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Lexikon

Beerscheba

Andere Schreibweise: Beerseba ; Beersheba ; Beer-sheba ; Beersheva

Detlef Jericke

(erstellt: Jan. 2006; letzte Änderung: Nov. 2010)

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1. Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Beerscheba.

Der Name Beerscheba (hebräisch בְּאֵר שֶׁבַע bə’er šæva‘) bedeutet entweder „Brunnen des Schwurs / Schwurbrunnen“ (bə’er „Brunnen“ + šb‘ „schwören“, Gen 21,31-32) oder „Brunnen der Sieben / Siebenbrunnen“ (bə’er + Zahlwort שֶׁבַע šæva‘ „sieben“, Gen 26,33 [MT]). Die Septuaginta kennt nur die Bedeutung „Schwurbrunnen“ und gibt den Ortsnamen in den Erzelternerzählungen der Genesis mit der Umschreibung „Brunnen des Schwurs“ (τὸ φρέαρ τοῦ ὅρκου to phrear tou horkou) wieder. Erst ab dem Buch Josua lautet die griechische Ortsbezeichnung Βηρσαβεε / Bērsabee. Die dritte Erklärung für den Ortsnamen Beerscheba, die mitunter genannt wird, ist „Brunnen der Fülle“. Sie beruht auf der lateinischen Übersetzung der Vulgata, die in Gen 26,33 für שִׁבְעָה šiv‘āh „sieben“ (Fem.) abundantia „Überfluss / Fülle“ hat. Diese Ableitung setzt allerdings eine nicht bezeugte, sondern lediglich nach Analogien im Ugaritischen und Akkadischen erschlossene Wurzel šb‘ II in der Bedeutung von śb‘ „Fülle / Sättigung / Überfluss“ (vgl. Spr 3,10; Pred 5,11) voraus.

2. Biblische Überlieferung

2.1. Erzelternerzählungen der Genesis

Beerscheba ist die einzige Ortsangabe, die bei allen drei Erzvätern → Abraham, → Isaak und → Jakob-Israel genannt ist. Das Toponym dient der erzählerischen Verbindung der drei Erzelterngenerationen.

Abraham. Der Ortsname Beerscheba taucht erstmals Gen 21,14 auf. → Hagar und → Ismael irren in der „Wüste Beerscheba“ umher. Von dort ziehen sie weiter in die „Wüste“ (Gen 21,20) bzw. in die „Wüste Paran“ (Gen 21,21), womit die Sinaiwüste im Grenzgebiet zu Ägypten gemeint ist. Somit ist der Weg frei, dass Abraham selbst nach Beerscheba kommen kann. Zunächst schließt er dort einen Vertrag mit dem Philisterkönig → Abimelech (Gen 21,31-32). Anschließend pflanzt er eine Tamariske und ruft den Namen JHWHs, des „ewigen Gottes“ (’el ‘ôlām) aus (Gen 21,33). Danach kehrt Abraham wieder nach Gerar zurück (Gen 21,34), wo er sich seit seinem Aufbruch von Mamre aufhält (Gen 20,1). Erst am Ende der Erzählung von Isaaks Bindung wird gesagt, dass Abraham nach Beerscheba umsiedelt und sich dort dauerhaft niederlässt (hebr. jšb; Gen 22,19). Diese Notiz erklärt den Erzählanfang von Gen 23. Sara stirbt in Kirjat-Arba / → Hebron und Abraham kommt dorthin, um ihren Tod zu beklagen. Er hält sich also zum Zeitpunkt von Saras Tod nicht bei ihr in Hebron auf. Die literarisch-topographische Konzeption der Abrahamgeschichte ist demnach so zu verstehen, dass Sara nach der Geburt Isaaks (Gen 21,1-8) nach Hebron, dem ersten festen Wohnsitz Abrahams und seiner Familie, zurückkehrt, während Abraham selbst im Negev bleibt.

Die Erzählführung in Gen 20-22 mit den Ortswechseln Abrahams, dem Pflanzen eines Baums, verbunden mit der Ausrufung des JHWH-Namens, der Trennung von Abimelech und dem endgültigen Wohnen in Beerscheba entspricht derjenigen von Gen 12-13: Aufbruchsnotiz (Gen 12,9; Gen 20,1); „Aufstellen“ (jeweils hebr. nṭ‘) des Zelts bzw. eines Baums (Gen 12,8; Gen 21,33); Wohnen (hebr. jšb) in Mamre bei Hebron bzw. in Beerscheba (Gen 13,18; Gen 22,19). Ebenso wie die Darstellung in Gen 12-13 Abraham über verschiedene Zwischenstationen nach Mamre bei Hebron führt, wird er in Gen 20-22 erzählerisch nach Beerscheba verbracht. Die literarische Figur des Abraham ist demnach in gleicher Weise mit beiden Orten, mit Mamre und mit Beerscheba, verbunden.

Isaak. Bei der Ankunft Abrahams in Beerscheba (Gen 22,19) fehlt der Hinweis auf einen Altarbau, wie dies der Formulierung in Gen 13,18 beim Eintreffen in Mamre entspräche. Die Altarbau-Notiz wird in den Erzählungen von Isaak nachgeholt. Nachdem Isaak nach Beerscheba hinaufgezogen ist (Gen 26,23), baut er dort einen Altar, ruft den Namen JHWHs aus und spannt sein Zelt auf (Gen 26,25). Die erste Vershälfte in Gen 26,25 kombiniert verschiedene aus der Abrahamgeschichte bekannte Motive: Altarbau-Notiz (vgl. Gen 13,18), Aufstellen (nṭ‘) des Zeltes und Ausrufen des JHWH-Namens (vgl. Gen 12,8; Gen 21,33). Die zweite Vershälfte erzählt, dass die Diener Isaaks einen Brunnen graben. Insofern enthält Gen 26,25 alle wesentlichen Erzählzüge, die auch in der Abrahamgeschichte mit dem Ortsnamen Beerscheba verbunden sind.

