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Lexikon

Bethel [Gott]

Andere Schreibweise: Betel

Klaus Koenen

(erstellt: Jan. 2006)

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Bethel ist ein syrischer Gott des 1. Jahrtausends v. Chr., dessen Verehrung bis nach Süd-Mesopotamien und Ägypten gelangte.

1. Name

Der Name bedeutet „Haus Els“ oder „Haus Gottes“ und ist vielleicht als Hypostasierung des Hauses Els oder eines nicht bestimmten Gottes anzusehen.

2. Belege

Schon bevor man erste Primärquellen fand, war der Gott Bethel aus der Geschichte Phöniziens des → Philo von Byblos bekannt (um 100 n. Chr.). Sie wird bei → Euseb von Caesarea überliefert und beruft sich auf Sanchunjathon, einen phönizischen Priester, der vor dem Trojanischen Krieg gelebt haben soll. In seinen Ausführungen zur Entstehung der phönizischen Götterwelt schreibt Philo: Uranos und Ge („Himmel“ und „Erde“) hatten vier Söhne, nämlich Elos (= Kronos), Baitylos (= Bethel), Dagon und Atlas (Euseb, Praeparatio evangelica I, 10, 16; Text Kirchenväter 3). Die Prominenz der Eltern und Brüder lässt vermuten, dass Bethel ein bedeutender Gott war.

2.1. Belege in aramäischen und keilschriftlichen Texten

In Primärquellen ist der Gott Bethel in Syrien ab dem 7. Jh., in Süd-Mesopotamien im 6. und 5. Jh. sowie in Ägypten im 5. und 4. Jh. v. Chr. bezeugt, und zwar 1) in Personennamen, 2) in zusammengesetzten Götternamen und 3) in Texten.

2.1.1. Personennamen

a) Syrien: In einer aramäischen Krediturkunde (KAI 227) des Jahres 571/70 v. Chr. aus Sfire (?) finden sich drei Namen: • Bjt’ljd‘ „Bethel hat erkannt“; • Bjt’ldlnj „Bethel hat mich errettet“; • Bjt’l‘snj „Bethel hat mich erschaffen“ (< ‘śh „machen“) oder „Bethel ist mir zu Hilfe gekommen“ (< ‘wš „helfen“).

b) Süd-Mesopotamien:dBīt-ili-nuri „Bethel ist mein Licht“ (2mal im 6./5. Jh.); • mdBīt-ili-da-la-’ und mdBa-’i-it-ili-da-la-’ sowie aramäisch Bjt’ldlnj „Bethel hat [mich] errettet“ (mehrfach im 6./5. Jh.); • Ba-i-ti-ili… (zweiter Teil unleserlich; 6. Jh.); • dBa-’i-ti-ili-i-di-‘ „Bethel hat erkannt“ (6. Jh.); • dBa-ti-il-cha-ra „Bethel ist entbrannt“ (?; 6. Jh.); • mdBa-’i-ti-ili-še-zib und dBa-ti-il-še-zib „Bethel errettet“ (6. Jh.); • mdBīt-ili-šar-uṣur „Bethel schütze den König“ (6. Jh.); • Bīt-ili-a-dir-ri „Bethel ist herrlich“ (5. Jh.).

c) Ägypten: In → Elephantine / Syene (= Assuan) und Hermopolis finden sich z.B. die Namen: • Bjt’lšzb „Bethel errettet“; • Bjt’lnd/tn „Bethel hat gegeben“; • Bjt’ltdn „Bethel, du mögest geben (oder: richten)“; • Bjt’l‘qb „Bethel belohnt“; • Bjt’lnwrj „Bethel ist mein Licht“; • Bjt’ltqm „Bethel, du mögest aufstehen“.

Lit.: Coogan, 1976, 48f; Kornfeld, 1978, 43; Maraqten, 1988, 137-139; Milik, 1967, 556f.565; Porten / Yardeni, 1986ff; Porten, 1968, Appendix V; Silverman, 1985, 73.136; Zadok, 1978, 60f.

