nach der Differenzierung von Quintilian, der zugleich die klassisch-griechische und stoische Rhetorik aufnahm, kann man den Schmuck der Rede in zwei Kategorien unterteilen (Quint. 8,6,1): Die „Tropen“ (τρόποι, tropoi) beziehen sich auf einzelne Wörter, die „Stilfiguren“ (σχήηατα, figurae) auf Wortverbindungen. Bildlichkeit wird nun allgemein unter dem Begriff „Trope“ verhandelt, wobei es unterschiedliche Versuche gibt, diese zu klassifizieren. Während Aristoteles unter dem Begriff „Metapher“ eine übergeordnete Kategorie beschreibt, die alle Tropen vereint (Arist. Poet. 1457b-1458a; dazu Otto 1998, 21-220), differenziert Herennius zehn Tropen, die in einen Katalog mit 64 (!) Figuren eingeordnet werden. Die Stoiker und ihnen folgend Quintilian unterscheiden acht Tropen, unter denen auch die Metapher aufgeführt wird: μετωνυμία (denominatio), μεταφορά (translatio), ἀλληγορία (inversio), συνεκδοχή (intellectio), ὑπερβολή (superlatio); ferner λιτότης (exadversio), εἰρωνεία (illusio, irrisio) sowie εὐφημισμός (vgl. Quint. 8,6; Eisenhut 1994, 22f.84f.).

Für die neutestamentliche Wissenschaft kann festgehalten werden, dass es in der Antike keine Gattung ‚Bildrede‘ im Sinne einer eigenständigen Textsorte gegeben hat. Bildlichkeit galt vielmehr als ein stilistisches Grundcharakteristikum jeder Rede und Sprechweise, wobei die antike Rhetorik verschiedenste Stilmittel und Gestaltungsformen aufführt, mittels derer Bildlichkeit erzeugt werden kann. Ordnet man das Johannesevangelium und das Neue Testament allgemein in diesen weiteren literaturgeschichtlichen Horizont ein, gibt es keinen Anhalt, aus der Bildlichkeit von Jesus- oder Paulusreden eine Gattung sui generis abzuleiten (etwa als ‚joh Bildrede‘), vielmehr lässt sich der Bildcharakter anhand rhetorischer, stilistischer und sprachphilosophischer Kategorien hinreichend erklären.

4. Bildersprache als Stilfigur

Das hermeneutische und heuristische Potenzial des „Bild“-Begriffs gilt weit über die Kunstgeschichte hinaus ungemindert (vgl. Boehm 2010). Entsprechend kann es auch sinnstiftend sein, ihn zur Beschreibung von Phänomenen der Sprache zu gebrauchen. Wer die Metapher nicht als den übergeordneten Begriff uneigentlich übertragener Sprachformen verwenden will, kann deshalb mit dem Begriff der „Bildersprache“ einen fundamentalen, unspezifischen (wenn auch unpräzisen) Terminus finden, der eine Form des Sprechens bzw. Schreibens in stilistischen Sinne beschreibt. Die Begriffe „Bildwort“ und „Bildrede“ sollten aufgrund ihres in einem gattungsspezifischen Sinn missverständlichen Gebrauchs eher vermieden werden.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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  • Eisenhut, W., Einführung in die antike Rhetorik und ihre Geschichte, 5. Aufl. Darmstadt 1994
  • Erlemann, K., Die Gleichnisauslegung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch, UTB.W 2093, Tübingen/Basel 1999
  • Göttert, K. H., Einführung in die Rhetorik. Grundbegriffe – Geschichte – Rezeption, 3. Aufl. München 1998
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  • Quintilianus, M. F., Institutionis Oratoriae. Libri XII/Ausbildung des Redners. Zwölf Bücher, in zwei Teilen hg. und übersetzt von H. Rahn, Darmstadt 2006 (Sonderausgabe)
  • Ricoeur, P., Die lebendige Metapher, Übergänge 12, München 3. Aufl. 2004
  • Schulz, S., Komposition und Herkunft der johanneischen Reden, BWANT V, Stuttgart 1960
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  • Zimmermann, R., Metapherntheorie und Biblische Bildersprache. Ein methodologischer Versuch, ThZ 56 (2000), 108-133.
  • Zimmermann, R., Exkurs: Die so genannten ‚johanneische Bildreden, in: Ders., Christologie der Bilder im Johannesevangelium, WUNT 171, Tübingen 2004, 284-288
  • Zimmermann, R., Art. Metapher Art. Metapher, Neutestamentlich, in: O. Wischmeyer u.a. (Hgg.), Lexikon der Bibelhermeneutik, Berlin/New York 2009, 377f.
  • Zimmermann, R., Parabeln – sonst nichts! Gattungsbestimmung jenseits der Klassifikation in „Bildwort“, „Gleichnis“, „Parabel“ und „Beispielerzählung“, in: Ders. (Hg.), Hermeneutik der Gleichnisse Jesu. Methodische Neuansätze zum Verstehen urchristlicher Parabeltexte, WUNT 231, Tübingen 2011 (Studienausgabe), 383-419

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