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Lexikon

Bauer, Georg Lorenz

(1755-1806)

Martin Mulzer

(erstellt: Juli 2012)

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1. Leben

Georg Lorenz Bauer wurde am 14.8.1755 im nürnbergischen Pflegamt Hiltpoltstein (heute Landkreis Forchheim, Oberfranken) als sechstes von acht Kindern des Pfarrers Georg Wolfgang Bauer (1710-1767) und der Pfarrerstochter Margaretha Salome Drechsel geboren. Nach der Schulbildung an der Schule bei St. Lorenz in Nürnberg studierte er ab 1772 in Altdorf u.a. beim Orientalisten Johann Andreas Michael Nagel (1710-1788). 1776 wurde er Frühprediger an der Margarethenkapelle auf der Nürnberger Burg, 1786 Lehrer und 1787 Konrektor an der Schule bei St. Sebald in Nürnberg, 1789 erhielt er als Nachfolger seines Lehrers Nagel die Professur für Beredsamkeit, morgenländische Sprachen und Moral zu Altdorf. 1805 folgte er einem Ruf auf die Professur für morgenländische Literatur und biblische Exegese in Heidelberg, doch starb er dort schon am 12.1.1806. Verheiratet war Bauer mit Margaretha Barbara Schütz aus Nürnberg; von ihren zehn Kindern waren 1802 noch vier am Leben (vgl. Will / Nopitsch).

2. Einordnung

Georg Lorenz Bauer gehört zu den Begründern der modernen Bibelwissenschaft am Ende des 18. Jahrhunderts. Insbesondere entwickelte er Ansätze seines Altdorfer Kollegen → Johann Philipp Gabler (1753-1826) eigenständig weiter (zum angespannten Verhältnis von Gabler und Bauer vgl. Leder 1965, 323f.; Merk 1970, 163-167.197-203). Dies zeigt sich in den Themen der Biblischen Theologie (s.u. 3.), der historisch-kritischen Methode (s.u. 4.) und des Mythos (s.u. 5). Bauer ist unter den Aufklärungstheologen der am stärksten historisch ausgerichtete Bibelwissenschaftler (vgl. Beutel 1998, 1169).

3. Biblische Theologie

Bauer versteht die „Biblische Theologie“ wie Gabler als historische Wissenschaft:

„Biblische Theologie soll seyn eine reine und von allen fremdartigen Vorstellungen gesäuberte Entwicklung der Religionstheorie der Juden vor Christo, und Jesu und seiner Apostel, nach den verschiedenen Zeitaltern und den verschiedenen Kenntnissen und Ansichten der heil. Schriftsteller, aus ihren Schriften hergeleitet.“ (Biblische Theologie des Neuen Testaments, 1800, I, 6).

Dabei betont er die Kontinuität und Diskontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen Testament (vgl. Kraus 1970, 90f.). Auch innerhalb der beiden Testamente erkennt er eine stufenweise Entwicklung und damit ein historisches Gewordensein der jüdisch-christlichen Religion. Im Neuen Testament unterscheidet er z.B. die „Religionstheorie“ der drei Synoptiker und die des Johannes und der Johannesbriefe, den „Religionsbegriff“ der Apokalypse, des Petrus, des 2. Petrus- und des Judasbriefes und den „Lehrbegriff“ des Paulus. Zur Strukturierung verwendet er mit Christologie, Theologie und Anthropologie Kategorien der systematischen Theologie. Biblische Theologie ist bei Bauer aber nicht mehr wie bei Gabler auf die Dogmatik ausgerichtet, sondern sie steht für ihn am Beginn der Dogmengeschichte.

4. Historisch-kritische Methode

Der Terminus „historisch-kritisch“, der im 18. Jh. schon vereinzelt verwendet wurde (vgl. Merk 1998, 5 Anm. 11), erscheint bei Bauer im Titel seines Einleitungswerkes „Entwurf einer historisch-kritischen Einleitung in die Schriften des Alten Testaments“ (zuerst in der 2. Aufl. 1801). Damit konnte er allgemein rezipiert werden. Bis heute steht er für eine methodisch reflektierte, an der Entstehungssituation des Textes orientierte Bibelauslegung.