Jakob. Der Altarbau in Beerscheba durch Isaak ist wiederum erzählerische Voraussetzung für die Gen 46,1 erwähnte Opferhandlung Jakob-Israels. Die intertextuelle Verknüpfung wird dadurch hervorgehoben, dass das Opfer „dem Gott seines Vaters Isaak“ dargebracht wird.

Drei Textbelege, die Beerscheba nennen und die sich jeweils einer Erzelterngeneration zuordnen lassen, zeigen somit paradigmatisch die Funktion des Ortsnamens bei der literarischen Verbindung der Erzelterngeschichten: Gen 22,19 (Abraham) mit dem Rückgriff auf Gen 13,18, Gen 26,25 (Isaak) mit den vielfältigen Motiven aus der Abrahamgeschichte und Gen 46,1 (Jakob-Israel) mit dem Verweis auf Isaak.

Die in Gen 26,23, Gen 26,25 und Gen 26,33 erzählerisch ausgestaltete Verbindung Isaaks zu Beerscheba führte zu der These, die Isaak-Überlieferungen seien in besonderer Weise mit Beerscheba verbunden, die Abraham-Überlieferungen dagegen hätten ihren lokalen Haftpunkt in Mamre bzw. Hebron. Wie bereits zu Gen 20-22 gezeigt wurde, trifft diese Ansicht nicht den Befund der Abrahamgeschichte, da die Figur des Erzvaters in gleicher Weise mit Mamre und Beerscheba verbunden erscheint. Im Gegensatz zu Abraham ist von Isaak an keiner Stelle gesagt, dass er in Beerscheba wohnte (hebr. jšb). Gen 26,23-33 setzen zwar einen Aufenthalt Isaaks in Beerscheba voraus, als feste Wohnplätze werden jedoch lediglich der Negev (Gen 24,62) und der Brunnen Lahai-Roï (revidierte Lutherübersetzung „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“, Gen 25,11; vgl. Gen 24,62) genannt. Mit Ausnahme des letztgenannten Wohnplatzes sind alle anderen Orte, an denen sich Isaak entweder vorübergehend oder längerfristig aufhält, bereits als Siedlungsplätze Abrahams erwähnt. Wie Abraham ist Isaak zunächst in Gerar bei Abimelech (Gen 26,1 und Gen 26,6; vgl. Gen 26,17; Gen 26,20), bevor er nach Beerscheba kommt (Gen 26,23-33). Und gleichwie Abraham soll sich Isaak als Fremdling in Kirjat-Arba / Hebron aufgehalten haben (Gen 35,27). Die literarische Gestaltung der Isaakfigur lehnt sich demnach über weite Strecken an Überlieferungen und Motive an, die aus den Abrahamerzählungen bekannt sind. Daher erscheint es fraglich, ob es jemals eine vor- oder frühliterarische Isaak-Überlieferung gab, die in Beerscheba gepflegt und tradiert werden konnte.

2.2. Bezeichnung der Südgrenze Judas

In formelhaften Wendungen kennzeichnet Beerscheba die Südgrenze des von Juda bzw. von Juda und Israel beanspruchten Territoriums. Die Formulierung „von Geba bis Beerscheba“ (2Kön 23,8) umschreibt den Gebietsanspruch des Königreichs Juda. Die Wendung „von Beerscheba bis zum Gebirge Ephraim“ (2Chr 19,4) setzt möglicherweise territorialgeschichtliche Verhältnisse der Hasmonäerzeit (2./1. Jh. v. Chr.) voraus, da in persischer und frühhellenistischer Zeit (5.-3. Jh. v. Chr.) die Südgrenze Judas auf der Höhe von Hebron verlief. Die sieben Mal belegte Formel „von Dan bis Beerscheba“ umfasst die territorialen Ansprüche der Königreiche Israel und Juda. Sie scheint damit auch eine politische bzw. verwaltungsmäßige Einheit von Israel und Juda vorauszusetzen. Konsequenterweise reichen die Belege lediglich bis zur Darstellung von Salomos Königtum (1Kön 5,5), da nach Salomo gemäß biblischer Darstellung das gemeinsame Königtum Israels und Judas endet. Die ältere Forschung ging daher davon aus, dass die Formel aus der Zeit Salomos stammt. Allerdings wird zunehmend angezweifelt, ob es zur Zeit Davids und Salomos überhaupt ein der biblischen Darstellung entsprechendes israelitisch-judäisches Machtgebilde gab. Zudem ist davon auszugehen, dass die literarische Gestaltung der Geschichte Israels und Judas erst im 8. Jh. v. Chr. einsetzte. Fünf der sieben Belege sind in den Samuelbüchern zu finden (außerdem Ri 20,1; 1Kön 5,5), somit in Erzählzusammenhängen, die Vorgänge aus einer Zeit erzählen wollen, als es noch kein dauerhaftes Königtum in Israel und Juda gab. Daher ist nicht auszuschließen, dass die Formel in einer Zeit entstand, als das Königtum in Israel und Juda nicht (mehr) existierte. Ri 20,1 erwähnt eine Versammlung aller Israeliten in Mizpa. Der Ort war nach der Einnahme Jerusalems durch die Babylonier im Jahr 587/586 v. Chr. kurzfristig das regionale Zentrum Judas (2Kön 25,23-25; Jer 40-41). Mehrere Indizien sprechen dafür, dass die Babylonier die Gebiete von Israel und Juda in der Provinz Samaria zusammenfassten. Daher ist es denkbar, dass in der Zeit babylonischer Suprematie im 6. Jh. v. Chr. ein territorialer Anspruch formuliert wurde, der vom äußersten israelitischen Norden (Dan) bis zum äußersten judäischen Süden (Beerscheba) reichte.

