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Lexikon

Bibliolog (NT)

Uta Pohl-Patalong

(erstellt: Dez. 2010)

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1. Was ist Bibliolog?

Bibliolog ist ein hermeneutisch-methodischer Zugang zu biblischen Texten, der auf die Begegnung zwischen Mensch und biblischem Text zielt. Eine Gruppe, Gemeinde oder Schulklasse identifiziert sich mit biblischen Gestalten und entdeckt auf diesem Wege einen biblischen Text „von innen“.

2. Herkunft und Grundlagen

Bibliolog steht in der Linie bibeldidaktischer Ansätze, die an einer Korrespondenz zwischen Textwelt und Lebenswelt orientiert sind. Er wurde von dem jüdischen Nordamerikaner Peter Pitzele auf dem Hintergrund seiner psychodramatischen und literaturwissenschaftlichen Kenntnisse entwickelt. Vor allem ist die Tradition rabbinischer Hermeneutik deutlich erkennbar: Bibliolog begreift sich als moderne Form des → Midrasch, der die Texte der → Tora durch kreative Füllung ihrer Lücken auslegt. Bibliolog greift zurück auf die rabbinische Unterscheidung zwischen dem „schwarzen Feuer“, dem Buchstabengehalt der biblischen Texte, und dem „weißen Feuer“ als dem Raum zwischen den Worten. Die Begegnung mit dem „weißen Feuer“ bietet didaktisch besondere Chancen, die Relevanz des biblischen Textes für das eigene Leben erkennbar werden zu lassen.

3. Methodisches Vorgehen

Methodisch gestaltet sich ein Bibliolog folgendermaßen: Nach einer Einführung in den Zugang des Bibliologs (Prolog) führt die Leitung in die Situation einer biblischen Geschichte hinein (Hinführung). Sie vermittelt narrativ den Hintergrund und den Kontext der biblischen Szenerie, wobei sie historische und sozialgeschichtliche Informationen einfließen lässt, die zum sachgerechten Verständnis des Textes relevant sind. Gleichzeitig regt sie die Fantasie der Teilnehmenden zu dieser Situation an und bahnt damit die Identifikation an.

Der eigentliche Bibliolog beginnt dort, wo die Leitung die Bibel aufschlägt, einen Satz oder einen kurzen Abschnitt liest und aus diesem den Teilnehmenden die Rolle einer biblischen Gestalt zuweist. Als diese spricht sie sie an und stellt ihnen eine an dieser Textstelle nahe liegende, jedoch offen bleibende Frage („enroling“).

In der Erzählung vom Kampf am → Jabbok (Gen 32,23-32) werden zunächst die Verse 23-25a gelesen (Lutherübersetzung): „Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, nahm sie und führte sie über das Wasser, sodass hinüberkam, was er hatte, und blieb allein zurück.“ Dann bittet die Leitung die Teilnehmenden, sich zunächst in → Jakob hineinzuversetzen: „Sie sind Jakob. Jakob, am Abend vor der Begegnung mit deinem Bruder Esau bringst du deine Familie über den Fluss und bleibst allein zurück. Was bewegt dich dazu?“

Die Teilnehmenden haben die Möglichkeit, sich in dieser Rolle zu äußern. Dabei füllen sie die Rolle mit ihren eigenen Lebenserfahrungen.

So mag ein „Jakob“ äußern: „Ich muss noch einmal allein sein, bevor ich meinen Bruder wieder sehe. Ich brauche Zeit, mich auf mich zu besinnen und auf Gott.“ Ein anderer sagt „Ich habe große Angst vor der Begegnung und ich will nicht, dass meine Familie mich so erlebt, so klein und schwach“. Und wieder ein anderer „Jakob“ antwortet: „Um Esau zu begegnen, muss ich zurück in die Zeit vor meiner Familie. Ich muss ich selbst sein, nicht der Familienvater.“

Die Leitung nimmt jede Äußerung sprachlich auf („echoing“). Sie äußert die Gehalte hörbar für alle und würdigt sie gleichzeitig als wertvolle Aussagen. Sie hebt dabei vielleicht nur angedeutete emotionale Gehalte besonders hervor und spitzt Andeutungen zu. Es besteht auch die Möglichkeit, im „interviewing“ noch einmal nachzufragen. Echoing und interviewing bleiben dabei grundsätzlich auf der Linie der Beiträge der Teilnehmenden und enthalten sich jeder Korrektur, Ergänzung oder Wertung. Unterschiedliche Füllungen der gleichen Rolle werden auf diese Weise laut und wehren dabei ihrer Verabsolutierung, indem sie sich gegenseitig korrigieren. Widersprüche werden nicht aufgelöst, sondern als Ambivalenzen der biblischen Rolle verstanden. Wer sich nicht laut äußern möchte, kann die Identifikation still für sich vollziehen, was auch ausdrücklich als legitim benannt wird.

