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Lexikon

Begehren (AT)

Anton Cuffari

(erstellt: Febr. 2009)

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1. Definition

(1) Unter „Begehren“ versteht man ein Verhalten oder Handeln, welches darauf zielt, sich ein Objekt, das als begehrenswert wahrgenommen wird, auf Zeit oder auf Dauer anzueignen.

(2) Das Alte Testament kennt keine spezifische Bezeichnung für „Begierde“, das böse Begehren. Während das Wesen der Begierde wohl bekannt ist und scharf verurteilt wird (v.a. Ex 20,17; Dtn 5,21; der Sache nach 1Kön 21,1-16), wird ihr Ursprung nicht thematisiert. Erst in späterer Zeit (→ Alttestamentliche Apokryphen: u.a. 4Makk 2,6; Vita Adae 19) entwickelt sich die Tendenz, die Begierde als Ursache aller Sünden und Quelle allen Ungehorsams gegen Gott zu verstehen (vgl. Röm 7,7f).

2. Hebräische Begriffe

Als Termini mit der Grundbedeutung „begehren“ begegnen im Alten Testament überwiegend die beiden ausschließlich im westsemitischen Sprachraum verbreiteten Verben חמד chmd und אוה ’wh sowie deren substantivische Ableitungen. chmd und ’wh sind synonym. Sie können sich gegenseitig ergänzen (vgl. Gen 3,6; Ps 45,12; Ps 68,17; Ps 132,13f; Spr 6,25) oder gegeneinander ausgetauscht werden (vgl. Ex 20,17; Dtn 5,21).

(1) Der Wortstamm חמד chmd lässt sich übersetzen mit „begehren“ oder „etwas begehrenswert finden“. chmd begegnet im Alten Testament 21-mal, wobei sich im Pentateuch sechs Belegstellen finden lassen (Genesis, Exodus, Deuteronomium), eine in den Geschichtsbüchern (Josua), acht in den Weisheitsbüchern (Psalmen, Sprüche, Hohelied) und sechs in den Prophetenbüchern (Jesaja, Micha). Zusätzlich wird chmd 44-mal in substantivierter Form verwendet: 5-mal chæmæd „Anmut / Schönheit“, 16-mal chæmdāh „Begehrenswertes / Kostbarkeit“, 9-mal chǎmudôt „Kostbarkeiten“, 13-mal machmād „Gegenstand des Begehrens / Anmut / Kostbarkeit“, 1-mal machǎmod „Kostbarkeit / Schatz“.

Primär bezieht sich chmd mit seinen Nominalbildungen auf Konkreta (Personen und Dinge), erst in späterer Zeit wird es auch auf Abstrakta (vgl. Spr 1,22 „Geschwätz“; Ps 19,11 „Gotteswort“) bezogen.

(2) Dieselbe Grundbedeutung wie chmd weist das Verb אוה ’wh auf. ’wh kann übersetzt werden mit „begehren / wollen / wünschen“. Die insgesamt 27 Vorkommen vom ’wh verteilen sich auf alle Kanonteile des Alten Testaments.

(3) Bedeutungsverwandt mit den Nominalbildungen von chmd und ’wh ist das ausschließlich in den poetischen Texten des Alten Testaments belegte הוה hawwāh, das stets das gottwidrige, böse Verlangen im Sinne von „Gier“ oder „Begierde“ (vgl. Spr 10,3; Spr 11,6; Mi 7,3) bezeichnet.

(4) Das Bedeutungsspektrum von chmd und ‘wh wird sowohl von בחר bchr als auch von חשׁב chšb berührt, wobei bchr von seiner Grundbedeutung her „wählen / auswählen / erwählen“ meint und chšb „planen / rechnen / denken“.

(5) Die Septuaginta übersetzt chmd und ‘wh überwiegend mit epithyméō „begehren / (leidenschaftlich) verlangen“. Die ursprüngliche Bedeutung von epithyméō dürfte „den Sinn auf etwas richten“ gewesen sein. Erst seit Platon (4. Jh. v. Chr.) wurde es zunehmend als „unbeherrschtes Begehren“ verstanden im Unterschied zum vernünftigen Wollen.

3. Begehrenswerte Objekte

Als begehrenswerte Objekte begegnen im Alten Testament folgende: Kostbare Gegenstände (1Kön 20,6; 2Chr 20,25; 2Chr 27,36; 2Chr 36,10.19; Esr 8,27; Hi 20,20; Spr 21,20; Jes 64,10; Jer 25,24.34; Klgl 1,10.11; Klgl 2,4; Dan 11,8.38.43; Hos 13,15; Jo 4,5; Nah 2,10; Hag 2,7); Nahrungsmittel (Num 11,4; Dtn 12,20; Dtn 14,26; 1Sam 2,16; 2Sam 23,15; Hi 33,20; Spr 23,3.6; Dan 10,3; Mi 7,1); Kleidung (Gen 27,15); Silber (Hos 9,6); Besitz (Ex 20,17; Dtn 5,21); Land (Ex 34,24; Ps 106,24; Jer 3,19; Jer 12,10; Sach 7,14); Bäume (Gen 2,9; Gen 3,6; Jes 1,29); Felder (Jes 32,12); Weinberge (Am 5,11); Schiffe (Jes 2,16); Menschen (Ex 20,17; Dtn 5,21; Hhld 5,16; Jes 53,2; Ez 24,16; Dan 9,23; Dan 10,11.19); König bzw. Königtum (1Sam 9,20; 2Sam 3,21); Sexualität (Spr 6,25; Hhld 2,3; Ez 23,6.12.23); Jerusalem / Zion (Ps 68,17; Ps 132,13; Ez 24,21.25; Ez 26,12); Gott (Jes 26,9); Tag des HERRN (Am 5,18); Fremdgötter (Jes 44,9); Böses (Spr 21,10).