2.3. Ortslisten in den Büchern Josua und Nehemia

In den Ortslisten des → Josuabuchs wird Beerscheba sowohl bei Juda (Jos 15,28) als auch bei Simeon (Jos 19,2) genannt. Die Ortsliste zu Simeon (Jos 19,1-9) insgesamt zeigt weitgehende Übereinstimmungen mit Jos 15,26-32, wobei ungeklärt ist, wie die Überlieferungsgeschichte der beiden Listenabschnitte und die möglichen geschichtlichen Hintergründe zu beurteilen sind. Auch die Frage, welche territorialgeschichtliche Situation die Ortsliste Judas in Jos 15,21-62 voraussetzt, wird unterschiedlich beantwortet. Geht man davon aus, dass Jos 15,28 „Tochterstädte“ von Beerscheba nennt, muss der Ort ein stadtähnliches regionales Zentrum gewesen sein. Das trifft insbesondere auf die befestigte Anlage zu, die auf dem Tell es-Seba‘, dem alttestamentlichen Beerscheba, vom 9. bis zum 7. Jh. v. Chr. bestand.

Neh 11,25-30 bietet eine Liste von Orten mit judäischer Bevölkerung, zu denen auch Beerscheba (Neh 11,27) zählt. Alle genannten Orte lagen in persischer Zeit (5./4. Jh. v. Chr.), als nach biblischer Darstellung → Nehemia wirkte, südlich von Juda in einem Bereich, der von edomitischen und arabischen Gruppen kontrolliert wurde und der seit dem späten 4. Jh. v. Chr. als Idoumaia bezeichnet wird. Die Liste dürfte daher in dem Sinn zu verstehen sein, dass es sich um Orte handelt, in denen Menschen siedelten, die sich aufgrund ihrer genealogischen Identität zu Juda rechneten, aktuell jedoch in der edomitisch-arabischen „Diaspora“ lebten.

2.4. Elia auf dem Weg zum Gottesberg

1Kön 19,3 ist der einzige Beleg, der Beerscheba in den Erzählungen zur israelitisch-judäischen Königszeit nennt (2Kön 12,2 = 2Chr 24,1 bringt lediglich die Notiz, dass die Mutter des judäischen Königs Joasch aus Beerscheba stammt). → Elia kommt auf der Flucht vor → Ahab nach Beerscheba. Dort lässt Elia seinen Diener zurück, bevor er weiter zum Gottesberg Horeb (→ Sinai) zieht. Die erweiterte Ortsangabe „Beerscheba in Juda“ von 1Kön 19,3 zeigt an, dass Elia außerhalb des Machtbereichs des über Israel herrschenden Königs Ahab und damit in relativer Sicherheit ist. Die Notiz vom Zurücklassen des Dieners ist möglicherweise ein Verweis auf die Gottesbergüberlieferungen der Sinai-Perikope. Auch Mose lässt das Volk (Ex 19) und seine Begleiter (Ex 24) zurück und erlebt alleine die Begegnung mit Gott. 1Kön 19,3 verbindet damit Erzählzüge der Erzeltern- und der Sianaiüberlieferung, da die Trennung von dem Begleiter nicht wie bei Mose am Gottesberg, sondern in Beerscheba lokalisiert ist, also an einem Ort, der in den Abraham- und Isaakgeschichten eine wesentliche Rolle spielt.

2.5. Amosbuch

Beerscheba ist zwei Mal im → Amosbuch erwähnt (Am 5,5; Am 8,14). Beide Erwähnungen sind nicht auf die Zeit des namengebenden Propheten (8. Jh. v. Chr.) zurückzuführen. In Am 5,5 schließt in der ersten Vershälfte das Verbot, nach Beerscheba „hinüberzugehen“ (hebr. ‘br) an zwei ähnliche Verbotssätze zu → Bethel und → Gilgal an. In der Begründung, die in der zweiten Vershälfte erfolgt, ist nur mehr von Bethel und Gilgal die Rede. Daher ist der Satz zu Beerscheba möglicherweise Texterweiterung aus einer Zeit, als die Amosworte in Juda redigiert wurden. Meist wird die Erwähnung Beerschebas als Anhaltspunkt dafür gesehen, dass dort in der judäischen Königszeit ein Kultplatz war, da auch Bethel und Gilgal aus der biblischen Überlieferung als Heiligtümer bekannt sind. Allerdings sind die im Zusammenhang der Ortsangaben verwendeten Verben („suchen“, hebr. drš; „gehen“, hebr. bw’; „hinübergehen“) nicht spezifisch kultisch konnotiert. Insofern ist eine kultische Bedeutung Beerschebas aus Am 5,5 nicht sicher zu erweisen.