2.1.2. Götternamen

Es gibt Götternamen, die aus zwei ursprünglich selbständigen Gottesnamen gebildet sind. Bei Anat-Bethel, Aschim-Bethel und Cherem-Bethel handelt es sich um derartige Namen, die als solche den Gott „Bethel“ bezeugen.

a) Syrien:dA-na-ti-ba-a-[a-ti-il]īmeš: „Anat-Bethel“ erscheint in einem Vertrag zwischen Asarhaddon und König Baal II. von Tyrus aus dem Jahr 676 v. Chr. als eine der Gottheiten, die bei Vertragsbruch Unheil bringen (TUAT I, 158f). Anat-Bethel ist auch in dem Vasallenvertrag Asarhaddons aus dem Jahr 672 v. Chr. zur Regelung seiner Thronnachfolge belegt, wenn in der beschädigten Zeile 467 nach dem Vertrag mit König Baal [dA-na-t]i–ba-a-a-ti–DINGIR.[MEŠ] rekonstruiert werden darf (TUAT I, 160-176). • Aschim-Bethel ist in einer griechischen Inschrift belegt, die bei Aleppo gefunden wurde, allerdings erst aus dem Jahr 224 n. Chr. stammt (Milik, 1967, 568f).

b) Ägypten: In Elephantine / Syene (= Assuan) findet sich neben den beiden genannten ein dritter Gott: • ‘ntbjt’l „Anat-Bethel“ (Porten / Yardeni, 1986ff, C3.15:128); • ’šmbjt’l „Aschim-Bethel“ (Porten / Yardeni, 1986ff, C3.15:127), der auch in Papyrus Amherst 63 bezeugt ist (Kol. XV); • chrmbjt’l „Cherem-Bethel“ (Porten / Yardeni, 1986ff, B2.7:7).

2.1.3. Texte

a) Syrien: • In dem oben genannten Vertrag Asarhaddons mit König Baal II. von Tyrus wird unmittelbar vor Anat-Bethel der Gott Bethel (dBa-a-a-ti-ilīmeš) als eine der Gottheiten aufgezählt, die den Vertrag überwachen. Möglicherweise ist er mit Anat-Bethel auch in dem anderen genannten Vertrag Asarhaddons zu rekonstruieren. • Eine in Dura Europos gefundene Inschrift aus dem 3. Jh. n. Chr. enthält eine Widmung an Zeus Betylos und lokalisiert dessen Kult am Orontes (Seyrig, 1933, Nr. 168).

b) Ägypten: • Zu den 1945 in Hermopolis gefundenen aramäischen Papyri gehört der Brief eines Mannes an seine Frau in Syene (= Assuan) aus dem 5. Jh. v. Chr. Die Grußformel šlm bjt bt’l wbjt mlkt šmjn „Friede dem Haus des Bethel und dem Haus der Himmelskönigin“ bezeugt für Syene einen Tempel des Gottes Bethel (Porten / Yardeni und Schwiderski A2.1). • Papyrus Amherst 63, der einen aramäischen Text in demotischer Umschrift bietet (CScr I, 309-327; vgl. TUAT II, 930-932), bezeugt durch die vielfache Nennung Bethels, dass dieser Gott in den aramäischen Kolonien Ägyptens von Bedeutung gewesen sein muss, zumal wenn der Titel mārī „Herr“ auf ihn zu beziehen ist.

