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Lexikon

Beer Lahai-Roï

Detlef Jericke

(erstellt: April 2011)

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Beer-Lahai-Roï ist ein Ortsname, der in der alttestamentlichen → Abrahamgeschichte drei Mal belegt ist, einmal im Zusammenhang mit → Hagars Flucht und der Geburt → Ismaels (Gen 16,14) und zwei Mal als Wohnplatz → Isaaks (Gen 24,62; Gen 25,11).

1. Name

Gen 16,13f leitet den Namen Beer-Lahai-Roï (בְּאֵר לַחַי רֹאִי bə’er laḥaj ro’î) von der Bezeichnung → „El-Roï“ (אֵל רֳאִי ’el rå’î) ab, den Hagar der ihr erschienenen Gottheit gibt. Beer-Lahai-Roï wäre dann der „Brunnen des Hai-Roï“. Lahai wird meist auf die Wurzel ḥjh „leben / lebendig sein“, Roï auf die Wurzel r’h „sehen“ zurückgeführt. Beer-Lahai-Roï hieße dann „Brunnen des Lebenden, der mich sieht“ o.ä. (Westermann, 297). „Die mühselige Etymologie legt es nahe, daß hier ein nicht mehr verstandener alter Name im Hintergrund steht“ (Westermann, 297), möglicherweise ein Ortsname wie die Geländeformation, die nach einem „Eselskinnbacken“ ləḥî genannt ist (Ri 15,19; → Backe). Die Schwierigkeiten der Namensherleitung zeigen sich auch in der → Septuaginta, die bə’er laḥaj ro’î entweder mit Φρέαρ οὗ ἐνώπιον εἶδον „Brunnen, wo ich von Angesicht zu Angesicht gesehen habe“ (Gen 16,14) oder mit τὸ φρέαρ τῆς ὁράσεως „der Brunnen der Erscheinung“ übersetzt (Gen 24,62; Gen 25,11).

2. Biblische Überlieferung

2.1. Hagar und Ismael (Gen 16,14)

Gen 16 erzählt von Hagars Vertreibung bzw. Flucht aus der Hausgemeinschaft Abrahams und von Ismaels Geburt in der Wüste an einem Platz namens Beer-Lahai-Roï. Abraham nimmt mit Einverständnis Saras deren Dienerin Hagar als Zweitfrau. Als Hagar schwanger wird, vertreibt Sara sie aus der Hausgemeinschaft. Hagar flieht in die Wüste. Dort begegnet ihr ein → Bote Jhwhs (Gen 16,7-12), der ihr die Geburt eines Sohnes ankündigt und ihr sagt, sie solle ihn Ismael nennen. Der Erzähler nennt die erscheinende Gottheit Jhwh, Hagar bezeichnet sie jedoch als El-Roï (Gen 16,13). Sie entspricht damit der Vorstellung, dass Jhwh den Erzeltern seinen Namen noch nicht offenbarte (Ex 6,3). Anschließend wird in Gen 16 der Name des Ortes Beer-Lahai-Roï ätiologisch auf die von Hagar verwendete Gottesbezeichnung zurückgeführt (Gen 16,14). Abschließend wird die Geburt Ismaels erzählt (Gen 16,15f).

2.2. Isaak (Gen 24,62 und Gen 25,11)

Die zweimalige Erwähnung des Ortsnamens als Bezeichnung des Wohnplatzes Isaaks am Ende der Abrahamsgeschichte, einmal bei der Ankunft Rebekkas (Gen 24,62) und das andere Mal nach dem Tod Abrahams (Gen 25,11), stellt eine erzählerische Verbindung zwischen Ismael und Isaak, den beiden Söhnen Abrahams, her. Isaak hat den Platz eingenommen, an dem Ismael geboren wurde. Diese literarisch-topographische Aussage, die der Verwendung des Ortsnamens in Gen 24 und Gen 25 zugrunde zu liegen scheint, unterstreicht das erzählerische Gefälle der Abrahamsgeschichte. Zunächst scheint es so, als solle der erstgeborene Sohn Ismael Abraham beerben. Nach der wundersamen Geburt Isaaks (Gen 17; Gen 18; Gen 21,1-8) tritt dieser als zweitgeborener Sohn an Ismaels Stelle. Isaak führt die Hauptlinie der Familie weiter und erbt nicht nur Abrahams Güter, sondern auch die an Abraham ergangenen Verheißungen (Gen 17). Dem entspricht, dass am Ende der Abrahamsgeschichte Isaak den Platz bewohnt, an dem Ismael auf die Welt kam.

3. Lage

Die genaue Lage von Beer-Lahai-Roï ist unbekannt. Nach Gen 24,62 liegt der Platz im → Negev, also in dem Wüstengebiet, das sich an das palästinische Kulturland nach Süden hin anschließt. Genauere Angaben dazu, wo sich die Verfasser der Abrahamsgeschichte den Ort vorstellten, sind jedoch schwierig. Für das Verständnis der Ortsangabe Beer-Lahai-Roï in der Abrahamsgeschichte dürften die oben aufgezeigten literarisch-topographischen Gesichtspunkte weit wichtiger sein als die Frage der Lokalisierung des Platzes. Dennoch werden in der Fachliteratur Versuche unternommen, die Lage von Beer-Lahai-Roï genauer einzugrenzen.