Am 8,14 steht am Ende einer Sammlung von Worten (Am 8,3-14), die aus formgeschichtlichen und inhaltlichen Gründen als Fortschreibung älterer Amosworte zu verstehen und zeitlich in die späteste Königszeit (7./6. Jh. v. Chr.) oder erst in die nachkönigliche Zeit (6.-4. Jh. v. Chr.) anzusetzen sind. Auch Am 8,14 zeigt das Nacheinander dreier Ortsnamen: Samaria, Dan und Beerscheba. Der Text bietet allerdings große Verständnisprobleme. Menschen, die bei einer Gottheit bzw. einem Götzenbild von Samaria schwören, die beim „Gott von Dan“ und beim „Weg von Beerscheba“ Heil suchen, sollen vernichtet werden. Die Wendung dærækh bə’er-šæba‘ „Weg von Beerscheba“ steht parallel zu ’älohækhā dān „dein Gott, Dan“ und könnte in irgendeiner Weise eine Gottheit bezeichnen. Dennoch bleibt der Sinn der Wendung dunkel. Auch aus Am 8,14 ist daher eine Verbindung des Ortsnamens Beerscheba mit kultischen Praktiken nicht eindeutig zu erschließen. Am ehesten lässt sich der Vers so verstehen, dass mit Dan und Beerscheba die Erstreckung des von Samaria beherrschten bzw. beanspruchten Territoriums angegeben werden soll (s.o. 2.2.), wobei offen bleiben muss, was mit dem Ausdruck „Weg von Beerscheba“ gemeint ist.

3. Lage und Lokalisierung

3.1. Bīr es-Seba‘

Die alttestamentlichen Belege und die außerbiblischen Dokumente, in denen Beerscheba genannt ist, deuten auf eine Lage des Ortes im Süden Palästinas. 2Sam 24,7 lokalisiert Beerscheba im „Negev von Juda“. Auch die in und um Beerscheba spielenden Brunnenstreitigkeiten in den Abraham- und Isaakgeschichten weisen auf eine trockene Region am Rand eines Wüstengebiets, wo Grundwasserbrunnen für Menschen und Tiere zum Überleben notwendig sind. → Eusebius gibt an, dass Βηρσαβεε / Bērsabee zwanzig römische Meilen (ca. 30 km) südlich von Χεβρων / Chebrōn (Hebron) liegt (Onomastikon 50, 1f; Text Kirchenväter 3). Im nördlichen Negev hat sich die antike Namensform in Bīr es-Seba‘ (Koordinaten: 1304.0720; N 31° 14' 15'', E 34° 47' 35'') am Wādī es-Seba‘ (neuhebr. Nachal Be’er Ševa‘) erhalten. Bīr es-Seba‘ bezeichnet einen ehemaligen Brunnen- und Lagerplatz, an dem im frühen 20. Jahrhundert der Kern der heutigen Stadt Be’er Ševa‘ entstand. Dort ist der u.a. von Eusebius erwähnte Ort der römisch-byzantinischen Zeit zu lokalisieren. Die Palästina-Reisenden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts beschreiben ausgedehnte Ruinenfelder, darunter die archäologischen Reste von zwei Kirchen und griechische Inschriften. Außerdem erwähnen sie mehrere Brunnen. Neuere Ausgrabungen brachten einige Mauerzüge aus der Eisenzeit I/II (11./10. Jh. v. Chr.) und der späten Eisenzeit II (7. Jh. v. Chr.), Gebäudereste aus spätrömischer und byzantinischer Zeit sowie zahlreiche Gräber aus byzantinischer Zeit zu Tage.

3.2. Tell es-Seba‘

Das alttestamentliche Beerscheba ist auf dem ca. 4 km weiter östlich gelegenen Siedlungshügel Tell es-Seba‘ zu finden (Koordinaten: 1343.0726; N 31° 14' 42'', E 34° 50' 26''; in der englischsprachigen Literatur häufig Tel Beersheba). Dort wurden Reste unbefestigter Siedlungen aus dem 10./9. Jh. v. Chr. und eine ca. 120 x 110 m große befestigte stadtähnliche Anlage aus der mittleren und späten Eisenzeit II (9.-7./6. Jh. v. Chr.) ergraben. Die Besiedlung auf dem Tell setzt sich mit befestigten Anlagen über die spätpersische (4. Jh. v. Chr.) in die hellenistische (3./2. Jh. v. Chr.) und frührömische (herodianische) Zeit (1. Jh. v. Chr. - 1. Jh. n. Chr.) fort. Auch aus byzantinischer und frühislamischer Zeit sind Siedlungsspuren nachgewiesen.

