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Lexikon

Becher

Kathrin Liess

(erstellt: Okt. 2008)

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1. Einleitung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Verschiedene Becher- und Gefäßformen.

Der Becher (hebr. kôs; verwandte Begriffe sind: gāvîa‘ „Schale / Trinkschale“; qubba‘at „Becher“; saf „Schale“; sefæl „Schale / Becher“) ist als Gebrauchsgegenstand ein Trinkgefäß für Wasser und Wein (Gen 40,11.13.21; 2Sam 12,3; Jer 35,5). Über diesen alltäglichen Gebrauch hinaus konnte der Becher verschiedene Funktionen erfüllen: Im Kontext von Trauerriten ist der Brauch belegt, einem Trauernden einen „Becher der Tröstungen“ zu reichen (Jer 16,7).

© Kathrin Liess

Abb. 2 Totenmahl (Grabstele des Si’gabbar aus Nerab; 7. Jh. v. Chr.).

Im Alten Orient wurde der Becher als Trinkgefäß im Totenkult verwendet, um den Toten zu versorgen (vgl. das Totenmahl auf der Grabstele aus Nerab; 7. Jh. v. Chr.; TUAT II, 574). Auf einen Wahrsagebecher spielt Gen 44,5 an (vgl. gāvîa‘ „Schale / Trinkschale“ in Gen 44,2.12.16f.; → Mantik). Die Praxis der Becherweissagung, bei der man Öl in einen Becher mit Wasser gegossen und aus den sich ergebenen Formen die Zukunft erschlossen hat, ist aus dem Alten Orient bekannt.

Im Alten Testament findet der Becher besonders in der Bildsprache der Propheten und Psalmen Verwendung und erweist sich dort als ein ambivalentes Motiv: Den wenigen Belegen für den Becher als Heilsmotiv (der Becher als Symbol der Lebensfülle) stehen zahlreiche Belege für den Becher als Unheilsmotiv (Zorn- oder Taumelbecher) gegenüber.

2. Der Becher als Unheilsmotiv

In der prophetischen Verkündigung aus spätvorexilischer und exilischer Zeit ist das Bechermotiv negativ konnotiert: der Zornbecher (kôs hachemāh Jes 51,17.22), der Becher des Zornweines (Jer 25,15), der Taumelbecher (kôs hattar‘elāh Jes 51,17.22) oder der Becher des Entsetzens und der Verheerung (Ez 23,33) sind Bilder für Untergang und Vernichtung (s. dazu Seidl). Die bekanntesten Texte für dieses Unheilsmotiv sind Jes 51,17-23; Jer 25,15-29; Ez 23,28-35 und Hab 2,15-17. Gott hat einen Becher in seiner Hand, den er seinem Volk Israel (Jes 51,17; Ez 23,31-34; vgl. Jer 25,15ff.) oder anderen Völkern (Jes 51,22f., Jer 49,12f.; Jer 51,7; Sach 12,2; vgl. Klgl 4,21) zum Trinken reicht. Damit entspricht das Bechermotiv der Vorstellung vom Zorn Gottes als einer flüssigen Substanz, die er über den Menschen ausschüttet (ntk „gießen“; špk „schütten“; vgl. Klgl 4,11; Ps 79,6; Jer 6,11; Jer 42,18 u.ö.).