3.1. Südlich von Kadesch

Gen 16,14 sagt, der Platz liege zwischen Kadesch und Bered. → Kadesch ist im Quelloasengebiet von ‘Ēn el-Qudērāt ([En el-Quderat]; Koordinaten: 0960.0069; N 30° 38' 50", E 34° 25' 39") und ‛Ēn Qudēs ([En Qudes]; Koordinaten: 1005.9991; N 30° 35' 01'', E 34° 29' 03'') am südlichen Rand des biblischen Negev, am Übergang zur Sinaihalbinsel, zu lokalisieren (Jericke, 79-110). Die Lage von Bered ist unbekannt. Simons erwähnt zwar einen Bergzug mit dem Namen Ǧebel Umm el-Bāred, der nach Auskünften älterer Reiseschriftsteller etwa 30 km südlich von Kadesch in der Nähe der „Wasserquelle(n)“ (arab. Bijār Mājīn oder Bīr Mā’ēn, Koordinaten 105.976, N 30º 20', E 34º 30') liegen soll. Ein Zusammenhang zu Gen 16 könnte hergestellt werden, da der Platz, an dem sich Hagar befindet, auch „Wasserquelle“ ‘ên hammajim genannt wird (Gen 16,7). Simons stellt jedoch fest, dass der Ǧebel Umm el-Bāred auf keiner neueren Karte verzeichnet ist. Die Lokalisierung von Beer-Lahai-Roï südlich von Kadesch ist auch deshalb auszuschließen, weil dort der Teil des Negev bzw. des Sinai beginnt, der aufgrund seines extremen Klimas kein menschliches und praktisch auch kein anderes organisches Leben mehr zulässt.

3.2. ‘Ēn Muwēliḥ

Gunkel erwähnt eine beduinische Lokaltradition, die den „Hagarbrunnen“ mit ‘Ēn Muwēliḥ (Koordinaten: 0855.0100; N 30° 41', E 34° 18') gleichsetzt (Gunkel, 173). Die Quelle liegt etwa 8 km westlich von Kadesch. Dort sollen sich einige antike Reste aus der Bronzezeit und aus byzantinischer Zeit befinden (Jericke, 83). Der Hauptfundplatz aus der Eisenzeit liegt etwas weiter östlich bei ‘Ēn Quṣēme (Koordinaten: 0871.0120; N 30° 40', E 34° 20'; Jericke, 81-83). Auch wenn bei ‘Ēn Muwēliḥ Siedlungstätigkeit in der Antike möglich war, dürfte es sich bei der von Gunkel erwähnten Lokalisierung lediglich um eine vergleichsweise rezente Lokaltradition handeln.

3.3. Am „Weg nach Schur“ (Gen 16,7)

Gen 16,7 lokalisiert die „Wasserquelle in der Wüste“, an der sich Hagar befindet, am „Weg nach Schur“ (bədærækh šûr). Schur ist eine Bezeichnung für Ägypten. Mit dem „Weg nach Schur“ könnte daher die in mittelalterlichen Dokumenten Ḏarb eš-Šūr genannte Inlandroute von → Beerscheba (Koordinaten: 1343.0726; N 31° 14' 42'', E 34° 50' 26'') über ‘Ēn Quṣēme nach Ägypten gemeint sein (Jericke, 60-63). Allzu weit südlich von Beerscheba sollte man sich den Siedlungsplatz Isaaks jedoch nicht vorstellen, da der aride Zentralnegev zwischen Beerscheba und Kadesch keine vorteilhaften Lebensbedingungen bietet.

3.4. Bei Gerar

Gen 26 geht davon aus, dass Isaak in der Gegend von → Gerar wohnte (Gen 26,6; Gen 26,17; Gen 26,20). Gerar wird nordwestlich von Beerscheba im Wādī eš-Šerī‘a / Naḥal Gərār gesucht (Tell Abū Hurēra / Tel Haror, Koordinaten 11257.08795; N 31° 22' 54'', E 34° 36' 25''). Dort herrschen weit bessere klimatische Bedingungen für dauerhaftes Wohnen als in der Region südlich von Beerscheba. Wenn man die Angaben über die Siedlungsplätze von Isaak in Gen 24, Gen 25 und Gen 26 korreliert, könnte man am ehesten an eine Lage von Beer-Lahai-Roï westlich oder südwestlich von Beerscheba denken. Diese Region galt in alttestamentlicher Zeit als Hinterland der wichtigen Wegverbindung von Palästina nach Ägypten entlang der Mittelmeerküste. Daher läge Beer-Lahai-Roï auch bei einer Lokalisierung westlich von Beerscheba „am Weg nach Schur“, wenn man den Ausdruck dærækh šûr in Gen 16,7 nicht als Eigenname, sondern als Richtungsangabe „in Richtung auf Schur“ versteht.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992

2. Weitere Literatur

  • Gunkel, H., 1910, Genesis, übersetzt und erklärt (Handkommentar zum Alten Testament I/1), Göttingen (3. Aufl. 1910, 1. Aufl. 1901, 9. Aufl. 1977), 172f
  • Jericke, D., 1997, Die Landnahme im Negev. Protoisraelitische Gruppen im Süden Palästinas. Eine archäologische und exegetische Studie (ADPV 20), Wiesbaden
  • Simons, J., 1959, The Geographical and Topographical Texts of the Old Testament. A Concise Commentary in xxxii Chapters, Leiden, 217 §§ 367-368
  • Westermann, C., 1981, Genesis. 2. Teilband, Genesis 12-36 (BK.AT I/2), Neukirchen-Vluyn, 296-298
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