Die bereits 1915 von den britischen Offizieren Charles Leonard Woolley und Thomas E. Lawrence („Lawrence von Arabien“) vorgeschlagene und in der englischsprachigen Forschung weitgehend akzeptierte Gleichsetzung des alttestamentlichen Beerscheba mit Tell es-Seba‘ wird in der deutschsprachigen Palästinawissenschaft mehrheitlich abgelehnt. Stattdessen wird der alttestamentliche Ort wie die Siedlung der römisch-byzantinischen Zeit in Bīr es-Seba‘ gesucht. Dabei wird auf die Erzelterngeschichten der Genesis verwiesen, wo Beerscheba ein unbefestigter Lager- und Kultplatz sein soll. Gen 26,33 nennt den Ort jedoch eine „Stadt“ (‘îr). Jos 15,28 erwähnt „Tochterstädte“ von Beerscheba und setzt demzufolge voraus, dass der Ort ein regionales Zentrum war. In Bīr es-Seba‘ lässt sich jedoch im Gegensatz zu Tell es-Seba‘ für die Eisenzeit keine städtische Anlage nachweisen. Zudem setzt die Formel „von Dan bis Beerscheba“ voraus, dass Beerscheba ein mit Dan vergleichbarer Ort war. Der Aufbau der befestigten Anlage des 9.-7. Jh.s v. Chr. auf Tell es-Seba‘ entspricht dem Befund von → Dan / Tell el-Qāḍī. Auch hier wurde eine ringförmige befestigte Siedlung aus dem 9.-7. Jh. v. Chr. ergraben. Zudem lässt sich die Gleichsetzung mit Tell es-Seba‘, der über die Eisenzeit hinaus noch in persischer und hellenistischer Zeit besiedelt war, mit neueren exegetischen Erkenntnissen korrelieren, welche die Abrahamgeschichte der Genesis als ein relativ spät (in persischer Zeit?) entstandenes literarisches Gebilde verstehen. Auch die Lokalisierung der Ortschaft der römisch-byzantinischen Zeit in Bīr es-Seba‘ kann nicht gegen eine Gleichsetzung des alttestamentlichen Beerschba mit Tell es-Seba‘ angeführt werden. Die Verlagerung eines Siedlungsplatzes von einem erhöht gelegenen Siedlungshügel an eine Stelle, die eine großflächige Anlage erlaubte und eine gute Wasserversorgung in Form von Quellen und Brunnen aufwies, ist für die römische Zeit in Palästina mehrfach bezeugt (u.a. → Hebron, → Sichem, → Kinneret, → Akko). In den Fällen, in denen die – meist im Mittelalter gebildete – arabische Namensform den alten Namen in irgendeiner Form bewahrt hat, ist er an dem Platz zu finden, der erst in nachalttestamentlicher Zeit gegründet wurde. Dies gilt auch im Fall von Beerscheba. Der alte Name ist in Bīr es-Seba‘ erhalten, wo in spätrömischer und byzantinischer Zeit eine Siedlung errichtet wurde, während der Tell den alten Namen nur noch teilweise führt.

4. Geschichte

4.1. Kupfersteinzeit (4. Jt.)

Die archäologisch fassbare Geschichte der Region von Beerscheba beginnt in der Kupfersteinzeit (Chalkolithikum, 4. Jt. v. Chr.). Im Bereich von Bīr es-Seba‘ sowie in den benachbarten Trockentälern wurden mehrere Siedlungsplätze aus dieser Periode gefunden. Sie bestehen aus gruben- oder höhlenartigen Wohn- und Funktionseinheiten. Teilweise sind auch oberirdische Gebäude nachgewiesen. Einzelne Siedlungsplätze lassen eine handwerkliche Spezialisierung erkennen (Metallverarbeitung, Knochenschnitzereien).

4.2. Eisenzeit I/II (11./10. Jh. v. Chr.) und frühe Eisenzeit II (10./9. Jh. v. Chr.)

Aus: Jericke 1997, 175 Fig. 21

Abb. 2 Tell es-Seba‘ Stratum VII.

Über die Geschichte von Beerscheba selbst geben die Ausgrabungen Auskunft, die von 1969 bis 1976 auf Tell es-Seba‘ und seit 1962 in unregelmäßiger Folge in Bīr es-Seba‘ durchgeführt wurden bzw. werden. Die ältesten Funde stammen aus der Übergangsphase von der Eisenzeit I zur Eisenzeit II (spätes 11. oder frühes 10. Jh. v. Chr.). Da in Bīr es-Seba‘ aus dieser Zeit nur wenige Mauerreste ergraben wurden, kann über das Aussehen der Siedlung keine Aussage gemacht werden. Das älteste eisenzeitliche Stratum (Stratum IX) auf Tell es-Seba‘ besteht aus Gruben, die möglicherweise noch aus der Kupfersteinzeit stammen. Sie wurden im 11./10. Jh. v. Chr. für Vorratshaltung und für saisonale Aufenthalte genutzt. Erste steinfundamentierte Architektur ist aus dem 10. und dem frühen 9. Jh. v. Chr. nachgewiesen (Straten VIII-VI). Die Ausgräber rekonstruieren die Anlage von Stratum VII zu einem ca. 83 x 60 m großen Ring aus Häusern um einen unbebauten Innenhof („enclosed settlement“). Die beschriebene Rekonstruktion folgt dem Muster zeitgleicher Anlagen, die im zentralen Negev ergraben wurden. Sie bleibt jedoch hypothetisch, da auf Tell es-Seba‘ aus Stratum VII lediglich einige Mauerreste von vielleicht fünf Gebäuden freigelegt wurden.

4.3. Eisenzeit II (9.-6. Jh. v. Chr.)

4.3.1. Stratum V/IV (9./8. Jh. v. Chr.)

Aus: Jericke 1997, 167 Fig. 19

Abb. 3 Tell es-Seba‘ in der Eisenzeit II (9.-7. Jh. v. Chr.).

Aus Stratum V ist erstmals eine befestigte Anlage nachgewiesen. Da sie lediglich ca. 120 x 110 m groß ist, wird mitunter der städtische Charakter bezweifelt. Die Befestigungsanlagen und der differenzierte Innenaufbau folgen jedoch dem Muster, nach dem Städte in Palästina während der Eisenzeit II angelegt waren. Die Befestigungen bestehen aus einer massiven Mauer, einem für die Zeit typischen Mehrkammer-Tor – in diesem Fall ein Vierkammer-Tor –, einem vorgelagerten Außentor und einem vor die Mauer gelegten Glacis (→ Stadttor). Über den Innenaufbau kann wenig gesagt werden, da die Ausgrabungen das Ziel verfolgten, die darüber liegende jüngere Anlage von Stratum III/II (8./7. Jh. v. Chr.) möglichst flächendeckend zu erhalten. Stratum V wurde vom Ausgräber Yohanan Aharoni zunächst in das 10. Jh. v. Chr. datiert. Heute ist eine zeitliche Ansetzung in das 9. Jh. v. Chr. weitgehend akzeptiert. Manche Archäologen schlagen sogar ein noch späteres Datum im 8. Jh. v. Chr. vor. Da das nachfolgende Stratum IV kein eigenes Besiedlungsstratum mit erkennbar geändertem Siedlungsbild darstellt, erscheint es sinnvoll, beide Straten zu einem Stratum V/IV zusammenzufassen und für dieses eine zeitliche Erstreckung vom 9. bis in das frühe 8. Jh. v. Chr. anzunehmen.