Die Auswirkungen des Trinkens aus dem Becher zeigen sich in Trunkenheit (šākhar Jer 25,27; vgl. Ez 23,33; Klgl 4,21), Erbrechen (g‘š Hitpo.; Jer 25,16), Taumeln (ra‘al bzw. tar‘elāh; vgl. Jes 51,17.22; Sach 12,2; daher die Luther-Übersetzung „Taumelbecher bzw. -kelch“), Entblößung (Klgl 4,21) oder Verrücktheit (hll III Hitpo. „toll werden“; Jer 25,16; Jer 51,7) und entsprechen somit den Folgen übermäßigen Alkoholgenusses. Wer aus dem Becher trinkt, fällt nieder und steht nicht mehr auf (Jer 25,27). Die Folgen sind Schande (Hab 2,16), Spott (Ez 23,32), Zerstörung und Vernichtung (Jer 25,18; Jer 49,12f.) bis hin zur Nichtexistenz (vgl. Ob 16). Variationen des Motivs vom Becher in der Hand JHWHs finden sich in Jer 25 und Jer 51: Nach Jer 25,15.17 reicht der Prophet als Mittler den Becher im Auftrag JHWHs den Völkern. In Jer 51,7 wird der Becher personifiziert: Babylon ist der goldene Becher in der Hand JHWHs und bringt gleichsam als Werkzeug JHWHs den Völkern Unheil, indem es alle trunken macht (škr Pi.; vgl. Sach 12,2: Jerusalem als „Taumelschale“ [Luther-Übersetzung: „Taumelbecher“] für die anderen Völker). Auch die Heilswende kann mit dem Bechermotiv beschrieben werden: Nach geschehenem Unheil (Jes 51,17) nimmt Gott seinen Zornbecher aus der Hand des Volkes Israel und gibt ihn den Unterdrückern (Jes 51,22-23). In den Psalmen wird das Unheilsmotiv nicht auf einzelne Völker, sondern auf die Gruppe der Frevler bezogen: In Ps 11,6 heißt es „Sturmwind ist der Teil ihres Bechers“, und nach Ps 75,9 müssen die Frevler aus JHWHs Becher mit „schäumendem Wein, voller Würze“ trinken.

Zum Motivfeld des Zorn- bzw. Taumelbechers gehören im weiteren Sinne auch die Texte, die zwar nicht explizit einen Becher erwähnen, denen aber aufgrund des Sprachgebrauchs und der Motivik (Metapher des Trinkens bzw. die entsprechenden Auswirkungen Trunkenheit; Taumeln u.ä.) eine vergleichbare Vorstellung zugrunde liegt (vgl. Jes 63,6; Jer 8,14; Jer 9,14; Jer 13,13; Jer 23,15; Ob 1,16; Nah 3,11; Ps 60,5 [„Taumelwein“]; Hi 21,20 u.a.). Dabei sind neben Zorn bzw. Zornwein auch Giftwasser und Wermut als unheilbringende Flüssigkeiten belegt.

Die traditionsgeschichtliche Herkunft der Zorn- und Taumelbechermotivik ist umstritten. Diskutiert werden inneralttestamentliche und altorientalische Herleitungen. Mögliche Erklärungsversuche der Forschung sind u.a.:

1. Ein „genuin israelitischer Hintergrund“ (Schunck, 330): Der Festbecher im Heiligtum sei von den Propheten ins Gegenteil (Zornbecher; Taumelbecher) verkehrt und der Festtag JHWHs zu einem Unheilstag umgeprägt worden (Gressmann, Eschatologie, 134f.; Schunck, 326f.330; → Tag JHWHs).

2. Die altorientalische Vorstellung, dass der Hauptgott als Schicksalsgott dem Menschen einen „Lebens- oder Todesbecher“ reiche (Gressmann, Festbecher, 61).

3. Die Herkunft aus der Kultsprache, z.B. die Annahme eines kultischen Ordalverfahrens, nach dem das Trinken aus dem Becher über Schuld oder Unschuld entscheidet (vgl. Mayer, ThWAT IV, 110 unter Berufung auf Beyerlin; → Ordal).

4. Eine Herleitung aus den verschiedenen Bechervorstellungen der ugaritischen Mythologie, nach denen der Becher als umfassendes Symbol für Heil und Unheil, Segen und Fluch, Leben und Tod fungiere. Der „verbindende Rahmen“ für alle Bechertexte, die jeweils einzelne Aspekte herausheben, sei das göttliche Festmahl. Im Alten Testament überwiege der Gerichtsgedanke; der „Becher des Zornes“, die „Umkehrung einer positiven Symbolik aus alter, mythischer Tradition“, sei ein „genuin-israelitisches Motiv“ (Fuchs 2000, 71.82ff.).

5. Der „Zornbecher“ als „Konglomerat aus unterschiedlichen Einflüssen und Epochen“, der von dem Mythologem „(Glut-)Becher des Sonnengottes“ geprägt sei (Fuchs 2004, 26.28): Der Zornbecher stelle „den End- und Höhepunkt einer konsequenten inneren Entwicklung dar, die über den ‚Glutbecher‘ des alles sehenden, gerechten Richters Sonne zum bekannten Topos der prophetischen Gerichts- und Strafpredigt geführt hat“ (Fuchs 2004, 125).