Begehren wird an einigen wenigen Stellen ohne ausgedrücktes Objekt verwendet. Folgende Subjekte werden an diesen Stellen genannt: Gott (Hi 23,13), Jerobeam (1Kön 11,37), Fleißiger (Spr 13,4) und Fauler (Spr 13,4; Spr 21,26).

4. Ethische Beurteilung

(1) Begehren gehört zur menschlichen Existenz und wird im Alten Testament grundsätzlich positiv beurteilt. Legitimes Begehren soll Erfüllung finden (Spr 13,12.19; Hhld 2,3).

(2) Das Alte Testament kennt jedoch auch negative Formen des Begehrens: Als Subjekt des Begehrens wird eine tadelnswerte Person genannt (u.a. Hi 20,20; Spr 13,4; Spr 21,10.26; Mi 2,1f). Das Begehren kann im Zusammenhang mit einem tadelnswerten Verhalten stehen (Gen 3,6; Num 11,4; Spr 23,3.6; Jos 7,21; Mi 2,2). Das Objekt, auf welches sich das Begehren richtet, wird abgewertet (Jes 1,29; Jes 44,9; Ez 23,6.12.23).

Das Alte Testament versucht, das unerlaubte Begehren durch Verbote einzugrenzen (Ex 20,17; Ex 34,24; Dtn 5,21; Dtn 7,25; Jos 6,18; Spr 6,25; Spr 23,3.6; Spr 24,1), denn dieses schädigt nicht nur den, der begehrt (Hi 20,20; Spr, 1,22; Spr 6,25; Jes 1,29), sondern auch die Gemeinschaft (Jos 7,21; Mi 2,2).

5. „Begehren“ im Dekalog (Ex 20,17; Dtn 5,21)

Dekalog

(1) Dtn 5,21 kennt zwei Begehrensverbote, ausgedrückt mit zwei verschiedenen Verben für „begehren“: V.21a „Und du sollst nicht begehren (chmd) die Frau deines Nächsten“ (9. Gebot nach der Dtn-Zählung) und V.21b „Und du sollst nicht begehren (‘wh) das Haus deines Nächsten, sein Feld …“ (10. Gebot nach der Dtn-Zählung). Ex 20,17 zieht beide Gebote zusammen, indem a) zweimal das Wort chmd gebraucht wird und b) das Haus nach vorne geholt und die Frau nach hinten gesetzt wird. Das Wort „Haus“ meint in Ex 20,17 nicht das Gebäude, sondern die Hausgemeinschaft. Dazu gehört auch die Frau. Die Frau wird in der Exodus-Fassung durch die Nachstellung also nicht abgewertet.

(2) Im Unterschied zum 6. Gebot des Dekalogs (Zählung nach der Dtn-Fassung) „du sollst nicht ehebrechen“, in welchem der punktuelle und in der Regel geheime „Einbruch“ eines Mannes in die Ehe eines anderen (d.h. der geschlechtliche Umgang mit der Verlobten oder Ehefrau eines anderen) verboten wird, geht es im 9. Gebot des Dekalogs (Zählung nach der Dtn-Fassung) „du sollst nicht begehren (chmd) die Frau deines Nächsten“ (Dtn 5,21a) um die auf Dauer hin angelegte Aneignung der Verlobten oder Ehefrau eines anderen. Das Begehrensverbot verbietet von seinem ursprünglichen Wortlaut her nicht die sexuelle Begierde als eine innere seelische Haltung, sondern die äußerlich sichtbare Tat, einem anderen Mann die Frau oder Verlobte „wegzunehmen“.

(3) Während es beim Diebstahlverbot Dtn 5,19 (7. Gebot nach der Dtn-Fassung; → Diebstahl) um das heimliche Entwenden fremden Eigentums geht, verbietet das 10. Gebot Dtn 5,21b (Zählung nach der Dtn-Fassung) die planvolle und öffentliche, gegebenenfalls unter Einsatz „legaler“ Mittel betriebene Strategie, einem anderen sein Eigentum wegzunehmen (vgl. u.a. Ex 34,24; 1Kön 21; Jes 5,8; Am 8,5; Mi 2,1-2).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, München / Zürich 1978-1979
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  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Bibeltheologisches Wörterbuch, 4. Aufl., Graz u.a. 1994
  • New International Dictionary of Old Testament Theology and Exegesis, Grand Rapids 1997
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

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  • Coates, J.R., 1934, Thou shalt not covet, ZAW 52, 238-239
  • Dohmen, C., 2004, Exodus 19-40 (HThK.AT), Freiburg
  • Frevel, C., u.a. (Hgg.), 2005, Die Zehn Worte (QD 212), Freiburg
  • Gordon, C.H., 1963, A Note on the Tenth Commandment, JBR 31, 208-209
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  • Hossfeld, F.L., 1982, Der Dekalog: seine späten Fassungen, die originale Komposition und seine Vorstufen (OBO 45), Fribourg u.a.
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