4.3.2. Stratum III/II (8./7. Jh. v. Chr.)

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 4 Tell es-Seba‘: Vierkammer-Stadttor und Pfeilerhäuser der Eisenzeit II.

Eine Änderung im Siedlungsaufbau ist erst mit Stratum III zu verzeichnen, wobei sich wiederum das nachfolgende Stratum II kaum von den Befunden aus Stratum III unterscheidet. Daher sollte besser von Stratum III/II die Rede sein. Anstelle der massiven Stadtmauer von Stratum V/IV wurde in Stratum III/II eine Mauer in Kasemattenbauweise errichtet (→ Befestigungsanlagen). Das Vierkammer-Tor wurde etwas verkleinert und das Außentor aufgegeben. Der Innenaufbau der Stadt aus Stratum III/II ist gut dokumentiert. Um den freien Platz beim Stadttor gruppieren sich mehrere große Gebäude, die als öffentliche Gebäude gedeutet werden. Östlich des Stadttors liegen drei langgestreckte Pfeilerhäuser (→ Haus). Meist werden diese Gebäude als Vorratshäuser interpretiert. Andere Deutungen sprechen von Kasernen oder Pferdeställen. Von dem Platz beim Tor gehen zwei Ringstraßen und eine Querstraße aus.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 5 Das Zisternensystem von Tell es-Seba‘ wird vom nahen Wadi gespeist und ist über einen Schacht erreichbar.

An der Nordost-Spitze des Tell wurde eine Anlage zur → Wasserversorgung der Siedlung freigelegt, die aus einem rechteckigen Schacht mit einer zu einem Wasserreservoir führenden Treppe bestand. Ähnliche Anlagen sind aus anderen eisenzeitlichen Städten Palästinas (u.a. Megiddo) bekannt. Vor dem Stadttor wurde ein Brunnen mit einem Durchmesser von ca. 2 m entdeckt. Der Brunnenschacht wurde bis zu einer Tiefe von 28 m freigelegt. Die im Brunnen gefundenen Keramikreste deuten auf eine Nutzung in hellenistischer und frührömischer Zeit. Die Ausgräber nehmen jedoch an, dass der Brunnen auch schon in der Eisenzeit in Betrieb war. Insgesamt zeigt die kleine Stadtanlage von Tell es-Seba‘ Stratum III/II eine differenzierte funktionale und hierarchische Gliederung. Keramikfunde deuten auf Verbindungen zur Küstenregion im Westen und zum edomitisch-arabischen Raum im Osten. Das späteisenzeitliche Beerscheba (Tell es-Seba‘ III/II) scheint demnach eine wichtige Station für den Fernhandel zwischen Arabien und der Mittelmeerküste gewesen zu sein.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 1984)

Abb. 6 Tell es-Seba‘: Dreiraumhäuser aus Stratum II (8./7. Jh. v. Chr.).

Die Ausgräber nehmen an, dass Stratum II im Jahr 701 v. Chr. beim Feldzug des assyrischen Großkönigs → Sanherib zerstört wurde und dass danach die städtische Besiedlung auf Tell es-Seba‘ endete. Allerdings wurde diese Deutung mehrfach kritisch hinterfragt. Die datierungsleitende Keramik zeigt zwar Übereinstimmungen mit dem Repertoire von Lachisch Stratum III (8. Jh. v. Chr.), daneben jedoch auch Charakteristika, die in das 7. Jh. v. Chr. verweisen. Außerdem ist Beerscheba auf einem Ostrakon aus dem benachbarten Arad (Tell ‘Arād, ca. 30 km östlich von Tell es-Seba‘) erwähnt, das in einer Siedlungsschicht des 6. Jh.s v. Chr. gefunden wurde. Darüber hinaus zeigen neuere Untersuchungen zum Feldzug Sanheribs im Jahr 701 v. Chr., dass sich dessen Aktionen auf die Region um Lachisch konzentrierten und den Negev vermutlich nicht tangierten. Der keramische Befund, die inschriftliche Erwähnung und die historischen Erwägungen legen daher die Annahme nahe, dass die städtische Siedlung auf Tell es-Seba‘ im 7. Jh. v. Chr. weiter bestand.

Archäologische Reste aus dem 7. Jh. v. Chr. wurden auch außerhalb der befestigten Anlage auf einem Hügelkamm über dem Wādī es-Seba‘ gefunden. Außerdem sind aus dem 7. Jh. v. Chr. Reparaturarbeiten an den Befestigungsanlagen nachgewiesen (Stratum I). Die Ausgräber erklären diesen Befund als einen Hinweis darauf, dass die Bewohner der Stadt im 7. Jh. v. Chr. einen Neuaufbau versuchten, der jedoch misslang oder aus unbekannten Gründen abgebrochen wurde. Naheliegender ist jedoch die Annahme, dass die städtische Anlage im 7. Jh. v. Chr. weiter bestand und um eine extramurale Siedlung erweitert wurde. Diese Interpretation, die einen Siedlungshöhepunkt in der Geschichte Beerschebas im 8./7. Jh. v. Chr. voraussetzt, trifft sich mit dem Befund aus dem gesamten Negev. Auch in Bīr es-Seba‘ ist nach der Besiedlung im 11./10. Jh. v. Chr. erst wieder für das 8./7. Jh. v. Chr. eine Siedlungstätigkeit nachgewiesen. Die verstärkte Siedlungsaktivität im gesamten Negev im 8. und 7. Jh. v. Chr. hängt damit zusammen, dass die assyrischen Großkönige über ihre Vasallen, zu denen auch die Könige von Juda sowie edomitische und arabische Gruppen gehörten, den lukrativen Handel mit Arabien kontrollierten, der u.a. auf Handelswegen vom Roten Meer (Golf von Aqaba) durch den Negev zum Mittelmeer nach Gaza verlief.