Nach einigen Äußerungen führt die Leitung die Geschichte weiter, liest vielleicht einen nächsten Satz oder Abschnitt oder wechselt die Perspektive an der gleichen Stelle. Die Teilnehmenden bekommen eine neue Rolle zugewiesen.

So wird als nächstes einer der Söhne Jakobs gefragt, vielleicht Gad: „Gad, du verbringst die Nacht gemeinsam mit deinen Brüdern und den Frauen der Familie am anderen Ufer des Jabbok, ohne deinen Vater. Wie ist das für dich?“

Anschließend wird die Szene des Kampfes gelesen (vv25b-27): „Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“. Jakob wird noch einmal gefragt: „Jakob, du sagst zu dem Fremden: ‚Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.’ Was ist das für ein Segen, den du dir wünscht?“

Dann wird die Erzählung weitergeführt mit den Versen 28-32: „Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. „Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob nannte die Stätte → Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.“ Die nächste Frage richtet sich an → Rahel: „Rahel, die Nacht, in der du deinen Mann allein am anderen Ufer wusstest, ist vorüber und die Sonne geht auf. Jakob kommt auf dich zu – und er hinkt. Was geht dir durch Kopf und Herz, wenn du ihm jetzt entgegenblickst?“

Und zum Schluss wird noch einmal Jakob gefragt: „Jakob, nach dieser Nacht – wie blickt du jetzt der Begegnung mit deinem Bruder entgegen?“

Zu jeder Frage äußern sich Einzelne, und es erfolgt echoing und interviewing. Nach der letzten Rolle schließt die Leitung das Geschehen ab, entlässt die Teilnehmenden aus den Rollen und führt in die Gegenwart zurück („deroling“). Möglicherweise folgen einige in die Gegenwart überleitenden Worte (Epilog). Die unterschiedlichen Aussagen und damit auch die unterschiedlichen Zugänge zum biblischen Text bleiben jedoch nebeneinander stehen und werden nicht in eine einheitliche Botschaft aufgelöst.

4. Hermeneutische Grundlagen

Hermeneutisch geht der Bibliolog von der Relevanz biblischer Texte für die Gegenwart aus, ohne ihre Historizität zu leugnen. Entscheidend für die Überwindung des „garstigen Grabens“ ist im Bibliolog die Strukturanalogie von Erfahrungen zwischen der biblischen Textwelt und der heutigen Lebenswelt. Dabei enthält sich der Bibliolog einer unzulässigen Psychologisierung. Er möchte nicht herausfinden, wie eine biblische Gestalt sich gefühlt haben mag, sondern die Vielfalt möglicher Füllungen der jeweiligen Rolle eröffnet ein Spektrum an – immer subjektiven – Deutungsmöglichkeiten, die sich gegenseitig bereichern und relativieren.

Der Bibliolog trifft sich mit Einsichten der Rezeptionsästhetik in der Annahme einer Mehrdeutigkeit biblischer Texte, vor allem aber in den Einsichten zum Vorgang des Verstehens zwischen Text und Lesern: Dass der fremde Text sich durch die Füllung seiner „Leerstellen“ durch die Rezipientinnen allererst erschließt, entspricht dem bibliologischen Weg, sich dem „schwarzen Feuer“ über das „weiße Feuer“ zu nähern. Dabei wird der biblische Text in seiner Fremdheit ernst genommen. Der Text selbst zieht die „Grenzen der Interpretation“ (Umberto Eco), da der Bibliolog eng am Text bleibt, ihm in seinem Handlungsverlauf folgt und nur Fragen stellt, die der Text tatsächlich offen lässt.

5. Leitung und Gruppe im Bibliolog

Die Leitung im Bibliolog ist gegenüber der traditionellen Rolle der Verkündigerin oder des Lehrers verändert, insofern die Gruppe, Gemeinde oder Schulklasse zum Subjekt der Auslegung wird. Theologisch lässt sich dies als eine Umsetzung des „Priestertums aller Gläubigen“ begreifen. Konzeptionell knüpft dies an subjektorientierte Ansätze wie beispielsweise die Kindertheologie an.