5. Mythos

Der Mythosbegriff (→ Mythos) hat schon vor Bauer Eingang in die Bibelwissenschaft gefunden (vgl. → Johann Gottfried Eichhorn [1752-1827], Johann Philipp Gabler [s.o.], Friedrich Wilhelm Joseph Schelling [1775-1854]; im Anschluss an Christian Gottlob Heyne [1729-1812]). Bauer führt diese Ansätze jedoch entscheidend weiter: In seinem „Entwurf einer Hermeneutik des Alten und Neuen Testaments“ (1799) gibt er zunächst vier Kriterien für das Erkennen eines Mythos an: 1. Er handelt vom Ursprung der Welt und der Erde. 2. Alles wird auf die Wirkung der Götter oder himmlischer Wesen zurückgeführt, die persönlich erscheinen und handeln. 3. Die Darstellung ist sinnlich; Gedachtes erscheint als Rede und Handlung. 4. Die natürliche Ordnung wird nicht eingehalten (vgl. § 190). Die Unterscheidung in philosophische, historische und poetische Mythen übernimmt er von Heyne. Bei den ersten ist nach der Absicht zu fragen, bei den zweiten nach dem reinen Faktum und den Zusätzen, bei den dritten nach der Veranlassung und Ausschmückung (vgl. § 192). In seinem Werk „Hebräische Mythologie des Alten und Neuen Testaments, mit Parallelen aus der Mythologie anderer Völker, vornemlich der Griechen und Römer (2 Bände, 1802) führt er sein Programm durch. Dabei wendet er die mythische Erklärung erstmals auch im Neuen Testament an und führt Parallelen auch aus der Mythologie der Perser, Inder und Tataren an. Der Vergleich erfolgt methodisch reflektiert. So urteilen Völker auf der ersten Kulturstufe in ähnlicher Weise. Ähnliche Begebenheiten bringen ähnliche Mythen hervor. Mit wechselseitigen Beeinflussungen ist zu rechnen. Wie modern Bauer gedacht hat, zeigt sich z.B. in seiner Deutung von Gen 1 als Erklärung der Entstehung des Weltalls und von Gen 2-3 als Erklärung der Entstehung des Übels in der Welt (vgl. 1799, § 192).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, Leipzig 1818-1889
  • Allgemeine Deutsche Biographie, Leipzig 1875-1912
  • Neue Deutsche Biographie, Berlin 1953ff.
  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004 (Art. „Biblische Theologie“ und „Gabler“)
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992 (Art. „Biblical Criticism“)
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001 (Art. „Biblische Theologie“ und „Bauer, Georg Lorenz“)
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Dictionary of Biblical Interpretation, Nashville 1999
  • Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (im Internet: http://www.bautz.de/bbkl/)

2. Werke (in Auswahl)

(vgl. die ausführliche Bibliographie bei Will / Nopitsch 1802, 66f.; 1808, 442f.)

  • Entwurf einer Einleitung in die Schriften des alten Testaments, zum Gebrauche seiner Vorlesungen, Nürnberg Altdorf (Monath und Kußler) 1794 (2. Aufl. mit dem Titel „Entwurf einer historisch-kritischen Einleitung in die Schriften des Alten Testaments“, Nürnberg [Monath und Kußler] 1801; 3. Aufl. mit dem Untertitel „Zu Vorlesungen“ Nürnberg [Monath und Kußler] 1806)
  • Theologie des Alten Testaments oder Abriß der religiösen Begriffe der alten Hebräer. Von den ältesten Zeiten bis zur christlichen Epoche, Leipzig (Weygand) 1796
  • Hermeneutica sacra Veteris Testamenti. Salomonis Glassii Philologia sacra his temporibus accomodata, Bd. 2,2, Leipzig (Weygand) 1797
  • Kurzes Lehrbuch der hebräischen Alterthümer des Alten und Neuen Testaments. Zur weitern Erläuterung in Vorlesungen bestimmt, Leipzig (Weygand) 1797
  • Entwurf einer Hermeneutik des Alten und Neuen Testaments. Zu Vorlesungen, Leipzig (Weygand) 1799
  • Biblische Theologie des Neuen Testaments, 4 Bände, Leipzig (Weygand) 1800.1801.1801.1802
  • Beylagen zur Theologie des Alten Testaments enthaltend die Begriffe von Gott und Vorsehung nach den verschiedenen Büchern und Zeitperioden entwickelt. Kann als ein zweyter Theil der Theologie des Alten Testaments angesehen werden, Leipzig (Weygand) 1801
  • Hebräische Mythologie des Alten und Neuen Testaments, mit Parallelen aus der Mythologie anderer Völker, vornemlich der Griechen und Römer, 2 Bände, Leipzig (Weygand) 1802
  • Biblische Moral des Alten Testaments, 2 Bände, Leipzig (Weygand) 1803
  • Biblische Moral des Neuen Testaments, 2 Bände, Leipzig (Weygand) 1804.1805
  • Beschreibung der gottesdienstlichen Verfassung der alten Hebräer. Als erläuternder Commentar über den dritten Abschnitt seiner hebräischen Archäologie, 2 Bände, Leipzig (Weygand) 1805.1806