4.4. Nacheisenzeitliche Besiedlung

Aus der Dokumentation der nacheisenzeitlichen Reste lässt sich erkennen, dass in spätpersischer (4. Jh. v. Chr.), in hellenistischer (3./2. Jh. v. Chr.) und in frührömischer Zeit (1. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr.) weiterhin befestigte Gebäude auf dem Siedlungshügel standen. Sie werden als Festungen oder befestigte Residenzen gedeutet. Über vierzig aramäische Ostraka aus persischer Zeit und eine ähnlich große Anzahl gestempelter Amphoren-Henkel aus hellenistischer Zeit zeigen, dass Tell es-Seba‘ weiterhin ein wichtiger Stützpunkt für den Handelsverkehr zwischen Arabien und dem Mittelmeer war.

In spätrömischer und byzantinischer Zeit (2.-7. Jh. n. Chr.) wurde der Hauptsiedlungsplatz nach Bīr es-Seba‘ verlagert. Für die Anlage einer flächigen Siedlung war dort mehr Platz. Zudem war die Wasserversorgung, die in der römischen Kultur eine große Rolle spielte, durch die Wasserstellen gesichert. Die große Vignette auf der Mosaikkarte von Madeba (6. Jh. n. Chr.) lässt erschließen, dass der Ort weiterhin von überregionaler Bedeutung war. Auch die Beschreibungen der Reisenden aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert weisen auf eine großflächige Besiedlung hin. Neuere Ausgrabungen erbrachten u.a. ein Militärlager aus römischer sowie Gebäudereste und eine Vielzahl von Gräbern aus byzantinischer Zeit.

4.5. Religionsgeschichte

4.5.1. Textzeugnisse

Die Erwähnungen Beerschebas in den Erzelternerzählungen scheinen darauf zu weisen, dass der Ort ein Kultplatz war. Abraham errichtet eine Tamariske und ruft den Namen JHWHs aus (Gen 21,33). Isaak baut in Beerscheba einen Altar (Gen 26,25) und Jakob-Israel bringt dort Opfer dar (Gen 46,1). Diese Hinweise deuten auf einen Kult an einem offenen Heiligtum (→ Kulthöhe). Gen 21,33 nennt als JHWHs Beiname „ewiger Gott“ (hebr. ’el ‘ôlām). Eine ähnliche Wendung ist Jes 40,28 überliefert. An der letztgenannten Stelle ist der Ausdruck „ewiger Gott“ als Qualifizierung JHWHs gemeint, während er in Gen 21,33 zum Gottesnamen selbst zu gehören scheint. Die Wendung jhwh ’el ‘ôlām von Gen 21,33 ist im Blick auf den lokalen Gebrauch des Beinamens den Bezeichnungen „JHWH von Samaria“ (jhwh šmrn) und „JHWH von Teman“ (jhwh htmn) vergleichbar, die inschriftlich aus einer Karawanenstation im Sinai aus dem frühen 8. Jh. v. Chr. bezeugt sind. Der Gottesname jhwh ’el ‘ôlām in Gen 21,33 könnte demnach ein Reflex der für das 8. Jh. v. Chr. bezeugten Praxis sein, JHWH lokal mit unterschiedlichen Beinamen zu verehren. Ob eine solche Form der JHWH-Verehrung als Kultpraxis auch für Beerscheba im 8. Jh. v. Chr. vorauszusetzen ist, bleibt jedoch vorerst spekulativ.

4.5.2. Archäologische Zeugnisse

© Detlef Jericke, Foto 1984

Abb. 7 Hörneraltar (rekonstruiert) im Museum von Be’er Ševa‘.

In einer der Mauern der Pfeilerhäuser von Tell es-Seba‘ Stratum III/II wurden in sekundärer Verbauung sauber zugehauene Steine gefunden. Sie wurden von den Ausgräbern zu einem sog. Hörneraltar rekonstruiert (→ Altarhörner), wie er mehrfach im Alten Testament – allerdings nicht im Zusammenhang mit Beerscheba – erwähnt ist (u.a. Ex 27,2; Ex 29,12; Ex 30,3; 1Kön 1,50-51; 1Kön 2,28). Der rekonstruierte Altar hat eine Breite von ca. 2,6 m und eine Höhe von ca. 1,57 m. Auf einem der Steine des Altars ist ein schlangenähnliches Symbol eingeritzt. Der Altar gehörte zweifellos zu einem Kultplatz innerhalb der befestigten Stadt. Die Fundumstände indizieren jedoch, dass dieser Kult spätestens in Stratum II nicht mehr gepflegt wurde. Wann und unter welchen Umständen der Kult außer Betrieb genommen wurde und wo der Altar ursprünglich stand, ist umstritten. Die Ausgräber schlagen vor, den Kultplatz im Bereich eines größeren Gebäudes im nordwestlichen Bereich der Siedlung zu suchen. Das Gebäude weist unterirdische Räume auf. Der Befund wird so gedeutet, dass beim Abriss des Altars zum Zweck der Profanisierung auch der gesamte Kultplatz bis auf die Fundamente abgeräumt wurde. Daher musste das neue Gebäude in Stratum II auf tiefgehenden Kellerräumen errichtet werden. Eine andere Theorie geht dahin, dass der Altar in einem Raum westlich des Stadttors stand, wo Reste eines Treppenaufgangs gefunden wurden. Der betreffende Raum ist jedoch für den Altar zu klein. Auch aus hellenistischer Zeit wurde eine Vielzahl kultisch interpretierbarer Objekte ergraben, ohne dass über die Art des Kults Genaueres gesagt werden kann.