Die Rolle der Leitung ist jedoch nicht zu unterschätzen: Durch ihre sorgfältige, theologisch und methodisch reflektierte Vorbereitung ermöglicht sie den Teilnehmenden eine ertragreiche Begegnung mit dem Bibeltext sowie wichtige Einsichten und Erkenntnisse. Durch die Auswahl der Szenen, Rollen und Fragen im Bibliolog lenkt sie selbstverständlich die Wahrnehmung der Teilnehmenden, dies geschieht jedoch in einer – ständig zu reflektierenden – Balance zwischen der Orientierung am Text und der Sicherung der Auslegungsfreiheit der Teilnehmenden.

6. Grund- und Aufbauformen des Bibliologs

Bibliolog beginnt in der Regel in der Grundform, in der ein erzählender Text durch die sprachlichen Äußerungen in den biblischen Rollen ausgelegt wird. Verschiedene Aufbauformen ermöglichen den Einsatz aller biblischen Textgattungen („nicht narrative Texte“), erweitern das Geschehen um die visuelle Ebene („Bibliolog mit Objekten“), ermöglichen den Einsatz des Körpers („sculpting“) und eröffnen dialogische Begegnungen („encounter“).

7. Bibliolog und Bibliodrama

Bibliolog steht in einem Verwandtschaftsverhältnis zum → Bibliodrama, ist jedoch sowohl hermeneutisch als auch methodisch von diesem deutlich unterschieden.

Methodisch bewegt sich der Bibliolog (zumindest in seiner Grundform) auf der rein sprachlichen Ebene, während die Teilnehmenden im Bibliodrama ins Spiel gehen. Der Bibliolog bewegt sich zudem enger am Text als das Bibliodrama. Hermeneutisch steht das Bibliodrama immer in der Spannung zwischen Texterkenntnis und Selbsterkenntnis, während der Bibliolog sich an der Texterkenntnis orientiert.

Während aufgrund der konstitutiven Bedeutung des Gruppenprozesses das Bibliodrama auf eine überschaubare Gruppengröße beschränkt ist und aufgrund seines stärkeren Prozesscharakters einen längeren Zeitraum umfasst, ist ein Bibliolog in einem Zeitraum von 15 bis 30 Minuten und mit beliebig großen Gruppen durchführbar.

8. Bibliolog einsetzen

Bibliolog kann überall eingesetzt werden, wo eine Gruppe mit einem biblischen Text arbeitet: im Gottesdienst (in der Regel als „Predigt mit der ganzen Gemeinde“), im Religionsunterricht, in gemeindlichen Gruppen jeder Art oder auch im säkularen Bereich. Bibliolog kann mit Menschen verschiedener Generationen vom Vorschulalter bis zum Seniorinnenkreis durchgeführt werden). Da er keine Vorkenntnis erfordert, können Menschen ohne biblische Grundkenntnisse ebenso wie kirchlich sozialisierte Menschen gleichermaßen gewinnbringend teilnehmen.

9. Bibliolog lernen

Die relative Schlichtheit des Bibliologs kann dazu verleiten, ihn in der Praxis auszuprobieren, ohne sich die entsprechenden Kenntnisse dafür angeeignet zu haben. Davon ist nachdrücklich abzuraten. Die Komplexität des Ansatzes und seine Erfahrungen rasch evozierende Wirkung führen dazu, dass seine unsachgemäße Handhabung schnell an Grenzen stößt, die für die Teilnehmenden eine Negativ-Erfahrung mit der Bibel bedeuten können. Insofern sollte man in jedem Fall eine viertägige Fortbildung eines Bibliolog-Grundkurses besuchen, bevor man mit dem Bibliolog arbeitet. Die Fortbildungen werden organisiert vom Europäischen Bibliolog-Netzwerk. Sie finden sich unter www.bibliolog.de.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Pitzele, P.A., 1998, Scripture Windows. Toward a Practice of Bibliodrama, Los Angeles
  • Pohl-Patalong, U., 2009, Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 1: Grundformen, Stuttgart
  • Pohl-Patalong, U. / Aigner, M.E., 2009, Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 2: Aufbauformen, Stuttgart
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