3. Sekundärliteratur

  • Baird, W., History of New Testament Research, Bd. 1: From Deism to Tübingen, Minneapolis 1992
  • Beutel, A., Art. Bauer, Georg Lorenz, in: RGG, 4. Aufl., Bd. I, Tübingen 1998, 1169
  • Beutel, A., Kirchengeschichte im Zeitalter der Aufklärung (UTB 3180), Göttingen 2009
  • Gunneweg, A.H.J., Vom Verstehen des Alten Testaments (ATD.Erg 5), Göttingen 1977
  • Hartlich, Ch. / Sachs, W., Der Ursprung des Mythosbegriffes in der modernen Bibelwissenschaft (Schriften der Studiengemeinschaft der Evangelischen Akademien 2), Tübingen 1952
  • Keller, R.A., Geschichte der Universität Heidelberg im ersten Jahrzehnt ihrer Reorganisation durch Karl Friedrich (1803-13) (Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte 40), Heidelberg 1913
  • Kraus, H.-J., Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments, 2. Aufl. Neukirchen-Vluyn 1969
  • Kraus, H.-J., Die Biblische Theologie. Ihre Geschichte und Problematik, Neukirchen-Vluyn 1970
  • Kümmel, W.G., Das Neue Testament. Geschichte der Erforschung seiner Probleme (Orbis Academicus III,3), 2. Aufl. Freiburg i.Br. / München 1970
  • Leder, K., Universität Altdorf. Zur Theologie der Aufklärung in Franken. Die theologische Fakultät in Altdorf 1750-1809 (Schriftenreihe der Altnürnberger Landschaft 14), Nürnberg 1965
  • Lindemann, A., Zur neutestamentlichen Theologie im 19. und 20. Jahrhundert. Von der Tübinger Schule bis zu Rudolf Bultmann und in die Gegenwart, in: ders., Glauben, Handeln, Verstehen. Studien zur Auslegung des Neuen Testaments, Bd. 2 (WUNT 282), Tübingen 2011, 411-449
  • Merk, O., Biblische Theologie des Neuen Testaments in ihrer Anfangszeit. Ihre methodischen Probleme bei Johann Philipp Gabler und Georg Lorenz Bauer und deren Nachwirkungen (MThSt 9), Marburg 1970
  • Merk, O., Anfänge neutestamentlicher Wissenschaft im 18. Jahrhundert (1980), in: ders., Wissenschaftsgeschichte und Exegese (BZNW 95), Berlin / New York 1998, 1-23
  • Merk, O., Das Problem des Mythos zwischen Neologie und religionsgeschichtlicher Schule in der neutestamentlichen Wissenschaftsgeschichte und Exegese (1988), in: ders., Wissenschaftsgeschichte und Exegese (BZNW 95), Berlin / New York 1998, 24-46
  • Merk, O., Theologie des Neuen Testaments und Biblische Theologie (1995), in: ders., Wissenschaftsgeschichte und Exegese (BZNW 95), Berlin / New York 1998, 98-129
  • Reventlow, H. Graf, Epochen der Bibelauslegung, Bd. IV Von der Aufklärung bis zum 20. Jahrhundert, München 2001
  • Smend, R., Über die Epochen der Bibelkritik, in: ders., Epochen der Bibelkritik. Gesammelte Studien, Bd. 3 (BEvTh 109), München 1991, 11-32
  • Thouard, D., His temporibus accomodata. Über die Grenzen der Anbequemung der Philologia sacra des Glassius in der Aufklärung, in: C. Bultmann / L. Danneberg (Hgg.), Hebraistik – Hermeneutik – Homiletik. Die „Philologia Sacra“ im frühneuzeitlichen Bibelstudium (Historia Hermeneutica. Series Studia 10), Berlin / Boston 2011, 557-568
  • Waldau, G.E., Diptycha continuata ecclesiarum in oppidis et pagis Norimbergensibus oder Verzeichniße und Lebensbeschreibungen der Herren Geistlichen in den zu Nürnberg gehörigen Landstädten und Dörfern von 1756 bis zum Ende des Jahrs 1779 fortgesetzt, Nürnberg (Joh. Joseph Fleischmann) 1780 [zu Georg Wolfgang Bauer]
  • Will, G.A., Nürnbergisches Gelehrten-Lexikon oder Beschreibung aller Nürnbergischen Gelehrten beyderley Geschlechts … fortgesetzt von C.C. Nopitsch, Bd. 5 (= Suppl. 1) und 8 (= Suppl. 4), Altdorf 1802.1808
  • Würfel, A., Diptycha ecclesiarum in oppidis et pagis Norimbergensibus das ist: Verzeichnüs und Lebensbeschreibungen der Herren Geistlichen, welche seit der gesegneten Reformation biß hieher, so wohl in den Städtlein als auf den Dorfpfarren, Nürnbergischen Gebiets gedient …, Nürnberg (Gebr. Christoph Melchior und Matthäus Roth) 1759 [zu Georg Wolfgang Bauer]

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