6. Gegenüber diesen verschiedenen Positionen hält Seidl die Herkunft des Bechermotivs „trotz der beigebrachten ugaritischen Parallelen weiter nicht eindeutig klärbar“ (Seidl, 149). (Zu weiteren Positionen der Forschungsgeschichte s. Seidl, 4ff.; Brongers, 181ff.).

3. Der Becher als Heilsmotiv

Die wenigen Belege, in denen das Bechermotiv positiv konnotiert ist, finden sich in den Psalmen. Im Kontext tempeltheologischer Motivik wird der Becher zum Heils- und Lebenssymbol (s. dazu Liess).

Im Hintergrund des Bechermotivs in Ps 23,5 (wörtlich: „mein Becher ist Überfluss“) steht die Vorstellung eines Gastmahls: Der übervolle Becher ist Teil einer belebenden Mahlzeit im Heiligtum und symbolisiert die überfließende Segens- und Lebensfülle in der Nähe Gottes. Das Vertrauenslied Ps 16 benennt in einer einzigartigen Aussage Gott selbst als Becher (Ps 16,5: „JHWH ist mein Becheranteil“) und bringt damit die Erfahrung der Lebensfülle in der Gottesbeziehung zum Ausdruck. In Verbindung mit der Anspielung auf ein Mahl im Heiligtum in Ps 16,11 („Sättigung“; vgl. Ps 63,6; Ps 65,5) lässt sich auch der Becher in Ps 16,5 – wie in Ps 23 – als Mahl- und Festbecher verstehen. In dem Danklied Ps 116,13 („Den Becher der Rettungstaten will ich erheben“) ist das Erheben des Bechers ein Gestus des Dankes: Als Teil der Dankopferfeier im Heiligtum symbolisiert der Becher die erfahrene Rettung aus Todesnot und den Beginn wiedergewonnenen Lebens.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff.
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, München / Zürich 1978-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Brongers, H.A., Der Zornesbecher, in: Vink, J.G. u.a., The Priestly Code and Seven Other Studies (OTS XV), Leiden 1969, 177-192
  • Diller, C., „Du füllst mir reichlich den Becher …“. Der Becher als Zeichen der Gastfreundschaft am Beispiel von Ps 23, in: dies. / Mulzer, M. / Ólason, K. (Hgg.), Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz. Beiträge zur Syntax, Sprachaktanalyse und Metaphorik im Alten Testament (Schülerfestschrift H. Irsigler; ATSAT 76), St. Ottilien 2005, 81-104
  • Ehlers, K. [= Liess, K.], „JHWH ist mein Becheranteil“. Zum Bechermotiv in den Psalmen 16; 23 und 116, in: Michel, A. / Stipp, H.-J. (Hgg.), Gott – Mensch – Sprache (Schülerfestschrift W. Groß; ATSAT 68), St. Ottilien 2001, 45-63
  • Fuchs, G., Das Symbol des Bechers in Ugarit und Israel. Vom „Becher der Fülle“ zum „Zornesbecher“, in: Graupner, A. u.a. (Hgg.), Verbindungslinien (FS W.H. Schmidt), Neukirchen-Vluyn 2000, 65-84
  • Fuchs, G., Der Becher des Sonnengottes. Zur Entwicklung des Motivs „Becher des Zorns“ (Beiträge zum Verstehen der Bibel 4), Münster 2003
  • Gressmann, H., Der Ursprung der israelitisch-jüdischen Eschatologie (FRLANT 6), Göttingen 1905
  • Gressmann, H., Der Festbecher, in: Jirku, A. (Hg.), Beiträge zur Religionsgeschichte und Archäologie Palästinas (FS E. Sellin), Leipzig 1927, 55-62
  • Schunck, K.-D., Der Becher Jahwes: Weinbecher – Taumelbecher – Zornesbecher, in: Graupner, A. u.a. (Hgg.), Verbindungslinien (FS W.H. Schmidt), Neukirchen-Vluyn 2000, 323-330
  • Seidl, Th., „Der Becher in der Hand des Herrn“. Studie zu den prophetischen „Taumelbecher“-Texten (ATSAT 70), St. Ottilien 2001

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Verschiedene Becher- und Gefäßformen. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Totenmahl (Grabstele des Si’gabbar aus Nerab; 7. Jh. v. Chr.). © Kathrin Liess
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