4.5.3. Zusammenhang mit der Reform Hiskias?

Der Abriss des Hörneraltars und die sekundäre Verbauung seiner Einzelteile wird gerne mit der 2Kön 18,4 erzählten „Kultreform“ des judäischen Königs → Hiskia im ausgehenden 8. Jh. v. Chr. in Verbindung gebracht. Wichtigster Anhaltspunkt für diese These ist die Beobachtung, dass der Altar am Ende des 8. Jh.s v. Chr. bzw. im 7. Jh. v. Chr. nicht mehr in Gebrauch war. Zudem ist in 2Kön 18,4 von der Entfernung eines Schlangenbilds aus Metall (Nehuschtan) die Rede. Daher könnte die Entfernung des Altars so gedeutet werden, dass er einem unter Hiskia obsolet gewordenen Kult diente, in dem auch ein Schlangenbild eine Rolle spielte. Darüber hinaus wurde im benachbarten Arad ein offenes Heiligtum mit einem großen steinernen Altar gefunden. Dieser Altar ist im Gegensatz zum Hörneraltar von Beerscheba aus unbehauenen Steinen aufgebaut und entspricht somit den Vorschriften in Ex 20,22-26. Da der Altar von Arad im 7. Jh. v. Chr. noch in Gebrauch war, wird dies als Zeichen gewertet, dass unter Hiskia der „nichtorthodoxe“ Kult in Beerscheba beseitigt, der reguläre Kult in Arad jedoch beibehalten wurde.

Einer unmittelbaren Verbindung zwischen der Zerstörung des Altars in Beerscheba und der „Kultreform“ Hiskias stehen jedoch gewichtige Argumente entgegen. 2Kön 18,4 ist schematisch formuliert und listet außer dem Schlangensymbol lediglich die auch an anderen Textstellen genannten und nach Ansicht der biblischen Erzähler verdammenswerten nichtjahwistischen Kultsymbole auf (1Kön 14,23; 2Kön 17,10-11). Daher steht die historische Glaubwürdigkeit der Notiz zur Debatte. Die Fundumstände und die stratigraphischen Verhältnisse auf Tell es-Seba‘ erlauben zwar die Aussage, dass der Altar in Stratum II nicht mehr in Betrieb war. Wann, wie und wo er tatsächlich kultisch verwendet wurde, lässt sich jedoch nicht mehr feststellen. Außerdem wird die Deutung des auf einem Altarstein eingeritzten Symbols als Schlange angezweifelt, so dass auch eine Verbindung zum Nehuschtan von 2Kön 18,4 nicht sicher ist. Die Existenz des Altars kann demnach lediglich soweit gedeutet werden, dass in Beerscheba im Verlauf der Eisenzeit II ein lokaler Kult ausgeübt wurde, der in der späteren Eisenzeit II obsolet wurde.

4.5.4. „Wallfahrtsheiligtum“ für die Bewohner Israels?

Die Amostexte, die Beerscheba erwähnen, werden mitunter so verstanden, als hätte es im 8. Jh. v. Chr. eine spezielle Verbindung zwischen dem „Nordreich“ Israel, an dessen Bewohner die Worte gerichtet sind, und Beerscheba gegeben etwa in dem Sinn, dass der Ort im Negev ein „Wallfahrtsheiligtum“ für Israeliten war. Einer solchen Deutung stehen die äußerst schwierige Deutung der Texte und die Datierung der Worte in die Zeit nach dem 8. Jh. v. Chr. entgegen. Die erzählerische Verbindung vom Königreich Israel zum Negev (vgl. 1Kön 19,3) ist eher damit zu erklären, dass im 8. Jh. v. Chr. beide Regionen für die assyrische Großmacht im Fernhandel von besonderer Bedeutung waren und stärker im Blickpunkt der „Weltpolitik“ standen als Juda, das für die Assyrer erst nach dem Fall Samarias im Jahr 720 v. Chr. von größerem Interesse war.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Beerscheba. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Tell es-Seba‘ Stratum VII. Aus: Jericke 1997, 175 Fig. 21
  • Abb. 3 Tell es-Seba‘ in der Eisenzeit II (9.-7. Jh. v. Chr.). Aus: Jericke 1997, 167 Fig. 19
  • Abb. 4 Tell es-Seba‘: Vierkammer-Stadttor und Pfeilerhäuser der Eisenzeit II. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 5 Das Zisternensystem von Tell es-Seba‘ wird vom nahen Wadi gespeist und ist über einen Schacht erreichbar. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 6 Tell es-Seba‘: Dreiraumhäuser aus Stratum II (8./7. Jh. v. Chr.). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 1984)
  • Abb. 7 Hörneraltar (rekonstruiert) im Museum von Be’er Ševa‘. © Detlef Jericke, Foto 1984
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