2.2. Belege im Alten Testament

Im Alten Testament stößt man allenfalls an zwei Stellen auf den Gott Bethel. In Sach 7,2-3 ist vielleicht der Personenname Bethel-Sar-Ezer „Bethel schütze den König“ (s.o.) zu konjizieren. Jer 48,13 konstatiert, dass → Moab an seinem Gott → Kemosch und Israel an Bethel zuschanden wurden. Die Parallelisierung mit Kemosch spricht dafür, dass mit „Bethel“ nicht der Ort, sondern der Gott gemeint ist. Fraglich ist jedoch, warum ausgerechnet ein Gott mit dem Untergang des Nordreichs in Verbindung gebracht wird, der dort keine besondere Verehrung genoss und im Gegensatz zu Kemosch nicht als Staatsgott fungierte. So wird der Gott hier zwar als bekannt vorausgesetzt, die Erwähnung Bethels zielt jedoch in erster Linie auf den Kultort, der das Staatsheiligtum beherbergte. An diesem Staatsheiligtum mit seinen Heilszusagen ist Israel zugrunde gegangen (→ Bethel Ort).

Wenig überzeugend hat man „Bethel“ auch an anderen Stellen des Alten Testaments (Gen 31,13; Gen 35,7; Gen 35,15; 1Sam 10,3; Am 3,14; Am 5,4-5; Hos 10,15; Hos 12,5) auf den Gott dieses Namens beziehen wollen (vgl. Koenen, 2003, 84f).

3. Verbreitung des Kultes

Über Kult, Verehrung und theologische Vorstellungen, die mit dem Gott Bethel verbunden waren, ist nichts bekannt. Mit einiger Sicherheit lässt sich nur Folgendes sagen:

Der Gott Bethel stammt ursprünglich aus dem syrischen Raum. Auf dieses Gebiet verweisen der älteste Beleg, ein Vertrag des assyrischen Königs Asarhaddon mit dem tyrischen König Baal II. aus dem Jahr 676 v. Chr. (TUAT I, 158f), und der Lobpreis des Gottes in Papyrus Amherst 63: „The beams of your house, Bethel, are from Lebanon; from Lebanon, [and] your garden, are they. And Resident of Hamath …“ (CScr I, 315).

Im späten 7. Jh. ist die Verehrung des Gottes auch in Palästina bekannt (Jer 48,13), jedoch dürfte der Kult nur sehr unbedeutend gewesen sein. In der Kritik Hoseas und der Deuteronomisten an dem Ort Bethel fehlt nämlich jeder Hinweis auf den Kult dieses Gottes, obwohl der Kult für ihre Polemik einen willkommenen Anknüpfungspunkt geboten hätte. Außerdem gibt es weder im Alten Testament – abgesehen von dem Namen Bethel-Sar-Ezer – noch in epigraphischen Quellen aus Palästina einen theophoren Namen mit dem Gott Bethel.

Im 6. Jh. ist der Kult des Gottes – mit der Ausbreitung des Aramäischen – nach Südmesopotamien gelangt. Ab dem 5. Jh. ist er schließlich auch in der aramäischsprachigen Kolonie Oberägyptens zu finden. Ob er dort mit Jahwe identifiziert wurde (vgl. Niehr, 1998, 162), bleibt unsicher. In Papyrus Amherst 63 ist Jahwe neben Bethel belegt, und in den Elephantine-Papyri gibt es sowohl Anat-Jahwe (Porten / Yardeni, 1986ff, B7.3:3) als auch Anat-Bethel (Porten / Yardeni, 1986ff, C3.15:128), so dass die Verbindung von Jahwe und Bethel mit Anat für ihre Identifizierung spricht. Gegen die These ist jedoch einzuwenden, dass es für beide Götter nur durch einen Nilarm getrennt je eigene Tempel gab.

Mit dem Ort Bethel hat der Gott nichts zu tun. Weder die Herkunft des Gottes aus dem Ort, noch eine Verbindung zu dem Ort lassen sich belegen, schon gar nicht, dass der Gott dort in der Späten Bronzezeit verehrt wurde.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999

2. Weitere Literatur

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  • Garcia-Treto, F.O., 1967, Bethel. The History and Traditions of an Israelite Sanctuary, Diss. Princeton
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